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Bruno Körner, Martin Lemme u.a. (Hrsg.): Neue Autorität – das Handbuch

Cover Bruno Körner, Martin Lemme, Stefan Ofner, Tobias von der Recke, Claudia Seefeldt u.a. (Hrsg.): Neue Autorität – das Handbuch. Konzeptionelle Grundlagen, aktuelle Arbeitsfelder und neue Anwendungsgebiete. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 594 Seiten. ISBN 978-3-525-40490-4. D: 45,00 EUR, A: 47,00 EUR.

Thelen, Herwig (Herausgeber).
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Thema

Ende der 1990er Jahre ist das Konzept der Neuen Autorität entstanden und wurde zunächst im Rahmen eines Coachings für Eltern mit herausfordernden Jugendlichen eingesetzt. Inzwischen wird dieses Konzept in unterschiedlichen pädagogischen Arbeitsfeldern, im therapeutischen Bereich und in Führungsfortbildungen eingesetzt. Das Handbuch beschreibt den aktuellen Stand sowohl hinsichtlich der Arbeitsfelder in der Praxis als auch in der theoretischen Auseinandersetzung.

Die Herausgeber

Die Herausgeber Bruno Körner, Martin Lemme, Stefan Ofner, Tobias von der Recke, Claudia Seefeldt und Herwig Thelen sind im Netzwerk neue Autorität (NeNA) miteinander verbunden. Von der Grundprofession sind sie Dipl. Psychologen, Dipl. Sozialarbeiter und Volkswirte, die sich in unterschiedlichen Bereichen in der Systemischen Theorie tätig sind.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber möchten mit diesem Handbuch den Stand des Wissens und Umsetzung zur Neuen Autorität sichtbar machen und weitere Entwicklungen anregen. In einer politischen Dimension sehen sie sich der Gewaltfreiheit und Neuen Autorität verpflichtet und möchten sich in diesem Sinne mutig u.a. mit diesem Handbuch verankern und dem „Strudel aus Angst, Egozentrik, Populismus oder Eigennutz“ entgegenwirken.“

Aufbau

Dieses Handbuch gliedert sich in vier Teile:

  1. Grundlagen
  2. Arbeitsfelder in der Praxis
  3. Vertiefende Aspekte
  4. Evaluation und Forschungsergebnisse

Im ersten Teil den Grundlagen sind folgende Aufsätze zu finden:

  1. Das Konzept der Neuen Autorität oder: „Stärke statt (Ohn-)Macht, verfasst von den Herausgebern
  2. Systemische Grundlagen (Tobias von der Recke)
  3. Skizze einer Systemtheorie der Neuen Autorität – Was können wir von Unternehmerfamilien lernen) (Arist von Schlippe)
  4. Zur Aggression im Kontext der Neuen Autorität (Tobias von der Recke)
  5. Gedanken zur Achtsamkeit und Selbststärkung (Herwig Thelen)
  6. Neue Autorität, Neurobiologie und Bindung oder: Was genau wirkt da eigentlich wie? (Alexandra Zimmermann und Martin Lemme)

In den Arbeitsfeldern in der Praxis werden folgende Bereiche vorgestellt

  1. Elterncoaching (Martin A Fellacher)
  2. Wachsame Sorge in der Jugendhilfe (Martin Lemmer und Bruno Körner)
  3. Neue Autorität in der Schule (Claudia Seefeldt)
  4. Auf den Anfang kommt es an! Neue Autorität in der frühkindlichen Entwicklung (Martin Lemme und Silvia Lemme)
  5. Elterncoaching in Gruppen einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Institutsambulanz (Franziska Bieda)
  6. Neue Autorität in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und psychischen Störungen (Markus Bernhard)

Die Vertiefenden Aspekte beschäftigen sich mit

  1. Das Announcement – Von jetzt an wird alles anders (Petra Girolstein)
  2. Fokus Sit-In (Claudia Seefeldt und Uri Weinblatt)
  3. Fokus Wiedergutmachung (Stefan Ofner und Stefan Fischer)
  4. Neue Autorität und psychische Störungen (Herwig Thelen)
  5. Vom Verlust zum Gewinn – Posttraumatisches Wachstum und Neue Autorität in der Jugendhilfe (Angela Eberding)
  6. Neue Autorität interkulturell – Menschen aus patriarchalischen Strukturen mit Neuer Autorität begegnen (Angela Eberding und Martin A Fallacher)
  7. Die Kraft der Klarheit – Auswege aus der Rechtfertigungsfalle (Ruth Tillner)
  8. Das Autoritätsdreieck – Neue Autorität mit alten Wurzeln in Organisation und Führung (Harald Kurp und Dagmar Hoefs)
  9. Kluge Netzwerke (Claudia Seefeldt und Tobias von der Recke)

Abschließend beschäftigt sich Evaluation und Forschungsergebnisse mit:

  1. Weiterbildung „Coach für Neue Autorität (Sarah Lemme) und
  2. Auf dem Weg von Superhelden zur kooperativen Teamkultur (Harald Kurp, Marieke Brandt und Michael Kleiske)

Inhalt

Der erste Aufsatz dieses Handbuches bildet die Grundlage und bietet einen guten Einstieg in das Konzept der neuen Autorität und den pädagogischen Ansatz. Zunächst richtete sich dieses pädagogische Konzept an Eltern, die mit schweren Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder konfrontiert wurden und sich ohnmächtig und bedroht fühlten. Das Elterncoaching bot und bietet eine Unterstützung, um wieder von einem reaktiven Handeln in eine Beziehungsgestaltung wechseln zu können. Inzwischen wurde das Ursprungskonzept an verschiedene pädagogische Settings angepasst und erweitert. Zudem wird es als Grundlage für Führungsmodelle genutzt und auch im Rahmen der der Polizeiarbeit diskutiert.

Der Begriff neue Autorität ruft in Deutschland immer wieder Stirnrunzeln hervor, da Autorität ambivalent besetzt ist. Die Autoren verdeutlichen in diesem Aufsatz, dass eine eindeutige Begriffsfindung nicht einfach ist, aber sie sind „aufgeschlossen für eine andere Formulierung mit breitem Konsens“.

Neue Autorität kann als Haltung betrachtet werden. So wird eine Kollegin zitiert: „Früher habe ich es für ein Coaching-Konzept gehalten, heute ist es für mich eine Lebensphilosophie.“

Die 7 Säulen der Neuen Autorität bilden das Gerüst:

  1. Präsenz und wachsame Sorge
  2. Selbstkontrolle & Eskalationsvorbeugung
  3. Unterstützungsnetzwerk & Bündnisse
  4. Protest und gewaltloser Widerstand
  5. Gesten der Wertschätzung & Versöhnung
  6. Transparenz und partielle Öffentlichkeit
  7. Wiedergutmachungsprozesse

Damit wird ein gut nachvollziehbarer Überblick über das Konzept geschaffen. Die zentralen Schlüsselbegriffe sind Präsenz und wachsame Sorge, die aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet werden. Wichtig ist die Beschreibung der Werte und Haltungen. Dabei wird deutlich, dass dieses Konzept nicht mit Druck und Sanktionen arbeitet und sich grundsätzlich wertschätzend allen Beteiligten zuwendet. Transparenz und Klarheit steht im Fokus. Immer wieder wird mit einem Vorgehen nach diesem Konzept die Erfahrung bestätigt, dass auch in vielen verfahren erscheinenden (Hilfe-)Prozessen eine Wendung möglich wurde.

Der zweite Aufsatz von Tobias von der Recke widmet sich systemischen Grundlagen. Der Autor beschreibt die unterschiedlichen systemischen Ansätze und zeigt die Verbindungen des Konzeptes Neue Autorität auf. Sein Fazit ist, dass die Idee des Konzeptes Stärke statt Macht das systemische Denken und Arbeiten bereichert.

Im dritten Aufsatz Skizze einer Systemtheorie der neuen Autorität bezieht Arist von Schlippe sich auf Kommunikationsstrukturen sozialer Systeme. Ausgehend davon, dass Menschen sich normalerweise sicher in verschiedenen Systemzusammenhängen (Kontexturen) bewegen, beschreibt er, das Kontexte ineinander verschwimmen können, sodass Kommunikation inkongruent wird, Missverständnisse entstehen und ernsthafte Konflikte hervorgerufen werden.

Der vierte Aufsatz Zur Aggression im Kontext der Neuen Autorität hebt hervor, dass gewaltfreie Kommunikation noch nicht dafür sorgt, dass Aggressionen sich auflösen. Tobias von Recke sieht Überheblichkeit, Rationalisierung, inkongruente Kommunikation, mangelnde Empathie oder große Distanz als getarnte Kommunikationsformen der Macht, die die Arbeit mit Klienten oder Führungskräften erschweren. Die Lösung liegt für ihn darin, die „Aggression als Energie zu konzeptualisieren, die wir alle im Leben brauchen, um uns den uns zustehenden Raum zu nehmen und uns unseren Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln.“ Von Recke zieht Verbindungen zwischen allgegenwärtigen Symptomen wie Stress, Selbstoptimierung, Scham und ein verschütteter Zugang zu eigen Gefühlen zu aggressivem Verhalten inklusive Autoaggression.

Gedanken zur Achtsamkeit und Selbststärkung von Herwig Thelen nimmt Bezug auf das Individuum in dem Prozess der Neuen Autorität. So müssen sich sowohl die Coaches und Trainer als auch die Eltern, pädagogischen Fachkräfte oder Führungskräfte mit ihrer eigenen Achtsamkeit aber auch ihrem Machtbedürfnis auseinandersetzen, damit sie unterstützend wirken können. Thelen beschreibt eingänglich die Bedeutung von symmetrischen Beziehungen, Verantwortungsbeziehungen, die Angebote unseres Organismus und hebt die wachsame Sorge hervor.

Der Teil der Grundlagen schließt mit Neue Autorität, Neurobiologie und Bindung oder: Was genau wirkt da eigentlich wie? von Alexandra Zimmermann und Martin Lemme ab. Dieser Aufsatz beschreibt grundlegende Theorien, die verdeutlichen, wo pädagogische Maßnahmen und auch die Haltung der Präsenz der neuen Autorität anknüpfen. Die Polyvagal-Thorie von Stephen Borges, die neurobiologischen Erkenntnisse von Gerald Hüther sowie das Wirken von Spiegelneuronen, das Joachim Bauer ausführlich erläutert hat, werden zusammengeführt und als Schablone auf das Konzept der neuen Autorität gelegt. Damit gelingt den Autoren eine treffende Beschreibung für neurobiologische Abläufe in pädagogischen und therapeutischen Prozessen. Es wird dabei deutlich, dass Präsenz einer erziehungsverantwortlichen Person auf unterschiedlichen Ebenen Wirkung erzielt.

Im zweiten Teil werden die Arbeitsfelder vorgestellt. Die Übersicht spricht für sich. Jeder Bereich informiert fundiert, sodass es sowohl für Einsteigende als auch bereits mit der Neuen Autorität Erfahrene Fachkräfte Wissen und Kenntnisse erweitern kann:

  • Elterncoaching
  1. Wachsame Sorge in der Jugendhilfe
  2. Neue Autorität in der Schule
  3. Auf den Anfang kommt es an! Neue Autorität in der frühkindlichen Entwicklung
  4. Elterncoaching in Gruppen einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Institutsambulanz
  5. Neue Autorität in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und psychischen Störungen

Im dritten Teil werden wichtige Aspekte und Fragen, die mit der Konzeptentwicklung aufgetaucht sind, vertieft. So wird ermöglicht fokussiert eine wichtige Frage zu bearbeiten und die Lesenden erhalten zugleich einen erweiterten Einblick in das Konzept. Stellvertretend beleuchte ich den Aufsatz Die Kraft der Klarheit – Auswege aus der Rechtfertigungsfalle von Ruth Tillner: Rechtfertigung ist mit einem Gefühl der Scham verbunden. Wer sich rechtfertigt befindet sich meist in seinem Kinder-Ich. Die anderen sollen eine gute Meinung von uns haben. Ruth Tillner gelingt es in diesem Aufsatz einen einfachen, nachvollziehbaren Ansatz zu beschreiben, wie es gelingen kann in solchen Situationen achtsam mit sich selbst umzugehen und zugleich dem Gegenüber im Erwachsenen-Ich begegnet werden kann.

Im vierten Teil werden erste Forschungsergebnisse und Evaluationen vorgestellt.

Diskussion

Das Handbuch Neue Autorität bietet sowohl Fachkräften, die einen Einstieg in das Konzept suchen, als auch denjenigen, die sich vertiefend damit auseinandersetzen wollen, eine Fülle von interessanten Informationen. Insbesondere der dritte Teil des Handbuches zeigt eine Vielfalt von Einsatzmöglichkeiten dieses Konzeptes und macht Lust es in weiteren Facetten im pädagogischen Berufsalltag einzusetzen. Mir erscheint, dass es im Wesentlichen die Haltung der Fachkräfte, Therapeuten und Führungskräfte bereichern kann. Mit Autorität zu agieren ohne autoritär im oft assoziierten Sinne zu sein, Menschen unterstützen, klarer und eindeutiger miteinander kommunizieren und sich damit auf den Weg zu der besten Version des eigenen Selbst zu machen.

Die unterschiedlichen Perspektiven auf die Neue Autorität bereichern die fachliche Auseinandersetzung in Pädagogik und therapeutischen Settings. Sie geben einen Anstoß gesellschaftliches Zusammenleben anders zu denken. Welche Werte und Haltungen bereichern die Gemeinschaft? Wie können einzelne so unterstützt und gefördert werden, dass es (wieder) gelingt miteinander positiv den Alltag zu gestalten?

Ich empfehle es uneingeschränkt allen, die den Mut haben zu denken und fachliches Handeln an gemeinschaftlichen Bedürfnissen auszurichten. Die Denkanstöße gehen meines Erachtens über das Konzept der neuen Autorität hinaus.

Fazit

Die Autoren dieses Handbuches stellen das Konzept der Neuen Autorität umfassend dar. Es bietet eine Fülle von Informationen sowohl denjenigen, die sich zum ersten Mal mit dem Konzept der neuen Autorität befassen als auch denjenigen, die sich gerne vertiefend damit auseinandersetzen möchten.

Es gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil werden die Grundlagen der Neuen Autorität und die Einbettung in die systemische Theorie aufgezeigt. Im zweiten Teil werden Konzepte vorgestellt, die sich bereits in der Praxis bewährt haben. Der dritte Teil setzt sich intensiv mit speziellen Facetten der neuen Autorität auseinander. Und im vierten Teil werden Evaluationen und Forschungsergebnisse vorgestellt.

Dieses Handbuch verdeutlicht, dass etwas, was zunächst unterstützend für Eltern mit herausfordernden Kindern eingesetzt wurde, auf einer Haltung basiert, die Möglichkeiten bietet, gemeinschaftliches Zusammenleben neu zu denken und neue Wege zu gehen. Das Konzept ist in den unterschiedlichen pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern sowie in der Führungskräfte Fortbildung bereichernd.

Die Lektüre lohnt sich.


Rezension von
Sabine Meyer
Diplom Pädagogin, staatlich anerkannte Diplom Sozialpädagogin (FH), Coach
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Zitiervorschlag
Sabine Meyer. Rezension vom 09.12.2020 zu: Bruno Körner, Martin Lemme, Stefan Ofner, Tobias von der Recke, Claudia Seefeldt u.a. (Hrsg.): Neue Autorität – das Handbuch. Konzeptionelle Grundlagen, aktuelle Arbeitsfelder und neue Anwendungsgebiete. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-525-40490-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26800.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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