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Reneau Z. Peurifoy: Angst, Panik und Phobien

Cover Reneau Z. Peurifoy: Angst, Panik und Phobien. Ein Selbsthilfe–Programm. Hogrefe (Bern) 2019. 4., unveränd. Auflage. 376 Seiten. ISBN 978-3-456-85940-8. D: 29,95 EUR, A: 29,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Fragen, was an Ängsten in Menschen vorgeht und wie sie die Ursachen bekämpfen können, stehen im Mittelpunkt dieses Selbsthilfe-Programms. Peurifoy fasst das in vier konzentrischen Kreisen zusammen: Negative (oft in der Kindheit angelegte) Denkmuster abbauen, eigene Unzulänglichkeiten akzeptieren, positive Realisten werden und das Selbstwertgefühl stärken. Das Buch ist eine behutsame, gründliche und konsequente Anleitung für Betroffene. Zum Programm gehören praktische Übungen, sich jederzeit zu entspannen und Geduld mit sich selbst zu erlernen.

Autor

Der amerikanische Autor, Jahrgang 1949, weist sich als erfahrener Ehe- und Familientherapeut mit dem Schwerpunkt Angstbewältigung aus. Von 1980–2000 war er in eigener Praxis tätig, jetzt forscht und lehrt er am Heald College in Sacramento/​Kalifornien. Seine jahrzehntelange Erfahrung in Einzel- und Gruppentherapie schlägt sich auch in seinen zahlreichen Publikationen nieder. In letzter Zeit beschäftigt er sich in seinen Selbsthilfe-Programmen besonders mit Rückfall-Prävention bei Angststörungen.

Aufbau

In 15 Lektionen à 20–25 Seiten werden körperliche und psychische Angstsymptome prägnant erklärt, wie sie entstehen und überwunden werden können. Lernschritte werden kurz und lebendig beschrieben. Wechselvolle Kindheitsursachen und negative Denkmuster werden auf einen Doppelaspekt bezogen: Mit erlernter Angst können im Leben vermeintliche und tatsächliche Bedrohungen abgewehrt werden, aber viele Bedürfnisse bleiben auch unerfüllt und Lebensziele unerreicht.

Inhalt

„Angst und Furcht sind natürliche Reaktionen auf eine wahrgenommene Bedrohung“ (S. 14) – Panikattacken seien intensive Angstzustände, die oft ohne ersichtlichen Grund aufträten und von Atemnot, Schwindel, auch von Krankheits- und Todesangst, Angst verrückt zu werden oder die Beherrschung zu verlieren, begleitet würden. „Kampf- und Flucht-Reaktionen“ werden durch unser autonomes Nervensystem ausgelöst und reguliert. Falsche oder überzogene Alarmbereitschaft könne erst dann abgestellt oder geändert werden, wenn betroffene Personen ihre Lerngeschichte in den (Be)griff bekommen. Dann können sie sinnvollere Vorkehrungen zum Überleben und für ihr Leben treffen.

Angstprobleme aus Kindheitserfahrungen leiten sich aus der Übernahme von ängstlichem Eltern-Verhalten ab oder wurzeln in eigenen Erfahrungen von Misshandlung oder Missbrauch. Überstandene Unfälle, Krankheiten, Stress, Medikamente und Drogen können irgendwann Panikattacken, post-traumatische Belastungsstörungen oder eine generalisierte Angststörung auslösen. Peurifoy empfiehlt Betroffenen, solche Abläufe aufzuschreiben und auf einer Karte bei sich zu tragen. Hier ein Beispiel von Marquita S. 43: „Meine Mutter war Weltmeisterin im sich Sorgen Machen. Ständig warnte sie mich vor all den Gefahren, denen ich mich aussetzen würde, sobald ich auch nur das Haus verließ. Auch über negative Nachrichten konnte sie sich endlos auslassen. Weil ich ihr Verhalten ständig vor Augen hatte, begann ich es zu kopieren. Schließlich bekam ich, indem ich mir ebenfalls Sorgen machte, ihre Aufmerksamkeit (!) Die Gewohnheit, ständig das Negative zu sehen und mögliche Gefahren zu übertreiben, hat sich mir tief eingeprägt. Aber ich kann neue, positive Verhaltensweisen erlernen, die nach und nach die alten, negativem ersetzen werden.“

Wichtig sei, eine Entspannungstechnik zu lernen und regelmäßig zu üben, z.B. Autogenes Training, Biofeedback oder Meditation. Sich auf etwas Neutrales oder Positives abzulenken falle leichter als sich vorzusagen „ich brauche keine Angst zu haben“, weil allein schon das Wort „Angst“ zu verwenden, diese auslösen kann. Schon erste Anzeichen von Stress gelte es zu erkennen. Programm-Benutzer finden dazu spezifische Symptom-Listen und passende Bewältigungs-Strategien. Den eigenen Lebensstil, Ernährungs- und Freizeitgestaltung zu überprüfen und sich neue Prioritäten zu setzen, könne hilfreich wirken. Ebenso emotionale Unterstützung bei einer Freundin, einem Freund zu suchen oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Peurifoys zentraler Ansatz fußt auf einem kognitiven Veränderungsprozess: Ein „rationaler innerer Dialog“ beeinflusst unser Fühlen und Handeln, ermöglicht dadurch auch die Umwelt realistischer einzuschätzen und stärkt das Selbstwertgefühl. Typisch für ängstliches Erleben sei ein starres „Ich soll!“ „Ich muss!“ – Schema. Schon einfache Ersatzformulierungen, gepaart mit Entspannung zeitigten ein besseres Lebensgefühl wie im Beispiel S. 107: „Ich muss pünktlich sein!“ wird zu „Ich möchte gern pünktlich sein.“ Es fehlt der Satz „dann machen mir andere keine Vorwürfe!“ An dem kleinen Beispiel zeigt sich die ich-orientierte Vorgehensweise: Der Autor bemüht sich in seinem Selbsthilfe-Programm Fremdbestimmung systematisch abzubauen.

In mehreren Lektionen wird „Katastrophendenken“ und Selbstentwertung („ich bin zu nichts Nutze“) aufs Korn genommen. Der Autor empfiehlt drei Schritte:

  1. den eigenen negativen Dialog schriftlich festhalten,
  2. die negativen Denkmuster benennen und
  3. den rationalen inneren Dialog einüben.

Der Erfolg dieser „Blockmethode“ (S. 137) beruhe auf sich ausreichend Zeit nehmen, auf körperliche Bedürfnisse achten und auch in guten Zeiten stetig weiter üben. Das schaffe auch die Voraussetzung angstauslösenden Perfektionismus abzubauen. Woran erkennt man den? An (zu) hohen Maßstäben, am „alles oder nichts“-Denken und an selektiver Wahrnehmung von Fehlern und Mängeln. Im Laufe seines seelischen Wachstum könne jemand seinen Selbstwert statt durch Leistung immer mehr durch sein Sein bestimmen. 

Da Angst häufig mit Schwarzsehen einhergeht, entfaltet der Autor Pläne, Wahrscheinlichkeit und Konsequenz besser einzuschätzen. Ein gravierendes Thema von ängstlichen Menschen sei, sich in einer „Opferrolle“ einzurichten und diese teilweise sogar zu genießen. Hierzu zwei Beispiele:

Auf Alberts Karte steht: „Ich trage die Verantwortung für mein Leben und meine Probleme. Menschen sind manchmal verletzend und ungerecht. Ich konzentriere mich auf meine eigene Reaktion auf dieses Verhalten, nicht darauf, wie >schlecht< andere Menschen sind. Meine Eltern hatten Recht: >Das Leben ist nicht fair.< So ist es nun mal. Darüber mache ich mir nur Gedanken, wo es mich und mein Leben beeinträchtigt.“ (S. 184)

Paula fühlt sich in Gegenwart ihrer Vorgesetzten immer sehr nervös. Sie macht sich klar: „Was passiert gerade? Wenn meine Vorgesetzte redet, klingt sie genauso wie meine Mutter, lässt mich fühlen, als wäre ich wieder ein kleines Mädchen und meine Mutter würde mich jeden Augenblick anschreien oder schlagen. Was ist real? Sie ist nicht meine Mutter, sie ist bloß meine Vorgesetzte. Sie hat mich nie angeschrieen und wird mich nie schlagen. Wir sind zwei erwachsene Frauen, die zusammenarbeiten.“ (S. 186)

Auch übersteigerte Wünsche können Angstfallen sein. Also: statt sich zurückgewiesen fühlen, konstruktiv mit Kritik umgehen und selbstbewusst zu eigenen Wünschen stehen. Sich seinem Vermeidungsverhalten stellen und konkrete Ziele für Beruf und Privatleben entwickeln, z.B. „ich möchte in einen Supermarkt einkaufen gehen, ohne gleich hinterher zu duschen“ (S. 206). Wer sich klar macht, was seine spezifische Angst auslöst, erhöht seine Stresstoleranz und erlaubt sich beim Üben neuen Verhaltens Rückschläge einzukalkulieren. Einfallsreich stellt Peurifoy gedankliche Desensibilisierung und Rollenspiele im sozialen Kontext vor. Ausführlich wendet er sich an Menschen, die Betroffenen bei ihren praktischen Übungen helfen. So werden hartnäckige Widerstände gegen wünschenswerte Veränderungen greifbarer (S. 229–232).

Originell geht der Autor mit einem Thema in Lektion 12 um: „Die eigene Wut zum Verbündeten machen.“ Sie erzeuge nämlich den Wunsch, sich einer Bedrohung zu stellen, statt zu flüchten. Einerseits gehe es darum, unangemessene Wut wirksam zu reduzieren, andererseits produktiv zu reagieren, wenn andere auf mich wütend losgehen. Wie stehe ich für mich selbst ein, ohne die Beherrschung zu verlieren? Indem ich zu unterscheiden lerne zwischen nachgiebigem, aggressivem und bestimmtem Verhalten (S. 297–299). An seiner realistischen Einschätzung zu arbeiten, heiße zu fragen: „was stört mich genau?“, „was kann ich effektiv tun?“.

Peurifoy kümmert sich auch um Menschen, die ernsthaft sein Selbsthilfe-Programm absolvierten, aber noch immer starke Angstprobleme haben. Der Autor geht nochmals auf innere Widerstände gegen positive Veränderungen ein. Die innere Erlaubnis kann fehlen oder Veränderungen haben unvorhergesehene Konsequenzen, z.B. neuartige Reaktionen meines Körpers und abgewehrte Erlebniswünsche. Warnungen vor Risiken und Gefahren melden sich zurück, die einst den kindlichen Elan (aus)gebremst haben …

In den Anhängen werden noch einmal alle in den 15 Lektionen durchgearbeiteten sozialen und anderen Phobien, Angst- und Panikstörungen sowie die Entspannungstechniken und konkreten Vorgehensweisen zusammengefasst. Hilfreiche Lesetips und Adressen (auch für Selbsthilfe-Gruppen) sowie ein Stichwortregister runden den Band ab. 

Fazit

Kein Fachbuch, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Selbsthilfe-Programm zum Thema „Angst, Panik und Phobien“ mit didaktisch sorgfältig aufbereiteten Forschungs- und Behandlungs-Ergebnissen legt der amerikanische Autor Reneau Z. Peurifoy vor. Betroffene unter Leidensdruck und mit ausreichendem Interesse, selber etwas im eigenen Leben zu verbessern, bekommen ein Lernprogramm in die Hand, das sie sich wie eine Fremdsprache (oder neue Muttersprache) in kleinen Schritten erarbeiten können. Durch die Kombination von Informations- und Übungsangebot dürfte sich der Arbeitsaufwand für Selbsterforschung von Kindheitsursachen und daraus folgenden Denkmustern mit dem konkreten Ziel, angstfrei und erfüllt von neuer Energie zu leben, lohnen. Die Fülle der unverblümt niedergeschriebenen Erlebnisprotokolle und die nachvollziehbare, dauerhafte Umstrukturierung von Fühlen und Handeln kommen Ratsuchenden entgegen, die lieber keine Therapeutin, keinen Therapeuten aufsuchen wollen. Gerade das schließt aber der Autor unter den nötigen Umständen ebensowenig aus wie eine Untersuchung auf organische Ursachen psychosomatischer Angstsymptome. Die Stärken des Buches liegen sowohl in der verständlichen Darlegung von Zusammenhängen, die dem bewussten Erleben und Leiden schwer zugänglich sind, als auch in der schöpferischen Geduld und Ermutigung, sich nicht nur von Angstsymptomen zu verabschieden, sondern mehr aus seinem Leben machen zu können als bisher.


Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 06.05.2020 zu: Reneau Z. Peurifoy: Angst, Panik und Phobien. Ein Selbsthilfe–Programm. Hogrefe (Bern) 2019. 4., unveränd. Auflage. ISBN 978-3-456-85940-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26801.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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