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Paul Brandl, Thomas Prinz: Innovationen bei sozialen Dienstleistungen Band 2

Cover Paul Brandl, Thomas Prinz: Innovationen bei sozialen Dienstleistungen Band 2. Praktische Ansätze für eine innovative Zukunft. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2020. 222 Seiten. ISBN 978-3-8029-5492-4. 24,95 EUR.
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Herausgeber

Prof. Dr. Thomas Prinz lehrt an der Fachhochschule Linz, Department Gesundheits-, Sozial- und Public Management Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Controlling und Finanzierung sowie Risikomanagement, Performance Measurement und Social Business Planning. Zudem ist Prof. Prinz wissenschaftlicher Leiter des Masterlehrganges Management Sozialer Innovationen in Wien und Leiter des Zertifikatlehrganges NPO-Controlling in Linz.

Prof. Dr. Paul Brandl, Professur für Organisation und Prozessmanagement mit Schwerpunkt Qualitätsmanagement in Alten- und Pflegeheimen an der FH-Oberösterreich – Department Sozial- und Verwaltungsmanagement, Linz, Österreich.

Hintergrundinformationen

Die Herausgeber wollen in dem Sammelband praktische Beispiele zur Umsetzung sozialer Innovationen in der Sozialwirtschaft liefern. Thematisch knüpft Band 2 ebenso wie Band 1 aus der BLAUEN REIHE des WALHALLA Verlags an die Prozesslandkarte der Sozialwirtschaft an, die sich an Kern-, Unterstützungs- und Lenkungsprozessen orientiert. Die Prozesslandkarte der Sozialwirtschaft skizziert eine Grundstruktur prozessorientierten Denkens auf operativer und strategischer Ebenen. Die Praxisbeispiele des Sammelbandes werden von den Herausgebern den Lenkungs-, Kern- und Unterstützungsprozessen zugeordnet sollen einen Einblick in die innovative Praxis der Sozialwirtschaft geben.

Inhalt

Beispiele für Lenkungs- und Steuerungsprozesse

Den ersten Beitrag liefern Vilain und Heuberger mit der Vorstellung eines innovativen und niedrigschwelligen Hausnotrufsystems, das keiner aktiven Alarmauslösung mehr bedarf. Ausgangspunkt des Projekts ist die Einführung intelligenter Stromzähler in deutschen Haushalten. Die Verbrauchsdaten werden analysiert und bei einem detektierten ungewöhnlichen Verhalten der Haushaltsmitglieder, das auf eine Notlage hindeuten könnte, wird ein festgelegter Ansprechpartner benachrichtigt. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass neue Technologien, wie intelligente Stromzähler dazu führen, dass Unternehmen ihre Geschäftsmodelle überdenken und neue Werte für ihre Kunden schaffen (S. 28).

Der Beitrag von Gebauer und Seehaus beschreibt die Entwicklung des INTRA Lab der Mission Leben gGmbH. Das INTRA Lab ist bundesweit das erste Innovationslabor, das speziell Mitarbeitende aus Organisationen mit unterschiedlichen Angeboten begleitet, unterstützt und ermutigt Innovationen in ihren Unternehmen zu entwickeln. Das Kernangebot des INTRA Lab ist die „Ideenwerkstatt“. Dort erarbeiten Teilnehmende eine bedarfsorientierte Lösung für ein selbst eingebrachtes Problem und anschließend ein Geschäftsmodell, mit dem die Lösung umgesetzt werden soll. Die Erfahrungen mit dem INTRA Lab sind nach Ansicht der Autoren weitgehend positiv. Das zeigt sich auch daran, dass Angebote der INTRA Labs bundesweit weiter ausgebaut werden sollen. 

Der Beitrag von Johnigk und Henne beschäftigt sich mit dem Einsatz technischer Unterstützungssysteme, wie z.B. Sensoren im Zimmer, netzwerkfähige Fernsehgeräte und interaktive Lichtsysteme, in einem Seniorenzentrum. In dem Projekt hat sich gezeigt, dass zunehmende Hilfebedürftigkeit die Bereitschaft gesteigert hat, technische Assistenzsysteme, die persönliche Einschränkungen ausgleichen, zu nutzen. Die positiven Erfahrungen deuten nach Ansicht der Autoren daraufhin, dass Assistenztechnologien in Pflegeheimen die Sicherheit und Lebensqualität von älteren Menschen erhöhen und Mitarbeitende entlasten können.

Grabner und Ehrenmüller beschreiben ein Pilotmodell zur Sicherstellung des „Best point of medical and social service“. Inhaltlich ist das Projekt so ausgestaltet, dass geriatrische Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt zur Gewährleistung einer adäquaten Nachsorgemöglichkeit in die Übergangsversorgung „Fit für zu Hause“ überstellt werden. Dort erhalten die Patienten bis zu sechs Wochen eine intensive medizinische, pflegerische und therapeutische Versorgung, die noch weiter vom Krankenhaus begleitet wird. Ziel des Projekts ist es, die Ressourcen des Betroffenen zu fördern. Zusätzlich konnte gezeigt werden, dass die alternative Nachsorgemöglichkeit zu einer Kostenreduzierung beitragen kann. 

Das Projekt „generating Sharing and Caring Communities“ geht der Fragestellung und Zielsetzung der Integration älterer Menschen in das gesellschaftliche und soziale Leben nach. Heuberger und Vilain beschreiben ein Projekt, in dem die Potenziale unterschiedlicher Netzwerktypen bewusst eingesetzt werden. In der Stimulierung von (teil-)professionellen Caring-Gemeinschaften, der Förderung örtlicher Sharing-Gemeinschaften sowie der Verbindung zwischen den Netzwerken sieht das Projekt das Potenzial zur Lösung zahlreicher demografisch induzierter Folgeerscheinungen sowie eine Entlastung der Sozialsysteme.

Plöchl beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit „Solidarischer Landwirtschaft als Arbeits- und Förderstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen“. Solidarische Landwirtschaft beschäftigt sich nicht nur mit nachhaltigem Anbau, sondern nimmt gesellschaftliche Verantwortung wahr: Meschen mit psychischen Erkrankungen erhalten hierdurch einen verbesserten Zugang zum ersten Arbeitsmarkt.

Brandl geht in seinem Beitrag davon aus, dass sozialwirtschaftliche Organisationen an einem Punkt angekommen sind, an dem ein Einsparpotenzial immer schwerer realisiert werden kann. Das Denken in Input-Output-Relationen ist aus seiner Sicht weitgehend ausgereizt. Technologische und logistische Investitionen können aus diesem Grund zu einem höheren Reifegrad der Organisation führen. Der Autor plädiert für eine Neuinterpretation des Begriffs „Effizienz“, indem Arbeitsabläufe in Prozessen gedacht und Dienstleistungen anhand von Reifegraden bewertet werden. Als Grundlage dient die Prozesslandkarte aus dem Qualitätsmanagement, die die relevanten Teilprozesse darstellt.

Beispiele und Projekte für Kernprozesse

Wild-Näf beschreibt die Erfahrungen mit der Subjektfinanzierung in der Behindertenhilfe am Beispiel des Kantons Bern. Die Neuausrichtung kantonalen Behindertenpolitik umfasst nicht Leistungen und deren Finanzierung, sondern auch die Erweiterung des Kreises der Bezugsberechtigten. Auch Menschen, die sich nicht in stationären Einrichtungen befinden, können eine entsprechende Refinanzierung beantragen. Das Ziel der neuen Behindertenpolitik, dass der Kanton nicht nur stationäre, sondern auch ambulante Leistungen für Menschen mit Behinderungen unterstützt, führt zwangsläufig zu einer Ausweitung der Leistungen.

Im Beitrag von Pfiffner und Grieb geht es um die Umsetzung des Projekts „Personenzentrierte Hilfen im Sozialraum“. Das Projekt der Personenzentrierung in der Wohnhilfe in Bern zeigt, dass die Selbstbestimmung der Klienten gefördert wird. Allerdings stellt der Ansatz hohe Anforderungen an die Mitarbeiter. Zudem sind erhebliche Investitionen in die Personal- und Organisationsentwicklung erforderlich. 

Müller und Schnur schreiben über das Projekt „Prozessmanual dialogisch-systemische Kindswohlabklärung in der Schweiz“. Kindeswohlabklärung ist ein Aufgabentyp, der in allen Kindesschutzsystemen anzutreffen ist. Das „Prozessmanual dialogisch-systemische Kindswohlabklärung“ gibt den abklärenden Fachkräften einen umfassenden Orientierungsrahmen, da er sie dabei unterstützt, Kindeswohlabklärungen nach einem forschungsbasierten Verfahrensstandard durchzuführen.

Kabus berichtet in ihrem Beitrag über das „Büro leichte Sprache in Bern“. Das Hauptanliegen des Büros ist es, die Inklusion durch die leichte Sprache in der Schweiz zu fördern, indem es Texte in leicht verständlicher Form aufbereitet.

Pfiffner beschreibt das Recovery Konzept der Invalidenversicherungsstelle Graubünden. Der Beitrag geht von der Annahme aus, dass Eingliederungsleistungen in der Invalidenversicherung bei Versicherten mit psychiatrischen/​psychosozialen Belastungen mit einer recovery-orientierten Grundhaltung wirkungsvoller gestaltet werden kann. „Recovery bedeutet, wieder Verantwortung zu übernehmen für die eigene Gesundung und schliesslich Strategien zu erlernen, wie mit Symptomen umgegangen werden kann, damit neue Lebensqualität wiedergewonnen wird“ (S. 177).

Baumgartner und Brandl zeigen am Beispiel der Neuverblisterung von Medikamenten, dass Prozessinnovationen zu Effizienzreserven in der mobilen Altenbetreuung führen kann.

Harringer-Michlmayr und Brandl beschäftigt sich in dem abschließenden Beitrag mit neuen Modellen der Wäscheversorgung in Alten- und Pflegeheimen und zeigen Perspektiven einer ressourcenschonenden Erbringung von Stützprozessen auf.

Fazit

Insgesamt zeigt das Buch ein interessantes Spektrum von praktischen Ansätzen zu Innovationen bei sozialen Dienstleistungen in der Sozialwirtschaft auf. Das primäre Ziel der Herausgeber eine „Vielfalt an Gedanken darzustellen“ (S. 14), wird auf jeden Fall eingelöst. Führungskräfte in sozialen Einrichtungen können viele Ideen für die Praxis mitnehmen. Der von den Herausgebern formulierte Anspruch die einzelnen Praxisbeispiele inhaltlich den Lenkungs-, Kern- und Unterstützungsprozessen zuzuordnen, wird leider nur sehr rudimentär umgesetzt. Das Ausgangsmodell „Prozesslandkarte der Sozialwirtschaft“ wird in der Mehrzahl der Beiträge leider nicht mehr aufgegriffen Dies führt dazu, dass die 14 Einzelbeiträge nicht miteinander vernetzt sind. Besonders im Hinblick auf die weitere Zielgruppe der Studierenden wäre ein „roter Faden“ und eine Einordnung der einzelnen Beiträge in das Ausgangsmodell wünschenswert gewesen.


Rezension von
Prof. Dr. Gabriele Moos
RheinAhrCampus Remagen, Fachbereich: Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Lehrgebiet Sozialmanagement
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Zitiervorschlag
Gabriele Moos. Rezension vom 18.11.2020 zu: Paul Brandl, Thomas Prinz: Innovationen bei sozialen Dienstleistungen Band 2. Praktische Ansätze für eine innovative Zukunft. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2020. ISBN 978-3-8029-5492-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26811.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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