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Paul Reinbacher, Josef Oberneder u.a.: Warum Komplexität nützlich ist

Cover Paul Reinbacher, Josef Oberneder, Andrea Wesenauer: Warum Komplexität nützlich ist. Auf der Suche nach Antworten mit Helmut Willke. Springer Gabler (Wiesbaden) 2020. 227 Seiten. ISBN 978-3-658-29600-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 55,50 sFr.
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Thema

Die Entwicklung von Organisationen ist schon lange ein herausforderndes Thema, nicht nur jetzt wo die Digitalisierung ins Land zieht und Corona unvermittelt auf uns zukommt. Traditionelle hierarchische Strukturen verändern sich und werden von Netzwerken abgelöst, es geht von der Ordnung der Ordnung zur Ordnung der Unordnung. Die geforderte Steigerung der Leistungsfähigkeit von Organisationen erfordert auch ein reflektiertes Wissen im Sinne eines professionellen Steuerungsverständnisses von Organisationen. Die Autoren versuchen Antworten auf die Frage zu geben, warum denn Komplexität nützlich sei. Diese Antworten reichen von der Problematik der Steuerung von komplexen politischen Systemen über die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit der direkten Steuerung von Organisationen bis hin zu Gedanken über narzistische Individuen in heterarchisch konzipierten Organisationen. Die Komplexität wird weiter „weiterentwickeln“. Es wird notwendig sein, jene Formen komplexer Steuerung zu finden, die auch einer kritischen Prüfung Stand halten.

AutorInnen und Herausgeber

Helene J. Feichter ist Professorin für Fort- und Weiterbildung mit Schwerpunkt Schul- und Unterrichtsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Sie beschäftigt sich in der Forschung mit der SchülerInnenperspektive in der Schul- und Bildungsforschung, partizipativer Evaluationsforschung sowie Schulentwicklung und Professionalisierung.

Jakob Feyerer ist Professor für Politische Bildung und sozialwissenschaftlichen Sachunterricht an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich.

Christian Flotzinger ist Professor für Lehre, Forschung und konzeptive Entwicklungsarbeiten im Bereich der Berufspädagogik mit einem sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt. Er leitet den Fachbereich für wirtschaftliche und berufliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich.

Stefan Giegler war in den unterschiedlichsten Führungspositionen und leitet derzeit das Zentrum für Bildungsmanagement und Führungskräfte an der Pädagogischen Hochschule Linz.

Stephan Hametner ist Professor für Fachdidaktik der allgemeinen Musikpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich und Psychotherapeut, Supervisor, Trainer und Moderator. Er supervidiert Teams und Leitungspersonen im Rahmen der Schul- und Organisationsentwicklung sowie in Non-Profitunternehmen und der Privatwirtschaft.

Ulrich Krainz ist Professor für Bildungsmanagement mit Schwerpunkt Schule und Schulberatung an der Pädagogischen Hochschule Linz, Trainer und Berater in diversen Handlungsfeldern sowie Gruppendynamiktrainer.

Gertrud Nachbaur war Pflichtschullehrerin und leitet das Institut für Fortbildung und Schulentwicklung I an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Ihre Schwerpunkte sind das Entwickeln und Umsetzen von Konzepten für wirksame und nachhaltige Fortbildungs- und Schulentwicklungsprogramme.

Josef Oberneder (Hrsg.) ist langjähriger Personal- und Organisationsentwickler und war Leiter der größten oö. Musikschule bevor er 2012 Vizerektor für Hochschulmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz wurde.

Johanna Pichler war an der WU Wien und an der Universität Linz. Seit 2014 ist sie am Institut für Berufspädagogik und stellvertretende Leiterin des Fachbereiches für wirtschaftliche und berufliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich.

Paul Reinbacher (Hrsg.) ist Professor für Bildungs- und Qualitätsmanagement sowie Leiter der Koordinations- und Servicestelle Qualitätsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz

Andrea Wesenauer (Hrsg.) ist seit 1994 im Controlling der Österreichischen Gebietskrankenkasse, jetzt Österreichische Gesundheitskasse, tätig und übernahm die Abteilung Betriebswirtschaft, seit 2004 war sie auch Ressortdirektorin für den Bereich „Kundenservice und medizinische Einrichtungen“ und seit 2007 in der Controllinggruppe der österreichischen Sozialversicherung sowie leitende Direktorin der OÖGKK. Sie ist auch Autorin von Fachartikeln, Gastlektorin und war auch im Universitätsrat der Johannes Kepler Universität Linz.

Helmut Willke hatte eine Professur für Planungs- und Entscheidungstheorie, anschließend eine Professur für Staatstheorie und Global Governance an der Uni Bielefeld. Anschließend wechselte er auf eine Professur für Global Governance an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Seine Schwerpunkte sind Systemtheorie, Staatstheorie, globale Steuerungsregime und Wissensmanagement.

Aufbau und Inhalte

Einleitend erläutert Paul Reinbacher den Überblick zur Publikation, die die Beiträge zum OE-Forum 2019 als zweite Gemeinschaftsveranstaltung der Pädagogischen Hochschule Linz und der oö. Gebietskrankenkasse (jetzt: Österreichische Gesundheitskasse) enthält. Dies mit dem lösungsorientierten Titel Komplexität oder das Problem als Lösung. Die Beiträge sind eine große Vielfalt von Zugängen und Reflexionsmöglichkeiten zum Thema der Publikation: Komplexität

Helmut Willke eröffnete als Key Speaker mit seinem Beitrag zum Problem der Steuerung komplexer Politikfelder. Er erläutert seine Gedanken an den Beispielen Gesundheit und Bildung. Für ihn ist Komplexität der Grad der Vielschichtigkeit, Vernetzung und Folgenlastigkeit eines Entscheidungsfeldes. Daraus ergibt sich die Relevanz des Themas für die Führung und die Organisationsentwicklung und kann zu einer gemeinsamen Suche nach Antworten auf die Frage des Nutzens von Komplexität für Systeme und die Systemsteuerung führen.

Ulrich Krainz referierte anschließend zum Thema „Kulturelle Integration in pluralistischen Gesellschaften“. Das Thema hat derzeit Hochkonjunktur mit all seinen Herausforderungen, Missverständnissen und Anknüpfungspunkten. Der Autor geht auf die scheinbare Selbstverständlichkeit des Gebrauchs des Begriffes bis hin zur Simplifizierung und auf die Erwartung einer kulturellen Integration ein.

Jakob Feyrer folgt mit einem Beitrag zur politischen Bildung im Kontext von gesellschaftlicher Unsicherheit und beschäftigt sich mit dem Umgang mit Komplexität in der Fachdidaktik. Die Erklärungsansätze reichen vom Hinterfragen oder Legitimieren bestehender Herrschaftsverhältnisse bis hin zur (alten) Frage der politischen Bildung als Fach oder als Unterrichtsprinzip.

Stefan Hametner wechselt von der Makro- auf die Mikroebene mit den Überlegungen zum Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie in komplexen sozialen Systemen wie der Psychotherapie, der Politik und in heterarchischen Organisationen. Hier insbesondere auf die Vision von flach gehaltenen Hierarchien, netzwerkartigen Strukturen und lateralen Steuerungssystemen.

Josef Oberneder (Hrsg.) geht in seinem Beitrag „zum Mythologem der Steuerung von Organisationen“ von der Beobachtung aus, dass die aktuelle Praxis zur politischen Steuerung unserer Gesellschaft dazu Anlass gibt, Funktionssysteme wie Bildung auf die „Governance“ zu untersuchen. Änderungswünsche haben ein atemberaubendes Tempo erreicht – sowohl von LehrerInnen als auch von SchülerInnen. Gleichzeitig seien die Ergebnisse des Systems Bildung zu wenig vielversprechend, wobei die Steuerung vielschichtiger und komplexer ist als in anderen Funktionssystemen der Gesellschaft.

Paul Reinbacher (Hrsg.) beginnt seine Überlegungen zum Thema „Qualität durch Prozesse, Prozesse als Wissen“ bei der Beobachtung an, dass das Management von Qualität und von Wissen als Form der Steuerung von Organisationen mittlerweile zum guten Ton gehört. Dabei kommt Prozessmanagement als genetisches Prinzip sowohl der Problemerzeugung als auch der Problemlösung im Umgang mit Komplexität und Kontingenz in den Blick.

Christian Flotzinger und Johanna Pichler analysieren unter dem Titel „Das duale System als Spannungsfeld zwischen systemischer Qualität und institutioneller Autonomie“ den Sachverhalt, dass aus holistischer Perspektive ein System nur als Ganzes funktionieren kann. Sie zeigen das am Beispiel der Lehrlingsausbildung. Zur Verortung der systemischen Qualitätsdiskussion im Kontext von Professionalisierung und Institutionalisierung bedarf es aus Sicht dieses Beitrags einer mehr analytischen, horizontalen Betrachtung, die organisational zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene differenziert.

Helene J. Feichter diskutiert in ihrem Beitrag Kernprobleme der schulischen Fort- und Weiterbildung ausgehend von einer bildungstheoretischen Perspektive und angeregt durch Überlegungen zur Interventionstheorie und dem Wissensmanagement komplexer Handlungssysteme typische Problemstellungen der schulischen Fortbildung. Damit werden auch Anforderungen an die FortbildnerInnen gestellt: neben fachlichem Know how braucht es auch entsprechende Kompetenzen der Prozessgestaltung.

Gertrud Nachbaur geht unter dem Titel „Komplexität der Fortbildung“ der zweifachen Frage nach, was Komplexität von Fortbildung im sozialen System Schule ausmacht und wie Schulen mit ihren speziell ausgebildeten Eigenlogiken im Bereich der Fortbildung „ticken“.

Stefan Giegler/​Josef Oberneder/Paul Reinbacher haben einen Werkstattbericht an den Schluss gesetzt. Sie geben einen Einblick in das „World Education Leadership Symposium 2019“ in Zug. Dazu haben sie den Titel „Sehnsucht nach Klarheit – Der Wunsch nach Orientierung in einer komplexen Welt und seine Auswirkungen auf Führung“ gewählt.

Den Schlusspunkt setzt Josef Oberneder mit Helmut Willke mit einem Interview über die Krise der politischen Steuerung moderner Gesellschaften sowie ganz allgemein über die Grenzen der Steuerung von sozialen Systemen.

Fazit

In der Publikation versuchen die AutorInnen Antworten auf die Frage zu geben, warum denn Komplexität nützlich sei. Diese hochkarätige Besetzung mit Helmut Willke an der Spitze beleuchtet das Thema aus sehr vielen unterschiedlichen Blickwinkeln im Bereich der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Insgesamt ist es ein sehr interessanter, theoretische fundierter und manchmal fast philosophischer Zugang zur zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft, ein Ausflug in die Gedankenwelt der Komplexität.


Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
Studiengang Sozial- und Verwaltungsmanagement (SVM). Masterstudiengang Services of General Interest (SGI). Koordinator des Studiengangs Sozialmanagement. FH OÖ-Studienbetriebs GmbH, Campus Linz
Homepage www.fh-ooe.at
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Zitiervorschlag
Paul Brandl. Rezension vom 06.05.2020 zu: Paul Reinbacher, Josef Oberneder, Andrea Wesenauer: Warum Komplexität nützlich ist. Auf der Suche nach Antworten mit Helmut Willke. Springer Gabler (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-29600-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26816.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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