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Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus

Cover Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 700 Seiten. ISBN 978-3-8379-2955-3. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Forum Psychosozial.
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Entstehungsgeschichte

Das vorliegende Buch ist laut Verlagsangabe die „überarbeitete Neuausgabe“ des unter gleichem Titel 1985 bei Piper (München – Zürich) erschienenem Buches, das seither ins Japanische und Ungarische übersetzt wurde sowie (Stand: Juli 2020) auf der Homepage des Ehepaares Doris Bischof-Köhler und Norbert Bischof zu finden ist. Was an der vorliegenden Neuausgabe anders ist als beim Original, gibt der Verlag nicht an. Ich nenne drei Unterschiede, die zu finden keine allzu große philologische Akribie erfordert hat: Es gibt kein Vorwort mehr, Seitenangaben im Text folgen der neuen Paginierung und die Rechtsschreibung ist an die heute übliche angeglichen (etwa „dass“ statt „daß“).

Ansonsten scheint das Allermeiste doch gleich geblieben zu sein, wofür ich vier Indizien nenne:

  • Die „Hinweise auf weiterführende Literatur“ (ab S. 685) sind dieselben wie jene von 1985.
  • Das Literaturverzeichnis weist keinen Eintrag mit jüngerem Datum als 1985 auf.
  • Im Text finden sich immer wieder Zeit-, Personen- und Sachangaben, die zum Jahr1985 gut, zu 2020 aber gar nicht (so recht) passen.
  • Keine der von der Tochter Annette Bischof stammenden Zeichnungen scheint zu fehlen (- Gott sei Dank).

Die Neuausgabe des Buches ist der erste Teil einer Bischof-Trilogie im Psychosozial-Verlag: Erschienen sind dort ebenfalls im Jahr 2020 die Neuausgaben von „Das Kraftfeld der Mythen: Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben“ (Erstausgabe bei Piper, München-Zürich, 2004) und „Moral: ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ (Erstausgabe bei Böhlau, Wien-Köln-Weimar, 2012). Beide Werke kann man als „Fortsetzungen“ und „Ergänzungen“ des ersten ansehen. In der Verlagsankündigung der Trilogie liest man: „Hier [im ersten Buch] legt er die vergleichend-ethologischen Fundamente zu einer Systemtheorie der Motivdynamik. Im zweiten … wechselt der Blick auf die Persönlichkeitsentwicklung und ihren Widerschein in den Bildern kultureller Weltdeutung. Das dritte … dringt am tiefsten in philosophisches Territorium vor; sein Thema ist die Entstehung und der Stellenwert des normativen Überbaus menschlicher Verhaltensorganisation.“ (https://www.bischof.com/norbert_raetsel_oedipus.html)

Thema

Zu den vielen – oft schwergewichtigen und manchmal schwierigen – Fragen, die das Buch aufwirft, gehört auch diese: Was ist „das“ Thema des Buches? Man kann sich bei einer ersten Antwort beziehen auf die Notiz des Autors „das Thema des vorliegenden Buches: die soziale Motivation“ (S. 170); Überlegungen hierzu würde der Autor später zum „Zürcher Modell der sozialen Motivation“ (https://de.wikipedia.org) ausbauen. In die angesprochene Richtung weisen auch der Buchuntertitel (Intimität vs. Autonomie) und der schlagkräftige Haupttitel (Ödipus).

Eine zweite Antwort auf die Frage nach „dem“ Thema des Buches bezieht sich auf die Art und Weise, wie „die soziale Motivation“ behandelt wird. An besagter Textstelle heißt es kurz zuvor: „In der Folge zeigte sich denn auch, dass die heuristische Fruchtbarkeit der ethologischen Methode, basierend auf der Beobachtung unter natürlichen Lebensumständen und auf der Frage nach dem Anpassungswert, die Tragfähigkeit der ethologischen Theorie überfordert hat. Das provisorisch gezimmerte Theoriegestell ächzt unter der Fülle der Befunde.“ (S. 170) Ja, es ist ein zentrales Anliegen des Buches, eine ethologische (verhaltensbiologische) Theorie zu entwickeln, die tragfähiger ist als frühere.

Gleichsam nebenbei betreibt der Autor eine Reihe anderer Geschäfte:

  • Zeigen, zumindest den Gebildeten unter deren Verächtern, was Ethologie (Verhaltensbiologie) als wissenschaftlicher Ansatz kann.
  • Den Blick weiten dafür, was „Humanethologie“, „Soziobiologie“ und „Verhaltensphysiologie“ bedeuten können; zumindest jenen, die nicht von vornherein aus ideologischen Gründen oder mangelnder Sachkenntnis die Visiere unten lassen oder Scheuklappen tragen.
  • Demonstrieren, was eine kybernetische bzw. systemtheoretische Betrachtungsweise tatsächlich leisten kann – was selbst Berater(innen) und Therapeut(inn)en, die sich „systemisch“ nennen, wenig bekannt sein dürfte; Ausnahmen wie Tom Levold (2015) bestätigen diese Regel nur.
  • Illustrieren, auf welch hohen Niveau sich eine Kritik an der Freudschen Kerntheorie, der „Metapsychologie“, bewegen kann – und bewegen muss, will sie sich nicht dem Gespött der gebildeten Freudianer(innen) aussetzen.

Norbert Bischof hat die Einleitung zur Erstausgabe mit Worten eröffnet, die vielleicht nicht „das“ Thema beschreiben, wohl aber den geistigen Horizont, unter dem das „Das Rätsel Ödipus“ zu verstehen sei: „Dieses Buch handelt, vordergründig betrachtet, vom Inzesttabu und seinen Wurzeln. Weil diese aber, wie schon Sigmund Freud erkannte, tief in die Dynamik der sozialen Motivation hinabreichen, ist das, was am Paradigma der verbotenen Intimität mit den Vertrauten der ersten Lebensphase entwickelt wird, letztlich eine systematische Lehre von den Antriebsgrundlagen des zwischenmenschlichen Beziehungsgefüges überhaupt. Und da schließlich die Motivkräfte, die eine solche Analyse freilegt, zu einem guten Teil viel älter sind als der Mensch, stößt das Buch auf einer letzten Ebene zur Frage nach dem Spannungsbezug von Biologie und Gesellschaft, von Natur und Kultur vor.“ (Bischof, 1985, S. 11) Das Erscheinen dieser Trilogie ist eine ehrenvolle Würdigung zum 90. Geburtstag des Autors.

Autor

Norbert Bischof, Jg. 1930, wurde zehn Jahre, bevor „Das Rätsel Ödipus“ erstmals erschien, Ordentlicher Professor für allgemeine Psychologie experimentell-mathematischer Richtung und Direktor der bio-mathematischen Abteilung des Psychologischen Instituts der Universität Zürich. Diese Positionen hatte er bis zu seiner Emeritierung 1997 inne; seither, und das ist schon bald ein viertel Jahrhundert, ist er an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) tätig. Seiner Berufung nach Zürich voraus gingen, grob skizziert (ausf. https://www.bischof.com/norbert_beruflicher_werdegang.html): Studien der Philosophie, Psychologie und Zoologie, Promotion und Habilitation (an der LMU) sowie Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Orten in der Bundesrepublik sowie den USA.

Die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches lässt sich näher verstehen, nimmt man einige Zeitmarken der Wissenschaftsbiographie von Norbert Bischof zur Kenntnis:

  • 1973-1975: Sherman Fairchild Distinguished Scholar am California Institute of Technology, Division of Biology, Pasadena, auf Einladung von Max Delbrück (1969 Nobelpreis für Physiologie oder Medizin), der für zwei Dinge in Erinnerung bleiben wird: für die Einführung mathematischer Modelle und naturwissenschaftlicher Methoden in die Biologie sowie seinen Appell zur Interdisziplinarität und zur offenen Zusammenarbeit der scientific community
  • 1970: Habilitation an der LMU, Philosophische Fakultät, Fach Psychologie. Kolloquium: Zur Phylogenese des Inzest-Tabus, Probevorlesung: Verstehen und Erklären in der Wissenschaft vom Menschen
  • 1966-1975: Wissenschaftlicher Assistent bei Konrad Lorenz (1973 Nobelpreis für Physiologie oder Medizin) am (1958 offiziell eröffneten) Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen (1973-1975 beurlaubt für USA-Studienaufenthalt; s.o.)
  • 1958-1965: Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Seewiesen, Abteilung Erich von Holst (des 1962 verstorbenen Direktors des Instituts; bis zu seinem Tod war Konrad Lorenz nur Stellvertreter).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus sechs Teilen mit insgesamt 33 Kapiteln sowie einem Anhang.

Die Titel dieser sechs Teile zusammen mit den Überschriften der 33 Kapitel sowie einem dem Rezensenten „typisch“ erscheinenden Statement mögen einen Eindruck von Aufbau und Inhalt dieses mit über 700 Seiten doch recht voluminösen Buches geben.

Erster Teil: Das Problem

  • 1 Fridolin und Adelheid
  • 2 Die universale Norm
  • 3 Schranken der Partnerwahl
  • 4 Elementare Verwandtschaftsstrukturen

„Alle Kulturen, so verschieden ihre Heiratsregeln auch im Detail sein mögen, sind offenbar intolerant gegen allzu viel ‚Nähe‘ oder allzu weite ‚Ferne‘ von Partnern sexueller Beziehung.“ (S. 47)

Zweiter Teil: Erklärungsversuche

  • 5 Maxwells Dämon
  • 6 Ein Gespräch über Theorien
  • 7 Ursachen, Funktionen, Strukturen
  • 8 Kindliche Begierden

„Dadurch erhält die menschliche Kommunikation ihren unverwechselbaren Charakter: sie ist wesentlich Tausch, und Tausch ist Wiederherstellung von Gleichgewicht.“ (S. 109)

Dritter Teil: Sicherheit und Erregung

  • 9 Ziele des Verhaltens
  • 10 Triebbedingte Ruhezustände
  • 11 Die neun Vettern Haldanes
  • 12 Sensible Situationen
  • 13 Der Schritt in die Unabhängigkeit
  • 14 Der Ruf der Kohorte
  • 15 Das Spiel mit dem Feuer

„Das gemeinsame Spiel ist … die soziobiologische Grundlage der Freundschaft außerhalb des Verwandtenkreises.“ (S. 283)

Vierter Teil: Hemmung und Überdruss

  • 16 Die Töchter des Paschas
  • 17 Zweierbeziehungen
  • 18 Synchronisation und Dominanz
  • 19 Repressive Harmonie
  • 20 Psychosomatische Zusammenhänge
  • 21 Die Überdrussreaktion
  • 22 Eine späte Ehrenrettung

„Nimmt man aber die verfügbare Evidenz möglichst unvoreingenommen beim Nennwert, so spricht alles dafür, dass von den früher herausgearbeiteten biologischen Inzestschranken nicht nur vergleichsweise multifunktionale Effekte wie etwa der Generationenkonflikt, sondern auch so hochspezifische Mechanismen wie Überdrussreaktion durchaus noch beim Menschen wirksam sind.“ (S. 439–440)

Fünfter Teil: Wirkungsgefüge

  • 23 Das Paradox der Sexualität
  • 24 Eine utopische Geschichte
  • 25 Ein kybernetisches Modell
  • 26 Mehr Kybernetik
  • 27 Noch mehr Kybernetik
  • 28 Die Göttin mit dem Schlangenrock

„Es steht dabei außer Frage, dass der Übergang von der primären zur sekundären Bindung zumindest auf menschlicher Stufe ein hochkomplexer Prozess ist. In seinem umwegreichen Ablauf mischen sich Bindung und Überdruss, Furcht und Faszination, trotziges Aufbegehren gegen die innerfamiliäre Hierarchie und der bange Wunsch, die primäre Geborgenheit festzuhalten, Angst vor der Selbstständigkeit und Angst vor der psychischen Kastration und dazu noch die tatsächlich bereits lange vor der Pubertät allmählich zu einem Funktionsganzen zusammenwachsenden Partialtriebe der Sexualität. All das klingt zu einem chaotischen Stimmungsgewirr zusammen, aus dem man dann, wenn es partout sein muss, auch ein so exotisches Muster wie den Ödipuskomlex herausdeuten kann. Nur eine sorgfältige vergleichende Grundlagenforschung vermag hier dem Theoretiker Orientierungshilfen zu vermitteln. Und dafür, das muss eingeräumt werden, war die Zeit noch nicht reif, als FREUD seine Ideen entwickelt hat.“ (S. 560)

Sechster Teil: Natur und Kultur

  • 29 Das nicht festgestellte Tier
  • 30 Imaginäre Dimensionen
  • 31 Das Erbe der Instinkte
  • 32 Konturen der Gesellschaft
  • 33 Wissenschaft und Ideologie

„Die bisherigen Kapitel gehen davon aus, dass der Mensch basale Antriebe seines Sozialverhaltens mit anderen Lebewesen aufgrund gleicher Abstammung teilt. Eine solche Betrachtungsweise begegnet dem Verdacht, den Menschen ‚biologistisch‘ zu entwerten. Nach weit verbreiteter Lehrmeinung haben wir uns als Kulturschöpfer radikal von biologischer Einbettung emanzipiert. Tierforschung wäre dann für unsere Selbsterkenntnis von vornherein irrelevant.“ (S. 575)

Der danach folgende Anhang enthält vier Stücke:

  • Hinweise auf weiterführende Literatur (ausführlich, aber auf dem Stand der Erstausgabe von 1985)
  • Literatur (verwendete)
  • Personenregister (umfangreich)
  • Sachregister (detailliert)

Diskussion

Die Verlagsankündigung zum Buch beginnt mit den Worten: „In lockerem Sachbuch-Stil erzählt Norbert Bischof …“. Das ist sicherlich eine verkaufsfördernde Formulierung. Falsch ist sie nicht, aber grässlich irreführend. Sie ist nicht falsch, weil Norbert Bischof zu parlieren weiß, souverän über das Material verfügend, geistreich in seinen Sticheleien, mit leichter Feder über selbst Tiefgründiges schreibend. Aber Obacht! Das ist ein „Sachbuch“ von ganz anderer Art, wie wir es heutzutage und hierzulande kennen: im schlechtesten Falle „Populärwissenschaft“, im besten Falle „gutgemeinter Wissenschaftsjournalismus“ (Bischof, 1995, S. 11).

Ich halte es nach wie vor am erhellendsten, was vor 35 Jahren im Vorwort zur Erstauflage zu lesen war: „Dieses Buch ist ein Sachbuch, ein gründliches, wie ich hoffe. Wohlmeinende Kollegen haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass man ihm das nicht auf den ersten Blick ansieht. Diese Wirkung ist nicht unbeabsichtigt, jedenfalls nehme ich sie billigend in kauf. Ich halte in der Psychologie vorerst einen gestelzten Fachjargon noch für entbehrlich, auch schien es mir nicht erforderlich, dem Leser durch theoretische Verfremdungseffekte zu imponieren. Dass man sein Thema ernst nimmt, kann man, wie ich meine, auch in der Umgangssprache deutlich werden lassen. Falls der Leser zuweilen den Eindruck gewinnt, ich hätte versucht, ihm die Lektüre zu erleichtern, möge er daraus also nicht unbedingt den Schluß ziehen, ich hätte mir auch das Schreiben leicht gemacht. Ich verschweige schamhaft die Zeitspanne, die seit Vertragsabschluß bis zum Erscheinen dieses Buches verstrichen ist, halte es aber für mehr als angebracht, an dieser Stelle ein Wort des Dankes an Klaus Piper und seine Mitarbeiter für ihre verständnisvolle Geduld einzuflechten.

Nicht alles, was in diesem Buche steht, ist wahr. Damit meine ich nicht, dass zuweilen schwierige Passagen in fiktive Dialoge und offensichtlich erfundene Geschichten eingekleidet wurden; dem Leser wird es keine Mühe bereiten, diese von den authentischen Berichten zu unterscheiden. Sondern, ärgerlicher, ich spreche von sachlichen Unrichtigkeiten und Denkfehlern, die sich trotz aller Sorgfalt eingeschlichen haben werden, einfach weil sie das immer tun. Ich kann nicht garantieren, dass die in diesem Buche entwickelten Theorien ‚stimmen‘, was immer das bei Theorien heißen mag. Auch und gerade die ‚reine‘ Empirie ist Glückssache. Man lebt hier, im Geschäftsviertel der Forschung, ständig in viel größerer Gefahr, unter die Räder des nachweisbaren Irrtums zu geraten, als in den Villenvororten der Philosophen. Falls mir also beim Fliegenbeinzählen Fehler unterlaufen sein sollten, möge der einschlägige Fachmann, dem das auffällt, bitte prüfen, ob die Unstimmigkeit im Argumentationszusammenhang wesentlich ist. Nur dann könnte ich es ihm nicht verdenken, wenn er auch dem Rest des Buches mißtraut.“ (Bischof, 1985, S. 12–13)

In den genannten „fiktiven Dialogen“ finden sich die Mehrzahl aller Sticheleien, die Norbert Bischof geradezu mit Inbrunst seinen Lieblingsfeinden zuteil werden lässt: dem „Psychoanalytiker“ und dem „Wissenschaftlichen Psychologen“. Kostprobe gefällig? Hier ist eine:

„Es war einige Zeit her, seit wir uns das letzte Mal zu unserem Abenddrink in der Hotelbar zusammengefunden hatten. Der Ober hatte Ausgang, statt seiner bediente uns – wenn ‚bedienen‘ das richtige Wort ist – eine Tochter des Hauses, Ende zwanzig, fesch und mürrisch. Sie sah gut aus und wusste es. Nichts sprach dafür, dass sie im Dienstleistungsgeschäft ihre Lebensaufgabe erblickte.

Wir mussten etwas länger als gewöhnlich warten, bis wir unsere Bestellungen loswerden konnten. Und dann, kaum hatte sie den Rücken gekehrt, war dem Psychoanalytiker auch noch zu allem Überfluss eingefallen, dass seine Zigaretten ausgegangen waren. ‚Fräulein!‘ rief er ihr mit sonorer, aber schicklich gedämpfter Therapeutenstimme hinterher.

Sie zuckte, soweit das von hinten zu beurteilen war, noch nicht einmal mit den Wimpern. ‚Au weh‘, flüsterte ich, ‚das war unter ihrer Würde. Der Dame des Hauses ruft man nicht nach. Und bestellen tut man einmal und richtig.‘

‚Sie wissen ja gar nicht, ob sie es überhaupt gehört hat!‘, gab der Wissenschaftliche Psychologe zu bedenken, der ‚naive‘, das heißt dem Alltagsverstand einleuchtende Verhaltenserklärungen auch außerhalb des Labors tunlichst zu vermeiden suchte.

Die Dame war inzwischen wieder an der Theke angelangt und begann, lustlos aber energisch, ein Glas zu polieren. Noch ein Glas. Ein drittes. Dann sagte sie zum Boy, ohne den Blick von ihrer Arbeit zu nehmen, aber so, dass man es deutlich hören konnte: ‚Franzi, geh mal zu den Herrn am Ecktisch. (Pause.) Die wolln noch was.‘

Franzi kam pflichtschuldigst und erledigte die Sache mit den Zigaretten. Die Höhe des Trinkgeldes war beachtlich. ‚Jetzt hat sie doch wirklich fertiggekriegt, mir ein schlechtes Gewissen zu machen‘, sagte der Psychoanalytiker anerkennend.“ (S. 340–341)

Ich habe die Erstausgabe des Buches kurz nach seinem Erscheinen gelesen – und war begeistert. Hier wurden aufregende Fragen gestellt, die ich meiner bisherigen akademischen Karriere als Psychologe nirgendwo anders aufgeworfen sah. Das Buch eröffnete Perspektiven, unter denen Vieles, was ich bislang schon wusste, in einen Sinn-Zusammenhang gestellt werden konnte. Und es bot plausible Erklärungen für Phänomene, die mir ein Rätsel geblieben waren. Ein Rätsel geblieben war mir beispielsweise seit meinen Volunteer-Jahren in Israel kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg, weshalb die männlichen Volunteers einen so „durchschlagenden“ Erfolg bei den jugendlichen weiblichen Kibbutzniks fanden. Selbst unter Aufwendung männlicher Eitelkeit war das nicht zu erklären. Der Autor liefert (auf den Seiten 437–440) eine einleuchtende Erklärung: Wir männlichen Volunteers waren konkurrenzlos, da die männlichen Kibbutz-Peers in erotischer Hinsicht völlig uninteressant waren; es lag „Überdruss“ vor.

Meine Begeisterung teilte ich dem Autor mit, der sich post(!)wendend (es gab damals noch kein E-Mail-System!) für die Anerkennung bedankte – um dann hinzuzufügen, ich wisse sicherlich, dass nicht alle das so sähen wie ich. Worauf er hinwies: Sein Buch lag nicht im Mainstream der akademisch verfassten Psychologie. Er war und blieb, was man heute mit Respekt einen „Querdenker“ nennt. Zur Ehrenrettung der verfassten Psychologie Deutschlands sei aber angemerkt, dass er im Jahre 2003 zusammen mit seiner Frau, der (damals noch) Privatdozentin (heute Professorin) Doris Bischof-Köhler, den „Deutschen Psychologie-Preis“ erhielt. Dieser Preis wird seit 1992 gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) und der Christoph-Dornier-Stiftung (CDS) verliehen.

In der Presseerklärung dazu führt die DGPs aus: „Mit dem Ehepaar Bischof ehrt die Deutsche Psychologie zwei Persönlichkeiten, die nicht nur fachlich herausragend gearbeitet haben und arbeiten, sondern zugleich auch gelegentlich unbequeme Mahner für das Fach sind. Die Preisträger, die lange in Zürich gearbeitet haben und heute in München lehren und forschen, gehören nach Auffassung der Jury zu den bedeutendsten deutschsprachigen Psychologen. Norbert Bischof hat die deutschsprachige Psychologie weit über seine zahlreichen und wertvollen originären Beiträge zum Fach hinaus vor allem durch seine grundlegenden Denkanstöße mobilisiert oder gar geprägt. Er hat, lange bevor dies in Mode kam, eine bio-logische Wende der Psychologie angemahnt, die weniger an biologischen Informationen (Gen- und Hirnforschung) sondern vor allem an einer evolutions-biologischen Perspektive gemessen werden sollte. Das wissenschaftliche Werk von Norbert Bischof ist dabei ungewöhnlich breit, in vielem sehr originell, und widersetzt sich in bemerkenswerter Weise schlichten Einordnungsversuchen. Die Spannbreite von Einzelstudien und programmatischen Arbeiten (Das Rätsel Ödipus‘, ‚Kraftfelder der Mythen) bis zu einem Lehrbuch zur Systemtheorie oder einer Biografie von Konrad Lorenz sind hierfür erkennbarer Ausdruck.“ (https://idw-online.de/de/news73236)

Ein Jahr später wird Norbert Bischof mit der Ehrendoktorwürde der (jungen) Universität Hildesheim geehrt. In der Dokumentation dazu liest man: „In seiner Laudatio hob Professor Dr. Stephan Wolff vom Institut für Sozialpädagogik der Universität Hildesheim die besondere Originalität und Kreativität des lebenslangen Schaffens von Professor Bischof hervor … Seine Beiträge hätten die psychologische Grundlagenforschung in vielen wichtigen Fragen vorangebracht, die etwa die Organisation der Wahrnehmung oder die Regulation von Emotionen und Motivation betreffen. Professor Bischof, ein ‚bekennender Außenseiter‘, könne durch seine oft unkonventionelle, aber stets höchsten professionellen Maßstäben genügende Arbeit für den inhaltlichen Anspruch für wissenschaftliche Arbeit ein Vorbild sein. Gerade die Disziplin überschreitende Perspektive und Kompetenz, die Professor Bischof auszeichne, könne für die Zusammenarbeit der an der Universität Hildesheim vertretenen Fächer Modellcharakter haben: Angesichts einer starken Tendenz zu immer feinkörniger Spezialisierung von Wissenschaften sei der Mut, mit dem Professor Bischof quer zu vorgegebenen Kategorien gearbeitet und gedacht hat, beispielhaft. Darüber hinaus setze er auch durch seine eindrucksvolle Kunstfertigkeit, Klarheit und Plausibilität seiner Argumentation mit einer intellektuell und ästhetisch ansprechenden und anregenden Präsentation zu verbinden, nicht nur für die Universität Hildesheim Maßstäbe.“ (https://www.uni-hildesheim.de/oeffentlichkeit/ehrenmitglieder/ehrungen/norbert-bischof)

Ich habe die Erstauflage des Buches 1985 und seine Neuauflage 2020 gelesen. Mit unterschiedlichen Augen, verschiedener Herzensbildung und differierendem Kenntnisstand. Damals begeisterte mich der „lockere Sachbuch-Stil“ des „bekennenden Außenseiters“, heute bin ich beeindruckt von seinem vielfältigen und mehrfeldrigen Wissensreichtum und seinem Humanismus in bester Tradition dessen, was wir „den Westen“ nennen.

Ich will an einem Beispiel den Leser-Unterschied von damals und heute demonstrieren. Ich habe damals ziemlich flott hinweg gelesen über eine Passage, zu der ich heute immer wieder zurückkehre, weil sie mir höchst bedeutungsvoll scheint:

„Die Evolution, so lässt sich der [von William D. Hamilton zur Geltung gebrachte] Kerngedanke zusammenfassen, wird nicht auf der Ebene des Individuums und schon gar nicht auf der der Gruppe vorangetrieben, sondern auf der mikroskopischen Ebene des Gens. Der ‚Kampf ums Dasein‘ findet tatsächlich zwischen Allelen statt, die sich denselben Genlocus streitig machen! Die Einheit der Selektion ist also nochmals um eine Größenordnung kleiner als der individuelle Organismus. Das ist jedoch nur die eine Seite eines paradoxen Sachverhaltes. Auf der anderen Seite ist das mysteriöse Gebilde, an dem die Selektion angreift, erstaunlicherweise auch wiederum von einer das Individuum übergreifenden Reichweite.“ (S. 206) Wobei „übergreifend“ hier gerade nicht „Gruppe“, sondern „Kinship“ meint.

„Allel“? Was, um alles in der Welt (wahlweise: um Gottes willen), ist das denn ein „Allel“ – und wozu soll es gut sein, zu wissen, was das ist? Ich empfehle, falls tatsächlich ernsthaftes (Erkenntnis-)Interesse besteht, die entsprechenden Passagen im vorliegenden Buch mit vertiefter Aufmerksamkeit zu lesen. Als erste Antwort auf die Frage, weshalb die Kenntnis von „Allel“ wichtig ist, sei hier als Beispiel „fehlende Laktoseintoleranz“, korrekter „Lactasepersistenz“ angeführt. Der informative „Nature“-Artikel (Curry, 2013) trägt den (Ober-)Titel „Archaeology: The milk revolution“ und macht im Untertitel deutlich, worum es geht: „When a single genetic mutation first let ancient Europeans drink milk, it set the stage for a continental upheaval.“ Und „upheaval“ darf man hier gerne mit „Umwälzung“ übersetzen. Um was für eine „genetische Mutation“ handelt es sich denn? Der – v.a. den „Milchtrinkern“ nicht bewusste – (Selektions-)Vorteil der Menschen mit Lactasepersistenz beruht auf einer Allel-Besonderheit: Menschen, die von beiden Elternteilen das T-Allel geerbt haben (TT-Genotyp), zeigen die höchste Laktaseaktivität und können Laktose somit sehr gut verdauen. Laktose findet sich (unverarbeitet) in der Milch aller drei – eben wegen ihrer kulturell bedingten Fähigkeit zu fortwährender Milchproduktion – weltgeschichtlich bedeutsamen Nutztiere: des Rindes, des Schafes und der Ziege. Ein eindrucksvolles Beispiel für Co-Evolution übrigens (Heekerens, 2009.

Fazit

Mein eigenes Beispiel zeigt: Man und frau kann „Das Rätsel Ödipus“ verschieden lesen – und dennoch bei aller Unterschiedlichkeit mit Gewinn. Das gilt freilich nur für Menschen, die Lust haben, sich überraschen, ja verstören zu lassen. So was ist immer entwicklungsförderlich. In Corona-Zeiten besteht dazu sowohl mehr Gelegenheit als auch Notwendigkeit.

Literatur

  • Curry, Andrew (1993). Archaeology: The milk revolution. When a single genetic mutation first let ancient Europeans drink milk, it set the stage for a continental upheaval. Nature, 500(7460), S. 20–22. DOI: 10.1038/500020a.
  • Heekerens, Hans-Peter (2009). Funktion, Krankheitsgewinn und Passung – Variationen eines therapeutischen Themas. In S.K.D. Sulz (Hrsg.), Wer rettet Paare und Familien aus ihrer Not? Paar- und Familientherapie als Hauptstrategie in der Behandlung psychischer Störungen (S. 121–136). München: CIP-Medien, 2009.
  • Levold, Tom (2015). Norbert Bischof wird heute 85! Systemmagazin. Online verfügbar unter: http://systemagazin.com/norbert-bischof-wird-heute-85/.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 31.07.2020 zu: Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2955-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26817.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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