socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Lebensalter

Cover Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. 360 Seiten. ISBN 978-3-7799-1521-8. 21,00 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2186-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Zielsetzung und Zielgruppe

Das 2008 bereits in 5. überarbeiteter Auflage erschienene Fachbuch (1. Auflage 1997) „Sozialpädagogik der Lebensalter“von Lothar Böhnischrichtet sich an eine Leserschaft, deren fachspezifisches Hintergrundwissen bereits grundlegend vorhanden ist. Das Buch erläutert aktuelle Diskurslinien sowie sozialpädagogische Bezüge im Kontext des Konzepts der Lebensbewältigung und hat den Anspruch, sowohl grundlegende Hintergrundinformationen zu vermitteln als auch neue (Handlungs-) Perspektiven zu eröffnen.

Aufbau und Inhalte

Lothar Böhnisch nutzt das Konstrukt ‚Lebensalter‘, um den zentraler Referenzpunkt des Buches, das Konzept Lebensbewältigung, theoretisch und handlungspraktisch zu verorten.

Sozialpädagogik der Lebensalter konzentriert sich auf die Beantwortung von drei Fragen:

  1. Wie bewältigen Menschen verschiedener Alterstufen die multiplen und oft schwierigen Herausforderungen einer modernen und pluralen Gesellschaft ?
  2. Welche Bewältigungsstrategien lassen sich erkennen und ableiten (z. B. aufgrund von gesellschaftlichen/historischen Entwicklungen, Bildungs- und Sozialisationserfahrungen) ?
  3. Welche Rolle kommt der Sozialpädagogik zu und wie kann sie bei Bewältigungskonflikten intervenierend unterstützen ?

Das Buch gliedert sich in 8 Kapitel, die von einer historisch-strukturellen Verortung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik bis hin zu bewältigungsorientierten professionellen Interventionen in Bezug auf Adressaten aller Alters- und Zielgruppen reichen.

Kapitel 1 skizziert die (bekannten) historische Entwicklungsschritte von Sozialarbeit/Sozialpädagogik und benennt Entwicklungsstränge und Einflussfaktoren. Vor dem Hintergrund der lebenslangen Sozialisation werden entscheidende gesellschaftliche Prozesse (Individualisierung, Biografisierung) identifiziert, um individuelle Bewältigungskonstellationen in einer postmodernen (Risiko-) Gesellschaft zu verorten und die Zusammenführung (‚Verschränkung‘) von Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu verdeutlichen. Die ‚Biografisierung der Lebensprobleme‘ dient dabei als Konzept, um die Verschränkung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik auf alle Lebensalter zu übertragen, und so die lange Zeit auf Kinder und Jugendliche gerichtete Engführung pädagogischen Intervenierens auf andere Ziel- und Altersgruppen auszuweiten.

Kapitel 2 bildet den theoretischen Kern und verortet die zentralen Begrifflichkeiten - biografische Lebensbewältigung/soziale Integration - in ihrem soziologischen, psychologischen und gesellschaftskritischen Kontext. Der Autor führt hier das ‚Bewältigungskonzept‘ näher aus, definiert Lebensbewältigung (S. 33,34, 35) als individuelles Streben nach Gleichgewicht, welches mitunter zu desintegrierenden und normverletzenden Handlungsstrategien führen kann (z. B. Mitgliedschaft in gewaltbereiten Gruppen), und ein Spannungsfeld zwischen Verstehen und Akzeptanz begründen kann, welches Strategie und professionelle Kunst der Sozialpädagogik fordert, um die Herstellung biografischer Handlungsfähigkeit und sozialer Integration zu unterstützen (2.2). Eng verknüpft mit dem Bewältigungsansatz ist das ‚Biografiekonzept‘ (2.3), in dessen Zentrum das biografisch handelnde Subjekt und dessen Lebenslauf steht: im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Anpassung angesichts gesellschaftlicher Chancen und Risiken. Im Zusammenspiel zwischen Lebenslauf (Herkunft, Bildung, Ressourcen…) und Biografie (individuelle Handlungsstrategien als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen) sieht der Autor ein Erkenntnis leitendes Bezugssystem für die Soziale Arbeit, um entscheidende Übergänge/Brüche in den Lebensläufen ihrer Adressaten ‚als Bezugsdimension für die Bewältigungsarbeit‘ (S. 40) zu verstehen und aufzugreifen. Neben dem Lebensalter (2.4) als Schlüsselkonstellation der Lebensbewältigung stellen auch Geschlecht und Migration (2.5) entscheidende Faktoren für Lebensbewältigung und die Soziale Integration dar und erfordern eine geschlechter- und migrationspädagogische Reflexivität. Böhnisch identifiziert (2.7) ein zunehmend buntes, durchlässiges, konsumgesteuertes, ungewisses (ergo relatives) Bild der Lebensalter im Spannungsfeld zwischen Systemintegration und Sozialintegration. Zentral lässt sich - auch als Zugang für sozialpädagogische Interventionen - das Konzept der ‚integritätsbezogenen biografischen Lebensbewältigung‘ heraus kristallisieren, was letztlich nichts anderes heißt als: jeder geht auf seine Weise mit den Chancen und Risiken postmoderner Individualisierungsprozesse um, und versucht fortwährend Integrität in Bezug auf vier Grunddimensionen (Betroffenheit/Selbstwert, Suche nach Orientierung, Anerkennung, sozialem Rückhalt und Normalisierung), herzustellen. Die Aufgabe der Sozialpädagogik beginnt dort, wo diese Bemühungen für die Subjekte zu manifesten Lebens- und Bewältigungsproblemen führen.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der historischen Herausbildung gesellschaftlicher Bewältigungskonstellationen in Bezug auf 1. die bürgerlichen Familie, 2. der Entdeckung der Kindheit, 3. der Konstruktion des ‚Jugendlichen‘, 4. der Formung erwerbsbiographischer Lebensläufe sowie 5. dem Alter. Der Autor beruft sich auf einschlägige theoretischen Begründungen und historische Entwicklungen sich fortwährend wandelnder Bewältigungskonstellationen, bevor die nachfolgenden Kapitel (4-7) entlang jener heute noch als gängig zu betrachtenden Einteilung der Lebensalter den Bogen spannen zu modernen sozialpädagogischen Bewältigungsprozessen.

In Kapitel 4 entwickelt der Autor sein Verständnis/Konzept der erzieherischen Hilfe zur Lebensbewältigung im Rahmen einer Kindheit zwischen Eigenleben und Erziehung und konstatiert einen frühen biographischen Zwang zu Selbstbehauptung und Aushandlung, was - z. B. bei geringer Verfügbarkeit ökonomischer und kultureller Ressourcen - auch in ‚antisoziales Verhalten‘ münden kann. Sozialpädagogik sei hier gefordert, Kindern mit Bezug auf deren soziale Räume (Familie, Kindergarten, Schule, Freizeit) und deren Anforderungen an Individualität, Anpassung und Normierung einerseits Entfaltung und andererseits Bewältigung, auch im Hinblick auf geschlechtsemanzipatorische Aspekte, zu ermöglichen.

Kapitel 5 erfasst Jugend als Experimentier- und Bewältigungsraum. Zentral ist für Böhnisch die vom Jugendlichen zu „bewältigende“ Rolle zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit im Spannungsfeld von Bildungsanforderungen und Integrationsversprechen bei gleichzeitig schwindenden Perspektiven und sozialen Sicherheiten. Zentrale Einflussfaktoren wie etwa Konsumorientierung, Medienumgang, Geschlechterrolle/-identität, Bildungsanforderungen, Arbeit/Berufsfindung oder spezielle Risiken (Gewalt, Kriminalität) sowie Potentiale (kulturell/polit. Engagement, Jugendbildung) werden mit Bezug auf theoretische und wissenschaftliche Diskurslinien und im Hinblick auf Bewältigungsdimensionen erläutert. Der Autor weist mit der Identifikation der Jungen Erwachsenen (5.15) auch auf einen neuen Sozialisationstypus hin, der sich aufgrund verlängerter Bildungsphasen bei gleichzeitig unsicherer Zukunftslage und anhaltender (familiärer) Abhängigkeit herausgebildet hat.

Kapitel 6 bezieht sich auf Erwachsene im Erwerbsalter, deren maßgebliche Strukturprinzipien (Erwerbstätigkeit, Hausarbeit, Familienorganisation) brüchiger werden und die Menschen - begünstigt durch den gesellschaftlichen Strukturwandel (beschleunigte Lebens-, Arbeits- und Familienformen, technischer Fortschritt/Rationalisierung) - mit neuen Bewältigungsdimensionen (Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, ungewisse soziale Sicherheiten, Leistungsdruck) konfrontiert. Böhnisch identifiziert (vier) Grundsegmente der Bewältigung sowie typische Schlüsselprobleme, die für die psychosoziale Beratung oder Krisenintervention bedeutsam sind und sozialpädagogisches Hintergrundwissen bereitstellen: geschlechtstypische Bewältigungsmuster, eine kritische Familienkonstellation, Partnerschaft/Bewältigung der ‚gemeinsamen Biografie‘ sowie Arbeitslosigkeit, Armut, Abhängigkeit und Sucht.

Kapitel 7 fokussiert die Lebensbewältigung im Alter: auch hier steht der soziale und kulturelle Strukturwandel im Zentrum der Betrachtung, sowohl bezogen auf sich wandelnde und differenziertere Altersbilder und -stereotype (aktiv/konsumfreudig bzw. abhängig/hilfebedürftig) als auch bezüglich individueller Bewältigungsmodi. Die Merkmale dieses Strukturwandels (Verjüngung, Entberuflichung, Feminisierung, Singularisierung und Hochaltrigkeit) als auch deren Janusköpfigkeit werden mit Bezug auf aktuelle Forschungsansätze skizziert. Dabei wird der Anspruch deutlich, einer einseitigen Polarisierung entgegenzuwirken und aktivierbare Bewältigungskompetenzen sozialpädagogisch zu nutzen. Böhnisch spezifiziert Charakteristika, um den Defizitansatz durch das Kompetenzmodell und die Biografisierungsperspektive zu ersetzen, und dabei auch unkonventioneller Biografiegestaltung (Bsp. Erwerb eines Doktortitels) zu berücksichtigen.

Kapitel 8 schließlich nennt Interventions- und Arbeitsprinzipien einer bewältigungsorientierten Sozialpädagogik und Sozialarbeit der Lebensalter und stellt zunächst 5 Grundprinzipien sozialpädagogischer Intervention in den Mittelpunkt, die sich am Paradigma einer reflexiven Professionalität orientieren und die pädagogische Fachkraft in einem Spannungsfeld zwischen Akzeptanz, Vermittlung und der Reflexion relevanter Einflussfaktoren (persönliche, individuelle, gesellschaftliche) verorten. Böhnisch stellt die Konzepte ‚Empowerment‘ und ‚Milieubildung‘ als handlungsleitend für sozialpädagogische Interventionen vor und schlägt schließlich den Bogen zur Notwendigkeit einer biografisch-sozialräumlich orientierten Verständigungs-, Vermittlungs- und Ermächtigungsarbeit der pädagogischen Fachkräfte im Sozialraum/Gemeinwesen; Einflussfaktoren (Intervention als nicht gewollter Eingriff, Kontrollfunktion) und Begrenzungen (Finanzknappheit der Kommunen/Aushandeln von Prioritäten), die die Rolle der Fachkräfte als ‚akzeptierende und verstehende Vermittler‘ oft konterkarieren, werden zwar genannt , in ihrer -zunehmenden - Häufigkeit und Brisanz (z. B. in Bezug auf Kindeswohlgefährdung/staatliches Wächteramt bei hohen Fallzahlen und hohem emotionalen und professionellen Druck) aber mögen diese Ausführungen für die ein oder andere praxiserprobte Fachkraft recht theorielastig erscheinen. Gleichwohl betont der Autor, dass Soziale Arbeit auch immer einen politischen Auftrag hat (kritische Haltung gegenüber dem Strukturwandel des Sozialstaates/Verbesserung der strukturellen Benachteiligung ihrer Adressaten).

Diskussion

„Sozialpädagogik der Lebensalter“ ist eine umfangreiche und inhaltlich dichte Fachpublikation. Dies bezieht sich vor allem auf die vielfältigen Bezüge und das bereitgestellte Hintergrundwissen, mit dem jedes Kapitel angereichert ist. Die Kapitel bauen logisch aufeinander auf und sind grundsätzlich gut strukturiert; sie weisen dabei eine inhaltliche Komplexität und Vielschichtigkeit auf, die eine nähere Erläuterung des Untertitels „Eine Einführung“ nahe legen: keineswegs handelt es sich bei dieser Einführung um eine Einstiegslektüre für Studienanfänger, vielmehr setzt die Lektüre ein gewisses Maß an Theorie- und Fachkenntnis voraus, um die vielfältigen theoretischen Bezüge und Querverbindungen richtig zu verorten und/oder weiter zu vertiefen. Gleichwohl kann das Buch als Einführung im Sinne eines Einstiegs in einen Themenbereich verstanden werden, mit dem der Autor Lothar Böhnisch sich seit Jahren auseinandersetzt und in den hier historisch-strukturell, theoretisch und methodisch eingeführt wird: „die biografische Lebensbewältigung“ und die Rolle der Sozialarbeit/Sozialpädagogik.

In allen Kapiteln bezieht sich Böhnisch auf die für seinen Ansatz (Individualisierung, Biografisierung, Bewältigung) relevanten historischen und wissenschaftlichen Entwicklungslinien und verortet sie in ihrem psychologisch/psychoanalytischen, soziologischen, pädagogischen und geschlechtsspezifischen Kontext und bietet dabei einen Fundus an Hintergrundwissen und Querverweisen. Die ‚Einführung‘ - die sich aufgrund der zahlreichen Quellen nicht immer leicht und flüssig liest - eignet sich durchaus als studienbegleitende Lektüre für fortgeschrittene Semester, aber auch als Lehrbuch für Praktiker, die sich theoretisches Hintergrundwissen zum Bewältigungshandeln ihrer Klientel aneignen möchten.

Einschränkend sei gesagt, dass die Lebensphase Alter im Vergleich zu den übrigen Lebensphasen (noch) etwas kurz kommt. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn gerade die (Sozial-)Pädagogik ist in der Altenhilfe oft unterrepräsentiert und wird entweder aufgrund finanzieller Gründe der Altenpflege (auch personell) zugeordnet oder beschränkt sich auf die Organisation freizeitpädagogischer Maßnahmen. Zukünftig wird es zunehmend darum gehen, alte Menschen so lange wie möglich in ihrem Lebens- und Sozialraum zu unterstützen, d.h. Bewältigungshandeln (Verluste, Einsamkeit, Isolation, Desolation) - und damit verbundene sozialpädagogische Unterstützungsleistungen - werden vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung dringend erforderlich sein.

Fazit

„Sozialpädagogik der Lebensalter“ist ein ausgesprochen material- und facettenreiches Buch und gut geeignet für Studierende der einschlägigen Fachrichtungen (Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaften), um theoretische Zusammenhänge zu vertiefen als auch berufliches Rollenverständnis zu reflektieren.

„Sozialpädagogik der Lebensalter“ ist kein Handlungsleitfaden, der unmittelbare praktische Hilfen und Interventionsstrategien an die Hand gibt, aber Bezüge verdeutlicht, die ebensolche Handlungswege eröffnen (können). Insgesamt ein empfehlenswertes Buch.


Rezension von
Dr. Ursula Kämmerer-Rütten
Fachhochschule Frankfurt am Main Fachbereich 4, Soziale Arbeit und Gesundheit
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Ursula Kämmerer-Rütten anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ursula Kämmerer-Rütten. Rezension vom 20.11.2009 zu: Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-1521-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2682.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht