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Margarete Malzer-Gertz, Cornelia Gloger u.a.: Therapie-Tools Selbstmitgefühl

Cover Margarete Malzer-Gertz, Cornelia Gloger, Claritta Martin, Helga Luger-Schreiner: Therapie-Tools Selbstmitgefühl. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 261 Seiten. ISBN 978-3-621-28676-3. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 57,90 sFr.

Reihe: Therapie-Tools. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial.
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Thema

Therapie-Tools Selbstmitgefühl ist ein Praxisbuch mit insgesamt etwa 70 Übungen und Anleitungen für die psychotheraeutische Arbeit. In allen Abschnitten gibt es kurze Einblicke in die Theorie und Grundlagen von psychotherapeutischen Prozessen, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl. Der Schwerpunkt liegt auf der Praxis in Form von Informationen, Reflexionen und Übungen, die zu Arbeitsblättern gestaltet wurden.

Autorinnen

Margarete Malzer-Gertz ist Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und systemische Supervisorin sowie Coach mit eigener Praxis. Sie ist zertifizierte MSC-Trainierin. Cornelia Gloger ist Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie in eigener Praxis und zertifizierte Trainerin für MSC.

Claritta Martin ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in eigener Praxis.

Mag.art. Helga Luger-Schreiner ist Kunstpädagogin und multimediale Kunsttherapeutin sowie zertifizierte Trainerin für MSC. 

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Teilen und insgesamt 9 Abschnitten

Teil 1

  • Einführung
  • Start und Grundlagen eines mitgefühlsfokussierten Therapieprozesses
  • Mitfühlendes Verstehen von Veränderungs- und Entwicklungsprozessen
  • Selbstmitgefühl aufrechterhalten und in den Alltag integrieren

Teil2

  • Achtsamkeit und Mitgefühl – zwei, die zusammen gehören
  • Selbstmitgefühl
  • Wohlwollen als Haltung entwickeln, Metta – die Meditation, der liebevollen Güte

Teil3

  • Herausfordernde Gefühle meistern
  • Vergeben 

Anhang und Downloads

Inhalt

1. Einführung

In der Einleitung werden Überlegungen zur therapeutischen Haltung, zu Mitgefühl, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl ausgeführt. Die Autorinnen beziehen sich mit ihrem Buch auf Christopher Germer und Kristin Neff und deren wissenschaftlich fundiertem Konzept des Selbstmitgefühls, das auch im Rahmen von 8-wöchigen MSC Trainings strukturiert erlernbar ist. Zudem haben sie ein Instrument zur „dialogbasierten Meditation, welches erlaubt, Meditation zu Selbstmitgefühl und Achtsamkeit prozessorientiert in die therapeutische Einzelpraxis einzubinden“ (S. 11) von Tim Desmonds für die Form ihrer Anleitungen herangezogen. Zum Selbstmitgefühl werden neurophysiologische Grundlagen, Ergebnisse aus der Bindungsforschung und eine ressourcenorientierte Sichtweise angeführt. 

2. Start und Grundlagen eines mitgefühlsfokussierten Therapieprozesses

Im diesem Abschnitt des Buches beginnen die Übungen. Am Beginn steht die Selbstreflexion und Erkundung der Stärken des/der Therapeut/in sowie das Anliegens des/der Klient/in. Das sogenannte PELZ Modell, ein strukturiertes Vorgehen zur gemeinsamen Zieldefinition bildet den Hauptteil von Kapitel 2. Abschließend finden sich Anregungen und Übungen zum Umgang mit eventuellen Schwierigkeiten – „Klienten, die wir als schwierig erleben“ oder „wenn wir uns unzulänglich fühlen“.

3. Mitfühlendes Verstehen von Veränderungs- und Entwicklungsprozessen

Die Autorinnen legen großen Wert auf „das möglichst präzise Verstehen von Veränderungsprozessen an sich … eine der größten Ressourcen psychotherapeutischen Arbeitens … deshalb ist dem Thema hier ein ausführliches Kapitel gewidmet“ (S. 59). Die modifizierte Schatzkarte nach Desmond, die auch im Anhang zu finden ist, ermöglicht einen strukturierten, individuellen Umgang mit Selbstmitgefühl für Klientinnen.

Veränderungsprozesse werden als ein immer wieder Zurückkommen auf Kernthemen, auf immer wieder neuen Ebenen beschrieben, und es werden unterschiedliche Modelle dazu vorgestellt. Im Übungsteil gibt es Anleitungen zu Reflexionen über den Entwicklungsstand sowie zum Umgang mit schmerzvollen Erfahrungen und „Widerständen“ im Prozess.

4. Selbstmitgefühl aufrechterhalten und in den Alltag integrieren

Es kann professionell Helfenden, Patientinnen und allen Übenden nie zu oft gesagt werden, wie wichtig die Haltung ist, in der wir Üben und Lernen. Diese beschreibt Kapitel 4. Die Arbeitsblätter sind, aus meiner Sicht, die Essenz des Themas im Sinne von „darum geht es im Wesantlichen“. Es geht um Leichtigkeit und Freude im Tun! Es gibt auch Arbeitsblätter, die unterstützen können individuell passende Übungen für die eigene Praxis zu Hause herauszuarbeiten, Übungen, die einen besonders unterstützen und besonders gut tun. Eine schöne Idee, da das Übertragen in den Alltag schwer fallen kann.

5. Achtsamkeit und Mitgefühl – zwei die zusammengehören

Mit Kapitel 5 nähern sich die Autorinnen dem „eigentlichen Thema“ – Achtsamkeit und Mitgefühl werden nochmals konzeptionell erklärt, sie bilden die Voraussetzung und Basis für Selbstmitgefühl. Es finden sich unter den Arbeitsblättern teils bekannte, klassische Übungen zur Körperwahrnehmung, Varianten des Body-Scans, Atemmeditationen, Übungen zum achtsamen Hören und zur Achtsamkeit im Alltag.

6. Selbstmitgefühl

Kapitel 6 behandelt nun das Titelthema des Bandes, das Selbstmitgefühl. Neben einer Begriffserklärung beziehen die Autorinnen sich auf das Modell von Kristin Neff, das in diesem Abschnitt vorgestellt wird. Außerdem werden drei zentrale Emotionsregulationssysteme besprochen: Bedrohungs- und Selbstschutzsystem, Anreiz- und Antriebssystem und Beruhigungs- und Fürsorgesystem. „Jedes dieser Systeme hat eine wichtige Bedeutung, keines davon ist 'besser' oder 'schlechter' als das andere. Ein Gleichgewicht zwischen allen drei Emotionssystemen führt zu psychischem Wohlbefinden und innerer Stabilität.“ (S. 139) Selbstmitgefühlspraxis zielt darauf ab, oder besser hat zur Folge, dass unser Fürsorgesystem aktiviert wird, wir uns also sicher und zufrieden fühlen, unser Präfrontaler Cortex aktiv werden kann und wir mehr Selbststeuerung erlangen.

Unter den Übungen des Kapitels finden sich Körperübungen, eine wunderbare Übung aus dem MSC: die Selbstmitgefühlspause, eine Modifikation der Imagination eines inneren sicheren Ortes und Selbstreflexionen.

7. Wohlwollen als Haltung entwickeln, Metta – die Meditation, der liebevollen Güte

In Kapitel 7 wird die Metta-Meditation vorgestellt, eine traditionell buddhistische Meditation, die zur Übung der liebevollen Güte gegenüber allen Geschöpfen dient. Auch bei Neff und Germer nimmt sie einen zentralen Stellenwert ein.

Die Autorinnen beschreiben die Hintergründe und Abschnitte dieser Meditation und haben Übungen entwickelt um die einzelnen Wünsche für Glück, Sicherheit, Gesundheit und Leichtigkeit für sich individuell zu erarbeiten. Neben der klassischen Metta Meditation finden sich „Zugänge über andere“ und „liebende Güte für als schwierig erlebte Menschen“ und „…herausfordernde Beziehungssituationen“.

8.Herausfordernde Gefühle meistern

Wer sich mich Achtsamkeit und Selbstmitgefühl auseinandersetzt muss sich auch mit schwierigen Gefühlen auseinandersetzten, da genau diese auftauchen können und bei regelmäßiger Praxis auftauchen werden. In Kapitel 8 werden zwei Modelle über Gefühle, ihre Funktion und Regulierung besprochen. Die Übungen dazu sind Anleitungen zum Umgang mit schmerzhaften und schwierigen Gefühlen und Informationen zum Umgang mit Angst und Depression.

9.Vergeben

Den Abschluss bildet das Thema Vergebung mit Körperübungen, Meditationen und der Imagination eines mitfühlenden Freundes.

Anhang und Downloads

Dass das gesamte Buch gleichzeitig als E-Books zur Verfügung steht ist wirklich toll und praktisch, da die Übungen so problemlos ausgedruckt und auch zum Üben zu Hause mitgegeben werden können.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich in erster Linie an PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen und klinische PsychologInnen sowie PraktikerInnen im MSC. Es ist praxisnah und bietet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten für Selbstmitgefühl, vorwiegend im therapeutischen Kontext. Es eignet sich auch für den/die geübte/n LeserIn zum Selbststudium.

Fazit

Der thematische Aufbau des Buches ist stimmig und schlüssig. Grundlagen aus Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und psychotherapeutische Rahmenbedingungen werden zusammengeführt und das Kernthema in den drei Kapiteln 5, 6 und 7 vorgestellt. Immer wieder sind auch mögliche Problemfelder in der Arbeit und im Prozess Thema und die TherapeutInnen werden selbst als Übende angesprochen, beides möchte ich besonders positiv hervorheben.

Das Buch ist zudem gut strukturiert und gegliedert. Es erfordert aber eine gewisse Einarbeitung um sich in dieser Symbolik und Gliederung auch zurechtfinden zu können. Die Arbeitsblätter sind sicher Großteiles auch ohne Einarbeitung ins Buch für die Praxis nutzbar. Viele gewinnen aber an Präzision im Kontext des jeweiligen Kapitels und gesamten Buches, das auch für geübte LeserIInnen interessante Details bietet. Ein Suchen bestimmter Themen und Übungen ermöglicht die Übersicht zu den Arbeitsmaterialien im Anhang. 

Gesamt gesehen sind die Übungen, das Kernstück des Buches, eine wunderbare Zusammenstellung zum Thema Achtsamkeit und Selbstmitgefühl im psychotherapeutischen Kontext, Die Autorinnen haben sich viele Gedanken zu spezifischen Aspekten der Praxis sowie Zielgruppen oder mögliche Herausforderungen gemacht und ihre Erfahrungen und ihr Wissen in die Überarbeitung klassischer Übungen und die Erstellung neuer Anleitungen einfließen lassen.

Meine Kritik bezieht sich auf das Thema Vergebung in Kapitel 9. Wenngleich ich den Zugang der Autorinnen nachvollziehen kann und die Übungen für einzelne Menschen, insbesondere, wenn der Wunsch und das Bedürfnis zu vergeben da sind, sicher eine hilfreiche Möglichkeit bieten, ist das Kapitel dennoch heikel. Ich halte Vergebung tatsächlich nur für eine Möglichkeit in der Entwicklung, aber keinesfalls eine Notwendigkeit oder die beste Möglichkeit.

Dieser Aspekt kommt für mich leider zu kurz. Trotz der Formulierung, was Vergebung nicht ist, erscheint das Kapitel allzu leicht inhaltlich wertend und erzeugt den Eindruck, dass es in diese Richtung gehen sollte, was ich so nicht teilen kann. Auch, dass nicht deutlicher abgegrenzt wird zwischen Opferrolle und Täterrolle ist problematisch, da es in manchen Fällen von größter Wichtigkeit ist. Hier hätte ich mir mehr Neutralität und vielleicht auch Vielfalt und Alternativen gewünscht, denn auch Loslassen, Verabschieden oder andere Rituale können gute Lösungen sein. Und letztlich kann die grundsätzlich positive und schützende Funktion von Aggression und Zorn gar nicht genug gewürdigt werden, und erst dann kann, nach meiner Erfahrung, weitere Entwicklung passieren. Dies könnte auch im Kontext der Achtsamkeitspraxis, aus meiner Sicht, noch viel deutlicher hervorgehoben werden.


Rezension von
Mag.a Manuela Pichler
Klinische- und Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin
Publikation: http://www.zks-verlag.de/subjektives-wohlbefinden-im-alter-print/
Homepage www.praxispichler.at
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Zitiervorschlag
Manuela Pichler. Rezension vom 02.09.2020 zu: Margarete Malzer-Gertz, Cornelia Gloger, Claritta Martin, Helga Luger-Schreiner: Therapie-Tools Selbstmitgefühl. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28676-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26822.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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