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Harlich H. Stavemann, Andreas Scholz u.a.: Integrative KVT bei Selbstwertproblemen

Cover Harlich H. Stavemann, Andreas Scholz, Katrin Scholz: Integrative KVT bei Selbstwertproblemen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 270 Seiten. ISBN 978-3-621-28479-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 45,02 sFr.

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Thema

Folgt man den Autor:innen, so sind Selbstwertprobleme die häufigste Ursache für Störungsbilder und Probleme, mit denen Menschen eine ambulante Psychotherapie aufsuchen. Diese Problematik sei den Betroffenen jedoch in der Regel nicht bewusst, sie kämen „eigentlich“ wegen ihres emotionalen Leidensdrucks, wegen körperlicher, sozialer oder Verhaltensprobleme und deren Konsequenzen. Das Buch ist in manualisierter Form verfasst und zeigt auf, wie im Rahmen einer „Integrativen Kognitiven Verhaltenstherapie“ (IKVT) mit derartigen Problemen umgegangen werden kann.

Autor:innen

Dr. Harlich H. Stavemann ist Diplom-Psychologe und approbierter Psychotherapeut (für Kinder, Jugendliche und Erwachsene). Er arbeitet als Kognitiver (Verhaltens-)Therapeut. Seit 1984 ist er Fortbildungsleiter, Lehrtherapeut und Supervisor für VT/KVT, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter an staatlich anerkannten VT-Instituten. Er hat diverse Publikationen zur Integrativen KVT vorzuweisen. Zudem ist er Mitbegründer und Leiter des Instituts für Integrative Verhaltenstherapie (IVT) in Hamburg (seit 1986).

Andreas und Katrin Scholz, beide Dipl.-Psych., sind Psychologische Psychotherapeut:innen. Sie arbeiten in einer gemeinsamen Praxis in Magdeburg.

Entstehungshintergrund

Harlich H. Stavemann ist einer der profiliertesten Autoren für (kognitive) Verhaltenstherapie im deutschen Raum. Er hat bereits einige Bücher veröffentlicht, die auch auf socialnet bereits rezensiert wurden (vgl. z.B. socialnet Rezensionen: Harlich H. Stavemann: Entwicklungen in der Integrativen KVT | socialnet.de, socialnet Rezensionen: Harlich H. Stavemann, Yvonne Hülsner: Integrative KVT bei existenziellen Problemen | socialnet.de). Neben den oben genannten Büchern zur Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) hat er den Begriff der sogenannten „Integrativen Kognitiven Verhaltenstherapie“ (IKVT) nicht zuletzt auch durch die Gründung eines eigenen entsprechend ausgerichteten Lehrinstituts maßgeblich mitgeprägt. Diese wurde aus der KVT entwickelt, um Entwicklungen aus der sogenannten „dritten Welle“ der KVT Rechnung zu tragen. Sie umfasst Verfahren wie beispielsweise Schematherapie, Metakognitive Therapie, ACT, CBASP, MBT oder MBC. Der vorliegende Band ist im Grunde einer Reihe von zusammenhängenden Veröffentlichungen zuzurechnen:

  1. KVT-Praxis (3. Auflage, 2014): Ein Praxisorientiertes Lehrbuch zur KVT, bereits mit Schwerpunkt auf die IKVT
  2. Integrative KVT. Die Therapie emotionaler Turbulenzen (5. Auflage, 2014): Eine kürzere Fokussierung auf die IKVT.
  3. Integrative KVT bei existenziellen Problemen (Stavemann & Hülsner, 2019)
  4. Integrative KVT bei Frustrationsintoleranz (Stavemann & Hülsner, 2016)

Der vorliegende Band rundet die Veröffentlichungsreihe ab.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Zunächst gehen die Autor:innen auf die Grundlagen (IKVT & Selbstwertprobleme) ein, im zweiten Teil wird anhand konkreter Fallbeispiele das praktische Vorgehen bei der Therapie von Selbstwertproblemen erläutert.

Teil 1 – Grundlagen

Hier wird auf knapp 70 Seiten in das Thema eingeführt. Nach einer kurzen Einleitung wird auf die Selbstwertproblematik eingegangen. Wie bereits einleitend erwähnt, gehen die Autor:innen davon aus, dass Störungen mit Selbstwertproblemen „mit ca. 80 % die mit Abstand häufigste Form emotionaler Probleme darstellen“ (S. 43). Es folgt eine Definition des Begriffs sowie eine Erläuterung, wie diese entstehen. Stavemann und Kolleg:innen erläutern unterschiedliche Selbstwertmodelle aus der Literatur und erläutern dann bereits vorhandene Behandlungsansätze zu selbstwertbezogenen Störungen. Hierbei wird insbesondere auf verhaltenstherapeutische Konzepte eingegangen. Anschließend wird das Verständnis von Problem und Behandlung aus Sicht der IKVT erläutert. Nach diesem Ansatz erfolgt die Diagnostik im Rahmen der von Stavemann entwickelten „Problemorientierten Kognitiven Psychodiagnostik“ (PKP). Diese wird umfassend in den oben zitierten Lehrbüchern erläutert. Im Sinne der PKB „werden drei Problembereiche unterschieden, auf die alle lerngeschichtlich erworbenen psychischen Störungen ursächlich zurückgeführt werden können:“ (S. 52)

  • Selbstwertprobleme (Häufigkeit bei Erwachsenen: ca. 80 %)
  • Frustrationstintoleranzprobleme (Häufigkeit bei Erwachsenen: ca. 70 %)
  • Existenzielle Probleme (Häufigkeit bei Erwachsenen: ca. 15 %)

Die oben genannten Zahlen seien „durch Auswerten von Klientenakten ermittelt“ worden (ebd.). Zu berücksichtigen sei, dass Klient:innen auch mehrere der o.g. Probleme gleichzeitig beklagen könnten. Da die IKVT davon ausgehe, „dass sich der Selbstwert eines Menschen nicht sinnvoll pauschal bestimmen lässt“ (S. 67) wird im Grunde davon abgeraten, den Selbstwert mit Fragebögen zu erfassen, dennoch werden einige Messinstrumente kurz skizziert.

Das allgemeine Ziel in der Therapie von Selbstwertproblemen sei, ein differenziertes Selbstbild zu entwickeln. Es gelte, „Bewertungsalternativen zu suchen, die differenziert, zeitpunktorientiert und spezifisch sind“ (S. 71). Das Kapitel schließt mit Tipps zum Umgang von typischen Widerständen bei der Therapie von Selbstwertproblemen ab.

Teil 2 – Kasuistik: Praktisches Vorgehen bei der Therapie von Selbstwertproblemen

Bevor das konkrete Vorgehen anhand von vier Fallbeispielen dargestellt wird, erläutern die Autor:innen zunächst das allgemeine Vorgehen in den acht Phasen einer ambulanten IKVT, wie sie in den bereits oben zitierten Lehrbüchern umfassender vorgestellt wird. Kurz zusammengefasst wird in der IKVT wie folgt vorgegangen:

  1. Phase: Erstkontakt/​Sprechstunde
  2. Phase: Probatorik (vertiefte Exploration, Anamnese, Diagnose, Therapieplan und Prognose)
  3. Phase: Lebensziele analysieren und planen (ein zentrales Merkmal der IKVT)
  4. Phase: Aufbau der Problemeinsicht und Veränderungsmotivation bei psychosomatischen Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten
  5. Phase: Das kognitive Modell zum Entstehen und Steuern von Emotionen vermitteln
  6. Phase: dysfunktionale Konzepte und Denkstile identifizieren
  7. Phase: Identifizierte Selbstwertkonzepte und Denkstile auf Angemessenheit prüfen und neue, funktionale Konzepte erstellen lassen
  8. Phase: Die neuen Konzepte trainieren und bahnen

Es folgen die Fallbeispiele:

  1. „Frau Performer“ (singuläres Selbstwertproblem, Beliebtheit durch Leistung)
  2. „Herr Höflich“ (Selbstwertproblem Beliebtheit mit hierarchischem Selbstwertproblem und parallelem Frustrationstoleranzproblem)
  3. „Frau Skinny“ (singuläres Selbstwertproblem, Beliebtheit)
  4. „Frau Stumm“ (Selbstwertproblem mit hierarchischem Selbstwertproblem)

Abgeschossen wird der zweite Abschnitt mit einem kurzen Kapitel zu phasentypischen Fragen und Widerständen bei Selbstwertproblemen.

Diskussion

Das Buch ist wie alle im Beltz-Verlag erschienenen Bücher des Autors didaktisch hervorragend ausgearbeitet. Besonders gut gelöst ist die von Stavemann bekannte Vorstellung der Fallbeispiele. Er greift auf seine bewährte Form der Darstellung der therapeutischen Dialoge zurück. In dieser arbeitet er mit einer Kommentarspalte, in der das Vorgehen auf theoretischer Ebene erläutert wird. Ergänzt wird alles durch Fallbeschreibungen mit jeweilig abgesetzten Anmerkungen in Infokästen, die wichtige Aspekte nochmal hervorheben. Besser kann man therapeutisches Vorgehen kaum darstellen.

Wie bereits einleitend erwähnt, gehen die Autor:innen davon aus, dass Störungen mit Selbstwertproblemen „mit ca. 80 % die mit Abstand häufigste Form emotionaler Probleme darstellen“ (S. 43). Schaut man genauer hin, so liefern die Autor:innen diesbezüglich jedoch keine seriösen wissenschaftlichen Quellen. Vielmehr wird hier ausschließlich Herr Stavemann zitiert und darauf hingewiesen, dass diese Zahlen durch „Auswertungen von Patientenakten“ ermittelt worden seien (s.o.). Man sollte diesen Angaben folglich nicht allzu viel Bedeutung zukommen lassen, plausibel ist es jedoch immerhin.

Besondere Erwähnung verdienen noch die über 70 Seiten Anhang. Hier werden diverse Materialien geliefert, die für die entsprechende therapeutische Arbeit eminent hilfreich sind. Auch wenn sich diese Unterlagen größtenteils auch in anderen Publikationen des Autors wiederfinden (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/​19824.php), so kann festgehalten werden, dass das Buch im Grunde 340 Seiten umfasst.

Abschließend noch ein allgemeiner Kommentar zur IKVT: Diese erhebt den Anspruch klassische (K)VT mit den Verfahren der dritten Welle zu kombinieren. Dies wird größtenteils auch deutlich, an einigen Stellen unterscheiden sich die Ideen jedoch durchaus: So geht die ACT (Akzeptanz- & Commitment-Therapie) beispielsweise davon aus, dass Gefühle und Gedanken nicht primäres Ziel therapeutischer Veränderung seien sollten (vgl. Louma et al., 2009; www.socialnet.de/rezensionen/9301.php). In der IKVT nehmen „klassische“ Techniken der kognitiven Umstrukturierung hingegen eine zentrale Rolle ein. Andererseits wird die Wertearbeit der ACT im Bereich der Lebenszielplanung nach Stavemann durchaus mit aufgegriffen. Es kann also festgehalten werden, dass die IKVT eher als eine weitere Form der KVT-Schulen der dritten Welle bewertet werden sollte, denn als tatsächliche integrative Therapieform. Zudem steht eine entsprechende wissenschaftliche Begleitforschung der IKVT meines Wissens nach auch noch aus. Ihre praktische Nützlichkeit bleibt davon jedoch unberührt.

Fazit

Insgesamt legt das Autor:innenteam eine gute theoretische und praxisorienterte Darstellung der IKVT vor. Sie erläutern das Vorgehen am Beispiel der in der Praxis häufig auftretenden Selbstwertproblematik in didaktisch hervorragender Art und Weise. Als evidenzbasiert kann das spezifische Vorgehen nicht gelten, allerdings ist die Kognitive VT, auf der es grundlegend basiert, eine der am besten untersuchten Therapieformen überhaupt.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 14.01.2022 zu: Harlich H. Stavemann, Andreas Scholz, Katrin Scholz: Integrative KVT bei Selbstwertproblemen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28479-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26823.php, Datum des Zugriffs 22.01.2022.


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