socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Irmgard Döringer, Barbara Rittmann: Autismus

Cover Irmgard Döringer, Barbara Rittmann: Autismus. Frühe Diagnose, Beratung und Therapie : Das Praxisbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 324 Seiten. ISBN 978-3-17-035163-9. 39,00 EUR.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783170268487. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783170330481.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Schwerpunktthema des Buches ist die Diagnostik und Therapie von jüngeren von Autismus betroffenen Kindern. Darüber hinaus werden theoretische Grundlagen vermittelt, die gut verständlich Einblick geben in den aktuellen Stand der Forschung. Es gibt Beiträge von der Mutter eines autistischen Kindes und zwei erwachsenen Autist*innen. Im Anhang sind nützliche Arbeitsblätter für die Arbeit mit Eltern, Listen zur Therapieraumausstattung und zu Therapiematerialien sowie weitere hilfreiche Hinweise zu finden. Das Buch richtet sich, wie dem Vorwort zu entnehmen ist, vor allem an Fachkräfte wie Erzieher*innen, Frühfördernde und Ärzt*innen. Doch gerade aufgrund der guten Lesbarkeit, der Fülle an hochaktuellen und wichtigen Informationen, die stets dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand entsprechen und der Vielfalt an Themen, profitieren meines Erachtens auch weitere Personengruppen von der Lektüre dieses Buches, wie z.B. Eltern, Fachkräfte, die mit erwachsenen Menschen mit Autismus arbeiten, Studierende oder Personen, die sich aus anderen Gründen für das Thema Autismus interessieren.

Herausgeber*innen

Irmgard Döringer ist Psychologin, Psychotherapeutin und Leiterin des Autismus-Therapieinstitutes Langen bei Frankfurt. Weiter ist sie Gründungsmitglied der Fachgruppe Therapie beim Bundesverband autismus Deutschland.

Barbara Rittmann ist Psychologin, Psychotherapeutin und Leiterin des Hamburger Autismus Institutes. Auch sie ist Gründungsmitglied der Fachgruppe Therapie beim Bundesverband autismus Deutschland.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus der Zusammenarbeit der Autorinnen im Rahmen der bundesweit vernetzten Autismus-Therapiezentren und der Fachgruppe Autismus-Therapie unter dem Dach des Bundesverbands autismus Deutschland e.V. entstanden. Ziel der beiden Autorinnen ist, dass betroffene Kinder schon möglichst frühzeitig diagnostiziert werden und sie und ihre Familien Zugang zu Therapieoptionen erhalten. Wie Andreas Riedel im Geleitwort schreibt, existiert eine hohe Zahl Autist*innen, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert würden und nun an „Sekundärschäden“ (S. 7) in Folge des unerkannten Autismus und der fehlenden frühen Förderung litten. Eine frühe Diagnose und Therapie könne dies verhindern. Hierzu möchte das vorliegende Werk einen Beitrag leisten.

Aufbau

Das Buch besteht aus 7 Teilen und einem Anhang. Auf das Autor*innenverzeichnis, das Geleitwort, das Vorwort sowie die Vorbemerkungen, u.a. zu Genderbezeichnungen und zum Autismusbegriff, folgt Teil 1. Dieser umfasst vier Beiträge zur frühen Diagnose und zur frühen Hilfe. Teil 2 widmet sich in acht Beiträgen theoretischen, jedoch durchaus praxisrelevanten Grundlagen. In Teil 3 geht es um die Grundlagen der Frühtherapie. Teil 4 befasst sich mit dem methodischen Vorgehen in der Frühtherapie, Teil 5 legt den Fokus auf eltern- und familienorientierte Interventionen. Teil 6 beschäftigt sich mit der Zusammenarbeit mit Kindergarten und Schule, in Teil 7 erfolgt ein Perspektivwechsel, zwei Menschen mit Autismus berichten von ihren Erfahrungen. Den Schluss bildet der Anhang mit vielen hilfreichen Materialien und weiterführenden Hinweisen.

Inhalt

Im Vorwort wird zum einen auf die Entstehung des Buches eingegangen, zum anderen stellen die Herausgeberinnen dar, dass sie eine ressourcenorientierte Grundhaltung vertreten und in ihrem therapeutischen Vorgehen mit Blick auf den Einzelfall abwägen, wie „eine gute Balance zwischen der Veränderung des Autismus beim Kind und den Notwendigkeiten, die Umfeldbedingungen an die Bedarfe des Kindes mit Autismus anzupassen“ (S. 13) gefunden werden könne. Weiter nehmen sie Begriffsklärungen vor.

Teil I ist überschrieben mit „Frühe Diagnose – frühe Hilfe“.

Zunächst widmet Irmgard Döringer sich in einem Aufsatz der Früherkennung von Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei geht sie auf aktuelle Studienergebnisse zur Früherkennung ein, stellt dar, dass Früherkennung wichtig ist, um möglichst frühzeitig adäquate Förderangebote anzubieten, benennt Früherkennungszeichen, die im Laufe der ersten 24 Monate auftreten und gibt einen Einblick in Screening-Instrumente.

Im zweiten Beitrag widmen sich Christine Teune und Stefanie Trikojat-Klein den Besonderheiten bei der Diagnosestellung, skizzieren den Ablauf der Diagnostik sowie deren wesentliche Bausteine, wie die Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen ADOS-2 und das ADI-R-Interview sowie die Entwicklungs- und kognitive Leistungsdiagnostik. Dabei gehen sie ein auf die Differenzierung zwischen „idiopathischem“ Autismus und „sekundärem“ oder „symptomatischem“ Autismus, also Symptombildern, die zwar Autismus gleichen, jedoch auf schwere Traumata oder schwere Deprivation zurückzuführen sind (S. 44–45). Ebenso wird erwähnt, dass Entwicklungs- und Leistungsdiagnostik zwar wichtig sei, jedoch nach Kenntnis der Autorinnen noch kein Verfahren vorläge, „das unter Rücksichtnahme auf autismusspezifische Verhaltensweisen Leistung und Entwicklung normiert messen lässt“ (S. 48).

Der dritte Beitrag ist ebenfalls von Irmgard Döringer verfasst worden und befasst sich mit Komorbiditäten, wie psychischen und neurologischen Begleiterkrankungen sowie Intelligenzminderung und mit Differenzialdiagnostik. Hier wird insbesondere auf Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung sowie Verhaltensstörungen eingegangen.

Teil I schließt mit einem Beitrag von Bärbel Wohlleben, die in den Bereichen motorische Entwicklung, Wahrnehmungsentwicklung, kognitive Entwicklung, Sprach- und Sprechentwicklung sowie sozio-emotionale Entwicklung die typischen Entwicklungsschritte eines Kindes „bis zum Vorschulalter skizziert und zu der Entwicklung des Kindes aus dem Autimus-Spektrum in Beziehung“ setzt (S. 53).

Teil II ist überschrieben mit „Theorie für die Praxis“.

Den Beginn dieses Teils stellt der Aufsatz von Wolfgang Rickert-Bolg dar, der sich ethischen Überlegungen zu autismusspezifischen, therapeutischen Frühinterventionen zuwendet. Der Autor weist darauf hin, dass es eine große Vielfalt an Beratungs- und Therapieangeboten gebe, die z.T. kontrovers diskutiert würden. Wichtig sei bei der Wahl einer Therapiemethode, das konkrete Kind und das Therapieziel vor Augen zu haben, denn Methoden „sind per se weder gut noch schlecht, vergleichbar einem Teich, in dem ich schwimmen, aber auch ertrinken kann“ (S. 66). Weiter geht er ein auf die ethischen Grundprinzipien der Autismus-Therapiezentren des Bundesverbandes autismus-Deutschland.

Der 6. Aufsatz wurde von Barbara Rittmann verfasst und wendet sich Vorkommen, Geschlechterverteilung und Ursachen zu. Kompetent, gut verständlich und ausgehend vom aktuellen Stand der Forschung beschreibt sie u.a., dass Autismus keine „Modediagnose“ sei, sondern Verbesserungen im Bereich der Diagnostik dazu geführt hätten, dass Autismus häufiger erkannt werde. In Bezug auf die Geschlechterverteilung stellt sie dar, dass Mädchen und Frauen oftmals autistische Auffälligkeiten besser kompensieren können als Jungen und Männer, und daher seltener als autistisch disgnostiziert würden. Hinsichtlich der Ursachen führt sie mögliche genetische Faktoren und Umweltfaktoren nebst Wechselwirkungen mit somatischen Erkrankungen, Auffälligkeiten der Hirnstruktur und den Hirnfunktionen sowie biochemischen Abweichungen an und stellt daraus hervorgehende neuropsychologischen Beeinträchtigungen dar. Letztere beträfen vor allem die exekutiven Funktionen, die Theory of Mind und die zentrale Kohärenz.

Im 7. Beitrag zeigt Susanne Lamaye auf, wie systemisches Arbeiten in der Frühtherapie von Kindern mit Autismus dazu beitragen kann, den Blick über das Kind hinaus auf die es umgebenden Systeme zu weiten.

Im 8. Beitrag befasst sich Irmgard Döringer mit Bindung und Autismus. Sie zeigt auf, welche Besonderheiten bei autistischen Kindern bestehen und welche Unterstützung Eltern autistischer Kinder benötigen, um die Bindung zu ihrem Kind zu verbessern.

Den kindlichen Bedürfnissen junger Menschen mit Autismus geht Barbara Rittmann nach. Dabei geht sie ein auf Grundbedürfnisse wie Bindung, Autonomie, Selbstwert, Spiel, Freude, Lustgewinn und Konsistenz, Identitätserleben und Struktur.

Wie im Rahmen der Frühtherapie die Motivation zum sozialen Lernen gesteigert werden kann, stellt Barbara Rittmann im 10. Beitrag dar.

Der darauffolgende Beitrag ist von der gleichen Autorin verfasst und stellt in einer übersichtlichen Tabelle die neurotypische Entwicklung eines Kindes, der eines Kindes mit Autismus gegenüber. Dabei wird deutlich, mit welchen besonderen Entwicklungsaufgaben sich autistische Kinder und ihre Eltern konfrontiert sehen.

Feinfühlig setzt sich Oliver Eberhardt in seinem Aufsatz mit den Beziehungsbedürfnisse von Eltern autistischer Kinder auseinander. Er zeigt auf, dass es diesen Kindern in der Regel schwerfällt, zu den Eltern emotionale Beziehungen aufzubauen, und dass dies für die Eltern belastend sein kann. Auch sehen sich diese Eltern mit anderen Erziehungsfragen konfrontiert als Eltern neurotypischer Kinder. Aus diesen und anderen Faktoren entstünde eine hohe Dauerbelastung, die bei den Eltern zu psychosomatischen Beschwerden führen könne. Weiterhin geht der Autor detailliert auf verschiedene elterlichen Beziehungsbedürfnisse ein.

Teil III trägt die Überschrift „Grundlagen der Frühtherapie“ und umfasst zwei Aufsätze.

Im ersten verortet Barbara Rittmann die Frühtherapie im therapeutischen Gesamtkonzept. Dabei geht sie zunächst auf die drei Säulen der Autismus-Frühtherapie ein: Die Therapie des Kindes, die Beratung und Anleitung der Eltern und die Beratung und Anleitung des Umfeldes. Hier gelte es zu prüfen, welche Ressourcen bestehen und auf diese aufbauend die Therapie zu planen. Weiter stellt sie dar, welche Bedeutung die Frühtherapie für die Teilhabe und eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität habe.

Der 14. Aufsatz wurde von der gleichen Autorin verfasst wie der vorherige und widmet sich den Rahmenbedingungen der Autismus-Frühtherapie, also den rechtlichen Grundlagen, Beginn, Frequenz und Dauer, Setting und Qualifikation der Therapeuten, den Räumen und deren Ausstattung und dem Ablauf einer Frühtherapieeinheit.

Teil IV ist überschrieben mit „Methodisches Vorgehen in der Frühtherapie beim Kind“.

Dieser Teil beginnt mit einem Artikel von Barbara Rittmann, in dem sie Basismethoden vorstellt, im Einzelnen das Early Start Denver Modell, die Relationship Development Intervention, die Differenzielle Beziehungstherapie, die Aufmerksamkeits-Interaktions-Therapie und die Strukturierungs- und Visualisierungshilfen nach TEACCH.

Die gleiche Autorin hat auch die folgenden drei Beiträge verfasst. Im 16. Beitrag geht sie darauf ein, wie Therapieplanung erfolgen kann und wie Methoden der Evaluation aussehen können. Im 17. Beitrag wendet sie sich dem Behandlungsbeginn zu, und im 18. den Entwicklungsbereichen und Interventionen. Letzteres beträfe vor allem die Förderung des Imitations- und Spielverhaltens, der nonverbalen und verbalen Kommunikation, der Selbstständigkeit sowie der Stressbewältigung und der emotionalen Entwicklung.

Magdalena Aschermann wendet sich im 19. Beitrag dem TEACCH-Ansatz und den Methoden der Unterstützten Kommunikation zu. Dabei geht sie ein auf körpereigene Kommunikationsformen, z.B. Gebärden, körperferne, nicht elektronische- und elektronische Kommunikationshilfen.

Das bisher Beschriebene wird im darauffolgenden Beitrag anhand eines praktischen Beispiels veranschaulicht. Swantje Conev beschreibt die Frühtherapie des zu Beginn des Frühförderungsprogrammes knapp drei Jahre alten Henri und wie seine Eltern hierbei einbezogen wurden.

Teil V handelt von Eltern- und Familienorientierten Interventionen.

Den Anfang macht ein Artikel von Barbara Rittmann zur Elternberatung. Zunächst stellt sie dar, dass Elternberatung in unterschiedlichen Settings erfolgen könne, nämlich im Rahmen eines informellen Austausches oder als geplantes Elterngespräch. Danach stellt sie zentrale Themen der Elternberatung vor, so z.B. die Psychoedukation, die Verarbeitung der Autismusdiagnose, die Interaktionsanleitung und die Selbstfürsorge der Eltern. Sie endet mit Ausführungen zu besonderen Beratungssituationen, konkret der Beratung von Eltern in Trennungssituationen und Alleinerziehenden sowie von Eltern mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung.

Im 22. Beitrag wird von Martina Andiel-Herche und Susanne Lamaye mit Marte Meo ein Beratungsangebot vorgestellt, das mit Videoaufnahmen der Interaktion und Kommunikation von Eltern mit ihrem autistischen Kind arbeitet, mit dem Ziel, Interaktion und Kommunikation zu verbessern. Dies wird verständlich anhand eines konkreten Fallbeispiels dargestellt.

Anschaulich und konkret wird es auch in dem Aufsatz von Susanne Lamaye zum Elterntraining in der Frühtherapie. Besonders wertvoll ist hierbei die Darstellung der Inhalte von sechs Elterngruppenstunden, in denen den Eltern auf spielerische Weise ermöglicht wird, Einblick in die Lebenswelt ihres autistischen Kindes zu bekommen. So erhält z.B. ein Teil der Eltern beim Elterntraining den Auftrag, mit Instrumenten Geräusche zu erzeugen, andere Eltern werfen sich im Stuhlkreis Bälle zu, während ein weiterer Teil einen vom Therapeuten diktierten Text mit der Nicht-Schreibhand in ein Buch schreiben soll. Anhand der dadurch möglichen, eigenen Erfahrung mit Reizüberflutung, reflektieren die Eltern, welche Gefühle und Reaktionen diese Übung bei ihnen ausgelöst hat.

Wolfgang Rickert-Bolg stellt in einem Beitrag zu der eher selten thematisierten Problematik des Umgangs mit autistischem Kontrollverhalten im Kleinkindalter dar, dass Kontrollverhalten zunächst eine autistische Bewältigungsstrategie sei und darauf abziele, Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Handlungsstrategien, wie Verminderung der Komplexität, der Aufbau von Bindung, Hinführung zur Kooperation und Partizipation könnten helfen, dass diese Bedürfnisse befriedigt werden ohne dass es zu massiven Beeinträchtigungen im Alltag komme.

Im 25. Beitrag schildert die Mutter eines autistischen Kindes, Deborah Arden, ihre Geschichte und lässt den*die Leser*in an ihren Erfahrungen teilhaben.

Mit der Situation der Geschwister autistischer Kinder befasst sich Oliver Eberhardt im 26. Beitrag. Dabei führt er auch originelle Vorschläge an, wie z.B., dass die Geschwister im Sinne eines „Nachteilsausgleich“ Zeit allein mit ihren Eltern haben sollten, wo sie und ihre Bedürfnisse und Interessen im Mittelpunkt stehen sollten, und nicht wie so oft die des autistischen Kindes.

Teil VI handelt von der Zusammenarbeit mit Kindergarten und Schule.

Den Beginn macht ein Aufsatz von Barbara Rittmann in dem sie aufzeigt, wie ein Autismusverdacht in der Kita angesprochen werden könne. Dabei lotet sie sowohl Möglichkeiten als auch Grenzen aus und beschreibt, an welche Stellen die Eltern zur weiteren Abklärung verwiesen werden könnten.

Lars Zacher befasst sich in seinem Beitrag mit guten Rahmenbedingungen in der Kita. Dabei nimmt er die verschiedenen Elemente des Kitaalltags in den Blick (Essen, Tagesstruktur, Freispiel etc.), gibt durch Fotos Einblicke, wie die visuelle Strukturierung, z.B. von Ordnungssystemen und Handlungsabläufen, gut nachvollziehbar dargestellt werden könne und befasst sich mit Themen wie Gruppengröße, personellen Rahmenbedingungen und der Notwendigkeit des interdisziplinären Austauschs.

In Form eines Interviews mit Sabine Will, der stellvertretenden Schulleiterin der Grundschule Max-Eichholz-Ring in Hamburg, zeigt Barbara Rittmann Einblick ein best pratice Beispiel eines gelungenen Übergangs von der Kita in die Grundschule.

In Teil VII wird ein Perspektivwechsel vorgenommen.

Zwei Erwachsene mit Autismusdiagnose, Christine Preißmann und Johannes Courant, geben Einblick in ihre Kindheit mit Autismus und wie der Autismus und insbesondere die späte, erst im Erwachsenenalter erfolgte, Diagnose ihr Leben beeinflusst hätten.

Das Buch endet mit einem umfangreichen Anhang, der einerseits Arbeitsblätter und Materialien beinhaltet, die in den einzelnen Kapiteln erwähnt wurden, und andererseits nützliche Hinweise zu Therapiematerialien, Autismus-Literatur u.ä. enthält.

Diskussion

In meinen Augen ist dieses Buch eine der wertvollsten Neuerscheinungen zum Thema Autismus in den letzten Jahren. Es bedient die Bedürfnisse einer recht heterogenen Leser*innengruppe. Somit kann diese Literatur sowohl für Eltern eines gerade erst mit Autismus diagnostizierten Kindes eine Hilfestellung hinsichtlich der Wahl einer geeigneten Förderung und Therapie sein. Aber auch Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Autismuszentren und kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen erhalten wichtige Impulse für ihre Arbeit.

Besonders hervorzuheben ist die wissenschaftliche Aktualität der gut recherchierten Beiträge dieses Werkes. Genauso, dass auch kontroverse Themen sachlich und nüchtern diskutiert werden (z.B. unterschiedliche Therapieansätze) und einzelne Autor*innen sich mit Themen befassen, die trotz ihrer hohen Wichtigkeit in der Fachliteratur oft zu kurz kommen. Hier sei exemplarisch der Beitrag von Wolfgang Rickert-Bolg zum autistischen Kontrollverhalten angeführt. Von so manchem*mancher Autor*in würde ich mir wünschen, dass er*sie es nicht bei einem oft nur wenige Seiten umfassenden Beitrag belässt, sondern Leser*innen in Form eines Buches an seinem*ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lässt.

Meines Erachtens ist es eher selten, dass erfahrene Praktiker*innen die Zeit finden bzw. sie sich nehmen, um von ihrem Arbeiten und Vorgehen zu berichten. Umso erfreulicher ist, dass dies bei diesem Buch der Fall ist.

Begrüßenswert wäre aus meiner Sicht ein Folgeband, der sich genauso erfahren und kompetent mit der Diagnose, Beratung und Therapie älterer autistischer Kinder, Jugendlicher und Erwachsener befasst. Dass es hier einen hohen Bedarf gibt, lässt sich nicht zuletzt den beiden Beiträgen der im Erwachsenenalter mit Autimus diagnostizierten Betroffenen entnehmen.

Fazit

Das Buch mit den Titel „Autismus. Frühe Diagnose, Beratung und Therapie. Das Praxisbuch“, herausgegeben von Irmgard Döringer und Barbara Rittmann, hält, was es verspricht: Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. In insgesamt 31 Beiträgen widmen sich Autor*innen u.a. Fragen zur Diagnostik, zu Theorien, zu Methoden und zur Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Sämtliche relevante Themengebiete werden dabei abgedeckt. Das Buch überzeugt durch seine Aktualität, durch die fachliche Kompetenz der Autor*innen und die vielen konkreten und gut verständlichen Praxisbeispiele.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig in der stationären Behindertenhilfe
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Franziska Günauer anzeigen.


Zitiervorschlag
Franziska Günauer. Rezension vom 06.01.2021 zu: Irmgard Döringer, Barbara Rittmann: Autismus. Frühe Diagnose, Beratung und Therapie : Das Praxisbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-035163-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26833.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht