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Nicole Weider: Teamarbeit im Krankenhaus

Cover Nicole Weider: Teamarbeit im Krankenhaus. Handlungswissen für erfolgreiche Zusammenarbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 194 Seiten. ISBN 978-3-17-033100-6. 25,00 EUR.
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Autorin

Nicole Weider ist Marketing- und Kommunikationsökonomin (VWA) und systemische Organisationsberaterin. Im Jahr 2009 hat sie ihr Beratungsunternehmen »Kommunikation im Gesundheitswesen« gegründet.

Entstehungshintergrund

In ihrem Vorwort »Willkommen im 21. Jahrhundert!«, welches es nebenbei bemerkt bereits seit 20 Jahre gibt, begründet die Autorin, warum das System Krankenhaus ihrer Meinung nach aus dem Gleichgewicht gerät. Ursachen sind die bekannten Megatrends wie demographischer Wandel, steigende Qualitätsansprüche und zunehmende Personalkosten, die ergänzt werden um das Krankenhaus 4.0, Robotik und Künstliche Intelligenz. Diese Trends würden den Klinikalltag überschatten. Um diese Herausforderungen zu meistern, empfiehlt die Autorin Teamarbeit im Krankenhaus.

Aufbau

Das Buch ist ein reines Textbuch. Teilweise gibt es Kästen, in denen Beispiele wiedergegeben werden. Tabellen und »Praxisbeispiele« sind durch graue Unterlegungen kenntlich gemacht. Verweise auf andere Kapitel oder Abbildungen sind durch ein vorangestelltes Dreieck gekennzeichnet. Mit »Katja« und »Meik« gibt es zwei Protagonisten im Buch, welche die Praxis aufzeigen sollen.

Inhalt

Das »Vorwort« lautet »Willkommen im 21. Jahrhundert!« und erläutert, was den Leser im Buch erwartet. Zudem wird die Einstellung der Autorin zum Thema angerissen und anhand von zwei Beispielen verdeutlicht.

Kapitel 1 »Die Bedeutung von guter Teamarbeit im Krankenhaus«. Hierin wird das Ziel definiert: »Im Markt zu überleben heißt Mitarbeiter begeistern!« Dazu werden Empfehlungen gegeben wie »Informationen müssen fließen, um Vertrauen aufzubauen«, »Zusammen ist man nicht allein!«, »Vom Silodenken zum Big Picture« oder »Nur was innen glänzt, kann außen funkeln«. Weitere Themen sind der Fachkräftemangel und eine schrittweise Anleitung, wie man die eigenen Stärken vermarktet.

Kapitel 2 »Stationen erfolgreich führen: Voraussetzungen, Anforderungen und Eigenschaften«. Dieses Kapitel beginnt historisch mit der Rolle der Stationsleitung im Wandel der Zeit, die vom Bett zum Schreibtisch führt. Danach beschreibt die Autorin die »Anforderungen einer guten Führungskraft« (?) sowie deren »Eigenschaften«. Anschließend führt sie aus, was ihrer Meinung nach eine gute Unternehmenskultur und -struktur ausmacht.

Kapitel 3 »Informationen austauschen: Werkzeuge und Mechanismen für erfolgreiche Dialoge«. Zunächst wird erklärt, wie Kommunikation funktioniert inklusive der fünf Grundregeln. »Katja« und »Meik« lernen hierzu das Sender-Empfänger-Prinzip, das Eisbergmodell und das Vier-Ohren-Modell sowie, was verbale und nonverbale Kommunikationen sind. Damit sollten sie dann in der Lage sein, »Krisen und Konflikte frühzeitig zu erkennen« und »Ich-Botschaften« auszusenden.

Kapitel 4 »Mit dem Personal auskommen, das zur Verfügung steht«. Die Autorin weist darauf hin, wie schwer es ist, Fachpersonal zu bekommen. Problematisiert werden der Personalschlüssel, der anhand einiger Beispiele erläutert wird oder die Steuerung durch Mitarbeiterdialoge bis zum Diversity Management. Zu berücksichtigen ist, dass die Teams unterschiedliche Formen der Diversität, zum Beispiel in Bezug auf Alter, Herkunft und Qualifikationsstand aufweisen. Daher sollten neue Mitarbeiter zunächst eingearbeitet werden sollten, denn »der erste Eindruck zählt!« – auch wenn dies nicht immer gleich »Onboarding« ist.

Kapitel 5 »Die täglichen Herausforderungen meistern«. Das Kapitel beginnt mit einem Überlastungsbeispiel. Es folgt die Darstellung von Delegieren und Kontrollieren. Weitere Themen sind »Löcher stopfen und regelmäßige Personalausfälle kompensieren«, der »Ton die Musik macht« und »bewusstes und unbewusstes Fehlverhalten im Alltag«.

Kapitel 6 »Wir sitzen im gleichen Boot – Bereichsübergreifende Zusammenarbeit fördern und Teamstrukturen aufbauen«. Die Autorin will im »Königreich Krankenhaus: Hierarchien durchbrechen« und stützt sich hierfür ausschließlich auf eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Darauf basiert die Forderung nach Anpassung, »um im Markt zu überleben«. Das Kapitel endet mit »aktivem Zuhören« und dem Weg zur Teambildung.

Kapitel 7 »Ausblick und Trends«. Die Autorin beschreibt zunächst die Vorteile der ePA. In Kapitel 7.1 geht es dann um »Innovation, Revolution und Evolution!« und im Abschlusskapitel 7.2 um »Die Stationsleitung als Kommunikations-Manager«, in dem vor allem Tipps und Tricks geschildert werden.

Diskussion mit begründeter Bewertung

Dieses Buch reiht sich ein in eine lange Reihe der sogenannten »Ratgeber-Literatur«, in denen selbsternannte Experten ihre Einsichten und ihr Wissen weitergeben. Im Mittelpunkt steht je nach Duktus die Erfahrung oder die Praxis, die als Gegenmodell zur weltfremden Theorie gesehen wird. Auch dieses Buch scheint dazu zu gehören, rät die Autorin doch ihren Lesern: »Wenn es mal eng wird, hören Sie auf Ihr Bauchgefühl.«

Grundsätzlich ist gegen die Weitergabe von Erfahrungen nichts einzuwenden. Allerdings bleibt offen, woher die Praxiserfahrungen »aus Sicht der Stationsleitung« stammen, welche die Autorin weitergibt und ob diese Erfahrungen die tatsächlichen Bedingungen schildern. Vieles ist sehr allgemein gehalten ohne konkreten Bezug zum Krankenhaus. Insbesondere wird nicht deutlich, wie die Rahmenbedingungen einer sich ständig wandelnden Gesellschaft auf das Krankenhaus konkret auswirken. Sind es Herausforderungen und Chancen oder eher Risiken und Schwächungen? Auch wird nicht konkret ausgeführt, wie man diesen Herausforderungen gerecht werden kann. Nach Auffassung der Autorin vor allem dadurch, dass die Führungskraft eine persönliche Lebens- und Arbeitseinstellung mitbringt sowie Empathie besitzt. Letztlich reichen die Darstellungen nicht, um das Thema »Teamarbeit im Krankenhaus« zu begründen.

Die an verschiedenen Stellen dargestellte Unterordnung des Gesundheitswesens unter die marktwirtschaftlichen Mechanismen ist ebenso diskussionswürdig. In vielen Überschriften sind bereits Wertungen enthalten, die gar keinen Diskurs erlauben. Die Autorin bringt gesundheitspolitische Tatbestände ein, ohne sie auch nur ansatzweise kritisch zu reflektieren. Ein Beispiel ist die ePA, wobei nicht erläutert wird, dass dies die Abkürzung für elektronische Patientenakte ist. Auch wird nicht dargestellt, dass das Bundesministerium für Gesundheit einen Anteil von 51 % an der »gematik GmbH« hält, die sie entwickelt. Hier dürften sich viele Datenschützer erschrecken, wenn zukünftig alle gesundheitsbezogenen Dokumente lebenslang gespeichert werden müssen. Wenn schon derartig gravierende Eingriffe in die Grundrechte in den Text aufgenommen werden, dann sollte die Autorin hierzu eine kritische Distanz wahren und zumindest die Risiken nennen.

Störend sind auch formale Fehler, so fehlt zum Beispiel nach Kapitel 5.1.1 ein Kapitel 5.1.2, oder die »Teamuhr von Tuckmann«, der nur mit einem »n« geschrieben wird. Hinzu kommen zahlreiche semantische Ungenauigkeiten, zum Beispiel, dass man im selben und nicht im gleichen Boot sitzt. Oder die Frage, wie Krankenhäuser verstanden werden: mal werden sie als System und dann wieder als Unternehmen bezeichnet. Und während sich die Managementliteratur seit Jahrzehnten damit herumquält, eine »gute Führungskraft« zu definieren, beschreibt die Autorin sie einfach. Die zahlreichen plakativen Äußerungen, die oft bis zur Banalität richtig und oberflächlich sind, lassen erhebliche Zweifel in der inhaltlichen Aussagekraft zu.

Insgesamt fehlt die Fundierung und Einordnung in ein schlüssiges und logisches Konzept. Die Themen der einzelnen Kapitel lassen eine Stringenz nur schwer erkennen. Auch die innere Logik vieler Kapitel erschließt sich oft nicht. Daher bleibt es bei einer Aneinanderreihung von Themen, welche die Autorin als bedeutsam ansieht, ohne dass dies begründet wird. Obwohl es ein durchaus umfangreiches Literaturverzeichnis gibt, finden sich im Text nur wenige Quellenangaben und oft wird zu einem Thema auch nur eine Quelle genannt.

Fazit

Alles ganz einfach und praktisch, so stellt die Autorin komplexe Sachverhalte oft dar. Eine Diskussion oder zumindest die Infragestellung von Aussagen erfolgen nicht, sondern es gibt meist die eine, unumstößliche Wahrheit. Die Einleitung endet dann auch folgerichtig mit dem Hinweis, dass im Buch »Ratschläge und Tipps« gegeben werden. Es ist also nicht eine fundierte, wissenschaftlich begründete Analyse der Teamarbeit unter den besonderen Bedingungen des Krankenhauses, sondern ein Ratgeberbuch, das auf den Erfahrungen der Autorin basiert. Daher kann das Buch nur für jene Leser Sinn machen, die sich bisher sich noch nie mit dem Thema Teamarbeit auseinandersetzen mussten – auch weil es relativ dünn und einfach geschrieben ist.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 12.06.2020 zu: Nicole Weider: Teamarbeit im Krankenhaus. Handlungswissen für erfolgreiche Zusammenarbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-033100-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26834.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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