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Julian Valentin Möhring: Vertraute Stabilität

Rezensiert von Prof. Kurt Witterstätter, 30.03.2022

Cover Julian Valentin Möhring: Vertraute Stabilität ISBN 978-3-95832-211-0

Julian Valentin Möhring: Vertraute Stabilität. Zur trügerischen Ruhe des Vertrauens im Prozess sozialer Verflechtung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 357 Seiten. ISBN 978-3-95832-211-0. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Thema

In der von Zukunftsängsten besetzten, von zunehmender Vereinzelung geprägten postindustriellen und säkularisierten Moderne gewinnt das Moment des Vertrauens in den Mitmenschen einen besonderen Stellenwert. Die geschichts- und sozialwissenschaftlich breit angelegte Frankfurter Dissertation Julian Valentin Möhrings „Vertraute Stabilität. Zur trügerischen Ruhe des Vertrauens im Prozess sozialer Verflechtung“ begegnet somit einem hohen Interesse. Die bei Velbrück Wissenschaft in Weilerswist verlegte 357seitige Schrift nähert sich dem Vertrauen von ego in alter von seiner historisch gewachsenen, sozial-kognitiven Formierung her. Risiken abfedern kann der moderne Mensch nur mittels der gewachsenen sozialen Figurationen, in deren Verflechtung er sich eingebunden weiss.

Autor

Julian Valentin Möhring ist am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt nach einem Aufenthalt an der École des Hautes Études en Sciences Sociales EHESS Paris zum Dr. phil. promoviert worden. Er arbeitet als Dozent und in einem Projekt an der Justus-Liebig-Universität Giessen.

Inhalte im allgemeinen

Möhrings Untersuchung des zwischenmenschlichen Vertrauens stösst über die historischen Herleitungen des Wandels von vor-aufklärerischer, obrigkeitlich verordneter, noch sehr lückenhafter Sicherheit zum gegenseitig individuell erstrebten und garantierten Vertrauen gegenüber Unsicherheit und Risiko-Zuschlag vor. Der Autor untersucht Bedingungen für dieses teils gelingende Vertrauen in seinen gegenseitigen Verflechtungen der jeweiligen Lebensvollzüge in den sozial entstandenen, aber sich stets auch wandelnden Alltags-Figurationen. Diese multi-disziplinär breit geschilderten Wandlungen der Vertrauens-Bildung umfassen in den sieben Kapiteln der Dissertation sowohl die individuellen Vorleistungen zur Risiko-Abwehr im Sinn von Niklas Luhmanns System-Dichotomie zwischen „vertraut“ und „fremd“ als auch die historisch abgeleitete Sozialfigurations-Genese von Norbert Elias mit der gewachsenen Möglichkeit zur zivilisatorischen Verflechtung der Individuen zu ihrer gemeinsamen Abwehr von Unglück und Deprivation über die soziale Verbindung aufeinander Angewiesener. Denn Luhmanns Systemstabilität garantiert nicht in jedem Fall Herrschafts-Legitimation. Hier ist der moralphilosophische Ort für die Verflechtung der an Care-Zielen arbeitenden, um der Sache willen aufeinander angewiesener und gegenseitiges Vertrauen generierender Akteure.

Inhalte im einzelnen

Die „Vertraute Stabilität“ Julian Valentin Möhrings umfasst sieben Kapitel.

1. Es soll nicht aufhören! Vertrauen als Prozess

Während für Luhmanns Akteure beim Miteinander-Agieren ein Restrisiko der Enttäuschung verbleibt, ist die Vertrauens-Gesellschaft für Norbert Elias historisch zu einer Verflechtungs-Sozietät gewachsen, die ursprünglich von Makro-Instituten wie Staat und Kirche garantiert war, sich in der Neuzeit aber in die Individuen mit Selbstkontrolle verlagert. Hilfreich erscheinen Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch), Treue und Solidarität. Ambivalenzen ergeben sich in positiven Netzwerk-Verflechtungen einerseits, andererseits aber auch über Entfremdung wegen zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber wachsender Ungleichheit.

2. Die Erwartung des Vertrauten

Im Anschluss an die Philosophie Rudolph Schottlaenders macht Niklas Luhmann das Vertrauen systemisch an einer Vorleistung in Risiko fest. Darüber hinaus werden weitere Elemente für Vertrauen eingeführt wie Netzwerke, Routinen, Geschmack, Habitus, Systemkopplungen und Symbole. So ist reflexives Vertrauen keine alleinige Steuerungsinstanz der Moderne, die durchaus kohärente und konstante Handlungskonzepte mit wohlwollenden Akteuren bereit hält. Überlagert werden kann Vertrauen aber durch psychische Krisen im einzelnen, die mit Empathie des Umfelds zu überwinden sind. Wichtig ist nach Barbara Misztal die Herausbildung einer gesunden Ich-Identität per Familie, Freundschaft und Clique

3. Ambivalenz und Wandel der Vertrauenssemantik

Vertrauen hat sich historisch gewandelt von blindem Gehorsam für einen Herrscher von Gottes Gnaden zu aufgeklärtem Hinterfragen von Autoritäten mit möglichem Aufkündigen der Gefolgschaft. Diese kritische Haltung macht sich historisch in immer mehr Bereichen breit als Fragestellung nach der Legitimität von Herrschaft in Politik, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Gesundheitssystem.

4. Akzeptierte Verletzbarkeit und Praxis des Vertrauensbildung

In den Wechselbeziehungen zwischen System und Umwelt bedarf es über Vertrauen der Herausarbeitung emanzipatorischer Potenziale etwa zur Lösung von Benachteiligungen und zur Care-Arbeit. Hier werden die philosophischen Ansätze von Annette Baier – gemeinsames Aufeinander-Angewiesen-Sein – und von Martin Hartmann – gemeinsam erworbene Güter – der dagegen doch statischen Systemtheorie gegenüber gestellt. Auf individuellen, verbundenen Haltungen liegt der Fokus stärker als auf Systemzwängen mit der blossen Alternative „vertraut“ versus „fremd“.

5. Vertrauen im Prozess der Zivilisation

Historisch-prozesshafte Entwicklungen und gegenseitige Beeinflussungen und Verflechtungen der Akteure bei zivilisatorischen Modifikationsprozessen lassen Niklas Luhmanns duales Schema von „vertraut“ gegen „fremd“ als statisch erscheinen. Die Wandlungen sind bereits in Rudolph Schottlaenders Vertrauens-Anpassung und in Norbert Elias' Figurations-Wechseln angelegt. Vertrauen benötigt Ich-Wir-Balance. Prozess-soziologisch werden wesentlich zwischenmenschliche Verflechtungen von Ideen und an Gütern; sie bewirken den Wandel von Figurationen, etwa von der vor-aufklärerischen Lakaien-Treue zum Vertrauen zwischen Gleichgeordneten. Kooperationen der Akteure machen mittels ihres Interdependenz-Geflechts Gesellschaft aus. Das Ergebnis solcher Verflechtungsprozesse ist Vertrauen: Dieses Vertrauen erzeugt stabile und tragfähige Beziehungen. Es vermag auch, die Scham wegen zu leichtfertigen Eingehens von Risiken abzubauen. Auch Angst verhindert das Abgeben und Einräumen von Vertrauen. Vertrauen wird immer wirksam, wenn sich im Zivilisationsprozess in die Zukunft gerichtete Perspektiven ergeben.

6. Die symbolische Stabilität des Vertrauens

Symbol und Vertrauen entwickeln sich gleichgerichtet und setzen auf Stabilität, Intersubjektivität und Institutionalisierung. Symbole vermögen die gesamtgesellschaftlich hergestellte Sicherheit auf die individuell subjektive Ebene zu bringen. Sie wehren der Entfremdung. Symbole sind handlungsleitende Präfigurationen und haben ihren Ursprung in der vor-operationalen Kindheitsphase. Nach Jacques Lacan können sie aus dem Unterbewussten hervor treten, soweit in der therapeutischen Behandlung Blockaden gelöst werden. Da sich die Inhalte von Symbolen im Zivilisationsprozess ändern können, bleibt ihre Vertrauensbasis schwankend. In späteren Entwicklungsphasen wird Vertrauen per Symbol durch Wissen ergänzt. Symbole durchdringen die sozialen Institutionen und ermöglichen ihnen einen sie stabilisierenden Wandel, wodurch Vertrauen und Sicherheit entstehen.

7. Ausblick: Vertrauen im Umgang mit Angst und Entfremdung

Angst als Reaktion auf Gefahren verlangt nach ihrer Auflösung. Routinen mögen abhelfen, auch Gruppen, soziale Stabilität und Erfahrung. Es besteht aber die Gefahr leerer Betriebsamkeit, „rasenden Stillstands“, weil man automatisch mitagiert. Man fürchtet, den Ansprüchen anderer und seiner selbst an sich nicht zu genügen. Es kommt über die gesellschaftliche Atomisierung zur Angst vor Vereinzelung und Einsamkeit, die Aufbruch und neu eröffnete Spielräume zur Einbindung benötigt.

Gegen Entfremdung hilft das Sich-Zu-Eigen-Gemachte nach aussen zu kehren, zu offenbaren, was sozialen Zusammenhalt befördert. Ansonsten droht Authentizitäts-Verlust mit schwindendem Vertrauen in die eigene Verflechtung. Solchem Vertrauensverlust ist mit Rahel Jaeggi nur mit neuen Beziehungen zu begegnen, um Vertrauen zurück zu gewinnen und sich Neues zu eigen zu machen; Voraussetzung dafür ist zuversichtliche Selbst-Aneignung seiner Wünsche und Erwartungen.

Diskussion

Zwischen zwei sichernden Typisierungen sieht Julian Valentin Möhring die Sicherheit des modernen, oftmals aus sichernden Stützungen heraus gefallenen, „unbehausten“ Menschen angesiedelt: Vertrauen mag ihm in seiner Losgebundenheit zum einen der Typus riskanter Vorleistung geben in dafür geschaffenen Systemen wie Versicherungen, Gewährleistungen oder Spiel-Einsätzen. Zu anderen bietet sich der Typus zivilisatorischer, sozialer Figurationen mit anderen, gleichfalls Unbehausten an. Möhring legt den Akzent seiner Abhandlung zu vertrauender Stabilität im Anschluss an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias auf die auch in der Moderne immer noch existierenden sozialen Verflechtungen. Im Ergebnis sieht der Autor den modernen Menschen weniger von Risiken seines ihm Schlechtes antuenden Umfeldes als von Entfremdung, Sinnentleerung und Identitätsverlust bedroht. Hilfen geben können dabei Verflechtungen mit anderen Bedrohten, Schaffen neuer Beziehungen und Verbleiben in der eigenen Identität, die bei Angst und Entfremdung nach außen zu kehren wäre. Solche gestaltete Sozietalität gelte es aufrecht zu erhalten und zu beleben.

Vorgelegt wird eine multi-disziplinäre Literatur-Arbeit, keine empirische Studie. Sie zeugt von einer hohen Belesenheit des Autoren gerade auch in der englischsprachigen und französischen Fachliteratur. Wobei der Autor neben der eigentlich sozialwissenschaftlichen, soziologischen, psychologischen, psychoanalytischen und wirtschaftswissenschaftlichen Literatur auch aus sozialphilosophischen und geschichtswissenschaftlichen Quellen schöpft. Durch diese Viel-Disziplinarität ist das Buch nicht leicht zu lesen. Der Leser benötigt ein gerüttelt Mass an sozialwissenschaftlichem, philosophischem und historischem Vorwissen, um den hermeneutischen Gedankengängen Möhrings zu folgen.

Hilfreich ist eine in den Anhang genommene achtteilige Ergänzung Möhrings mit weiteren Erläuterungen seiner Herleitungen zu sozialen Prozessen, der Position Niklas Luhmanns, zum riskanten Vertrauen, zu Stabilität und Kooperation sowie zu den Grenzen der Gemeinschaft.

Der Verfasser begründet seine Abstinenz einer empirischen Abstützung seiner Erkenntnisse mit dem Argument, Vertrauen entziehe sich mit seinem stetigen Wandel dem empirischen Zugriff (Seite 187). Dagegen kann man einwenden, dass es ja Verlaufs-Untersuchungen mit Zeitpunkt-Items gäbe.

Einige Passagen der Arbeit erscheinen zu weitschweifig. So ufert in Kapitel 5.4 die emanzipierende Genese des Vertrauens zu weit aus hin zu allgemeinen, historischen Verhaltens-Beschreibungen. Überhaupt nehmen die historischen Herleitungen von Vertrauen unter ständischem Treue- und Gottvertrauen-Verhalten einen zu grossen Raum ein. Die breite Darstellung der Studie von Norbert Elias über die Konflikte eines Dorfes zwischen Alteingesessenen und Neubürgern in Kapitel 5.5 ist angesichts der allgegenwärtigen geographischen Mobilität und Migration nicht mehr aktuell. Auch scheint die Würdigung des Werks von Norbert Elias mit der Widmung des eigenen Kapitels 5.7 überzogen.

Die psychoanalytischen Herleitungen der Zusammenhänge zwischen Symbolik und Vertrauen in Kapitel 6.2 rekurrieren zu stark auf therapeutische Sitzungen und verlieren so an Allgemeingültigkeit. Fraglich bleibt auch, ob Rückblenden in vor-operationale Phasen der Kindheit aus Therapie-Settings allgemeine Aussagen über den Zusammenhang zwischen Symbolen und Vertrauen erlauben, wie sie der Verfasser in Kapitel 6 trifft.

Fazit

Die auf breiter Literatur-Recherche fussende Arbeit Julian Valenin Möhrings zum sozialen Vertrauen ist von hohem wissenschaflichem Wert. Der Akzent der als sensibel angesehenen Vertrauens-Findung liegt auf der zwischenmenschlichen Symbolik und den sozialen Verflechtungen. Die Studie setzt zum gewinnbringenden Durcharbeiten sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Vorkenntnisse voraus.

Rezension von
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Es gibt 98 Rezensionen von Kurt Witterstätter.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 30.03.2022 zu: Julian Valentin Möhring: Vertraute Stabilität. Zur trügerischen Ruhe des Vertrauens im Prozess sozialer Verflechtung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-211-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26837.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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