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Myriam Revault d´Allonnes: Brüchige Wahrheit

Cover Myriam Revault d´Allonnes: Brüchige Wahrheit. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. 128 Seiten. ISBN 978-3-86854-337-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Gegenstand des Essays sind die Wahrheit in der Politik und die möglichen Folgen ihrer Aushöhlung.

AutorIn

Myriam Rvault d’Allonnes ist eine emeritierte Professorin für Philosophie, die an der École pratique des hautes études (EPHE), Paris, unterrichtet und v.a. zu Themen der politischen Philosophie publiziert hat.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt der Autorin ist die Entscheidung des Oxford Dictionary, das Wort „post-truth“ zum internationalen Wort des Jahres 2016 zu erklären. Zur Erinnerung: 2016 war das Jahr, in dem Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt und in einem Referendum der Austritt Großbritanniens aus der EU beschlossen wurde. Journalisten und Politiker, die sich für die Bildung der öffentlichen Gewissheiten und die Führung der Geschäfte zuständig fühlen, sahen sich mit den neuen sozialen Medien und dem „Ressentiment gegen die Macht der Eliten“ (12) konfrontiert.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung interpretiert die Ausgangslage. Wenn wir in einer Zeit der „Postwahrheit“ leben, wird die Unterscheidung von Wahr und Falsch bedeutungslos. Zur „Postwahrheit“ gehört auch das „Postfaktische“: „Störende oder unbequeme Wahrheiten werden in »Meinungen« verwandelt.“ (14; vgl. 74, 100). Daneben gibt es aber die Lüge, „genauer gesagt, die Fähigkeit, die faktische Wahrheit zu leugnen, zu negieren oder zu entstellen.“ (15). Da die Lüge, wie Hannah Arendt behauptet hatte, für die Fähigkeit zeugt, sich die Welt als anders vorzustellen als sie ist, und da diese Fähigkeit Voraussetzung allen Handelns als Weltveränderung ist, müsse, so Revault’d Alonnes, die Macht der Fiktion untersucht werden. Das klassische Beispiel handlungsmächtiger Fiktionen sind die Utopien und Dystopien, die eine Wirklichkeit als vorhanden gestalten, die es (noch) nicht gibt. Die entscheidende Frage aber sei, was die Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit eigentlich beeinträchtigt (12). Es ist, so lautet die zentrale These, die Gemeinsamkeit des Urteilens wie der sinnlichen Erfahrungen, also die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Welt (18).

Das relativ kurze erste Kapitel („Im Zeitalter des Post“, S. 19–32) geht zunächst der Frage nach, was das „Post“ in den Begriffsverbindungen wie Postmoderne, Postdemokratie oder Postpolitik bedeutet. Es gehe dabei keineswegs nur um die Feststellung eines zeitlichen „Nach“, sondern um die Behauptung eines Epochenbruchs. Kann man analog die These vertreten, dass „die Tatsache, dass die Wahrheit selbst als zweitrangig oder irrelevant bezeichnet werden kann, und sei es im politischen Bereich, einen entscheidenden Einschnitt“ markiert (25)? Dass wir also in einer Epoche der „Postwahrheit“ oder des „Postfaktischen“ leben? Die Autorin plädiert für diese These, indem sie sich auf die erwähnten zwei Ereignisse (Brexit-Referendum und Trump-Wahl) und auf einen Artikel der englischen Zeitung The Guardian bezieht, der die Post-Truth-These seinerseits mit drei Geschichten beweist: erstens einer Diffamierungskampagne gegen den ehemaligen britischen Premier Cameron, durch die eine unbewiesene Anschuldigung hinfort als erwiesene Tatsache gelten konnte; zweitens mit dem Umstand, dass zwei Befürworter des Brexit am Tage nach der Abstimmung die Unwahrheit zweier Behauptungen öffentlich eingestanden haben, und drittens mit dem Streit über das Wetter bei der Amtseinführung Donald Trumps, in dem vonseiten seiner Pressesprecherin das Wort von den „alternativen Fakten“ benutz worden war.

Das zweite Kapitel (S. 33–65) beschäftigt sich mit Aspekten der Theoriegeschichte des Verhältnisses von Wahrheit und Politik. Revault d’Allonnes favorisiert – mit Hannah Arendt, die dem Buch die Hauptthesen liefert – die aristotelische Sicht der Politik in Abgrenzung von der platonischen Konzeption, nach welcher der Staat im Hinblick auf ewige Wahrheiten einzurichten und zu führen sei. Aristoteles habe die Politik – als Wissenschaft und als Kunst – von der Last des Beweises im strengen Sinn, d.h. der Ableitung aus dem Notwendigen, das sich nicht anders verhalten kann, befreit. Schließlich, und damit im Zusammenhang stehend, hat er die Rhetorik, die Kunst der Rede in öffentlicher Versammlung, rehabilitiert. Rhetorik muss freilich Regeln unterworfen sein und darf nicht jenseits der Unterscheidung von Wahr und Falsch stehen (52). Ihre Rehabilitation (nach der Kritik an den Sophisten) kann kein Freibrief zur Täuschung sein. – Am Ende des Kapitels wirft die Autorin einen Blick auf Machiavelli, der, am Beginn der Neuzeit, die Politik aus der Vormundschaft einer religiösen Weltsicht befreien möchte (59). Ihm wird als besonderes Verdienst die Erkenntnis zugeschrieben, dass in der Politik die Art, wie die Menschen sich darstellen, im Vordergrund steht (62 f.). In der Politik geht es demnach um das Image oder: ihr ist die „phänomenale Dimension“ inhärent. Die Autorin ist allerdings in einem Widerspruch befangen: Einerseits ist in der Politik die Phänomenalität unhinterfragbar, die Unterscheidung von Sein und Scheinen ist irrelevant (63), andererseits soll es sich doch um eine „wahre Erscheinung“ handeln, unterschieden von Täuschung und falschem Schein (64).

Das dritte Kapitel („Die Wahrheit des Politischen“, S. 66–101) beschäftigt sich mit der Form der Wahrheit, die in der Politik gesagt oder geleugnet werden kann. Es handelt sich, in Abgrenzung zu den immer geltenden Wahrheiten, die (apriorische) Vernunftwahrheiten genannt werden (wie 2+2=4), um Tatsachenwahrheiten, die, wie wir bereits wissen, nicht zwingend, sondern kontinget, und nicht allzeit gültig, sondern mit einem zeitlichen Index versehen sind. Die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass Fakten stets interpretiert, d.h. in den Zusammenhang einer Erklärung oder einer Geschichte gestellt sind, was jedoch nicht verhindert, dass sie von der Interpretation unterschieden und unabhängig von ihr überprüft werden können (71 f.). Nach einem Besprechen der bekannten Thesen zu Verwandlung von Tatsachen in Meinungen, der Verwandtschaft von Lüge (fake news) und Freiheit sowie der Macht der Fiktion vergegenwärtigt die Autorin Michel Foucaults Thesen zum Zusammenhang von Wahrheit und Macht. Das Kapitel schließt mit dem neuen Gedanken, demokratische Politik sei notwendig paradox: sie beruft sich auf vieldeutige Begriffe (Gerechtigkeit, Gleichheit, Sicherheit, Wachstum), die dazu einladen, pervertiert zu werden (100 f.). Worin Vieldeutigkeit und Perversion bestehen, erfahren wir nicht.

Das vierte Kapitel („Fiktion und Tun-Können“, S. 102–124) variiert den Gedanken, dass es ohne Fiktion im Sinne der produktiven Einbildungskraft (Imagination) keine Handlung gibt. Speziell fiktive Erzählungen, die von Lügen nicht begrifflich unterschieden werden, distanzieren uns von der Wirklichkeit und ermöglichen uns, sie neu zu deuten (105). Wahrheit, so ließe sich sagen, ist nicht nur Aussagen, was ist, sondern auch Vorstellen dessen, was sein kann (Vgl. 112). Das gilt im Guten, wie im Bösen, welches von den Dystopien gestaltet wird. Deren Klassiker, Orwells 1984, sei die Gestaltung einer totalitären Gesellschaft, die vom Postfaktischen und seinen Machern beherrscht wird. Aber auch in demokratischen Gesellschaft bedroht die Vorherrschaft des Postfaktischen die Menschen mit Weltverlust.

Diskussion

Es ist wohl selten eine neue Epoche mit Argumenten geringeren Gewichts diagnostiziert worden als die der „Postwahrheit“. Die Fixierung auf den in Europa vielfach (und meist zu Recht) abgelehnten Trump lässt die Tatsache übersehen, dass von den Regierenden seit Jahrzehnten gelogen wird, was das Zeug hält, wenn es darum geht, sich die Massenloyalität für eine kriegerische Unternehmung zu sichern. Von den Gräuelgeschichten des ersten Weltkriegs über den Angriff auf den Sender Gleiwitz und den Zwischenfall im Golf von Tonking zieht sich eine Spur der Lüge oder unbewiesenen Anschuldigung bis zu den getöteten Babys in Kuwait, dem Hufeisenplan der Serben im Kosovo und den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein, die Amerika bedroht haben sollen. Dabei geht es darum, das Böse zu inkarnieren und ein nach Dreinschlagen rufendes Gefühl der Empörung und Bedrohung zu erwecken. Diese Geschichte, die nun wirklich zum Thema Wahrheit und Politik in einer durch Medien geschaffenen politischen Öffentlichkeit gehört, wird von unserer Autorin nirgendwo thematisiert, obwohl sie auf das Misstrauen gegen „die Eliten“, soweit es überhaupt besteht, einiges Licht werfen könnte.

Revault d’Allonnes hat zweifellos Recht, wenn sie die Unterstellung, dass Tatsachen anerkannt werden, zur Voraussetzung gemeinsamen Handelns auch in der Politik erklärt – wobei „gemeinsames“ Handeln durchaus auch in Kontroverse und Konflikt bestehen kann. Unter der Hand verschiebt sich jedoch der Akzent der Zielsetzung politischen Handelns von den konkreten, vielleicht auch antagonistischen Zielen zur Bestätigung einer gemeinsamen Welt und Realität. Und dieses Ziel ist der Realitätsprüfung zweifellos nicht dienlich. Die Redaktionsstuben der „Qualitätsmedien“, die sich unablässig gegenseitig bestätigen und darum konkurrieren, auf möglichst originelle Weise dasselbe zu sagen, bilden nicht weniger Echokammern wie das in manche Zirkeln der sozialen Medien der Fall sein mag. Das führt zu einer Häufung grotesker Fehleinschätzungen und Prognosen, wie im vergangenen Jahrzehnt bei verschiedenen Anlässen zu beobachten war. Wer sich nicht nach alternativen Quellen einiger Qulalität umgesehen hat, hat den Ausgang des syrischen Kriegs ebenso für unmöglich halten müssen wie das Resultat der griechischen Volksabstimmung zum Sparprogramm der EU im Sommer 2015, die Wahl Trumps 2016 oder den Erfolg der Labour-Party in der Parlamentswahl von 2017. Diese selbsthypnotischen Fehleinschätzungen zeigen, dass Abweichung, mag sie auch irren, für die Realitätswahrnehmung viel wichtiger sein kann als die Bestätigung einer gemeinsamen Realität, die einen hohen fiktionalen Anteil hat.

Tatsachen werden im Übrigen auch gewertet und da die Wertung oft schon in der Bezeichnung liegt – es ist ein Unterschied, ob ich von Abtreibung oder Schwangerschaftsabbruch, von der Annexion der Krim oder ihrem Beitritt in die Russische Föderation spreche – ist es mitunter schwierig, sich auf eine gemeinsame Tatsachenbasis zu einigen. Wer seine Wortwahl durch sozialen Druck alternativlos machen will – die berühmte „Sprachregelung“ – fördert die Vermischung von Tatsachen und Meinungen.

Schließlich hängt die Anerkennung der Tatsachenrealität auch davon ab, ob bestimmte Fakten – wie die schwerwiegenden Verletzungen bei den Polizeieinsätzen gegen die sog. „Gelbwesten“ – überhaupt wahrgenommen oder der Mitteilung für wert gehalten werden. Von dieser Problematik ist bei Revault d’Allonnes leider keine Spur vorhanden. Die Realität ist aber immer das ganze Bild, auch wenn seine Vollständigkeit eine Fiktion in dem Sinne ist, dass das Ideal kaum erreicht werden kann.

Leider ist das Buch selbst nicht immer sachlich richtig. Im zweiten Kapitel behauptet die Autorin, Aristoteles habe mit der Metapher der gemeinsamen Mahlzeiten der Bürger, der „Syssitien“, für eine stets neu ansetzende gemeinsame Beratung plädiert (40). Aber die Syssitien sind keine Metapher, sondern eine wirkliche Einrichtung in Sparta und auf Kreta; zudem beschäftigt sich die angegebene Stelle gar nicht mit den Syssitien (Stattdessen: Politik, Buch II, 9. u. 10. Kap. sowie VII, 10. Kap.). Das Detail mag läppisch erscheinen, aber es ist doch sehr bezeichnend. Aristoteles plädiert für die gemeinsamen Mahlzeiten der Bürger und meint, dass sie auf Staatskosten finanziert werden müssten, weil die ärmeren Bürger sonst ökonomisch überfordert wären. Es soll aber kein Bürger Mangel leiden. Es geht also um materielle Solidarität, nicht um gemeinsame Beratung. Der wirkliche Zusammenhalt der Bürger ruht für Aristoteles auf einem sozialpolitischen Fundament.

Fazit

Die Autorin hat sich mit einem wichtigen Thema, dem Verhältnis von Wahrheit und Politik, beschäftigt und es mit Bezug auf eine Reihe prominenter Theorien der Geschichte und der jüngsten Vergangenheit behandelt. Ihr Anliegen lässt sich in der These zusammenfassen, dass wir in einer neuen Epoche der „Postwahrheit“ leben und dass die sie kennzeichnende Gleichgültigkeit gegen den Unterschied von Wahr und Falsch das Leben und Handeln in einer gemeinsamen Welt gefährdet. Kritisch ist v.a. anzumerken, dass sie das Thema in einer sehr eingeschränkten Blickrichtung wahrnimmt und wesentliche Dimensionen des Problems übersieht.


Rezension von
Prof. em. Dr. habil. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 15.10.2020 zu: Myriam Revault d´Allonnes: Brüchige Wahrheit. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-86854-337-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26839.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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