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Christian Fuchs: Kommunikation und Kapitalismus

Cover Christian Fuchs: Kommunikation und Kapitalismus. Eine kritische Theorie. UTB (Stuttgart) 2020. 501 Seiten. ISBN 978-3-8252-5239-7. 24,99 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Humanistischer Sozialismus

Im lokalen und globalen system- und gesellschaftswissenschaftlichen Diskurs um Fragen, wie die Menschheit in der Gegenwart und Zukunft leben will und soll, zeigt sich eine grundlegende Diskrepanz und Uneinigkeit: Soll sich die Entwicklung weiterhin kapitalistisch – vielleicht ein bisschen weniger menschenunfreundlich und -unwürdig, etwas weniger ausbeuterisch – vollziehen, oder bedarf eines grundlegenden, evolutionären und revolutionären Perspektivenwechsels beim Daseinssystem der Menschen. Für die letztgenannten An- und Herausforderungen sprechen zahlreiche Einsichten und Analysen. Unter anderem hat die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 die Notwendigkeiten zum Paradigmenwechsel mit dem Appell formuliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Entstehungshintergrund und Autor

In der wissenschaftlichen Kapitalismuskritik werden die konträren Auffassungen und Lösungskonzepte diskutiert (Paul Collier, Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft, www.socialnet.de(rezensionen/25338.php; Joseph Stiglitz, Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten! 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26587.php; Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26783.php). Es sind engagierte Wortmeldungen, die auch nicht davor zurückschrecken (in den Zeiten von „cancel culture“), für ein „neusozialistisches“ Denken einzutreten (Klaus Dörre/Christine Schickert, Hrsg., Neosozialismus. Solidarität, Demokratie und Ökologie vs. Kapitalismus, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26358.php).

Der österreichische Sozialwissenschaftler Christian Fuchs lehrt an der Universität Westminster in London. Der Direktor des „Communication and Media Research Institute“ setzt sich mit gesellschaftstheoretischen und soziologischen Fragen auseinander und fordert auf, in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und global-kapitalistischen Welt auf, Marx zu lesen (2017). Denn es ist die kritische, dialektische Theorie, die offen legt, dass „im Kapitalismus (...) der Klassenantagonismus zwischen der kapitalistischen Klasse und der Arbeiterklasse ein Beispiel der gesellschaftlichen Dialektik (Ist): Die Arbeiter sind gezwungen, Waren zu produzieren, die den Kapitalisten gehören und die diese verkaufen, um Profit zu erzielen“. Die produktiven, technischen, ausbeuterischen und konsumtiven Entwicklungen führen zu Zwängen und zum kapitalisierten Mehrwert. Mit Fragen, wie diese Wertschöpfungen zustande kommen und verteilt werden, wird aufgezeigt, dass und wie die scheinbaren kapitalistischen Notwendigkeiten und Natürlichkeiten kommuniziert und bewusst gemacht werden. So entstehen „Grundlagen einer kritischen Theorie der Kommunikation und des Kapitalismus“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der Fuchs die Marxistische Theorie skizziert, auf die Dialektik des Humanistischen Marxismus und die Kommunikationstheorie verweist und sich mit anti-humanistischen Konzepten auseinandersetzt, und den Schlussfolgerungen, in denen er sein Konzept „einer Dialektischen, Kritischen Theorie der Kommunikation und der Gesellschaft“ zusammenfasst, gliedert er seine Studie in drei Teile. Im ersten Teil werden „Grundlagen des Kommunikativen Materialismus“ thematisiert; im zweiten geht es um „Kommunikation in der Kapitalistischen Gesellschaft“; und drittens wird die „Materialistische Transzendenz des Kommunikativen Kapitalismus“ diskutiert.

„Kritische Theorie ist materialistische Theorie“ – diese Grundannahme erfordert eine Rundum-Blick-Richtung: Hin zu den antiken, philosophischen, aristotelischen Auffassungen über den Materiebegriff und zum dialektischen Denken: Die Welt wird als Produktionszusammenhang einer sich selbst produzierenden und sich selbst organisierenden Materie verstanden. „Der Geist und die menschliche Kommunikation existiert nicht außerhalb der Materie, sondern als Aspekt der menschlichen und gesellschaftlichen Organisationsform der Materie, in der die Menschen durch reflexive, selbstbewusste, antizipative, soziale und kommunikative Tätigkeit gesellschaftliche Realität hervorbringen, reproduzieren und verändern“. Der Mensch als „zôon politikon“ und als „Homo dialogicus“ ist aufgefordert (und in der Lage), sein individuelles und kollektives Leben auf ökonomische, ökologische, anthropologische, kulturelle und soziale Zielsetzungen einzurichten: „Die Gesellschaft formt die menschliche Psyche in Prozessen der Sozialisierung“.

Folgen wir der marxistischen Deutung, dass der Mensch das Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse, also entweder frei und eigenständig oder unfrei und abhängig ist, ist es durchaus angebracht zu fragen, ob das Individuum frei sein kann, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse es nicht sind: „In der modernen kapitalistischen Gesellschaft besteht die Dialektik von Wirtschaft und Nicht-Wirtschaft darin, dass einerseits die Akkumulationslogik die gesamte Gesellschaft prägt und andererseits die Akkumulation von Kapital, Entscheidungs- und Definitionsmacht bestimmte Widersprüche und Dynamiken hervorbringt“. Wie also wird dieses kapitalistische Bewusstsein vermittelt und den Menschen schmackhaft gemacht? Es ist die Dialektik von Produktion, Konsum und Kommunikation als Werbung, die Bedürfnisse und Bewusstsein schafft. „Für Marx ist Kapital sich selbst verwertender Wert, der in der Form von Geldprofit akkumuliert wird“. Das Grundprinzip des Kapitalismus, Immer-Mehr schaffen zu müssen: „Die Akkumulationslogik der kapitalistischen Gesellschaft interagiert mit der Logik der Beschleunigung und liegt dieser zugrunde.“ Es sind die seit Jahrzehnten vorliegenden Analysen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien (1972), dass wirtschaftliches Handeln nicht mehr nach dem Motto „business as usual“ und „throughput growth“ möglich sei, sondern als „sustainable development“ (tragfähige Entwicklung) bewusst gemacht und praktiziert werden müsse.

Diskussion

Die Argumente und Belege zum kapitalistischen Denken und Handeln liegen längst auf der Straße. Sie zeigen sich in vielfältigen Imponderabilien, wie sie sich als Umwelt-, Klima-, Finanz- und Humankrisen darstellen. Zwar immer noch verhalten, aber doch schon deutlich vernehmbar setzt sich ein Bewusstsein durch, dass der Mensch nicht alles machen dürfe, was er kann oder zu können glaubt. Insbesondere in der kapitalistischen, technischen Entwicklung zeigen sich die inhumanen Verhältnisse, die es zu überwinden gilt, z.B.:

  • „Dehumanisierung: Der Kapitalismus führt zur Entmenschlichung“.
  • „Entfremdung: Die kapitalistische Anwendung der Technologien interagiert mit der Entfremdung der Arbeit“.
  • „Fixes konstantes Kapital: Sie ist Mittel zur Produktion von relativem Mehrwert…, die mit einer Intensivierung der Ausbeutung der Arbeit einhergeht“.
  • „Arbeitsteilung: Klassencharakter der Technologie“.
  • „Soziale Probleme: Arbeitsüberlastung, Arbeitslosigkeit, Stress, Arbeitsunfälle, prekäre Arbeit“.
  • „Globalisierung: Beschleunigung des Kapitalismus“.

Die Belege sind eindeutig: Kapitalismus fördert und bewirkt inhumane Macht- und Herrschaftsformen. Ausbeutung schafft Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Kapitalistische Strukturen führen zu ego-, ethnozentristischen, autoritären, nationalistischen, imperialistischen, rassistischen und populistischen Entwicklungen. Alternativen gibt es! Da ist das Bewusstsein, dass die Güter der Erde, über die Menschen verfügen und die sie benötigen, Gemeinschaftsgüter sind, die als „Almende“ und „Commons“ verstanden und genutzt werden müssen (vgl. dazu z.B. auch die von der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elenor Ostrom ausgerufene Erkenntnis, dass mehr wird, wenn wir teilen; 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php; sowie das von Silke Helfrich weiterentwickelte „Commoning“; 2019, www.socialnet.de/rezensionen/22797).

Fazit

Eine dialektische, humanistische, kritische Theorie der Kommunikation und Gesellschaft will Christian Fuchs nicht mit Feuer und Schwert, sondern mit Tanz durchsetzen. Dieser Lösungsansatz zur Abschaffung des kapitalistischen, neoliberalen Denkens und Handelns klingt erst einmal ohnmächtig und nicht ernst gemeint (John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht übernehmen, 2002, www.socialnet.de/rezensionen/10535.php). Das Bild des Tanzes wird im kapitalismuskritischen, demokratischen  Kommunikationsdiskurs nicht als Spielerei und Jux, sondern als eine praktische, erfolgversprechende Methode von Veränderungsprozessen verstanden: „Sie machen einen Schritt zurück, indem sie über das Kommunizierte kritisch reflektieren und hüpfen dann gemeinsam auf eine höhere Ebene, indem sie sich gemeinsam die Zukunft vorstellen und gemeinsam die Zukunft erschaffen, wodurch Kooperation, Gemeinschaft, die Gemeinschaftsgüter und die Öffentlichkeit gefördert werden“. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Strukturen und Imponderabilien des Kapitalismus „ist kritisch, da sie eine Kritik des Kapitalismus, der Klasse und der Herrschaft ist. Sie ist materialistisch, da sie Kommunikation und Gesellschaft als Komplexe der sozialen Produktion analysiert. Sie ist dialektisch, da sie die Antagonismen der Kommunikation und der Kommunikation analysiert. Sie ist an der Praxiskommunikation orientiert, da sie dabei mithelfen will, kritisches Wissen zu erzeugen, das zur Schaffung einer gemeingutorientierten Gesellschaft, einer demokratischen Öffentlichkeit und der kommunikativen Gemeingüter beiträgt“. Die Überzeugung, dass es jenseits des Kapitalismus und der kapitalistischen Kommunikation Lebens- und Gesellschaftssysteme gibt, die es lohnen, bekannt gemacht, bedacht und verwirklicht werden können, gilt es zu verbreiten, in den Fachseminaren und gesellschaftlichen Innovations- und Diskussionsforen.

Die umfangreiche Studie besticht zum einen durch den ganzheitlichen Ansatz des Diskurses um Alternativen zum Kapitalismus, zum anderen durch die sprachliche und visuelle Darstellung der Thematik durch zahlreiche Abbildungen, Skizzen und Tabellen. Sie bietet damit sowohl eine Einführung in die kritische Theorie der Kommunikation und die Kritik der politischen Ökonomie der Kommunikation, als auch ein Handbuch des kommunikativen Materialismus an.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.10.2020 zu: Christian Fuchs: Kommunikation und Kapitalismus. Eine kritische Theorie. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5239-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26842.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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