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Regina Kempen, Svenja Schumacher u.a.: Interkulturelle Trainings planen und durchführen

Cover Regina Kempen, Svenja Schumacher, Anna Maria Engel, Lisa Hollands: Interkulturelle Trainings planen und durchführen. Grundlagen und Methoden. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2020. 276 Seiten. ISBN 978-3-8017-3029-1. 34,95 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Thema

Interkulturelle Trainings werden für diverse Zielgruppen mit unterschiedlichen Zielstellungen durchgeführt. Das auf psychologischen Aspekten basierende Buch als Nachschlagewerk und Werkzeugkoffer bietet einen ausführlichen Ein- und Überblick über Grundlagen, Inhalte und Strukturen dieser Trainings und weist auf Erfolgskriterien, die Notwendigkeit des Transfers in den Berufsalltag sowie besondere Herausforderungen hin.

Autorinnen

Die vier Autorinnen sind Psychologinnen und als interkulturelle Trainerinnen an unterschiedlichen Hochschulen im In- und Ausland tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch soll – wie andere Bücher zuvor – schrittweise in interkulturelle Trainings einführen, deren Umsetzung und Evaluation ermöglichen. Es erhebt den Anspruch, sich durch den spezifischen Bezug auf psychologische Aspekte der Interkulturalität, einen wissenschaftlichen Anspruch mit klarer Praxisorientierung, eine strukturelle Einbettung, einen Fokus auf erfolgskritische Momente und die Passung der Methoden an Zielgruppe, Trainingsauftrag und -setting von bestehender Literatur abzuheben. 

Aufbau

Das Buch ist eine kompakte Lektüre zur Planung und Strukturierung interkultureller Trainings – von der Vorbereitung über die Durchführung bis zur Auswertung. Es beschreibt theoretische Fundamente, zentrale Inhalte mit Begriffsklärungen, Erfolgsfaktoren und didaktische Modelle und Methoden, die in den Trainings relevant sein können. Konkrete Trainingskonzepte für diverse Zielgruppen runden das Buch ab.

Inhalt

Theoretische Fundamente und zentrale Begriffe mit Begriffsklärungen: Die Autorinnen gehen auf die Begriffe Kultur, deren holistische und analytische Perspektive, exemplarische Kulturmodelle, Kulturdimensionen sowie Dimensionen und Modelle interkultureller Kompetenz unter Einbezug verschiedener Autor_innen ein. Dem Thema Stereotype und Vorurteile ist ein eigenes Teilkapitel gewidmet. Die jeweiligen Teilkapitel werden durch grafische Darstellungen und zusammenfassende Übersichtstabellen visualisiert. 

Erfolgsfaktoren: Um ein Training – beginnend bei der Vorbereitung bis hin zur Evaluation – erfolgreich zu gestalten, gilt es bereits in der Phase der Auftragsklärung präzise und zielgruppenspezifisch zu fragen. Hilfreich ist dabei der dargestellte Trainingsprozess mit seinen jeweiligen Aspekten. Bedeutsam bei der Auswahl von Methoden und Übungen ist es, dass ein Transfer in den eigenen Erfahrungs- und Berufskontext vollzogen werden kann. Sensible Themen in Trainings, wie Gesichtsverlust und Körperdistanz werden genauso gut wie die Balance zwischen Herausforderung und Kontrolle sowie bei Teilnehmenden bestehende Widerstände aufgegriffen. Auch atmosphärische Aspekte finden Erwähnung.

Didaktische Methoden: Mindestens ein didaktisches Modell sollte immer als strukturgebende Basis für ein Training erwählt werden. Das Lernen in seiner Komplexität wird als konstruktiver, aktiver, selbstgesteuerter, situativer sowie als sozialer Prozess kurz beleuchtet. Eine Auswahl an Didaktik-Modellen wird vorgestellt. Auf die Bedeutung und bewusste Gestaltung der Übergangsphasen zwischen einzelnen Trainingssequenzen, sog. Gelenkstellen, wird explizit eingegangen. Als Impuls zur Thematisierung der zu wahrenden Haltung der Trainerin oder des Trainers wird die Themenzentrierte Interaktion (Cohn, 2009) aufgeführt.

Methoden bzw. Übungen für interkulturelle Trainings: Diese werden jeweils für die Einstiegsphase, den Hauptteil mit seinen verschiedenen Phasen und den Abschluss separat aufgeführt. Die Methoden für die Einstiegsphase sind nochmals untergliedert in spezifische Teilkapitel zum Kennenlernen, zur Erwartungsabfrage und zur Gruppeneinteilung. Der Hauptteil führt Methoden auf, die teilweise in Teilkapitel gegliedert wurden, wie Energizer, Icebreaker, strukturierter Austausch, Rollenspiele und Simulationen, Planspiel, Critical Incidents etc. Im Abschlussteil werden u.a. vielfältige Methoden für Feedback dargestellt. Die einzelnen Methoden für alle Trainingsphasen werden dabei tabellarisch unter Angabe (wenn relevant für die jeweilige Übung) von Aspekten dargestellt, wie Dauer, Gruppengröße, Material, Ziele, inhaltliche Themen, Besonderheiten, Durchführung, Hinweise, Varianten, Debriefing und mögliche theoretische Einbettung und weiterführende Literatur.

Beispielhafte Trainingskonzepte: Für diverse Zielgruppen werden spezifische Trainingskonzepte detailliert dargestellt und inhaltlich beschrieben und begründet. Dabei wird trainingsspezifisch Bezug auf Rahmen und Umfang des Trainings, auf die Begründung für Zielformulierungen, inhaltliche und thematische Ausführungen sowie auf den Transfer in den jeweiligen Kontext der Zielgruppen genommen. Von den Autorinnen reflektierte eigene Trainingserfahrungen, z.B. zu gruppenspezifischen Beobachtungen, zum Erleben einzelner Methoden und zur Gewichtung von Trainingssequenzen im zeitlichen Ablauf werden ausgeführt. Auch erlebte spezifische Herausforderungen und deren Umgang damit werden thematisiert.

Mit Literaturangaben, einem Methodenverzeichnis sowie einer Materialsammlung auf CD-ROM im Anhang schließt das Buch ab.

Diskussion

Das Planen und Durchführen interkultureller Trainings verlangt eine Vielfalt an Kompetenzen, setzt eine spezifische Haltung und Werteorientierung voraus. Der Markt an interkulturellen Trainer_innen ist groß, die Qualität der Trainings sehr unterschiedlich. Das Buch setzt meines Erachtens trainingsspezifisches Vorwissen in interkulturellen Kontexten voraus und bietet dabei Wissen in Form eines kompakten Übersichtswerkes. Literaturhinweise im Buch bieten der/dem Leser_in die Möglichkeit des vertiefenden Befassens mit der Materie und einzelnen interessierenden Themenfeldern. Für Neueinsteiger_innen ins Thema könnte das Buch aufgrund spezifischer Begriffe und Dimensionen sehr anspruchsvoll sein. Es kann als hilfreiche Begleitlektüre während einer spezifischen Ausbildung zur/zum interkulturellen Trainer_in sinnvoll zum Einsatz kommen. Das Buch thematisiert das bedeutsame Thema der Haltung der Trainerin/des Trainers und zugrundeliegende Werteorientierungen. Die Entwicklung dieser Haltung und die Sensibilisierung für die komplexen Dimensionen und zu differenzierenden Feinheiten „zwischen den Zeilen“, die in interkulturellen Trainings häufig mitschwingen und eine eigene Dynamik entwickeln können, können nur durch eigene Trainingspraxis erfahren und reflektiert werden. So ist das im Buch mehrfache Hinweisen auf die Gefahr von Stereotypisierung und Kulturalisierung vor allem für wenig Trainingserfahrene bedeutsam. Die Trainer_in trägt hohe Verantwortung und das Durchführen von interkulturellen Trainings stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar. Weitere Ausführungen zur Verdeutlichung des Verantwortungsbereiches könnten z.B. in Form expliziter Hinweise zu diskriminierungs- und diversitätssensiblen Verhaltensweisen im Seminar und zu Aspekten einer nicht-rassistischen Bildung als Trainingsfundament erfolgen. So kann der Seminarraum bei den Teilnehmenden als geschützter Raum bei Diskriminierungs- und Rassismuserfahrung wahrgenommen und entfaltet werden.

Es wäre wünschenswert, dass im Buch durchgängig an eine theoretische Beschreibung ein beispielhafter Verweis zu einer passenden Methode/Übung erfolgt, so wie beim Thema Kulturdimensionen und der Übung „interpersonelle Distanzen“ (S. 20f) erfolgt.

Gut veranschaulicht wird die Auswahl didaktischer Modelle und deren Anwendung anhand einer konkreten Beispielsequenz aus einem Training. In wieweit die vorgestellten didaktischen Modelle die Lernprozesse von diversen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen, Werteausrichtungen und Lernerfahrungen anregen und befördern, wäre eine interessante Fragestellung. Dabei ist der Fokus auch weg von Hochschulkontext und von Menschen mit fundierter Bildungsbiografie zu lenken auf Menschen z.B. mit Fluchthintergrund und potentielle Trainingsteilnehmende, die bisher nur kurzzeitig oder gar keine Schule besucht haben.

In den Ausführungen der Methodenbeschreibungen (S. 70ff) für die jeweiligen Trainingsphasen fallen besonders positiv die zusätzliche Auflistung von Methodenvarianten, die teils sehr umfangreichen Ausführungen zum „Debriefing“ und die mögliche theoretische Einbettung der Übung auf, die dabei unterstützen kann, die Methode im Trainingsverlauf sinnvoll zu platzieren und ebenso sinnvolle Trainingssequenzen daran anzuschließen bzw. dieser voranzusetzen.

Die Auswahl unterschiedlicher Trainingskonzepte u.a. zu kulturdiversen Gruppen und Teams gibt einen guten Einblick in die Vielzahl spezifischer Herausforderungen und ggf. Besonderheiten, Ansprüche und Notwendigkeiten interkultureller Trainings. Das Thema des Umgangs mit Mehrsprachigkeit im Training, welches nicht selten von großer Relevanz in interkulturellen Trainings ist, findet im Buch leider nur kurz Erwähnung.

Die Übungsmaterialien (auf CD-ROM) sind generell hilfreich. Jedoch findet man beim Ausdrucken aller Dokumente die einzelnen Übungen schwer, da Überschriften (z.B. Dateiname) teilweise komplett fehlen bzw. diese nicht dem Dateinamen entsprechen.

Da interkulturelle Trainings auch zunehmend digital stattfinden, könnte ein Kapitel über Schnittmengen, aber auch die besonderen Herausforderungen der digitalen interkulturellen Kommunikation und Trainingskultur im E-Learning sinnvoll ergänzen.

Fazit

Das Buch kann erfahrenen interkulturellen Trainer_innen durch eine breite Konzept-, Modell -und Methodenauswahl wertvolle Unterstützung geben, zum kritischen Hinterfragen des eigenen Wissens- und Handlungsrepertoires anregen und dieses erweitern. Trainer_innen in Ausbildung können durch das Lesen eine orientierende Definitionsverortung relevanter Begriffe erfahren, sich eine Vielzahl an Handwerkszeug und Strukturelementen für das Durchführen interkultureller Trainings aneignen und sich das Übersichtswerk als Basis für zukünftige qualitative Arbeit nutzbar machen.


Rezension von
Angelika Roschka
Trainerin & Coach für interkulturelle Kompetenzen Multiplikatorin für Anti Bias & Demokratieförderung Ergotherapeutin M.Sc., Bc. (NL)
Homepage www.step2diversity.com
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Zitiervorschlag
Angelika Roschka. Rezension vom 09.06.2020 zu: Regina Kempen, Svenja Schumacher, Anna Maria Engel, Lisa Hollands: Interkulturelle Trainings planen und durchführen. Grundlagen und Methoden. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-8017-3029-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26843.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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