socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dennis Sawatzki: Veränderungs­prozesse

Cover Dennis Sawatzki: 75 Bildkarten Veränderungsprozesse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020.

EAN: 401-917230014-2

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand
.


Thema

Der zunehmende Wettbewerb erzeugt einen immer stärkeren Veränderungsdruck in den Unternehmen. Gleichzeitig haben sich tradierte Denkweisen in den meisten Unternehmen, bei allen Beteiligten, vom Auszubildenden bis zur Führungskraft, in hohem Maße verfestigt.

Eine besondere Rolle spielen in Veränderungsprozessen Emotionen. Dies sind einfach strukturierte Gefühle, die Umweltereignisse und Objekte, also Erfahrungen und Wahrnehmungen des Menschen erst einmal in einer ganz bestimmten Art bewerten. Sie geben den Dingen um uns herum sozusagen ihre Bedeutung für uns und unsere innere Bedürfnislage.

Bilder können bei der Sensibilisierung für Emotionen als Brücken dienen. Sie können Sprachlosigkeit überwinden und Emotionen eröffnen. Sie regen zum Nachdenken an, doch geben nie vor, was falsch oder richtig ist. Manchen Menschen fällt es in Beratungs- und Coachingkontexten schwer, ihre Situation offen zu benennen oder ihren derzeitigen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie sind so angespannt, dass der Wechsel in einen Modus, in dem neben den kognitiven auch die emotionalen Aspekte beleuchtet werden, nicht gelingt. Hier unterstützen die Bilder und Sprüche in diesem Set diese Menschen, um Zugang zu ihren Emotionen zu finden und diese zuzulassen. Die Aphorismen versuchen auf pointierte Weise Denk- und Diskussionsanstoß zugleich zu sein. Sie ermutigen die Klienten dazu, sich selbst in Veränderungsprozessen als handlungsfähige Akteure wahrzunehmen und sich aus einer möglichen Problemtrance zu befreien. Dieses Kartenset kann so in Beratungs- und Fortbildungskontexten als niedrigschwelliges Angebot auf methodisch vielfältige Weise eingesetzt werden.

Autor

Dennis Sawatzki ist Supervisor und Coach (DGSv), Counselor (BVPPT), Green Trainer für Kooperatives Lehren und Lernen, Geschäftsführer des Instituts für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Aus der Beratungspraxis ist bekannt, dass es manchen Klienten, Patienten oder Teilnehmern schwer fällt, ihr Anliegen klar zu beschreiben, Probleme offen zu benennen oder aktuelle Gefühle zu beschreiben. Häufig fehlt ihnen der Zugang dazu, da wir alle gewohnt sind, vorrangig die kognitiven Aspekte zu beleuchten und die affektive Seite zu vernachlässigen. An dieser Stelle setzen die 75 Bildkarten an.

Mit den Bildkarten sollen unbewusste Anteile leichter zutage gefördert werden, sodass sie bearbeitet werden können. Sie sollen zudem der Entlastung dienen, indem man mit dem eigenen Blickverhalten und der Körpersprache referieren kann. Auch wird das konfrontative Potenzial reduziert, weil nunmehr neben den beiden Parteien eine dritte Komponente, die Karte, hinzukommt.

Die Karten sind in der mehrjährigen Beratungspraxis des Autors entstanden.

Aufbau und Inhalt

Alle Karten greifen Themen auf, die dadurch geprägt sind, dass Probleme hinter den Herausforderungen liegen oder die einen Perspektivwechsel erfordern, um Lösungen zu entwickeln. Dabei geht es immer um den Aspekt der Veränderung.

Jede Karte ist durch ein prägnantes Foto sowie durch je ein Aphorismus, einen prägnant-geistreichen, in sich geschlossenen Sinnspruch, der eine Erkenntnis, Erfahrung oder Lebensweisheit vermittelt, geprägt. Sie zielen meist auf Veränderungsprozesse und plädieren für eine ressourcen- und lösungsorientierte Haltung. Sie sollen auch ermutigen, sich selbst in Krisen-, Übergangs- oder Veränderungssituationen als handlungsfähig wahrzunehmen oder sich aus einer möglichen Problemtrance zu befreien.

Die Fotos sind in drei Gruppen unterteilt.

  • Die Gruppe Werte (18 Bilder) soll bei der Reflexion eigener Haltungen und Werte unterstützen und dabei helfen, intra- oder interpersonale Konflikt- oder Krisensituationen ursächlich auf die darin miteinander konfligierenden Werte zurückzuführen.
  • In der Gruppe Perspektiven (36 Bilder) werden ungewohnte Blickwinkel eingenommen, um beim Perspektivwechsel zu unterstützen.
  • In der Gruppe Veränderung (18 Bilder) geht es um Impulse und Ermutigungen zu Veränderungen.

Beispielhaft kann das Prinzip an einem Wertebild aufgezeigt werden. Vor einem Foto einer jungen Frau, die sich intensiv mit etwas beschäftigt (was man nicht sieht), steht der Text: „Allem voran sind es unsere Werte, die unser Handeln leiten“.

In einem Begleitheft werden verschiedene Einsatzmöglichkeiten beschrieben. Grundsätzlich ist das Konzept für Moderatoren, Coaches, Supervisoren, Systemische Berater, Therapeuten oder für private und berufliche Themen geeignet, die mit Einzelpersonen besprochen werden. Die Karten können zum Einstieg in einen Workshop, als Gesprächsanlass, als Intervention, zum Ziehen eines Fazits oder zur Vorsatzbildung genutzt werden.

Werden die Karten beispielsweise in einem Einzelsetting für den Gesprächseinstieg genutzt, werden ausgewählte Karten gelegt. Der Gesprächspartner wird unter eine Leitfrage, z.B. „Welches Bild passt heute am besten zu meiner Stimmung?“, aufgefordert, sich eine Karte aus zu suchen. Danach erläutert er, warum er die Karte ausgesucht hat und was er damit verbindet.

Weitere Anwendungen in Einzelsettings sind 

  • das Committment, bei der Gesprächspartner eine Karte wählt, die z.B. als Motto der Zusammenarbeit dienen soll,
  • die Wertereflexion, bei der der Teilnehmer mehrere Karten auswählt, mit deren Leitprinzipien er sich am besten identifizieren kann,
  • die Rollenreflexion, bei der alle Karten ausgelegt werden und der Gesprächspartner bis zu 6 Karten auswählt, die für seine berufliche Rolle am wichtigsten sind,
  • die Identifizierung unbewusster Anteile, bei der zwischen 12 und 20 Karten verdeckt ausliegen, die nach und nach aufgedeckt werden. Sofern eine Karte den Gesprächspartner anspricht, bleibt sie aufgedeckt, ansonsten wird sie wieder umgedreht. Am Schluss werden die verdeckten Karten in Hinblick auf versteckte Botschaften, eine zweite Lesart oder möglichen Widerstand analysiert.
  • die Entwicklung neuer Denk- und Verhaltensmuster: Im Rahmen eines Beratungsgespräches über eine konkrete Herausforderung sucht der Mitarbeiter eine Karte aus, deren Leitspruch ihm geholfen hätte, sich anders zu verhalten, als er es getan hat.
  • die Kopfstandemthode: 12 bis 15 Karten mit Lebensweisheiten werden in ein Ranking gebracht. Die drei Karten mit dem niedrigsten Ranking werden unter der Frage „Was müsste geschehen, damit diese auf der Skala weiter nach oben wandern?“ analysiert.
  • die Konfliktklärung: Nach der grundsätzlichen Analyse der Konfliktsituation wählt der Gesprächspartner die Karten aus, deren Aussage am stärksten auf den Konflikt zutreffen, um dann die Aussage zu identifizieren, die das größte Potenzial zur Problemlösung hat.
  • die Ankerkarte: Erkenntnisse aus der Diskussion werden festgehalten, indem der Gesprächspartner eine Karte als Anker auswählt, die er anschließend z.B. auf seinem Schreibtisch platziert.
  • das persönliche Fazit: Der Gesprächspartner wählt eine Karte aus, die nach seiner Meinung am besten zum Prozess der zurückliegenden Wochen oder Monate passt. Diese Wahl wird kurz erläutert.

Die Karten eigenen sich aber auch in besonderem Maße für Gruppensettings, z.B.

  • als Eisbrecher: Im Vorfeld eines Workshops werden die Karten an verschiedenen Stellen als Blickfang ausgelegt, um die Gespräche zwischen den Teilnehmern anzuregen. Evtl. werden die Teilnehmer aufgefordert, sich eine Karte auszusuchen und deren Wahl zu begründen.
  • zum Kennenlernen bzw. zur Kontaktaktivität: Die Teilnehmer eines Kurses oder eine Gruppe wählen Karten aus und erläutern, warum sie gerade diese gewählt haben.
  • zur Erwartungsabfrage: Die Teilnehmer wählen eine Karte unter der Frage „Welchen Leitsatz sollten wir heute unbedingt berücksichtigen?“
  • zur Arbeitsvereinbarung: Die Teilnehmer wählen eine Karte unter der Frage „Welcher Leitsatz ist für unsere Zusammenarbeit am wichtigsten?“
  • zur Gruppenbildung: Verdeckte Karten werden von den Teilnehmern gezogen. Teilnehmer mit Karten gleichartiger Motive bilden jeweils ein Paar oder eine Gruppe.
  • zur Identitätsbildung: Eine Gruppe einigt sich auf ein Bild, das ihr gemeinsames Verständnis als Leitspruch zum Ausdruck bringt.
  • zur Aufgabenplanung: Jeder Teilnehmer wählt eine Karte, mit der er eine konkrete Aufgabe für sich in der Gruppe verbindet, und erläutert diese.
  • zur Gruppenreflexion: Die Teilnehmer wählen am Ende einer Zusammenarbeit aus einem Kreis von Karten eine aus, die wiederspiegelt, welcher Grundsatz besonders beherzigt wurde, und erläutern ihre Wahl.
  • zur Handlungsplanung: Die Teilnehmer wählen zum Abschluss eine Karte, deren Leitspruch sie persönlich mitnehmen. Dazu formulieren sie einen konkreten, handlungsorientierten Vorsatz, den sie in der Gruppe öffentlich machen.

Fazit

Die Karten, die sehr ansprechend und hochwertig aufbereitet sind, bieten, wie gezeigt, eine Vielzahl von kreativen Anstößen für die Gestaltung von Dialogen und Gruppensettings. Besonders wertvoll ist dabei die Möglichkeit, über diese Bilder und Aphorismen die Tiefenstruktur zu öffnen. Diese Impulse sind sehr gut geeignet, sie auf sich selbst zu beziehen und mit eigenen Vorstellungen und inneren Bildern abzugleichen. Damit können wertvolle Kommunikationsprozesse, aber auch gezielte Handlungen initiiert werden.

Insbesondere für weniger erfahrene Berater und Moderatoren eröffnen sich mit diesem Satz an Bildkarten in Verbindung mit dem Begleitheft vielfältige Möglichkeiten, um Menschen zu öffnen und Gruppen zu aktivieren. Dabei muss man zwangsläufig akzeptieren, dass man an die vorgegebenen Bilder und Aphorismen gebunden ist.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Werner Sauter anzeigen.


Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 15.06.2020 zu: Dennis Sawatzki: 75 Bildkarten Veränderungsprozesse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26847.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung