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Stephan Dorgerloh, Karsten D. Wolf (Hrsg.): Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos

Cover Stephan Dorgerloh, Karsten D. Wolf (Hrsg.): Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 189 Seiten. ISBN 978-3-407-63126-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

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Thema

In diesem Sammelband informieren Stephan Dorgerloh und Karsten D. Wolf über die Veränderungen von Bildungsprozessen, die sich aufgrund der immer stärkeren Verbreitung und guten Zugänglichkeit von (Erklär-)Videos und (Video-)Tutorials ergeben. Die vielfältigen Videos erweitern die Möglichkeiten für informelles und formelles Lernen. Die Autoren beleuchten – oft anhand konkreter Beispiele und Interviews mit Expert*innen – warum und wie die Innovationskraft der Tutorials und Erklärvideos in Zukunft noch besser genutzt werden kann.

Herausgeber

Karsten D. Wolf leitet das Lab „Medienbildung/​Bildungsmedien“ im Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung ZeMKI der Universität Bremen.

Stephan Dorgerloh ist Geschäftsführer einer Beratungsfirma mit Schwerpunkt Bildung und Kultur.

Aufbau

In den ersten vier Kapiteln geht es um die Frage, wie Erklärvideos als „modernes Bildungsformat“ (in-)formelle Bildungsprozesse beeinflussen. Die Autoren skizzieren Entwicklungen des Bildungsfernsehens, wissenschaftliche Hintergründe und Kriterien für gute Erklärvideos. In weiteren vier Kapiteln werden Möglichkeiten und Erfahrungsberichte präsentiert, wie Erklärvideos und Lehrfilme in Unterricht und Lehrerbildung eingesetzt werden können.

Inhalt

Ausgangspunkt der Ausführungen ist die Tatsache, dass (Erklär-)Videos im Internet im Überfluss vorhanden, niederschwellig zugänglich und sehr gefragt sind. Dabei präsentieren die Videos geprüfte direkt neben ungeprüften Fakten und sie sind von einfacher bis didaktisch professioneller Machart. Dies fasziniert mittlerweile (fast) alle, die im Netz unterwegs sind. Deshalb liegt die Frage nahe, inwiefern Erklärvideos/​Tutorials bspw. für Individualisierung, Selbstregulation und Partizipation im formellen Bildungskontext (noch) gezielt(er) eingesetzt werden könnten, und welche Konsequenzen für Lehrpersonen sich daraus ergeben.

Wirft man mit den Autoren einen Blick auf die Geschichte des Bildungsfernsehens (Lehr- und Dokumentarfilme) und auf die Differenzen zwischen den Anfängen des Lehrfilmes und den heutigen Erklärvideos, so zeigt sich, dass dank gestalterischer und thematischer Vielfalt, dank informellem Kommunikationsstil und grosser Diversität der Autor*innen Erklärvideos eine sehr viel breitere Zielgruppe erreichen als „klassische“ Lehrfilme. Anhand von Interviews mit erfolgreichen Produzierenden von Videos werden im Sammelband bspw. zentrale Gestaltungsaspekte von Erklärvideos beleuchtet.

Es scheint, so die Autoren, dass Erklärvideos zur fast unverzichtbaren autodidaktischen Ressource für Menschen jeden Alters (Schulkinder, Jugendliche, Studierende, Neugierige jeden Alters) geworden sind. Einzelne oder Gruppen erwerben damit selbstgesteuert und auf oft unterhaltsame Weise Informationen und Wissen zu verschiedensten Themen, bspw. zu neuen Geräten (Bedienungsanleitungen), zu mathematische Erklärungen oder etwa zu grammatikalischen Regeln etc. Zudem lernen nicht selten Peers von Peers, indem Videos selbst produziert und für den Konsum auf Plattformen geladen werden.

Gemäß den Beiträgen zu lernpsychologischen, didaktischen und visuellen Grundsätzen gibt es eine Reihe von Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Erklärvideos. Diese Kriterien werden v.a. dann relevant, wenn die Videos im formellen Bildungskontext eingesetzt werden sollen. Sowohl das Betrachten wie das Herstellen von Videos mit Schüler*innen ist didaktisch so vielversprechend wie voraussetzungsreich, beispielsweise in Bezug auf das Vorwissen und die Fähigkeiten der Lernenden oder in Bezug auf die technische Ausstattung und weitere Rahmenbedingungen.

Inwiefern Videos in verschiedensten Settings funktional sein können, wird im Buch mit Hilfe von Erfahrungsberichten aus Grund-, Sekundar-, Sport- und Berufsbildungsschulen präsentiert. Dabei wird klar, dass neben der Gestaltung der Videos vor allem auch deren Einbettung in ein didaktisches Gesamtkonzept für einen lernwirksamen Einsatz entscheidend ist. Die Autoren thematisieren dies konkret am Beispiel von Flipped-Classroom-Konzepten.

Anschließend stehen Videoplattformen und Kriterien erfolgreicher Videoplattformen auf dem Prüfstand, ebenso wie Fragen nach Urheberrechten und Lizenzierung.

Die Autoren fordern „mehr Erklärvideos in die Lehrerbildung“ (S. 161) im Zusammenhang mit dem KMK-Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ (2016/2017). Um in der Schule die Medienkompetenzen der Heranwachsenden so zu fördern, wie es im Strategiepapier postuliert wird, müssen zuerst die Lehrpersonen selbst über ausgeprägte Kompetenzen im Umgang mit Erklärvideos (inkl. Produktion von Erklärvideos) verfügen, und eine entsprechend offene Einstellung dazu mitbringen. Beispiele aus der Lehrer*innenbildung zeigen, wie dies erreicht werden kann.

Mit zehn bildungspolitischen Forderungen schließen die Autoren den Band ab. Die Forderungen reichen vom Ruf nach guten Rahmenbedingungen (etwa einem zentralen Bundesbildungsserver, OER, Ressourcen für gute Erklärvideos zu relevanten Bildungsinhalten, entsprechende technische Ausstattung der Schulen etc.) bis hin zur Formulierung von Ansprüchen an den didaktischen Einsatz und an die Ausbildung der Lehrpersonen bzgl. des Umgangs mit Videos.

Diskussion

Das Buch bietet einen guten Überblick zu allen Fragen, die sich im formellen Bildungskontext stellen, wenn Erklärvideos und Tutorials didaktisch in einen lernwirksamen, zeitgemäßen und interessanten Unterricht integriert werden sollen. Viele Interviews und Praxisbeispiele inspirieren Lesende dazu, die Informationen für die eigene Lehrpraxis (auf allen Stufen) nutzbar zu machen. Die Stärke des Buches liegt denn auch in dieser Vielfalt praxisnaher Themen, die sich gut diskutieren und auf andere Lehr-/​Lernkontexte übertragen lassen. Theoretisch Interessierte dürften sich etwas weniger Interviews, dafür eine teilweise vertieftere Auseinandersetzung gewünscht haben.

Fazit

Das Werk „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“ von Stephan Dorgerloh und Karsten D. Wolf (Hrsg.) enthält zahlreiche und vielfältige Informationen rund um den Einsatz von Videos im außerschulischen und im schulischen Kontext. Es richtet sich an Personen, die sich für einen zeitgemäßen und innovativen Unterricht engagieren, von Lehrpersonen bis hin zu bildungspolitisch Aktiven. Die Autoren fokussieren das Potenzial, das gut gestaltete und gekonnt im Lehr-/​Lernkontext eingebettete Erklärvideos und Tutorials haben. Dieses Potenzial besteht u.a. in der Förderung von Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Welt und in der Entwicklung von Selbstlernfähigkeiten. Die Autoren zeigen jedoch auch, dass der Einsatz von Erklärvideos voraussetzungsreich ist. So braucht es nebst entsprechenden infrastrukturellen Rahmenbedingungen (wie bspw. einheitliche Plattformen, OER) vor allem auch Lehrpersonen, die schon in der Ausbildung auf den Umgang mit Erklärvideos vorbereitet werden. Das Buch führt sehr praxisnah ins Thema ein und dürfte viele mediendidaktisch Interessierte und Engagierte ansprechen.


Rezension von
Prof. Dr. Elisabeth Müller Fritschi
Homepage www.fhnw.ch
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Zitiervorschlag
Elisabeth Müller Fritschi. Rezension vom 07.04.2021 zu: Stephan Dorgerloh, Karsten D. Wolf (Hrsg.): Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-407-63126-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26855.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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