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Paula Bleckmann, Ralf Lankau (Hrsg.): Digitale Medien und Unterricht

Cover Paula Bleckmann, Ralf Lankau (Hrsg.): Digitale Medien und Unterricht. Eine Kontroverse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 183 Seiten. ISBN 978-3-407-25814-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Das Thema „Digitale Medien und Unterricht“ hat dieses Jahr mit der Corona-Pandemie eine ganz neue Brisanz gewonnen. Denn es lässt sich nicht mehr fordern, auf digitale Medien im Schulunterricht zu verzichten, ohne die Beschulung der meisten Kinder und Jugendlichen generell in Frage zu stellen. Die Bundesregierung startete im Jahr 2019 ihren „Digitalpakt Schule“, mit dessen Hilfe langfristig eine digitale Infrastruktur an den Schulen aufgebaut werden soll. In den letzten Monaten kam ein Sofortprogramm dazu, um die Versorgung der Schülerinnen und Schüler mit mobilen Endgeräten zu sichern. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Situation könnte es fast antiquiert wirken, wenn mit dem 2019 erschienen Buch von Paula Bleckmann und Ralf Lankau ein Sammelband vorgelegt wird, in dem bezüglich des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht „eindeutig die kritischen Stimmen überwiegen“ (S. 9). Die Standpunkte der AutorInnen wurden quasi von Corona überrollt. Nichtsdestoweniger kann es nicht schaden, trotz der aktuellen Notwendigkeit zu mehr Digitalisierung, auch die kritischen Seiten dieser Entwicklung zu beleuchten, wie es im vorliegenden Band geschieht.

Autorin und Autor

Paula Bleckmann ist seit 2015 Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn; sie forscht und publiziert zu Medien(sucht)prävention, digitaler Bildungspolitik und Elternberatung

Ralf Lankau ist seit 2002 Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg; er forscht zu Digitaltechnik, Kommunikationswissenschaft und (Medien-)Pädagogik

Entstehungshintergrund

Der Sammelband vereint 13 Beiträge, die zum größeren Teil auf Vorträge der Fachtagung „futur iii 2018 – Bildschirmmedien und Kinder“ zurückgehen. Diese Tagung wurde von der Hochschule Offenburg in Kooperation mit der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und dem Bündnis für humane Bildung veranstaltet; vier weitere AutorInnen liefern ergänzende Beiträge ab.

Aufbau

Nach einem Grußwort zur Tagung und einem kurzen Einleitungskapitel, das im Wesentlichen die kommenden Artikel kurz vorstellt, folgen die 13 Beiträge. Unterbrochen werden diese durch kurze Erfahrungsberichte zum Thema „digitale Medien“, die die Initiative „Eltern für eine gute Schule“ von Eltern, Lehrern und Jugendlichen gesammelt hat.

Inhalt

Jasmin Zimmer/​Paula Bleckmann/​Brigitte Pemberger: Technikfolgenabschätzung bei „Digitaler Bildung“. Ein forschungsmethodischer Zugang für die Erhebung langfristiger Chancen und Risiken. Im ersten Beitrag des Sammelbandes beschreibt die Herausgeberin gemeinsam mit zwei Co-Autorinnen Technikfolgenabschätzung „als forschungsmethodischen Zugang“ (S. 13). Sie verwenden den Begriff in einem umfassenden Sinne, der ethische Fragestellungen, die Geschwindigkeit technischer Innovationen, die Notwendigkeit, inter- und transdisziplinär vorzugehen und einen Vergleich von Nutzern mit Nicht-Nutzern beinhaltet. Eine Chancen- und Risiken – Abwägung findet im Feld der digitalen Medien nach ihrer Ansicht bisher erst unzureichend statt.

Michael Zieher: Auf dem Weg in die digitale Zukunft der Schulen. Das Konzept des Kultusministeriums Baden-Württemberg zur Umsetzung der Digitalisierungsstrategie digital@bw. In seinem Beitrag stellt M. Zieher, Leiter des Referats für Medienpädagogik/​Digitale Bildung im Baden-Württembergischen Kultusministerium das Konzept des Ministeriums zur Umsetzung der Digitalisierungsstragie digital@bw vor. Im Zentrum stehen dabei die didaktisch-methodische Verankerung im Unterricht, die Qualifizierung der Lehrkräfte und die Herstellung der technischen Voraussetzungen.

Edwin Hübner: Entwicklungsorientierte Medienpädagogik im Zeitalter der verschwindenden Schrift. E. Hübner ist Professor an der Freien Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik. Er stellt in seinem Artikel der „Pädagogik vom Kinde aus“ (S. 38), welche reformpädagogische Ansätze des beginnenden 20. Jahrhunderts verfolgte, eine, von ihm kritisch gesehene, aktuelle „Pädagogik vom Computer aus“ (ebd.) gegenüber. In seinem Artikel greift er entwicklungspädagogische Aspekte auf, z.B. dass Kinder zunächst ihre Grob- und Feinmotorik entwickeln, gehen, sprechen und denken lernen müssten, bevor sie mit digitalen Medien konfrontiert werden könnten. Des Weiteren sollten Kinder lernen, kritisch zu hinterfragen, wozu sie die digitalen Medien nutzen (wollen). Ein zusätzlicher wichtiger Punkt in seinen Analysen ist der „Verfall des Schriftverständnisses“ (S. 47).

Ralf Lankau: Vom Unterrichten zum Bildungscontrolling. Über die Blindheit gegenüber den Zielen der „Digitalisierung“ von Schule und Unterricht. R. Lankau sieht die Digitalisierung im Unterricht als Rückschritt in behavioristische Lernmodelle. Dagegen stellt er Forderungen für eine Schule auf, die „Denkwerkzeuge“ (S. 62) und keine „Zwangsdigitalisierung“ (ebd.) vermittelt.

Uwe Büsching: Hat die Digitalisierung der Lebenswelten unserer Kinder und Jugendlichen so viele Vorteile? Der Autor referiert Ausgangslage, Ziele, Grenzen und Ergebnisse der BLIKK-Medienstudie, einer Querschnittsstudie zu digitalen Bildschirmmedien im Kindesalter. Darüber hinaus werden auch Ergebnisse anderer Untersuchungen, die Risiken der Nutzung digitaler Medien aufzeigen, vorgestellt.

Gertraud Teuchert-Noodt: Die Rechnung kann nicht ohne den Wirt gemacht werden: Das Gehirn des Kindes. G. Teuchert-Noodt war bis zu ihrer Emeritierung 2005 Leiterin des Bereichs Neuroanatomie/​Human- und Neurobiologie an der Biologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Sie stellt neuronale und hirnphysiologische Hintergründe des Lernens vor und leitet aus ihren Befunden ab, dass die Nutzung digitaler Medien im Kindes- und Jugendalter pathologische Folgen habe.

Die Autorin unterscheidet implizites und explizites Lernen. Implizites Lernen findet spielerisch statt, es wird durch unbewusst autonom arbeitende Hirnregionen ermöglicht, „deswegen fliegen Kinder und Jugendliche auf digitale Medien“ (S. 86). Dagegen bedeutet explizites Lernen Anstrengung, es legt „das über das Bewusstsein gesteuerte kognitive Gedächtnis“ (ebd.) an. Des Weiteren wird in diesem Artikel die Bedeutung der Bewegungsvielfalt in der frühen Kindheit betont – dagegen führe digitaler Medienkonsum in diesem Alter zu Hyperaktivität, Schwindelgefühl, Bluthochdruck und weiteren negativen Auswirkungen.

Till Reckert: Bildung und Medien – die Perspektive eines Kinder- und Jugendarztes. Der Autor beschreibt die kindliche Entwicklung in den Bereichen Sehen, Erforschen, Laufen, emotionale Selbstregulation, freies Spielen und mathematisches Denken. Danach greift er Hübner (2015) auf, nach dem sich Medien in die drei Schichten 'Medieninhalt', 'Medienform' (z.B. Schrift, Ton, Film) und 'Medienträger' (z.B. Buch, Smartphone) differenzieren lassen (S. 104). Die menschliche Auseinandersetzung mit Medieninhalten lässt sich nach Hübner in 'Präsentationsmedien' (Bücher, Hörspiele, u.a.), 'Kommunikationsmedien' (Briefe, SMS, u.a.) sowie 'Simulationsmedien' (virtuelle Realität, u.a.) unterscheiden. Im letzten Abschnitt stellt Reckert einen Zusammenhang zwischen Bildung und Medien her. Er zieht das Fazit, dass über den Medieneinsatz im Unterricht nicht Politiker, sondern Pädagogen entscheiden müssen.

Sonja Hoffmann: Polizeiliche Prävention zu Mediengefahren. Die Autorin ist Kriminalhauptkommissarin und Referentin für Kriminalprävention und schildert sachlich Persönlichkeits- und Urheberrechte im digitalen Raum, Fragen im Zusammenhang mit Downloads sowie rechtliche Fragen zum Cybermobbing. Im Abschnitt „Persönlichkeits- und Urheberrechte, (illegale) Downloads“ (S. 111 ff.) führt sie darüber hinaus gesetzliche Regelungen und mögliche Konsequenzen bei Regelverstößen im Hinblick auf Fragen der Einwilligung, der Verbreitung und zu Pornografie an. Im Abschnitt „Cybermobbing“ (S. 114 f.) erläutert sie den Begriff, geht auf die Rolle des Beteiligtenkreises ein und zeigt die Folgen für die Opfer. Des Weiteren stellt sie ein Experiment für den Unterricht vor, zeigt mögliche rechtliche Konsequenzen auf und gibt Verhaltenstipps und -strategien für Opfer, ZuschauerInnen und Schulen.

Ingo Leipner: Crossmediale Angriffe auf Kinder – die dunkle Seite des Marketings. Es handelt sich bei diesem Beitrag um eine überarbeitete und gekürzte Fassung aus dem Buch: „Die Lüge der digitalen Bildung“ von Ingo Leipner und Gerald Lembke. Die Kernthese dieses Buches ist nach Leipner: „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“ (S. 130). Der Artikel geht auf crossmediale Marketingstrategien ('crossmedial' heißt: unterschiedliche Medien, z.B. TV, Zeitschriften, Websites, Apps sind aufeinander abgestimmt) ein. Dadurch werden nach Leipner Kinder z.B. durch Fernsehserien dazu verführt, Zeitschriften oder Apps zu kaufen, bzw. von ihren Eltern kaufen zu lassen. Die „Strategie der Verführung“ (S. 121) liege vor allem im hohen Wiedererkennungswert der beworbenen Figuren. Kritisiert wird außerdem eine sogenannte „Public Private Partnership“ (S. 128), die die Werbeagentur KB&B mit staatlichen Bildungseinrichtungen etablierte.

Peter Hensinger: WLAN an Kitas und Schulen: Ein Hype verdrängt Risiken. Der Autor referiert breit über die Risiken von WLAN und Strahlung an Schulen und zählt mögliche (für ihn belegte) negative Folgen auf. Deshalb sollte das Ziel sein, dass Schulen und Kitas WLAN-frei bleiben. Wenn doch digitale Medien genutzt werden, bietet er „Lösungen für eine strahlenminimierte Umgebung“ (S. 139) an.

Die letzten drei Artikel des Sammelbandes drehen sich um dasselbe in der Bildungsregion Ortenau (Baden-Württemberg) eingesetzte Bildungsprojekt. „Das Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO) ist ein gemeinsames Praxisforschungsprojekt des Landratsamts Ortenaukreis und des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) an der evangelischen Hochschule in Freiburg.“ (S. 157)

Thomas Breyer-Mayländer: Regional koordinierte digitale Bildungsprojekte. Th. Breyer-Mayländer führt zunächst in Begriffe und in Strategien der KMK zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht ein. Danach zeigt er die Ausgangspunkte für eine regionale Koordination in der Bildungsregion Ortenau auf. Des Weiteren wird das Projekt „NOW“ zur digitalen Bildung (= Netzwerk Ortenauer Weg) vorgestellt. In seinem Fazit schreibt der Autor, das Projekt stehe noch am Anfang, die „ersten Schritte zeigen jedoch, dass es möglich ist, digitale Schulprojekte regional zu koordinieren und die Schulen damit auf Gestaltungsspielräume hinzuweisen, die sie sinnvoll nutzen können.“ (S. 153).

Ullrich Böttinger/​Tanja Lott/Marisa Bruder/​Angela Schickler: Vom Bedarf zum flächendeckenden Angebot: Das Präventionsprogramm „ECHT DABEI – gesund groß werden im digitalen Zeitalter“. Zunächst wird das Präventionsnetzwerk Ortenau vorgestellt. Danach werden Ergebnisse einer regionalen Umfrage aufgeführt, die zeigen, warum Medienkonsum von Kindern ein wichtiger Problembereich ist. Im Anschluss daran wird das Präventionsprogramm „ECHT DABEI“ vorgestellt. „'ECHT DABEI' möchte Eltern und Fach- sowie Lehrkräfte darüber informieren, wie Kinder im digitalen Zeitalter gesund groß werden können und welche Fähigkeiten und Ressourcen sie dazu benötigen.“ (S. 162). Um das zu erreichen findet Aufklärung über altersgerechten Medienkonsum sowie über Chancen und Risiken von Medien statt und es werden Anregungen für mehr bildschirmfreie Zeit gegeben. Umgesetzt wird das Programm durch Module für Eltern, Fach- und Lehrkräfte. Das Fazit ist positiv. Es gebe eine „sehr hohe und stetig wachsende Inanspruchnahme“ (S. 165) und „äußerst positive Rückmeldungen“ (ebd.).

Stephanie Stalter/​Thomas Mößle/Eva Maria Bitzer: Vorbeugen gegen Digital-Risiken: Hintergründe, Präventionsansätze und das Programm ECHT DABEI. Einleitend wird auf die Frage eingegangen, warum „Medien(sucht)prävention“ (S. 169) notwendig ist. Daran anschließend werden schon existierende Präventionsstrategien erläutert. Danach wird auch in diesem Artikel das Präventionsprogramm „ECHT DABEI“, d.h. seine Zielgruppen, Ziele und einzelnen Module vorgestellt. Am Ende werden erste Evaluationsergebnisse aufgeführt.

Diskussion

Im Folgenden greife ich drei Artikel exemplarisch heraus, um die unterschiedlichen Facetten des Sammelbandes darzustellen. Am ersten Artikel des Buches ist unter anderem die Herausgeberin Paula Bleckmann beteiligt. Er soll einen theoretischen Einstieg in das Thema „Technikfolgenabschätzung bei Digitaler Bildung“ geben. Als zweiten Beitrag habe ich den von Edwin Hübner ausgewählt, der auf anthroposophischer Grundlage die Entwicklung von Kindern erläutert und daran anknüpfend medienpädagogische Überlegungen darstellt. Und zuletzt gehe ich auf den Artikel von Ingo Leipner ein, der „die dunkle Seite des Marketings“ beleuchten möchte.

Jasmin Zimmer/​Paula Bleckmann/​Brigitte Pemberger: Technikfolgenabschätzung bei „Digitaler Bildung“. Ein forschungsmethodischer Zugang für die Erhebung langfristiger Chancen und Risiken.

Zimmer et al. machen im Diskurs zur digitalen Bildung zwei Lager aus; das große Lager derjenigen, die vor allem die Chancen sehen, die diese mit sich bringt, und das Lager derjenigen, die die damit verbunden Risiken und negative Auswirkungen betrachten.

Mithilfe der von ihnen vorgestellten Technikfolgenabschätzung solle es gelingen, die Polarisierung in diese zwei Lager aufzuheben. Die AutorInnen begeben sich somit in eine vermeintlich neutrale Position, um zwei Seiten eines Diskurses integrieren zu können. Häufig wirken ihre Aussagen jedoch selbst etwas selektiv. Zum Beispiel wird für die Seite 'pro digitale Bildung' McGonigal (2012) herangezogen, die die virtuelle Welt für „besser als die Wirklichkeit“ (S. 13) halte. Eine Aussage, die auch viele Befürworter digitaler Bildung nicht unterschreiben werden. Darüber hinaus sei in Politik und Forschung vor allem die Position verbreitet, digitale Bildung positiv zu sehen, Gegenpositionen fänden dort keine Berücksichtigung. Sogar noch schlimmer: „Der politische Diskurs um digitale Bildung ist in Deutschland dagegen geprägt von der Exklusion oder Immunisierung gegenüber Aussagen von Experten wie auch von Praktikern, die den derzeit gewollten 'Early High Tech Hype“ nicht unterstützen' (S. 16). Und diese Exklusion kritischer Positionen werde durch „konzernfinanzierte Forschungsaktivitäten“ (S. 19) begünstigt.

Zimmer et al. geben zwar vor, abzuwägen, doch dadurch, dass sie Begriffe wie „Digitale Bildung“ und „Medienexperten“ in Anführungszeichen setzen, zeigen sie, dass sie ihnen nicht die Bedeutung im Wortsinn zugestehen. Denn eigentlich lehnen sie digitale Bildung in der Schule, so wie sie gegenwärtig praktiziert wird, ab. Bildung findet für sie vornehmlich im realen Leben statt.

Somit befinden sie sich meines Erachtens nicht in der neutralen Position, die sie von sich selbst behaupten, sondern eher auf der Seite der Digitalisierungskritiker. Sie zeigen sich nicht wirklich offen für die Argumente der anderen Seite und machen damit eigentlich genau das, was sie der Gegenseite – also den Befürwortern digitaler Bildung – vorwerfen. Insofern muss sich nicht nur die Seite der Digitalisierungsbefürworter für die Argumente der Digitalisierungskritiker öffnen, sondern ebenso vice versa.

Edwin Hübner: Entwicklungsorientierte Medienpädagogik im Zeitalter der verschwindenden Schrift.

E. Hübner betrachtet die Entwicklung des Kindes und sein Verhältnis zu neuen Technologien und Medien aus einer anthroposophischen Warte. Ausgehend von diesem Welt- und Menschenbild argumentiert er schlüssig, dass Zukunft nur durch das Handeln von Menschen hervorgebracht werden kann und Technologien demgegenüber immer nur „geronnene Vergangenheit“ (S. 39) sind, von denen „nichts prinzipiell Neues“ (ebd.) zu erwarten ist.

Im Weiteren stellt er dar, dass Kinder zunächst ihre Sinne entwickeln, den aufrechten Gang und andere motorische Fähigkeiten erlangen, Sprache und selbstständiges Denken lernen müssen, bevor sie erst im Jugendalter durch „direkte Medienpädagogik“ (S. 45) unterrichtet werden könnten.

Der Artikel ist sehr dicht geschrieben, er spricht viele unterschiedliche Aspekte des kindlichen Entwicklungsprozesses und der Medienpädagogik an. Man merkt dem Autor sein großes Wissen und seine Fähigkeit, dieses Wissen didaktisch weiterzuvermitteln, an. Wer selbst anthroposophisch orientiert ist, kann aus diesem Artikel sicher viel Gewinn ziehen. Wem diese Weltanschauung nicht so geläufig ist, der wird über Begriffe und Konzepte wie „der werdende Mensch“ (S. 41; damit sind Säuglinge gemeint) oder dass Technologien „geronnene Vergangenheit“ (S. 39) sind, stolpern. Auch der Hinweis, dass erst mit „etwa zwölf Jahren die Denk- und Urteilsfähigkeit der Kinder so weit entwickelt“ ist (S. 45), dass man beginnen kann, zunächst „mit analogen Beispielen“ (ebd.) „mit ihnen über Computertechnologie zu sprechen“ (ebd.), dürfte bei denen für Irritationen sorgen, die eigenes kritisches Denken bei Kindern auch schon in jüngeren Jahren fördern.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird aber meines Erachtens einige wichtige Aspekte der Beziehung zwischen Kindern/​Jugendlichen auf der einen Seite und Medien im allgemeinen sowie dem Computer im Besonderen auf der anderen Seite erfahren, die in der Diskussion nicht übersehen werden dürfen.

Ingo Leipner: Crossmediale Angriffe auf Kinder – die dunkle Seite des Marketings.

Man merkt dem Beitrag von Leipner an, dass es sich um eine gekürzte Fassung handelt, da manche Stellen komprimiert wirken.

Der Schreibstil des Autors ist häufig nicht sehr objektiv. So will der Autor z.B. am Beispiel einer Werbeagentur zeigen, dass diese „crossmediale Manipulation von Menschen“ ausübe, „die sich überhaupt nicht wehren können, wenn sie den Einflüsterungen der Werbeindustrie ausgesetzt sind“ (S. 120). Überspitzt malt er Situationen wie diese aus: die Oktonauten (Protagonisten einer Kinderserie auf SUPER RTL) „tauchen wieder in einem Meer aus Kinderzeitschriften auf, das sich über gefühlte 20 Regalmeter im Supermarkt erstreckt“ (S. 122). Bis hin zu kriegerischer Rhetorik: „Unsere Kinder werden in einem medialen Netz eingesponnen, aus dem kaum eine Flucht möglich ist […] Ein Kreuzfeuer der Werbung, dem keiner entkommt – es sei denn, die Eltern drücken konsequent den Ausschaltknopf“ (S. 128; Herv. M. St.).

Ab Seite 122 wird Leipners Schreibstil dann sprunghaft, fast als wolle er beiläufig jemandem etwas erzählen und plötzlich fiele ihm etwas anderes ein. Von Absatz zu Absatz springt er von „Und wie lernen Kinder [mit den Oktonauten] rechnen?“ (ebd.) zum Statement eines Kinderpsychologen, dann folgt unvermittelt: „Übrigens: Die Mitgliedschaft im Toggolino Club kostet Geld! Aber folgen wir weiter der Spur der 'Oktonauten'“ (ebd.) und dann steht unvermittelt mitten im Text eine Petition für bildschirmfreie Kindergärten und Grundschulen, usw. Wahrscheinlich will der Autor damit das Sich-immer-weiter-Wegklicken in der Medienwelt imitieren. Da er das aber erst zwei Seiten später andeutet, fühlt sich der/die aufmerksamen LeserIn zunächst irritiert und dann leicht verärgert.

Besonders gestört hat mich jedoch, dass Darstellungen und Argumenten, die seiner Position entgegenstehen, mit oberflächlichen Allgemeinplätzen begegnet wird.

 „Werbung plus Merchandising lautet die Profitformel des Kindersenders [SUPER RTL] flankiert von einer Organisation, die sich die politische Aufklärung junger Menschen auf die Fahnen schreibt“ (S. 125). Hier holt Leipner gegen die Bundeszentrale für politische Bildung aus, weil die sich nicht für ein völliges Reklameverbot bei SUPER RTL ausspricht. Die BpB zitiert den Medienpädagogen Stefan Aufenanger, der schreibt, „nur in der aktiven Auseinandersetzung mit Medienangeboten können Kinder Medien- und damit Werbekompetenz erwerben“ (S. 126). Dieses Argument kontert Leipner dann einfach mit dem Ausmalen einer Szene, in der sich ein Kind vor der Supermarktkasse schreiend auf den Boden wirft, weil es eine beworbene Zeitschrift haben will und sie nicht gleich bekommt. Und diese Szene soll wohl beweisen, dass Kinder prinzipiell auf diese Art keine Medien- und Werbekompetenz erwerben können?

Insgesamt ist der Artikel streckenweise sehr überspitzt formuliert und bleibt nicht immer bei der Sache.

Für den ganzen Sammelband lässt sich sagen, dass er gut für LeserInnen geeignet ist, die von vornherein schon sehr ritisch eingestellt sind, was den Medienkonsum von Kindern angeht, und die dabei negative gesundheitliche Folgen für die Kinder durch Strahlenbelastung, Entwicklungsstörungen usw. befürchten. Auch LeserInnen, die Bestätigung für ihre Einschätzung der Gefahren, die von digitalen Medien ausgehen suchen, sowie Gründe dafür, dass Kinder (in der Schule) nicht mit digitalen Medien umgehen sollten, werden viel Material finden. Alle anderen, ambivalenteren, kritischeren LeserInnen werden immer wieder über polemische Formulierungen und nicht ausreichend begründete und belegte Behauptungen stolpern, die sie an manchen Aussagen zweifeln lassen. Das ist schade, denn das Thema „(kleine) Kinder und digitale Medien“ sollte meines Erachtens durchaus auch mit kritischen Augen betrachtet werden. Durch die überzogene Darstellung in einigen der Artikel verlieren berechtige Kritikpunkte jedoch leider an Glaubwürdigkeit.

Fazit

Der Sammelband zur Tagung „futur iii 2018 – Bildschirmmedien und Kinder“ der HerausgeberInnen Paula Bleckmann und Ralf Lankau vereint 13 Beiträge im Themenfeld „Digitale Medien und Unterricht“. In den meisten Artikeln des Bandes geht es darum, die Risiken und schädlichen Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien für Kinder und Jugendliche aufzuzeigen und zu kritisieren. Dazu werden Argumente aus unterschiedlichen Bereichen – z.B. Entwicklungspädagogik, Hirnforschung, polizeiliche Präventionsarbeit, Medienpädagogik und Medienforschung – gesammelt und dargestellt. Einige AutorInnen argumentieren dabei sehr sachlich, während andere eher die Form eines Essays oder eines Debattenbeitrags wählen. Die Schlussfolgerungen der digital-kritischen AutorInnen bewegen sich zwischen 'niemand, weder Kinder noch Erwachsene, sollte digitale Medien verwenden' bis hin zu 'Kinder sollten zuerst genügend Erfahrungen in der analogen Welt sammeln, bevor sie digitale Medien ab einem gewissen Alter unter Anleitung von Eltern und Lehrern mit zeitlicher Begrenzung nutzen'.


Rezension von
Diplomsoziologin Monika Stürzer
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Zitiervorschlag
Monika Stürzer. Rezension vom 09.09.2020 zu: Paula Bleckmann, Ralf Lankau (Hrsg.): Digitale Medien und Unterricht. Eine Kontroverse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-407-25814-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26856.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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