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Lotte Rose, Elke Schimpf: Sozialarbeits­wissenschaftliche Geschlechterforschung

Cover Lotte Rose, Elke Schimpf: Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 298 Seiten. ISBN 978-3-8474-2283-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 19.
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Thema

Der Sammelband möchte einen wegweisenden Beitrag zur Eröffnung der Diskussion um sozialarbeitswissenschaftliche Forschung und deren Kennzeichen leisten. Hierzu werden verschiedene gesellschaftspolitische, theoretische und methodologische Bezüge sozialarbeitswissenschaftlicher Forschung sowie Gender als machtkritische Kategorie erörtert, um in den Dialog zur Frage, was „die besonderen Ausweisungsmerkmale einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung im Feld der Gender Studies“ sind, zu münden. Im Rück- und Ausblick des Buchprojektes wird durch die beiden Herausgeberinnen jedoch deutlich gemacht, dass die im Band versammelten Beiträge nur eine Momentaufnahme zum Gegenstand sozialarbeitswissenschaftliche Forschung sein können und keinen Anspruch auf eine alle Aspekte umfassende Debatte beanspruchen. Begründet wird dies dahingehend, dass die Diskussion erst am Anfang stehe, sie noch eine Reihe von Leerstellen und blinden Flecken aufweise und eines weiteren vertiefenden Diskurses sowie einer wirkungsvolleren Verschränkung mit der Wissenschaft Soziale Arbeit bedarf.

Herausgeberinnen

Lotte Rose ist Professorin für Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit an der Frankfurter University of Applied Scienes, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.

Elke Schimpf ist Professorin für Theorien und Handlungsansätze der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Entstehungshintergrund

Der Band bündelt Beiträge von Forscher*innen, die sich mit eigenen Vorträgen in einer gemeinsamen kooperativen Tagung der Sektion Forschung und der Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit im Jahre 2018 eingebracht haben. Zudem sind in ihm weitere Aufsätze von Geschlechterforscher*innen aus der Sozialen Arbeit aufgenommen, die im Nachgang zur Tagung von den Herausgeberinnen speziell für einen Beitrag angefragt wurden, und es werden die Ergebnisse einer Gesprächsrunde mit sechs Geschlechterforscherinnen vorgestellt. Durch die Herausgeberinnen werden der Entstehungshintergrund des Bandes, die Schwierigkeiten, die mit der Tagung sowie den unterschiedlichen Vorstellungen der Initiator*innen zum Band verbunden waren, gut dargestellt und gewähren der Leserschaft einen vertiefenden Einblick in die spannungsreiche Entstehungsgeschichte des vorliegenden Bandes.

Aufbau

Im Buch sind 17 Beiträge aufgenommen, einschließlich des „Gespräch[s] mit Genderforscherinnen der Sozialen Arbeit als Einleitung“ und des „Rück- und Ausblick[s] zu einem Buchprojekt zur sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung“ der beiden Herausgeberinnen. Themen der Artikel sind insbesondere Aspekte des Zusammenhangs von Professionalität und Geschlecht, institutionelle Rahmenbedingungen einer geschlechterbezogenen Sozialen Arbeit und der Einfluss von Geschlechterkonstruktionen auf den Umgang mit Adressat*innen Sozialer Arbeit. Im Sammelband finden sich mithin Beiträge, die sich mit Partizipationsprozessen sowie historischen Aspekten des Zusammenhangs von Sozialer Arbeit und Geschlechterfragen auseinandersetzen. Des Weiteren werden methodologische Fragen einer sozialarbeitswissenschaftlichen Forschung sowie qualitative Forschungszugänge erörtert. Der Band enthält Beiträge von Autor*innen, die bereits langjährig in der Frauen- und Geschlechterforschung tätig sind, als auch Beiträge von Autor*innen, die sich erst in den letzten Jahren intensiver mit geschlechterbezogenen Perspektiven und Zugängen der Geschlechterforschung auseinandersetzen. Dies macht den Band sehr anregend für die Leser*innen, weil dadurch sehr unterschiedliche generationsspezifische Perspektiven und Zugänge auf die Thematik der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung erkennbar werden.

Inhalt

Der Band beginnt mit der Wiedergabe der Gesprächsrunde mit sechs Geschlechterforscherinnen aus der Sozialen Arbeit. In dem Beitrag wird die Schwierigkeit, die mit dem Begriff „sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung“ einhergeht, ebenso aufgeworfen wie die Frage, was deren Gegenstand ist. Deutlich wird in dem Beitrag, dass die Diskussion zu all den in ihr thematisierten Gesichtspunkten und Blickwinkeln erst am Anfang steht und die beteiligten Wissenschaftlerinnen nur einen ersten Aufschlag für einen in Gang kommenden Diskurs setzen können. Einig sind sich die Gesprächsteilnehmerinnen über das Erfordernis einer geschlechterkritischen Wissenschaft Soziale Arbeit, wobei hier eine weitere Klärung, was diese Wissenschaft auszeichnet ebenso unerlässlich ist wie die Erörterung des Profils einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Deutlich wird in dem Beitrag mithin, dass die sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung vor dem Hintergrund der Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft agiert und sich dessen immer wieder bewusstwerden muss.

In den auf die Wiedergabe der Gesprächsrunde folgenden Beiträgen werden von den Autor*innen ausgewählte Aspekte der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung vorgestellt und diskutiert. Diese betreffen speziell den Zusammenhang von Professionalität und Geschlecht (Gudrun Ehlert), Gewaltdiskurse (Margrit Brückner), Impulse der Care-Theorien für die sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung (Barbara Thiessen), Verdeckungszusammenhänge und methodologische Herausforderungen (Maria Bitzan), die Frauenstudien der Berliner Akademie in den Jahren 1930–1933 (Dayana Lau), Geschlechterkonstruktionen in (frühen) Projekten der parteilichen Mädchen- und antisexistischen Jungenarbeit (Klemens Ketelhut), der Forschungszugang als Konfliktfeld (Alexandra Roth, Elke Schimpf), Professionalität und Geschlecht als diskursive Konstruktionen (Susann Fegter, Kim-Patrick Sabla), Datenkonstruktionen zum Verständnis von Gender in Interviews (Heike Rainer), Geschlechterordnungen der Familie (Lotte Rose, Judith Pape), Geschlechterwissen zu Gewalt in Paarbeziehungen (Regina-Maria Dackweiler, Reinhild Schäfer, Angela Merkle, Franziska Peters), Geschlechtsbezogene Ungleichheiten in der Versorgung älterer Personen (Yvonne Rubin), Sexismus-, rassismus- und adultismuskritische Befunde einer Ethnografie zu sozialer Freiwilligenarbeit (Dorothee Schäfer, Alice Blum), Zweigeschlechtlichkeit als Dreh- und Angelpunkt sozialpädagogischer Betrachtungen (Melanie Kubandt) und Genderkonstruktionen bei Fachkräften in der Krippe (Svenja Garbade). Abgerundet wird der Band durch den Rückblick auf das Buchprojekt sowie sich daraus ableitende Forschungsbedarfe für die sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung.

Diskussion

In dem Sammelband werden vielseitige Stränge sozialarbeitswissenschaftlicher Geschlechterforschung aufgegriffen und diskutiert. Seine Begründung kann dies in den bereits zu Beginn des Bandes aufgeworfenen drei Fragestellungen (S. 9) finden, aber ebenso in mit der Thematik verbundenen Erwartungshaltungen der Autor*innen an die Beiträge. Die Fragestellungen werden durch die Herausgeberinnen im abschließenden Beitrag noch einmal diskutiert und zentrale Schlussfolgerungen für einen weiterführenden Meinungsaustausch zum Gegenstand „sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung“ aus den vorliegenden Beiträgen besprochen. Ziel dieser Herangehensweise ist es, den durch den Band angestoßenen und zwingend erforderlichen Diskurs zu einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung zu inspirieren und zu befördern. Dies kann als eine wegweisende Methode für den Aufschluss gesehen werden.

Die einzelnen Beiträge verweisen auf eine Reihe von zentralen Themenkreisen, angefangen vom Verständnis sozialarbeitswissenschaftlicher Geschlechterforschung und Gender bis hin zu Forschungsfeldern, -fragen und -methoden. Eine solche Herangehensweise ist möglich. Diesem Zugang ist aber geschuldet, dass im Band nicht klar wird, was unter sozialarbeitswissenschaftlicher Forschung zu verstehen ist. Die Herausgeberinnen formulieren zwar Bestandteile eines solchen Verständnisses und legen ihre eigenen Positionen dar, jedoch unterbreiten sie kein klar abgestecktes Begriffsangebot, an dem sich die Autor*innen orientieren können bzw. das zur Basis für die weitere Diskussion werden kann. Für die kommenden Diskussionen legt der Band aber dessen ungeachtet einen wichtigen Grundstein, indem in ihm mögliche Facetten einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung herausgearbeitet werden. Als mögliche Grundannahmen der Autor*innen werden von den Herausgeberinnen „das Paradigma der sozialen Konstruktion von Geschlecht“ (S. 286), die intersektionale Verschränkung der Geschlechterkategorie mit anderen Kategorien sowie der Aspekt, dass die sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung „keine eigenen theoretischen Modelle“ (S. 287) zu den Gender Studies beisteuert, benannt. Der aktuelle Stand der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung zeichne sich des Weiteren dadurch aus, dass kaum „Bezüge zu Theoriediskursen der Sozialen Arbeit“ – zumindest in den vorliegenden Beiträgen – hergestellt werden und es über die Jahrzehnte hinweg zu einer Fokusverschiebung der Forschung – weg von „Mädchen- und frauenspezifischen Arbeitsansätzen“ hin zu „institutionellen Kontexte(n) […] ohne eine besondere geschlechtsspezifische Zielgruppenausrichtung“ und einer Offenheit für Geschlechtervielfalt kommt (S. 287 ff.).

Mit dieser Analyse legt der Band eine Bestandsaufnahme für eine weiterführende Diskussion zum Gegenstand sozialarbeitswissenschaftlicher Geschlechterforschung vor und regt die notwendige Diskussion dazu entscheidend an. In dem nachfolgenden Diskurs wäre dann u.a. zu erörtern, wie sich das Verhältnis von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit in der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung darstellt und wie in diesem Kontext die Genderkategorie als machtkritische Kategorie zu verorten ist. Mögliche Anschlüsse finden sich in dem Beitrag „Zur Relevanz von Verdeckungszusammenhängen im Kontext der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung – methodologische Herausforderungen partizipativer Ansprüche“ (S. 75–98) von Maria Bitzan. In diesem erörtert die Autorin das „Konzept des sozialpolitischen Verdeckungszusammenhangs“ (S. 76, H.i.O.), welches in der 1990er Jahren durch das Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V. entwickelt und intensiv diskutiert wurde. Am Beispiel des sozialpolitischen Verdeckungszusammenhangs werden die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Praxis sowie die Frage nach der Beziehung der forschenden Personen zu den zu beforschenden Personen – den Forschungsakteur*innen – aufgeworfen. In diesem Zusammenhang werden von Maria Bitzan zugleich die methodologischen Herausforderungen, die mit den Geschlechterverhältnissen und -beziehungen verbunden sind, dezidiert herausgestellt. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass weder die Forschenden* noch die zu Beforschenden* „außerhalb des Geschlechterverhältnisses mit seinen regulierenden vereinfachenden und vereinheitlichenden Zumutungen und Ordnungslogiken (stehen). Beide Seiten unterliegen den Verfremdungen, Widersprüchen, Zumutungen und Borniertheiten, die aus den Machtverhältnissen resultieren“ (S. 82). Maria Bitzan formuliert anschließend zugleich, dass das Konstrukt des Verdeckungszusammenhangs unter den aktuell gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen des 21. Jahrhunderts sowie der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse der Weiterentwicklung bedarf, und setzt sich für einen Diskurs ein, der existierende Konzepte und Modelle der Frauen- und Geschlechterforschung aufgreift und unter neuen gesellschaftlichen Bedingungen diskutiert. So gewinnt ihrer Meinung nach die „Verwobenheit unterschiedlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse“ für den Forschungsprozess an Bedeutung. Zugleich bedarf es eines differenzierteren Blicks auf die „Beteiligung der Beforschten“ und ihre Möglichkeiten der Selbstäußerungen (S. 91 f.). Die Autorin geht noch einen Schritt weiter: Partizipative Forschung heißt für sie auch, dass „Forschung aufdeckende (Erfahrungs-)Möglichkeiten herzustellen“ hat, die auch schmerzhaft sein können (S. 93). Zu einer solchen Herangehensweise an den Forschungsprozess kann das Konzept des Verdeckungszusammenhangs einiges beitragen. Dies erfordert nach Maria Bitzan zugleich ein neues Verständnis für den Forschungsprozess, mit einer neuen Rolle für die Forschenden* als Moderator*innen. In dem Beitrag von Maria Bitzan wird sehr deutlich, dass es sehr wohl einer fundierten sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung bedarf, die Theorie und Praxis verbindet und sich zugleich als parteilich versteht.

Fazit

Der Sammelband „Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Beiträge“ bietet eine Fülle an Zugängen zum Gegenstand sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Durch ihn kann nachvollzogen werden, wo die Wurzeln einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung liegen, wie der aktuelle Stand ist und wo die Reise eventuell hingehen könnte. Zugleich dokumentiert sich in dem Band die Vielfalt sozialarbeiterischer Forschung, sichtbar wird mithin ihre aktuelle Unschärfe in Bezug auf ihre Begrifflichkeit und ihres Verhältnisses von Theorie und Praxis sowie von Grundlagen- und Praxisforschung. Zugleich macht der Band deutlich, dass theoretische und methodische Vielfalt ein notwendiges Qualitätsmerkmal von Forschung ist, sei es in den Forschungsfeldern, in den methodischen Zugängen als auch in den Theoriemodellen.


Rezension von
Prof. Dr. Gerd Stecklina
Professor für Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Gerd Stecklina. Rezension vom 12.01.2022 zu: Lotte Rose, Elke Schimpf: Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2283-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26863.php, Datum des Zugriffs 22.01.2022.


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