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Kris Adlitz: Warum hält sich die Geschlechterungleichheit?

Cover Kris Adlitz: Warum hält sich die Geschlechterungleichheit? Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2020. 300 Seiten. ISBN 978-3-8370-2041-0. 19,99 EUR.
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Hintergrund

In der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 2020 heißt es, dass die in der Corona-Krise anfallende Betreuung von Kindern hauptsächlich von Frauen geleistet wird. Die Pandemie, so die Direktorin des WSI, Bettina Kohlrausch, „legt nicht nur problematische Ungleichheiten in den wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten offen, sie verschärft sie noch“. Der Frage, warum es überwiegend Frauen sind, die ihre Arbeitszeit reduzieren, um den Aufgaben der Kinderbetreuung nachzukommen, widmet der Bericht keine Zeile. Diesen Grund aufzuhellen, ist das Bestreben des Buches von Kris Adlitz. Sein Anliegen ist es, wie es schon einleitend in einer Fußnote heißt, „die Entwicklung der Geschlechterungleichheit der bürgerlichen Gesellschaft aus deren Grundbegriffen Freiheit und Privateigentum sowie ihrer kapitalistischen Produktionsweise“ heraus zu bestimmen. Das Buch will – so der Autor – weder Adam noch Eva für die Geschlechtermissverhältnisse die Schuld in die Schuhe schieben, sondern demgegenüber die Grundthese entwickeln, „dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft uns alle als vergeschlechtliche Subjekte unterwirft“ (S. 9).

Aufbau und Inhalt des Buches

Der Band gliedert sich in fünf grundlegende Kapitel mit verschiedenen Unterkapiteln. Eine Besonderheit ist der Verzicht auf Fußnoten, an deren Stelle 22 Ergänzungen mit Vertiefungscharakter treten, die in einem gesonderten Verzeichnis gekennzeichnet sind. Illustriert werden in 9 Bildern von Susanne Carl verschiedenen Themen, die im Buch zur Sprache kommen. Ein Register weist auf die Seitenzahlen der wichtigsten Textstellen hin.

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: „Empirie: wie die Geschlechterverhältnisse erscheinen“. Hier werden zunächst soziologische Ergebnisse der Geschlechterforschung vorgestellt, anschließend psychologische Analysen zu Geschlechterverhältnissen vorgetragen. Kris Adlitz kommt in der Gesamtschau zu dem Ergebnis, dass die Daten allenfalls Anhaltspunkte liefern, aber keine Erklärungen für die Geschlechterverhältnisse darstellen. Sie bieten aus seiner Sicht nur scheinbare Erklärungen, halten jedoch näherem Befragen nicht stand. Geschlecht wird zumeist als erklärende Größe behandelt, ohne zu klären, was eigentlich mit dem Begriff Geschlecht gemeint ist.

Dieser Fragestellung widmet sich das zweite Kapitel mit der Überschrift: „Sex und Gender: Natur und kulturelle Zweigeschlechtlichkeit“. Schon hier findet sich eine zentrale These des Buches, die darin besteht, dass die Wahrnehmung der Menschen als zweigeschlechtlich sich im Ergebnis als soziale Notwendigkeit (!) erweist (und nicht etwa als natürlichem Tatbestand) – eine Norm, die es zu erklären gilt. Kris Adlitz wendet sich gegen „naturalistische Fehlschlüsse“, die dann vorliegen, wenn mit empirischen Aussagen normative Aussagen begründet werden. Das liegt aus seiner Sicht daran, dass das deutsche Wort Geschlecht die Vermittlung von Natur und Kultur vergisst und biologistisches Denken unterstützt. Die im Englischen vorgenommene Trennung von Sex und Gender wiederum sagt nichts über deren Verwicklung aus und legt daher nahe, sie getrennt zu untersuchen.

Der Autor wendet sich zunächst gegen die Behauptung, dass die Gene die dichotomen Organe notwendig hervorbringen und so die Zweigeschlechtlichkeit – unabhängig von der Kultur – determinieren. Er will demgegenüber zeigen, dass der bisherige Forschungsstand zu Genen als Ursachen für eine biologische Zweigeschlechtlichkeit nicht so eindeutig ist, wie gemeinhin gedacht. Dass in der Biologie entwickelte Wissen rund um die biparentale Vermehrung gelte es zur Kenntnis zu nehmen, gleichzeitig ist aber festzustellen, dass dieses für das „Symbolsystem der Zweigeschlechtlichkeit“ (S. 79) und die Praxis des Vergeschlechtlichens nicht bindend ist. Da es kein biologisches, natürliches Geschlecht gibt, das man für die Geschlechterverhältnisse verantwortlich machen kann, stellt sich die Frage, ob man Geschlechterhierarchien als Herrschaft begreifen kann. Diesem Thema widmet sich das dritte Kapitel.

Die Überschrift: „Herrschaftstheorie: Leben wir in einer „Männerherrschaft?“ verweist auf den Zusammenhang von Vergeschlechtlichen als Herrschaft. Hierzu ist es aus Sicht des Autors erforderlich, zu untersuchen, wie und warum jemand die Möglichkeit hat, Geschlechtsunterscheidungen fortdauernd und wirkungsmächtig hervor zu bringen und damit eine fertige Hierarchie zu erzeugen. „Wer hat warum die Macht, das zu tun?“ (S. 86). Dabei wendet Kris Adlitz sich gegen existierende Sündenbock- und Verschwörungstheorien ebenso wie gegen Stereotype von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“. Es komme darauf an, zu bestimmen, was Macht und Herrschaft ausmacht und dazu müsse man sich die Zwecksetzungen vergegenwärtigen, die deren Inhalt ausmachen. Heutzutage ist die personal-vergeschlechtlichte Herrschaft eine Ausnahme (z.B. katholische Kirche). Durchgesetzt hat sich eine unpersönliche Herrschaft, die politische Gleichheit und ökonomische Gleichbehandlung zu ihren Maximen macht. Es stellt sich deshalb die Frage, wie eine solche Herrschaftsform zu Geschlechterungleichheit führen kann.

Dieser Frage widmet sich zunächst ein längerer historischer Exkurs zum Thema „Geschlechtercharaktere und Gleichheit“, in dem zweierlei gezeigt werden soll: zum Einen, dass die aktuellen Geschlechterverhältnisse nicht aus einer Tradition vergeschlechtlichter Herrschaft begrifflich bestimmbar sind, zum Anderen dass polare Geschlechterkonstruktionen keine natürlichen Konstanten darstellen, sondern enormen gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen sind, die mit den allgemeinen Herrschaftsverhältnissen verbunden sind.

Das vierte Kapitel befasst sich unter der Überschrift: „Empirie revisited: die bürgerlichen Herrschaftverhältnisse“ mit den Prinzipien und Wirkungen einer besonderen Herrschaftsform und der Frage, wie diese die heutigen Geschlechterverhältnisse bestimmen. Hierzu rekapituliert der Autor zunächst den Werdegang einer fiktiven Person (Kris), die diese mit allerlei Pflichten und Rechten konfrontiert und in deren Zusammenschau deutlich wird, wie Geschlechtlichkeit produziert wird. So regulieren bspw. eine Fülle von gesetzlichen Bestimmungen die Familienform und damit die Geschlechterverhältnisse mit. Auch der Tatbestand, dass Gleichstellungspolitik ganz oben auf der politischen Agenda steht und sich sogar die Familienministerin als Feministin versteht, hat Gründe, die der Autor auf die wachsende Nachfrage nach Frauen als Lohnarbeiterinnen zurück führt und in denen er eine „Verstaatlichung des Feminismus“ (S. 134) verortet, die wenig geeignet ist, die Hoffnungen auf eine Beseitigung der Geschlechterungleichheit Wirklichkeit werden zu lassen. Die Herrschaft des Rechts identifiziert der Autor als Durchsetzung von Freiheit und Privateigentum und damit einer Ordnung, die gerade durch die Gleichheit vor dem Gesetz gesellschaftliche Ungleichheit herstellt, aufrecht erhält und mit Rechtsgewalt durchsetzt.

Man kommt aus Sicht des Autors deshalb nicht ohne eine Analyse der Frage nach den ökonomischen Geschlechtsunterschieden aus und wie diese das Arbeitsleben und das Privatleben beeinflussen bzw. bestimmen. Schon ein Blick auf die „normale Lohnarbeit“ verrät, dass diese für die Geschlechter mit ungleichen Folgewirkungen verbunden ist. Denn wenn Frauen gezwungen sind, sich als Mütter zu verhalten oder sich selbst als Mütter verhalten müssen, verändert sich ihre Stellung in der Konkurrenz der Lohnarbeit und ihre ökonomische Schlechterbehandlung setzt sich fort, wenn Kinderbetreuung und Kindererziehung als primäre Aufgabe der Mutter weitere ökonomische Kalkulationen betrifft, die allesamt darauf hinauslaufen, Frauen, weil sie Kinder bekommen, als erpressbarer zu behandeln. Die in den letzten Jahren beobachtbare Abschwächung der ökonomischen Geschlechterungleichheiten (Planbarkeit des Kinderkriegens, Verbesserung der Ausbildung, verringerte Geburtenzahl) verändern weder die geschlechtertypischen Abhängigkeiten von der bezahlten Arbeit noch die Kalkulationen derer, die dies ausnutzen.

Ein weiteres Unterkapitel befasst sich ausführlich mit dem Privatleben der Geschlechter, wobei das Private als eine besondere Freiheitssphäre aufgefasst wird, die eine weitere Kategorie von Zwängen für die Individuen und ihr Geschlechtsleben darstellt. Das private Glück, das in dieser Sphäre verfolgt wird, stellt sich oft nicht ein und führt zu verschiedenen Formen privater Gewalt bis hin zu „Problemen der modernen Reproduktion“ (S. 207) wie Eifersucht, Liebeskummer und das Festhalten an der Liebesillusion. Der Autor geht in einer Art Gesamtschau des geschlechterbestimmten Privatlebens sowohl auf das Thema „Sexuelle Gewalt gegen Frauen“, „“sexueller Mißbrauch von Kindern“, die „Feindschaft gegenüber Homosexuellen“ u.a.m. ein.

Abgeschlossen wird das Kapitel mit einem längeren Exkurs, in dem die „affirmative Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit“ sowohl in ihrer Gestalt als Forderung nach Gleichheit als auch in ihrer Gestalt als Forderung nach der Anerkennung von Differenz einer kritischen Betrachtung unterzogen wird.

Das abschließende 5. Kapitel rekapituliert unter der Überschrift „Die Geschlechterungleichheit im Kapitalismus“ die in den Kapiteln 1 – 4 vorgetragenen Argumente und fasst die darin enthaltenen Thesen pointiert zusammen. Diese bündeln sich in verschiedenen – wie der Autor sie nennt – „Verkehrungen“: so scheinen auf den ersten Blick aus den Bestimmungen von Ware, Geld, Kapital und Recht keine Geschlechterbestimmungen und Geschlechtsunterschiede zu folgen. Auch die verschiedenen Positionen, die Subjekte in der bürgerlichen Gesellschaft einnehmen, erscheinen als geschlechtsneutral. Und doch begründet ihre ökonomische, politische und private Lage die ungleiche Vergeschlechtlichung in der bürgerlichen Gesellschaft. Aus der Möglichkeit durch die Fähigkeit zur Vermehrung geschlechtliche Subjekte werden zu können, wird – so Kris Adlitz – im Kapitalismus Wirklichkeit, „weil in der kapitalistischen Gesellschaft selbst ohne sexistische Zwecke Geschlechterungleichheit systematisch (!) erzeugt wird“ (S. 271).

Diskussion

Das Buch von Kris Adlitz erhebt den Anspruch einer umfassenden analytischen Betrachtung der Produktion von Geschlechterungleichheit und einer Kritik der theoretischen und politischen Einlassungen zu deren Korrektur. Diesem Anspruch wird das Buch vollumfänglich gerecht. Es provoziert durch die markante Zuspitzung, dass nicht die „Männerherrschaft“, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen oder die geschlechtlichen Bestimmungen den Grund für Geschlechterungleichheit abgeben, sondern die Besonderheiten der kapitalistischen Produktionsweise und der ihr zugehörigen Herrschaftsform. Damit stellt das Buch eine Herausforderung für all diejenigen dar, die etwas über die Gründe der sich mantraartig wiederholenden Statements zur besonderen Betroffenheit von Frauen in diversen Lebenslagen erfahren möchten. Kris Adlitz hat ein Standardwerk zur Debatte über Geschlechtergerechtigkeit vorgelegt, das als Bezugspunkt für diesbezügliche Debatten und Auseinandersetzungen zurecht Gültigkeit beanspruchen kann.

Fazit

Das Buch ist logisch aufgebaut, verständlich geschrieben und der Verzicht auf Literaturhinweise im Text wird durch ausführliche kommentierte Literaturangeben am Ende der jeweiligen Kapitel ausgeglichen. Die Bilder von Susanne Carl sind als in den Text integrierte Kommentierungen zu lesen und illustrieren das Paradoxe des Geschlechtlichen. Kris Adlitz ist ein überaus empfehlenswertes Buch gelungen, dem weite Verbreitung zu wünschen ist und das für Studierende und Lehrende, die sich mit den Themen „Sex“ und „Gender“ auseinandersetzen, zur Pflichtlektüre gemacht werden sollte.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 05.06.2020 zu: Kris Adlitz: Warum hält sich die Geschlechterungleichheit? Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2020. ISBN 978-3-8370-2041-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26864.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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