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Manfred Hofer, Julia Derkau (Hrsg.): Campus und Gesellschaft

Cover Manfred Hofer, Julia Derkau (Hrsg.): Campus und Gesellschaft. Service Learning an deutschen Hochschulen. Positionen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-6155-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Der Sammelband thematisiert neue Fragen im Bereich Service Learning, wie Grenzen und Effekte und ob durch Service Learning fundamentaleres Neu-Denken von Hochschulen durch die komplexen Anforderungen des 21.Jahrhunderts neue Wege eröffnet werden (S. 10).

Im Sammelband setzen sich AutorInnen aus der Hochschule und Gesellschaft mit aktuellen Positionen und Perspektiven des Service Learnings in Deutschland auseinander. Dabei diskutieren sie Ambivalenzen und Herausforderungen für zukünftige Service Learning Projekte.

HerausgeberIn

Manfred Hofer ist Diplom Psychologe und emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Denken und Handeln von Lehrenden sowie die Lernmotivation von Lernenden im Kontext Schule. Julia Derkau leitet den Bereich Bildungsinnovation im Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsinnovation an der Universität Mannheim. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Service Learning, gesellschaftlicher Transfer mit langjähriger Erfahrung in Campus-Community Partnerschaften.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches beinhaltet vier Teile, um die Beiträge zu systematisieren. Der erste Teil befasst sich allgemein mit der fachlichen Entwicklung, wissenschaftlichen Begriffen und Implikationen.

  • Der erste Beitrag von Manfred Hofer und Julia Derkau führt in das Thema des Sammelbandes zu Positionen und Perspektiven ein. Der Blick wird auf Service Learning als Lehrmethode gelegt und Ziele und Elemente von Lehrveranstaltungen aufgezeigt. Service Learning hat Rückenwind durch die Anforderung erhalten, dass Hochschulen Wissen für die Gesellschaft nutzbar machen sollen.
  • Manfred Hofer befasst sich in seinem Beitrag mit den Grenzen des Begriffs Verantwortung im Service Learning. Verantwortung beinhaltet als zentrales Merkmal das Einstehen für die Folgen des Handelns. In der Service Learning Diskussion wird Verantwortung in zwei Bedeutungen genutzt (S. 22): Charakterisierung einer Umwelt, in der Verantwortungsübernahme gelernt werden (Verantwortung lernen) kann und als Charakterisierung einer Umwelt, in der Verantwortung übernommen wird (Verantwortung übernehmen). Dabei diskutiert Hofer auch Folgen der Übernahme von Verantwortung und mögliche Fragen der Haftung. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass häufig der Fokus im Service Learning bescheidener gewählt wird, und zwar als Engagement in der Gesellschaft.
  • Im Beitrag von Holger Backhaus-Maul und Karl-Heinz Gerholz wird der Wissenstransfer zwischen Universitäten und zivilgesellschaftlichen Organisationen fokussiert. Die Autoren thematisieren Potenziale und Restriktionen aus organisationspädagogischer und organisationssoziologischer Perspektive. Sie resümieren, dass es kein Idealtypus von Wissenstransfer zwischen diesen beiden komplexen Organisationstypen gibt.
  • Anne Seifert setzt sich in ihrem Beitrag mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Praxis auseinander. Sie zeigt dazu wissenschaftliche Perspektiven auf die normativen Annahmen zum gewünschten Transfer zwischen Hochschule und Gesellschaft sowie die damit einhergehende Verbindung von Theorie und Praxis auf. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf die Erkenntnistheorie von John Dewey und Reflexive Professionalität nach Bernd Dewe.

Im zweiten Teil wird Service Learning als Lehr-/​Lernform intensiver betrachtet.

  • Julia Mordel, Carmen Heckmann und Holger Horz gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, welche Faktoren des Lehrhandelns den Lernerfolg von Studierenden an deutschen Hochschulen bedingen und vergleichen diese Erfolgsfaktoren mit Studienergebnissen aus den USA. Der Fokus liegt auf der Entwicklung der Studierenden, die den Schwerpunkt der deutschsprachigen Forschung ausmacht.
  • Manfred Hofer und Anne-Sophie Waag setzen sich in ihrem Beitrag theoriegeleitet mit dem Reflexionsprozess der Studierenden im Service Learning auseinander. Bedeutsame Erfahrungen im Sinne von negativen oder positiven Erlebnissen, überraschende oder wichtige Ereignisse, lösen im Service Learning Reflexionen aus, auf die Studierende mit Verleugnung, Assimilation oder Adaption reagieren können. Verleugnung als Nicht-Beachtung der Erfahrungen impliziert keine Verarbeitung einer Erfahrung. Die Autoren greifen auf Piagets Konzept der Assimilation als Interpretation der Erfahrung im Rahmen vorhandener Schemata (S. 110) zurück. Eine Akkommodation findet statt, wenn die Erfahrungen in der Assimilation nicht verarbeitbar sind. Dann findet eine Person neue Deutungen und Einsichten, um eine überraschende bzw. wichtige Erfahrung zu reflektieren.
  • Karsten Altenschmidt und Jörg Miller setzen sich in ihrem Beitrag mit bestehenden Angeboten, Bedarfen und Methoden in der Weiterbildung von Lehrenden zu Service Learning auseinander. Basierend auf einer Bestandsaufnahme hochschuldidaktischer Weiterbildungsangebote leiten sie drei Rahmenkonzepte ab: ein grundlegendes Kompetenzprofil, Personas als Teilnehmende sowie eine darauf basierende Workshopkonzeption. Abschließend teilen sie aus ihrer Praxis als zielführend erlebte Ansätze und Werkzeuge für die Weiterbildung mit.

Im dritten Teil wird die Gesellschaft als Bezugspunkt für Service Learning genauer betrachtet.

  • Christiane Roth und Bettina Hohn beschäftigen sich mit den Wirkungen von Service Learning aus der Perspektive von Community Partnern und analysieren dazu Forschungsergebnisse zum Nutzen, Problemen und Herausforderungen aus den USA und Deutschland.
  • Manfred Hofer und Julia Derkau beleuchten das Verhältnis von Helfen als Tätigkeit und Geholfensein als Erfolg dieser Tätigkeit. Sie gehen dabei der Frage nach, wann Gutgemeintes zu Gutem führt.
  • Im Beitrag von Manfred Hofer und Katharina Spraul stehen ethisch-moralische Kriterien bei der Auswahl von Community Partnern im Fokus, um Hochschulen bei der Frage zu helfen, ob eine Organisation für Service Learning in Frage kommt. Ausgehend von den zentralen Eigenschaften einer idealen Zivilgesellschaft werden vier Kriterien entwickelt.

Im vierten Teil werden Entwicklungsperspektiven von Service Learning aufgezeigt.

  • Julia Derkau und Stefan Münzer beleuchten in ihrem Beitrag die Frage, was sich verändert, wenn aus einem Service Learning Projekt eine längerfristige Campus-Community Kollaboration wird. Dies zeigen sie an einem Beispiel auf. Der Austausch von Wissen zwischen den Partnern ermöglicht Lernprozesse für Campus und Community.
  • Der partizipativen Entwicklung von Qualitätskriterien für Service Learning gehen Julia Sonnberger und Claudia Leitzmann nach. Dazu recherchieren sie vorhandene Kriterienkataloge. Die Gegenüberstellung dieser Kataloge zeigt die Notwendigkeit auf, kulturelle und soziale Kontexte von Schule und Hochschule zu berücksichtigen auf. Aus der Synopse internationaler Kriterienkataloge für Qualitätsstandards legen die Autorinnen schließlich zehn Qualitätskriterien fest, wie zum Beispiel den gesellschaftlichen Bedarf, definierte Ziele, Reflexion und Qualitätssicherung.
  • Der Beitrag von Jürgen Howaldt und Wolfgang Stark befasst sich mit der Rolle von Hochschulen im Kontext sozialer Innovationen. Soziale Innovationen sind Teil eines neuen Innovationsverständnisses, das sich an gesellschaftlichen Herausforderungen und Nachhaltigkeitszielen orientiert, neue soziale Praktiken und Organisationsformen beinhaltet und den Innovationsprozess öffnet, um die Gesellschaft einzubeziehen.

Diskussion

Der Sammelband bereichert die Diskussion um Service Learning in Deutschland, indem er neue Perspektiven im Service Learning aufzeigt. Der erste Teil des Buches holt Lesende gut ab, indem ausgewählte Grundlagen dargelegt werden. Es wird ein knapper Einblick in die Lehr-/​Lernmethode des Service Learnings gegeben, die Rolle der Verantwortung dargelegt und das Verhältnis von und der Wissenstransfer zwischen Hochschule und Praxis beleuchtet. Wer didaktische Gestaltungshinweise zu Formen und Umsetzung in der Lehre sucht, sei auf andere Quellen verwiesen, wie Heinz Reinders 2016: Service Learning.

Im zweiten Teil wird die Perspektive des Lehrens und Lernens anhand der Wirkungen und Erfolgsfaktoren dargelegt. Gerade die theoretische Auseinandersetzung mit der Reflexion der Studierenden und die Frage, was Lehrende können sollen, um Service Learning umzusetzen, bringen neue Impulse in die inhaltliche Diskussion.

Die Perspektive der Gesellschaft wird im dritten Teil deutlich. Denkanstöße liefern hier die beiden Beiträge zum Verhältnis Helfen und Geholfensein sowie zur ethischen Betrachtung von möglichen Communitypartnern.

Die inhaltliche Diskussion des Service Learning bereichert besonders der vierte Teil des Buches, wo zentrale Fragen längerfristiger Service Learning Ansätze beleuchtet werden, wie sich längerfristige Kooperationen entwickeln, welche Qualitätskriterien leitend sind und welche sozialen Innovationen möglich sind.

Fazit

Insgesamt ein Sammelband, der seinem Anspruch gerecht wird, neue Positionen und Perspektiven aufzuzeigen. Beispielhaft seien die Beiträge zur Verantwortung, Helfen, Reflexion, Weiterbildung von Lehrenden, Wissenstransfer, Kollaboration und sozialen Innovationen genannt. Die Beiträge stellen den aktuellen Stand des Wissens zu Service Learning zusammen und rücken bisher eher weniger betrachtete Themen und Fragen in den Vordergrund.


Rezension von
Dr. phil. Daniela Schmitz
Dipl.-Päd., Wissenschaftliche Mitarbeiterin im multiprofessionellen Masterstudiengang Masterstudiengang „Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen“ an der Universität Witten/Herdecke
Homepage www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/multiprofession ...
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Zitiervorschlag
Daniela Schmitz. Rezension vom 10.12.2020 zu: Manfred Hofer, Julia Derkau (Hrsg.): Campus und Gesellschaft. Service Learning an deutschen Hochschulen. Positionen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6155-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26867.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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