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Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Handlungsfelder Sozialer Arbeit

Cover Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Handlungsfelder Sozialer Arbeit. Eine systematisierende Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-6216-8. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 16,85 sFr.
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Thema

Das Lehrbuch zielt auf die Darstellung der Sozialen Arbeit als Praxiszusammenhang ab, indem Handlungsfelder und diesen nicht zuordenbare Tätigkeiten rekonstruiert und portraitiert werden. Darüber hinaus werden die Kriterien für die Unterscheidung von Handlungsfeldern und Zuordnung von Tätigkeiten selbst zum Thema gemacht sowie die Soziale Arbeit als Einheit hinsichtlich ihrer Funktion im Sozialstaat bestimmt.

Autoren

Dominik Farrenberg, Jg. 1978, Dr. phil, Kindheitspädagogik (B.A.) und Soziale Arbeit (M.A.) ist Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit in der Abteilung Aachen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.

Marc Schulz, Jg. 1974, Dr. phil, Dipl. Pädagoge (Sozialpädagogik) ist Professor für Kindheits- und Familiensoziologie an der TH Köln.

(Verlagsinformationen)

Aufbau

Das Buch umfasst 17 Kapitel, die abgesehen von Einleitung und Schlussbetrachtung in drei Teile gegliedert sind. Der Text umfasst 25 Abbildungen, 10 Tabellen sowie 27 meist knapp gehaltene Exkurse, in denen weiterführende Begriffe oder Konzepte wie „Soziale Dienstleistungen“ oder „Subjektivierung“ erläutert werden. Den inhaltlich tragenden Kapiteln sind kurze Aufgaben zur Reflexion beigeordnet. Das Buch schließt mit einem Stichwortverzeichnis ab.

Etwas weniger als die Hälfte des Textes ist der Vorstellung von Handlungsfeldern und weiteren Tätigkeitsbereichen der Sozialen Arbeit gewidmet.

Inhalt

Nach einer Einleitung und einer ausführlichen Vorstellung des Aufbaus des Buches beginnt Teil I mit einem Problemaufriss (Kap. 2). Darin wird Soziale Arbeit als „vielgestaltiger und dynamischer Praxiszusammenhang“ charakterisiert, dessen identitätsstiftende Gemeinsamkeiten schwer auszumachen seien. Die Autoren führen mit der Unterscheidung von „Aspekten“ wie „Zielgruppen“ und „Angeboten“ bzw. „Aufgaben“ und „Funktionen“ sowie der historischen entstandenen Unterscheidung von „Hilfe- vs. Bildungsprimat“ erste Ordnungsbegriffe ein. Daran anknüpfend unterscheiden sie vier Handlungsfelder, deren Profile zunächst in Form von Fallportraits von PraktikerInnen ausführlich illustriert und beleuchtet werden (Kap. 3).

Anschließend (Kap. 4) wird die Soziale Arbeit als Ganzes unten den Aspekten „Ziele“, „Aufgaben“ und „Funktionen“ als gesellschaftliche Praxis bestimmt. Dazu werden gesellschaftstheoretische Rahmenkonzepte von Weber, Elias und Luhmann sowie die Begriffe Kapitalismus und Neoliberalismus aufgerufen. Ein Leitgedanke dabei ist die Allzuständigkeit und gleichzeitige Spezialisierung Sozialer Arbeit. Die komprimiert vorgetragenen Überlegungen führen zunächst zu Maja Heiners Konzept der „Lebenslage“, mit dem der Bogen zu der Diskussion des Mandats (Doppel-, Tripel-, Einzelmandat der Sozialen Arbeit) geschlagen wird. Am Ende des Kapitels resümieren die Autoren, dass das wesentliche Ziel Sozialer Arbeit in einer Vermittlungstätigkeit zwischen Individuum und Gesellschaft bestehe, „welche versucht, soziale Verantwortung bzw. Gemeinschaftssinn einerseits sowie Selbstverwirklichung andererseits auszutarieren.“ (S. 49). In den Handlungsfeldern ließen sich spezifische Ausgestaltungen dieser Aufgabe erkennen.

Die Autoren führen dann (Kap. 5) zur Beschreibung der Handlungsfelder hin, indem sie zunächst kurz auf die Bedeutung einer solchen Systematisierung - nämlich die Bündelung von Fallkonstellationen hinsichtlich gemeinsamer Binnenlogiken – hinweisen und dann ausführlich auf die tragenden Begriffe „Handeln“ und „Feld“ eingehen. In der „Kopplung der Begriffe“ sehen sie schließlich eine „reflexiv und analytisch produktive Verhältnissetzung“ (S. 61).

Nach einer knappen Zusammenfassung des bis dahin Gesagten (Kap. 6) werden in Teil II (Kap. 7 bis 12) die Handlungsfelder „Kinder- und Jugendhilfe“ (Kap. 8), „Soziale Hilfen in besonderen Lebenslagen“ (Kap. 9), „Behinderten- und Gesundheitshilfe“ (Kap. 10) sowie „Soziale Altenhilfe“ (Kap. 11) portraitiert. Dabei werden die Handlungsfelder differenziert nach Tätigkeitsfeldern - beispielsweise Wohnungslosen- und Suchthilfe im Handlungsfeld „Soziale Hilfen in besonderen Lebenslagen“ – mit ihren jeweiligen Angeboten, Zielstellungen, Adressaten usw. vorgestellt. Die Autoren gehen auf die geschichtliche Gewordenheit, die rechtlichen Kodifizierungen im Sozialgesetzbuch, statistische Daten zur Entwicklung der Felder sowie auf Charakteristika der sozialarbeiterischen bzw. sozialpädagogischen Tätigkeiten ein. Ferner erläutern sie aktuelle fachliche Fragestellungen und relevante wissenschaftliche Diskurse, beispielsweise um die Begriffe Inklusion und Integration. Schließlich werden aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen benannt. Im Zusammenhang mit dem Tätigkeitsfeld Wohnungslosigkeit wird beispielsweise auf die politische Umdeutung von Armut weg von der Prävention hin zu Armutsfolgenbekämpfung hingewiesen.

Zum Abschluss von Teil II resümieren die Autoren in komprimierter Form einige bereits aufgeworfene Thesen zur Dynamik der Handlungsfelder (Kap. 12). Insbesondere konstatieren sie, dass die Ausdifferenzierung der Sozialen Arbeit ebenso wie ihre Bedeutungszunahme Teil der Pluralisierung einer beständig komplexer werdenden Gesellschaft darstelle, in der die Problemlagen zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen seien.

In Teil III wird zunächst die Frage nach den Kriterien von Systematisierungen von Handlungsfeldern in aller Kürze aufgeworfen (Kap. 13), um anschließend einschlägige Modelle vorzustellen (Kap. 14). Mit Bezug auf die Arbeiten von Lothar Böhnisch wird die Gliederung nach dem Gesichtspunkt „Stationen im institutionalisierten Lebenslauf“ erläutert. Dazu gehen die Autoren ausführlich auf die Theorie der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst ein. Anschließend thematisieren sie die Gliederung nach Interventionsgraden und erläutern die Ansätze von Thole (mit dem Ordnungskriterium Lebensweltorientierung) und Hamburger (mit dem Ordnungskriterium Erwerbsarbeitsorientierung), bevor Heiners Modell der Differenzierung nach Aufgabenfeldern besprochen wird.

Im nächsten Kapitel wird der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang, in dem Soziale Arbeit existiert, zum Gegenstand. Die Autoren gehen auf die Themen Wohlfahrtsstaat/​Sozialstaat, das Sozialgesetzbuch und die Grundprinzipien im deutschen Sozialrecht sowie das „Dienstleistungsdreieck“ ein. Dabei werden tragende Begriffe wie „Soziale Dienstleistungen“ und wichtige Akteure wie die Wohlfahrtsverbände erläutert (Kap. 15).

Mit der Darstellung von „Dazwischen“ und „Hinterbühnen“ Sozialer Arbeit (Kap. 16) kommt diese erneut als Praxiszusammenhang zur Sprache. Anknüpfend an ein weiteres Fallportrait eine Sozialarbeiters werden Tätigkeiten wie Koordination, Steuerung und Netzwerkarbeit behandelt. Ferner werden Aufgaben wie Supervision, Organisationsberatung, Fortbildung, Forschung und Sozialberichtserstattung erläutert (Kap. 16).

In der Schlussbetrachtung (Kap. 17) resümieren die Autoren zentrale Einlassungen und formulieren einige Thesen zu erwartbaren Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Behinderten- und Gesundheitshilfe, um abschließend stichwortartig auf das Dynamisierungspotenzial von Migration, Post-Demokratisierung, Digitalisierung und ökologischen Krisen hinzuweisen.

Diskussion

Farrenberg/​Schulz legen mit ihrer „systematisierenden Einführung“ in die „Handlungsfelder der Sozialen Arbeit“ erklärtermaßen ein Lehrbuch vor. Dieses zeichnet sich zunächst dadurch aus, die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit durch Fallportraits, historische Einbettungen und Verknüpfungen zu aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen anschaulich und in ihrer Verfasstheit verständlich werden zu lassen. Die Bilder dieser Handlungsfelder gewinnen an Kontur, indem auf virulente politische und wissenschaftliche Diskurse in instruktiver Weise eingegangen wird. Das Buch löst darüber hinaus seinen weitergehenden Anspruch ein, handlungsfeldübergreifende Gemeinsamkeiten zu identifizieren, ohne den thematischen Rahmen zu sprengen und sich etwa in Debatten zur Theoretisierung Sozialer Arbeit zu verlaufen. Es mag einem unangenehm aufstoßen, dass die gesellschaftstheoretische Einordnung dabei im Ungefähren belassen wird. So wird einerseits auf zahlreiche politische Entwicklungen (z.B. Gefährdung des Doppelmandats durch Reduzierung der Sozialen Arbeit auf Armutsfolgenbekämpfung, vgl. S. 96) und wissenschaftliche Diskurse (z.B. „Gesundheit als neoliberale Norm“) mit kritisch-reflektierender Stoßrichtung eingegangen. Andererseits wird die Soziale Arbeit mit gesellschaftstheoretisch leeren und fragwürdigen Formeln wie „Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft“ bestimmt (S. 49). Von der Anlage des Buches her könnte man dies insoweit als konsequent nachvollziehen, als es den Autoren auch bei notwendigen Theoretisierungen um eine Rückbindung an ihre Basiskategorie „Handlungsfeld“ und somit um phänomennahe Erörterungen ihres Gegenstands zu gehen scheint.

Insgesamt gelingt Farrenberg/​Schulz der Spagat, einerseits – soweit das möglich ist – einen deskriptiven Duktus durchzuhalten und andererseits die notwendige theoretische Begrifflichkeit in gut verständlicher Weise einzuführen und nachvollziehbar in Anschlag zu bringen. Durch den mehrfachen Wechsel von Feld- und Tätigkeitsbeschreibungen einersetis mit systematisierenden Ausführungen andererseits bewerkstelligen die Autoren ein Durchkämmen ihres Stoffs, die zu dem angestrebten tieferen Verstehen der berufspraktischen und diskursiven Ordnung der Sozialen Arbeit führt. Nicht zuletzt die sinnvoll eingebauten Ausgriffe in zentrale Theoreme (z.B. Mandatsfrage), Strukturmerkmale (z.B. Sozialleistungsdreieck) und bezugswissenschaftliche Themen (z.B. Entwicklungspsychologie) machen das Buch auch zu einer guten Einführung in die Soziale Arbeit per se.

Problematisch - nicht zuletzt mit Blick auf die adressierte Leserschaft – scheint mir die sprachliche Gestaltung des Lehrwerks. Die Formulierungen wirken häufig auf Vollständigkeit und Absicherung abgestellt, was manchmal mit sich wiederholenden Aufzählungen abstrakter Begrifflichkeiten einhergeht. Die Autoren hätten überdies der Schlüssigkeit und inneren Logik ihres Textaufbaus mehr vertrauen sollen, anstatt Querverbindungen immer wieder zu markieren und – sicherlich in verständnisfördernder Absicht – Redundanzen einzubauen. Insofern ist der sehr informative Text sprachlich über weite Strecken sperrig und war für mich nicht zuletzt aufgrund eines nüchtern-technischen Schreibstils etwas freudlos zu lesen.

Fazit

Die Autoren rekonstruieren in diesem Lehrbuch Soziale Arbeit als Praxiszusammenhang, indem sie Handlungs- und Tätigkeitsfelder nachzeichnen und allgemeine Funktionsbestimmungen sozialpädagogisch-sozialarbeiterischer Praxis im Sozialstaat herleiten. Die gründliche Darstellung umfasst Praxisportraits, statistische Angaben, historische Einordnungen, aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie Exkurse in feldspezifisch und übergreifend relevante Thematiken. Durch die Vorstellungen einschlägiger Systematisierungsansätze von Arbeits- bzw. Tätigkeitsfeldern anderer AutorInnen, werden die LeserInnen für systematisierungstheoretische Problemstellungen sensibilisiert. Der hohe Informationsgehalt und die sorgfältigen, den Kenntnisstand der adressierten Leserschaft berücksichtigenden Einführungen theoretischer Begriffe, machen das Buch zu einem empfehlenswerten Lehrwerk. Tatsächlich lässt es sich ebenso gut als eine Einführung in die Soziale Arbeit lesen. Allerdings leidet der Text m.E. unter einer sperrigen Sprachgestaltung und einem technischen Schreibstil, was die Lektüre zuweilen mühselig macht.


Rezension von
Prof. Dr. Boris Friele
Professor für Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Boris Friele. Rezension vom 25.05.2020 zu: Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Handlungsfelder Sozialer Arbeit. Eine systematisierende Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6216-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26869.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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