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Christian Marty: Max Weber - ein Denker der Freiheit

Cover Christian Marty: Max Weber - ein Denker der Freiheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 244 Seiten. ISBN 978-3-7799-6150-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensführung.
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Thema

Anlässlich des hundertsten Todestags im Jahr 2020 und der Fertigstellung der 47-bändigen Gesamtausgabe seiner Schriften ist auch die Auseinandersetzung mit dem Werk Max Webers innerhalb der von Marty so benannten „Weber-Interpretationsindustrie“ bzw. „Weberei“ noch einmal ausgeweitet worden. Mit zahlreichen Verweisen auf diesen Kontext versucht Marty nachzuweisen, dass das „erkenntnisleitende Interesse“ (30) bzw. der „Kern des Weber’schen Werkes“ (31) in der Auseinandersetzung mit der Frage nach der Freiheit der Lebensführung im bürokratischen Kapitalismus liege. Dass dieser Aspekt in der Vergangenheit nur wenig beachtet wurde, liegt laut Marty vor allem daran, dass Max Weber vor allem als ein Begründer der Soziologie betrachtet und damit nur eingeschränkt wahrgenommen wurde. Um eine breitere Perspektive zu gewinnen, entfaltet Marty im Anschluss an Rorty (2014) eine interdisziplinäre Intellektualgeschichte, in der Max Weber „in allererster Linie … (als) ein Denker der Freiheit“ (21) vorgestellt wird. Diese Thematik wird auf der Basis der Weber‘schen Gesamtausgabe untersucht und in Bezug auf die unterschiedlichen Positionen der Max Weber-Literatur diskutiert.

Autor

Christian Marty hat an der Universität Zürich Geschichte, Philosophie und Medienwissenschaften studiert. Das vorliegende Buch entspricht seiner Dissertationsschrift, mit der er 2018 promoviert wurde.

Aufbau

Marty folgt den drei von Rorty vorgeschlagenen Prinzipien bei der Auseinandersetzung mit dem Werk Max Webers: die Positionen Webers werden „werkimmanent“ rekonstruiert, „historisierend“ in ihren zeitgeschichtlichen Kontext gestellt und „dekonstruktiv“ auf das ideengeschichtliche Umfeld seiner Zeit bezogen (39). Der damit verbundene Anspruch besteht in nichts Geringerem als darin, „die Leserschaft (anzuregen), einiges von dem, was gemeinhin über Max Weber gedacht wird, zu hinterfragen“ (29).

Inhalt

In einem „Prolog“ wird Max Weber als ein Gelehrter beschrieben, der auf der Basis des „alteuropäischen Denkens“ des 19. Jahrhunderts eine „moderne Modernekritik“ entfaltet, deren Kern in der Frage nach den Auswirkungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche auf die Lebensführung und die Möglichkeiten menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung liege.

In der „Einleitung“ schildert der Autor seine Quellen, wobei er neben der vollständigen Werkausgabe auch den weniger beachteten Schriftwechsel, die Ausstattung der Privatbibliothek und auch mehrfach das „Lebensbild“, also die von seiner Frau Marianne Weber verfasste Biografie heranzieht, obwohl letztere in der Weber-Rezeption eher kritisch betrachtet wird. Als Methode der Untersuchung wird das oben erwähnte Konzept Richard Rortys vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einer „kurzen Geschichte der Max-Weber -Forschung“ ab, mit der die eigene Fragestellung – Max Weber als Denker der Freiheit unter den sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen – genauer begründet wird.

Der Hauptteil des Buches besteht aus drei großen Kapiteln, in denen Max Weber als Philosoph, als Sozialforscher und als Erzieher vorgestellt wird. Die Frage nach den Möglichkeiten von Freiheit ist laut Marty die Klammer, von der diese Perspektiven zusammengehalten werden. In einem „Epilog“ werden diese Facetten am Ende zusammengefügt und kritisch beleuchtet, wobei noch einmal nachdrücklich die Spezifik des Weber‘schen Konzepts der Handlungsfreiheit hervorgehoben wird.

In Teil 1, „Max Weber als Philosoph“, geht Marty auf die geistesgeschichtlichen Einflüsse aus der Theologie und der Philosophie (insbesondere Nietzsche), aber auch der Literatur von Goethe bis Stefan George ein. Dabei wird deutlich, dass Weber teleologische Auffassungen von der Geschichte als voranschreitendem Fortschritt ablehnt (75 ff.) und auf der Basis eines Konzepts der „heroischen Moderne“ danach fragt, „wie es für die Individuen in der entzauberten Welt, in der ein 'Polytheismus der Werte' (83) anstelle eines Gottes getreten ist, einem eigenen Ethos zu folgen.“ Der Verlust eines einheitlichen Gottesglaubens geht mit einem Gewinn von Möglichkeiten der individuellen Wertorientierung einher. Marty hebt hervor, dass für Max Weber Freiheit in der Fähigkeit der Individuen besteht, diesem Ethos als einem eigenen „Dämon“ (61) zu folgen. Kennzeichen dieser Orientierung an einem selbst gewählten Wert ist „Leidenschaft“ (97) – also die Hingabe und die rationale Verfolgung eines Wertes im Bewusstsein der Existenz anderer Wertsphären.

Die gesellschaftlichen Bedingungen, die ein leidenschaftliches, freiheitliches Leben ermöglichen oder verhindern, werden in Teil 2, „Max Weber als Sozialforscher“, thematisiert. Marty geht dabei auf die Weber‘schen Untersuchungen zum gesellschaftlichen Wandel seit dem 19. Jahrhundert ein, in denen dieser nicht nur nach den veränderten Strukturen der Wirklichkeit fragt, sondern auch nach deren Kulturbedeutung, also den Auswirkungen auf die Lebensführung, die von einer neuen „Abhängigkeit trotz Freiheit“ (103) geprägt ist. Hervorgehoben werden hierbei die großen Einflüsse von Karl Marx hinsichtlich der materiellen Verhältnisse und Friedrich Nietzsches hinsichtlich der ideellen Verhältnisse (105 ff.). Dabei wird erneut der fortschrittsskeptische Tenor Max Webers deutlich – im „Kampf zwischen der ethischen und der ökonomischen Rationalisierung“ (124) gewinnt tendenziell das „stahlharte Gehäuse der Hörigkeit“ (von dem Weber am Ende seiner Studie zur „protestantischen Ethik“ schreibt) die Vorherrschaft, und die Freiheit in der entzauberten Welt entpuppt sich als eine Freiheit zum Gehorsam, bei der die zweckrationale Zielerreichung über wertrationalen Beziehungen steht. Die sich daran anschließende Frage: „Wie kommt es, dass sich formelle Freiheit so häufig in tatsächliche Abhängigkeit verwandelt?“ (133) wird dann anhand von drei Phänomenen beantwortet, die auf ihre widersprüchlichen Wirkungen auf eine freie Orientierung an eigenen Werten untersucht werden: dem Betriebskapitalismus, dem Wohlfahrtsstaat und den Kirchen.

Ausgangspunkt ist dabei laut Marty der dem methodologischen Individualismus entspringende Gedanke, dass äußere Gegebenheiten nicht zwangsläufig zu bestimmten Handlungen führen, sondern Handlungschancen eröffnen, die je nach Wahrnehmung oder Deutung dieser Wirklichkeit realisiert werden. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten auf die individuelle Freiheit werden deshalb von Weber als Möglichkeitsraum aufgefasst, allerdings mit der klaren Tendenz eines Anpassungsdrucks, sich den „rationalen Regeln der modernen Gewaltordnung zu fügen“ (146), um nicht ausgeschlossen zu werden. In diesem Zusammenhang gelingt es Marty, eine inhaltliche Nähe zur kritischen Theorie – von der Adorno‘schen „Kulturindustrie“ bis zum Marcuse‘schen „eindimensionalen Menschen“ – herauszuarbeiten. Ähnlich wie im Betriebskapitalismus erkennt Max Weber im Wohlfahrtsstaat vor allem ein „Gehäuse für die neue Hörigkeit“ (150), das zu Behaglichkeit statt zur autonomen Lebensführung anregt, zu einer Bevorzugung materieller gegenüber ideellen Interessen. Könnte man hier eine frühe Formulierung der neoklassischen Sozialstaatskritik vermuten, schlägt Max Weber aber die „gleichberechtigte Teilnahme der Arbeiterschaft“ an den Bedingungen der Arbeit vor, um „Persönlichkeiten“ statt „Sklavenseelen“ zu fördern (153). Diesen Punkt verfolgt Marty nicht weiter, sondern betont die hohen Anforderungen, die an die Individuen gestellt werden, wenn sie sich dem Anpassungsdruck und der Bequemlichkeit zugunsten einer freiheitlichen Lebensführung widersetzen wollen. Dieses freiheitliche Persönlichkeitsideal kennzeichnet er als eine „geistesaristokratische Angelegenheit“ (159), die dadurch erschwert wird, dass der Einsatz für eine Sache mit der Opferung einer anderen einhergeht. Eine Vereinfachung dieser komplexen Anforderungen bietet sich – bei „Opferung des Intellekts“ (154 ff.) – mit den „weit geöffneten Arme der Kirche“ als Lösung für die Herausforderungen des „Polytheismus“.

Der Frage, wie Menschen befähigt werden können, unter den gegebenen Bedingungen ein freies Leben zu führen, geht Marty in Teil 3, „Max Weber als Erzieher“ – nach. In seiner Interpretation ist das Weber’sche Persönlichkeitsideal, das als Ziel des Erziehungsprozesses bestimmt wird, wiederum durch einen „heroischen“ Charakter geprägt. Erziehung dient dabei der „Selbsterkenntnis“ (176 ff.) über den Sinn des jeweiligen Lebens als Gegenpol zur „Herrschaft des Alltags“ (wobei hier erstaunt, dass Marty keinerlei Bezug auf die Lebenswelttheorie von Alfred Schütz, 1974, nimmt). Diese Selbsterkenntnis wird über die „Erweckung des Charismas“ befördert, was als Ziel der Erziehung neben der Vermittlung von Fachkenntnissen und der Anpassung an die Regeln der Lebensführung bestimmt wird. Das Individuum wird damit in die Lage versetzt, der eigenen Wertentscheidung einschließlich der Hinnahme ungünstiger Konsequenzen zu folgen. Dass dieser inhaltsleere Charismabegriff als Grundlage des Persönlichkeitsideals problematische Seiten hat, wird von Marty anhand des Weber’schen Plädoyers für eine „plebiszitäre Führerdemokratie“ (184) diskutiert. Es wurde Weber vorgeworfen, damit ein Wegbereiter des nationalsozialistischen Denkens zu sein. Marty nimmt Weber aber damit in Schutz, dass dessen Konzept der Rationalität der Freiheit nicht gesinnungsethisch, sondern immer zusammen mit verantwortungsethischen Grundsätzen gedacht werde. Er arbeitet hierbei den Einfluss Georg Simmels und seiner „Moral der Vornehmheit“ auf Weber heraus. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass der eigene Wertbezug nicht absolut gesetzt wird, sondern unter Anerkennung der berechtigten Existenz alternativer Werte erfolgt. Die Freiheit der Lebensführung erscheint damit als permanente Arbeit, das eigene Schicksal verantwortlich zu gestalten.

Am Ende fasst Marty seine Ausführungen in einem „Epilog“ zusammen und betont, dass sich das Thema der freiheitlichen Lebensführung durch das gesamt Werk Max Weber ziehe, nicht nur durch einzelne Teile oder Schaffensperioden. Webers Freiheitskonzept wird zusammenfassend in der Spannung zwischen der Anerkennung der Pluralität von möglichen Wertbeziehungen und der „Absolutheit der je eigenen Wertbeziehung“ (218) angesiedelt. Diese anspruchsvolle Anforderung an eine selbstbestimmte Lebensführung wird von Marty am Ende hervorgehoben und als Anforderung an die weitere Weber-Interpretation formuliert.

Diskussion

Christian Marty beleuchtet einen wichtigen Aspekt im Werk von Max Weber, der in dieser Prägnanz von anderen Interpreten noch nicht bearbeitet wurde. Max Weber wird als Zeitgenosse der geistesgeschichtlichen Strömungen seiner Zeit präsentiert, der diese intellektuelle Basis aber weiterentwickelt und das Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Veränderungen im Modernisierungsprozess geprägt hat. Insofern verwundert die teilweise offene anti-soziologische Attitüde, die sich durch den Text hindurch zieht – am deutlichsten bei der Formulierung zum Konzept der Wertfreiheit als „meist an den Haaren herbeigezogene Erörterungen zur angeblichen Grundlegung der verstehenden Soziologie“ (172). Sehr erhellend sind jedoch die Ausarbeitungen zum Einfluss anderer Denker wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Georg Simmel, die zum Verständnis der Weber’schen Positionen beitragen. Etwas unbefriedigend bleiben dagegen die Ausführungen zur problematischen Seite des heroischen und zugleich tragischen Freiheitskonzepts Webers, welches sehr an den von David Riesman (1958) so bezeichneten „innengeleiteten Charakter“ als Kennzeichen der bürgerlichen Persönlichkeit der 19. Jahrhunderts erinnert. Die Bedeutung sozialer Freiheiten wird von Marty nämlich nur in geringem Maße berücksichtigt, weshalb er auch die Weber’sche Kritik am Wohlfahrtsstaat auf den Aspekt der paternalistischen Gefährdung einer heroischen Lebensführung reduziert.

In der gegenwärtigen Situation des Lebens mit einer Pandämie wird anhand der Analyse von Marty das Potenzial des Weber’schen Freiheitsbegriffs deutlich. Das Verhältnis von Bürgerrechten und Gesundheit verweist auf den Aspekt der verantwortungsethischen Einbettung individueller Freiheiten, der beispielsweise durch das Auftreten der „Querdenker“ zugespitzt wird. Mit Max Weber wird deutlich, dass die Realisierungsbedingungen von Freiheit an die Verantwortlichkeit des Handelns in Bezug auf begründbare Normen definiert werden – konkret, dass Freiheit nicht bedeutet, jedem Unsinn Geltung verschaffen zu können. Auf diesen Zusammenhang wird man durch die Lektüre des vorliegenden Buches aufmerksam, und allein schon deswegen lohnt sich seine Lektüre.

Fazit

Auf einer breiten Literaturbasis wird Max Weber als ein Gelehrter beschrieben, der eine „moderne Modernekritik“ entfaltet, deren Kern in der Frage nach den Auswirkungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche auf die Lebensführung und die Möglichkeiten menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung liegt. In drei zentralen Kapiteln widmet sich der Autor dem Werk Max Webers hinsichtlich seiner Beiträge zur Philosophie, zur Sozialforschung und der Theorie der Erziehung. Er zeigt, dass sich das Erkenntnisinteresse Webers in allen diesen Bereichen um die Bedingungen und Möglichkeiten einer freiheitlichen, autonomen Lebensführung dreht. Um das Paradox aufzulösen, dass mit zunehmenden Freiheitsgewinnen zugleich neue Abhängigkeiten im bürokratischen Kapitalismus entstanden sind, wird Freiheit als die Fähigkeit aufgefasst, im Rahmen „polytheistischer“ Wertegeltungen ein selbstbestimmtes wertorientiertes Leben führen zu können, das zugleich verantwortungsethischen Grundsätzen folgt. Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Buch, das neue Aspekte im Denken Max Webers erschließt.

Literatur

Schütz, Alfred (1974): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Original 1960)

Riesman, David (1958): Die einsame Masse. Reinbek: Rowohlt

Rorty, Richard (2014): Vier Formen des Schreibens von Philosophiegeschichte, in A. Mahler und M. Mulsow (Hrsg.), Texte zur Theorie der Ideengeschichte, Stuttgart: Enke, S. 261-279


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Wolf
Hochschule Magdeburg-Stendal - Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheitswesen und Medien
Homepage www.jurgenwolf.de
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Zitiervorschlag
Jürgen Wolf. Rezension vom 07.05.2021 zu: Christian Marty: Max Weber - ein Denker der Freiheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6150-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26872.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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