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Uwe Wilkesmann: Methoden der Hochschulforschung

Cover Uwe Wilkesmann: Methoden der Hochschulforschung. Eine methodische, erkenntnis- und organisationstheoretische Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 132 Seiten. ISBN 978-3-7799-6067-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Standards standardisierter und nichtstandardisierter Sozialforschung.
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Thema

Dieses Buch der Reihe „Standards standardisierter und nichtstandardisierter Sozialforschung“ setzt sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Erforschung der Hochschule auseinander.

Autor

Uwe Wilkesmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Organisationsforschung und Weiterbildungsmanagement sowie Direktor des Zentrums für Hochschulbildung an der TU Dortmund. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Organisationsforschung.

Aufbau

Das Buch enthält ein Vorwort, eine Einleitung, sieben inhaltliche Kapitel (mit vielen Unterkapiteln) sowie einen Ausblick und ein Literaturverzeichnis.

  • Kapitel 2: Hochschulen als Organisationen
  • Kapitel 3: Erkenntnistheoretische Probleme
  • Kapitel 4: Ein Erklärungsmodell im Rahmen der Organisation Hochschule
  • Kapitel 5: Grundsätzliche Überlegungen zu quantitativen und qualitativen Methoden
  • Kapitel 6: Quantitative Methoden in der Hochschulforschung
  • Kapitel 7: Qualitative Methoden in der Hochschulforschung
  • Kapitel 8: Ein Beispiel: Governance der akademischen Lehre

Inhalt

In der Einleitung wird Hochschulforschung als Forschung zur Organisation Hochschule und zu deren Mitgliedern festgelegt, wobei mit den Mitgliedern wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches Personal sowie Studierende gemeint sind.

Im Kapitel zu Hochschulen als Organisationen setzt sich der Autor damit auseinander, wie Entscheidungen getroffen werden können, welche Organisationstypen für Hochschulen relevant sind, er beleuchtet den operativen Kern der Expert*innen in einer Hochschule sowie die Metapher der Hochschule als Mülleimer, in den verschiedene Probleme und Lösungen hineingeworfen und selektiv hervorgezogen werden. Wilkesmann würde Hochschulen gerne als evolutionäre Organisationen sehen, in denen die Mitglieder ganzheitlich in selbstführenden Teams agieren, was im Gegensatz zur aktuellen Stärkung des „New Public Managements“ steht, das die Hierarchie an Hochschulen stärkt. Er spricht von unklaren Technologien und meint damit den Prozess, wie ein Input in einen Output transformiert wird. Forschung und Lehre sind unklare Technologien, da schwer beschreibbar ist, was gute Forschung und Lehre ausmachen.

Zu Hochschulen zu forschen bringt Erkenntnistheoretische Probleme mit sich, wie in Kapitel 3 festgehalten ist, forschen doch die Mitglieder der Hochschule über ihre eigene Organisation und ihre eigene Lebenswelt. Da es noch keine Profession der Hochschulforschung gibt, kommen die Akteur*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und wenden unterschiedliche Methoden an. Die Forscher*innen müssen sich mit dem Selbstobjektivierungsproblem, sie sind nicht neutral, und dem Selbstüberschätzungsproblem, sie haben blinde Flecken in Bezug auf das Fach oder den Hochschultyp, auseinandersetzen. Nach Habermas können beide Erkenntnisprobleme durch „kommunikatives Handeln“ innerhalb der Lebenswelt der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gelöst werden. Damit ist die erste Ordnung sozialer Konstruktionen, die Lebenswelt der Forschenden, erfasst. Darüber hinaus muss auch die zweite Ordnung sozialer Konstruktionen berücksichtigt werden, welche Theorien und Empirie zum Gegenstand der Hochschulforschung umfasst. Die Überwindung des Selbstobjektivierungsproblems und des Selbstüberschätzungsproblems beeinflusst damit die Methodik der Hochschulforschung.

Im vierten Kapitel Ein Erklärungsmodell im Rahmen der Organisation Hochschule meint Wilkesman, dass Organisationsstrukturen die Handlungen der Mitglieder beeinflussen, andererseits auch die Mitglieder durch individuelle und gemeinsame Handlungen auf die Organisation einwirken.

Die folgenden Kapitel 5 bis 7 widmen sich den Methoden der Hochschulforschung. Im Kapitel Grundsätzliche Überlegungen zu quantitativen und qualitativen Methoden steckt Wilkesman den Rahmen fest. Er begreift quantitative und qualitative Verfahren als Ergänzung im Sinne eines Mixed-Methods Ansatz. Bei der Forschungsethik erwähnt er das Problem der Anonymität bei wenigen qualitativen Interviews. Im Kapitel Quantitative Methoden in der Hochschulforschung sieht er den Einsatz dieser Methoden bei der Erforschung von Zusammenhängen an der Hochschule, wie etwa die Auswirkung der Organisationsstruktur auf das Handeln der Mitglieder, oder bei der Sichtbarmachtung sozialer, geschlechtlicher und ethnischer Ungleichheiten. Der Autor spricht Variablen an, die in der Erhebung gemessen werden können, wie Forschung, Lehre, Lernerfolg, Studienabbruchverhalten, sowie nichtmonetäre Rendite der Bildung, und führt zur Illustration Beispiele an. Das Thema „Nonresponse“ ergänzt er durch Hinweise zur guten Fragebogengestaltung. Zielgruppen einer quantitativen Primärdatenerhebung können alle Hochschulmitglieder sein. Im Unterkapitel zu den quantitativen Sekundärquellen führt der Autor wichtige Datenquellen in Deutschland an. Im Kapitel Qualitative Methoden in der Hochschulforschung werden die Beschreibung und Interpretation von Konstruktionen erster Ordnung sowie die Hervorhebung von Besonderheiten besprochen und mit Methodenbeispielen, wie Interviewtechniken, der Eigenethnografie oder der Phenomenographie, hinterlegt. Daten für die qualitative Sekundäranalyse zu erstellen ist nicht einfach und braucht entsprechende Ressourcen in Forschungsdatenzentrum.

Das letzte inhaltliche Kapitel zeigt Ein Beispiel: Governance der akademischen Lehre. Dabei wird das Erklärungsmodell aus Kapitel 4 bei einer empirischen Untersuchung angewandt. Inhaltlich geht es um die Auswirkung der Lehr-Governance, also der zielorientierten Gestaltung der Rahmenbedingungen an der Hochschule, auf die Lehrhandlungen der Professor*innen.

Im Ausblick weist Wilkesman nochmals auf die Abhängigkeit der Methoden von der Forschungsfrage hin und betont die Wichtigkeit der offenen Interaktion zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und des genauen Verstehens der Lebenswelten, um erkenntnistheoretisch sauber zu arbeiten.

Diskussion

Das Buch ermöglicht eine breite Sicht auf die Hochschulforschung, basierend auf den methodischen Erfahrungen des Autors in unterschiedlichen Bereichen. Er lässt die Leser*innen an seiner persönlichen Reflexion teilhaben. Dadurch wird ein inhaltlich herausforderndes und durchaus immer wieder abstraktes Thema mit Genuss lesbar. Die Darstellung der Hochschulen als Organisationen ermöglicht die Entdeckung geschilderter Aspekte an der eigenen Hochschule und regt zur Reflexion der eigenen Hochschulorganisation an.

Die Ausführung zu erkenntnistheoretischen Problemen in der Hochschulforschung und die wechselseitigen Abhängigkeiten von Hochschulen und ihren Mitgliedern lassen sich als Reflexionsanlass auch in andere Fachbereiche übertragen. Die Kapitel zur quantitativen und qualitativen Hochschulforschung gewinnen durch konkrete Fragestellungen und skizzierte Ergebnisse.

Fazit

Im Zentrum des Buchs steht zwar die Hochschulforschung an deutschen Universitäten, durch die Breite der Darstellung ist es durchaus auch für Mitglieder anderer Hochschulen interessant. Dem Autor gelingt es ein möglicherweise sperriges, in jedem Fall komplexes Thema, vielfältig darzustellen und bei Lesenden die Reflexion der eigenen Rolle an der Hochschule anzuregen, hinlänglich impliziter Konflikte, der Komplexität der eigenen Arbeit, der Hinterfragung von routiniertem Verhalten, der eigenen Sozialisierung.


Rezension von
Dr. Jutta Pauschenwein
Homepage www.fh-joanneum.at/zml
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Zitiervorschlag
Jutta Pauschenwein. Rezension vom 25.01.2021 zu: Uwe Wilkesmann: Methoden der Hochschulforschung. Eine methodische, erkenntnis- und organisationstheoretische Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6067-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26873.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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