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Stefan Thomas, Joseph Rothmaler u.a. (Hrsg.): Partizipation in der Bildungsforschung

Cover Stefan Thomas, Joseph Rothmaler, Frauke Hildebrandt, Rebecca Budde, Stephanie Pigorsch (Hrsg.): Partizipation in der Bildungsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 347 Seiten. ISBN 978-3-7799-3958-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

‚Partizipation als Gegenstand und Methode in der Bildungsforschung‘ ist Leitidee und zentraler Gegenstand der interdisziplinären Debatten und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen des umfassenden Herausgeberwerks. Partizipation, die auf Selbstbestimmung und Aktivierung zielt, wird in Bezug auf ihre Begrifflichkeit und Performanz in pädagogischen Handlungsfeldern kontrovers und vielschichtig diskutiert. Darüber hinaus zeigt sich ein verstärktes Interesse, die Perspektive von Kindern und jungen Menschen in die wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse (möglichst frühzeitig) einzubeziehen, was zum einen ethische Fragen aufwirft und zum anderen altersgerechte Forschungsdesigns und -methoden bedingt.

Diese und andere Fragen wurden im Rahmen eines Nachwuchs-Symposiums im November 2017, das am Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften der FH Potsdam stattfand (weitere Informationen siehe: https://www.empirische-bildungsforschung-bmbf.de/de/2032.php), theoretisch und methodisch erörtert und diskutiert. Insbesondere interessierten Fragen zur nachhaltigen Beteiligung von jungen Menschen in Forschungsprozessen, welche Faktoren für ihre Beteiligung ausschlaggebend sind bzw. welche Forschungsformate Kinder und Jugendliche ansprechend finden. Darüber hinaus wurde auch die Weiterentwicklung von Theorieansätzen und Forschungsarbeiten, die Partizipationsprozesse in pädagogischen Kontexten sowie die Anwendung partizipativer Forschungsmethoden besprochen. Der Band hält wesentliche Ergebnisse der Tagung fest und stellt die aktuellen Debatten und den Forschungstand zu diesem Themenbereich allen Interessierten zur Verfügung.

Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Stefan Thomas ist Professor für Empirische Sozialforschung und Soziale Arbeit am Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften der Fachhochschule Potsdam. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Ethnographie, Partizipative Forschung, Theorie des Subjekts, Individualisierung und Gemeinschaft.
  • Joseph Rothmaler promovierte am Institut für Bildungswissenschaften der Technischen Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Erziehungswissenschaftliche Ethnographie, Sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung, Pädagogik der frühen Kindheit, neuer Materialismus und Partizipation.
  • Frauke Hildebrandt ist Professorin für Praxisentwicklung und Forschung in der Pädagogik der Kindheit an der Fachhochschule Potsdam. Zu ihren Forschungs- und Praxisentwicklungsinteressen gehören insbesondere ‚kognitiv anregende Interaktion im Kita-Alltag‘, Partizipation und die Entwicklung von Objektindividuation bei Kindern.
  • Rebecca Budde ist Koordinatorin und Lehrende im internationalen interdisziplinären MA Childhood Studies and Children’s Rights an der Fachhochschule Potsdam. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Evaluationsforschung, Kindheitsstudien, Kinderrechte und Children out of Place.
  • Stephanie Pigorsch ist Diplom-Sozialarbeiterin/-pädagogin und promoviert am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt am Main. Sie forscht zu den Themen Macht und Ungleichheit in Räumen inszenierter Beteiligung, Praktiken der Partizipation aus ethnographischer Perspektive und zur Sozialen Arbeit im Gemeinwesen.

Die weiteren Autor*innen sind zu einem überwiegenden Großteil als Hochschullehrende und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen in unterschiedlichen Fachdisziplinen in Deutschland tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist unterteilt in drei Abschnitte, die das Themenfeld aus interdisziplinären Perspektiven beleuchten, sowohl als Gegenstand und Ziel von Bildungsprozessen als auch als Modus partizipativer Forschung und Methodologie.

Nach einer kurzen Hinführung der Herausgeber*innen erörtern und diskutieren die Beiträge des ersten Teils methodologische Fragestellungen und Herausforderungen der Partizipation in der Bildungsforschung, insbesondere vor dem Gesichtspunkt der Möglichkeiten und Grenzen partizipativer Forschung mit jungen Menschen.

  • Zunächst systematisiert Stefan Thomas in seinem Beitrag methodische Begründungsperspektiven einer partizipativen Kindheits- und Jugendforschung. Erfahrungen, die der Autor im Zuge eines partizipativen Peer-Forschungsprojekt gesammelt hat, sind wegweisend für die Entwicklung zentraler Aspekte für eine partizipative Methodik sowie die Darstellung kind- und jugendgerechter Methoden und Forschungsstrategien.
  • Danach erörtern Virginia Morrow und Jo Boyden ethische Fragen im Zusammenhang mit der Erforschung des Well-being-Konzepts von Kindern. Rekurrierend auf früheren Forschungserfahrungen werden Grundlagen der Forschungsethik und des Well-being-Begriffs aufeinander bezogen und anhand verschiedener Beispiele kritisch reflektiert.
  • Im Beitrag von E. Kay M. Tisdall wird die Anwendung der Menschenrechte auf partizipative Forschung mit Kindern beleuchtet. Es wird danach gefragt, wie Ideen und Konzeptualisierungen Art und Umsetzung der Forschung mit Kindern prägen und herausfordern und unter Bezugnahme der beiden UN-Konventionen diskutiert.
  • Manfred Liebel vergleicht abschließend Ansätze qualitativer Kindheitsforschung und demonstriert seine Unterscheidung von Forschung über, mit und durch Kinder mithilfe verschiedener Praxisbeispiele. Auch legt er die Wichtigkeit der Anerkennung einer kindgerechten Perspektive in Forschungsprojekten dar und unterstreicht die pädagogische Verantwortung von Erwachsenen in ihrer Begleitung.

Im zweiten Teil des Bandes finden sich Beiträge zu ‚Partizipation in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern‘ abseits pädagogischer Institutionen.

  • So diskutieren Urszula Markowska-Manista und Dominika Zakrzewska-Olędzka anhand der Korczak-Pädagogik Aspekte der agency und Rechte von Kindern sowie damit verbundene Partizipationsformen. Der Ansatz unterstreicht die Achtung vor sowie partnerschaftliche Kooperationen mit Kindern.
  • ‚Partizipationsstrukturen und Partizipationserleben zwischen Einklang und Widerspruch‘ stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen von Katrin Peyerl. Hierzu werden Partizipationspraktiken aus einer komparativen Studie in Internaten vorgestellt und die Subjektivität des Partizipationserlebens bei formal vergleichbaren Strukturen als zentrales Ergebnis sichtbar gemacht und diskutiert.
  • Frauke Hildebrandt und Bianka Pergande befassen sich anschließend in ihrem Beitrag mit der Verwirklichung von subjektiven Autonomiebedürfnissen von Kindern in Krippen und Kindertageseinrichtungen. Ein besonderer Fokus richtet sich dabei auf die Strukturen und das pädagogische Handeln in spezifischen Interaktionssituationen, das letztlich die Herstellung einer Alltagspartizipation gewährleistet und das Bedürfnis der anderen nach Selbstbestimmung nachvollziehbar macht.
  • Im Beitrag von Susanne Rechenbach wird die frühkindliche Partizipation in Kitas als zentraler Beitrag zur Entwicklung vielfältiger Kenntnisse wie der Demokratie- und Sprachfähigkeit in den Blick genommen, vielfach aber auch deren Umsetzungsprozesse kritisiert. Hierfür wird ein eigens entwickeltes Evaluationsinstrument und dessen Erprobung zur Diskussion gestellt.
  • Schließlich rekonstruieren Stephanie Pigorsch und Joseph Rothmaler anhand von Protokollausschnitten, die aus einem praxeologisch, ethnographisch angelegten Feldvergleich stammen, wie Partizipation unter Bezugnahme auf macht- und diskurstheoretischen Annahmen im sozialen Feld der Frühpädagogik und in der Stadt hergestellt wird. 

Die Beiträge im dritten Teil widmen sich der Frage nach der ‚Partizipation im Kontext Schule aus der Perspektive verschiedener Akteur*innen‘. 

  • Zunächst gibt André Epp Einblicke in eine Interviewstudie, die das ‚Potenzial biographischer Arbeit für die gesellschaftliche Partizipation junger Menschen herausarbeitet. Die Schnittstelle Schule – Berufsausbildung steht hier im Fokus des Interesses und es wird danach gefragt, wie Lehrkräfte qua ihrer unterschiedlichen Rollenanforderungen Schüler*innen in diesem Übergangsprozess mit dem Initiieren biographischer Arbeit bestmöglich unterstützen können.
  • Danach wird die Rolle der Elternpartizipation von Katjuscha von Werthern kritisch beleuchtet und das Verhältnis von Schule und Eltern bzw. Hürden für ihre Partizipation skizziert. Basierend auf dem Konzept der ‚Demokratischen Schulentwicklung‘ zeichnet sie am Beispiel einer Grundschule nach, wie sich die Elternpartizipation im Laufe ihrer Zusammenarbeit mit der Schule verändert und wie stark diese „einer Prozesshaftigkeit unterliegen, die immer wieder neue Anforderungen an alle beteiligten Akteure stellt“ (S. 291).
  • Partizipationswünsche von Schüler*innen und Lehrkräften stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Daniela Müller-Kuhn. Sie untersucht an ausgewählten Volksschulen in der Schweiz, von welchen Faktoren dieser Wunsch beeinflusst wird und wie sich die Praxis im Unterricht bzw. schulnahen Kontexten realisiert.
  • Abschließend stellen Malin Kleuker, Ina Rust und Annika Schubotz in ihren Beitrag die Diskussion um die Selbstwirksamkeitswahrnehmung als Grundlage für die Entwicklung partizipativer Fähigkeiten in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Dies geschieht beispielhaft anhand des Programms ‚Dialog macht Schule‘, das durch unterschiedliche Lernmethoden vielfältige Anregungen für die Reflexionsfähigkeit bietet. Berücksichtigt werden sowohl die Kompetenzentwicklungen der Schüler*innen als auch jene der Dialogmoderator*innen, was eine ganzheitliche Sicht auf die Prozesse ermöglicht.

Diskussion und Fazit

Die rezipierten Vorhaben und Ideen im Kontext der Partizipationsforschung und zur partizipativen Forschung mit Kindern und Jugendlichen liefern fundierte und einschlägige Analysen auf ein zeitgemäßes Phänomen. Die Beiträge spannen einen weiten Bogen, sodass die Komplexität der Thematik gut abgebildet wird. Im Zuge der vielfältigen Diskurse und Debatten um Beteiligungsmöglichkeiten und -formen von jungen Menschen in sozialen und pädagogischen Handlungsfeldern wurden vermehrt Forderungen nach partizipativen Forschungsmethoden und deren Anwendbarkeit laut. Die Ausrichtung der Beiträge bietet hierfür ein breites Spektrum unterschiedlicher Zugangsweisen, womit der Band eine vielfältige Leserschaft ansprechen dürfte. Auch den Herausgeber*innen gelingt es beispielhaft, die Beiträge inhaltlich und theoretisch zueinander in Bezug zu setzen und damit eine sukzessive Erschließung der Thematik zu erleichtern.

Der Band ist sehr empfehlenswert, weil er nicht nur erstmals einen umfassenden Überblick zur komplexen Thematik ‚Partizipation in der Bildungsforschung‘ im deutschsprachigen Raum offeriert, sondern darüber hinaus auch interessante Anschlussmöglichkeiten für (angehende) Forschende und vielfältige Diskussionen bietet.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 24.06.2020 zu: Stefan Thomas, Joseph Rothmaler, Frauke Hildebrandt, Rebecca Budde, Stephanie Pigorsch (Hrsg.): Partizipation in der Bildungsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3958-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26875.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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