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Markus Rieger-Ladich, Rita Casale u.a.: Un-/zugehörigkeit

Cover Markus Rieger-Ladich, Rita Casale, Christiane Thompson: Un-/Zugehörigkeit: Bildungsphilosophische Reflexionen und machttheoretische Studien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-6057-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 39,38 sFr.

Schriftenreihe der DGfE-Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie - 3.
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Thema

Im Kontext von Migrationsbewegungen und kultureller Diversität gewinnt die Rede um Zugehörigkeit an Bedeutung. Sowohl in politischen Debatten als auch im alltäglichen Zusammenleben werden Auseinandersetzungen entlang sozioökonomischer, ethnischer, religiöser und kultureller Differenzen geführt. Im Wissen darum, dass pädagogische Einrichtungen an der Aufrechterhaltung von sozialen Ungleichheiten beteiligt sind, wird die Perspektive der Zugehörigkeit relevant. Die erziehungswissenschaftlichen Konzepte um soziale Ungleichheit, Integration, Partizipation und Inklusion verfolgen das Anliegen Zugehörigkeit zu pädagogischen Kontexten sowie zur Gesellschaft herzustellen. Es folgt ein kurzer Überblick: Konzepte sozialer Ungleichheit befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen Herkunft, Einkommen und Bildungserfolg. Damit verbundene Analysen stützen sich zum einen auf die strukturell ungleiche Verteilung von Ressourcen (vertikale Differenzachse) und daraus entstehende Ungleichheiten. Zum anderen beziehen sie sich auf Prozesse der Zuschreibung von Individuen auf soziale Positionen (horizontale Differenzachse), mit denen Zugänge zu gesellschaftlichen Feldern eröffnet werden.

Integrationskonzepte basieren auf der Gleichheit der Menschen. Pädagogische Arrangements sollen die Differenz der Schüler*innen anerkennen und damit zur Förderung aller beitragen. Die damit einhergehende Vorstellung von Integration verpflichtet das Bildungssystem einerseits auf die Forderung nach Chancengleichheit. Andererseits impliziert es die Vorstellung eines Wir, dem sich die zu Integrierenden anzupassen haben. Partizipation verweist im Kontext von Schule und Kita auf zwei unterschiedliche Sachverhalte. Der Begriff zielt sowohl auf die gleichberechtigte Teilhabe am Bildungswesen als auch auf die Mitgestaltung an der Schulkultur sowie den Lehr-Lern-Formen. Dabei gilt Partizipation als ein wichtiges Element der Subjektwerdung. Mit Inklusion wird im Rahmen der Schul- und Sonderpädagogik eine heterogene Schülerschaft zum Ausgangspunkt für Lernprozesse. Zugleich bezieht sich der Begriff auf institutionelle Aspekte, die Chancengerechtigkeit sichern sollen.

Entstehungshintergrund

Vor der oben ausgeführten Skizze widmet sich der neueste Sammelband der DGfE-Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie der Untersuchung von Zugehörigkeit aus einer bildungsphilosophisch und machttheoretisch informierten Perspektive.

Herausgeber*innen

Markus Rieger-Ladich ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen.

Rita Casale ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft/Theorie der Bildung an der Bergischen Universität Wuppertal.

Christiane Thompson ist Professorin für Theorie und Geschichte der Erziehung und Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt.

Aufbau

In den 15 Beiträgen, die von den Herausgeber*innen in die drei Themenfelder Begriffliche Erklärung und konzeptionelle Erörterungen (Teil 1), Politische Auseinandersetzungen und rhetorische Ausgrenzung (Teil 2) und Gewaltförmige Narrative und nationalstaatliche Diskurse (Teil 3) untergliedert wurden, rücken insbesondere die mit Zugehörigkeit verbundenen Ambivalenzen in den Fokus der Untersuchung. Begrüßenswert ist, dass neben Vertreter*innen der Kommission auch Vertreter*innen benachbarter Teildisziplinen zu Wort kommen. Während im ersten Teil des Bandes begriffliche und theoretische Klärungen vorgenommen werden, untersuchen der zweite und dritte Teil, in welchen Konzepten diese vorkommen, welche Idee von Zugehörigkeit ihnen zugrunde liegt und in welchen Kommunikationsfiguren sie zur Anwendung geführt werden. Der im Untertitel angedeutete machtanalytische Fokus lenkt den Blick auf die Konstitutionsbedingungen sowie auf Perspektiven der Grenzüberschreitung und Subversion von Zugehörigkeit. Angesichts der Vielzahl an Beiträgen nehme ich eine Gewichtung vor, welche die Situierung der Publikation eindrücklich werden lässt.

Inhalt

Der die Publikation eröffnende Beitrag von Markus Rieger-Ladich setzt sich mit der gewaltförmigen Konstruktion von Zugehörigkeitsordnungen auseinander. Dies geschieht nicht nur theoretisch, sondern auch unter Einbezug der Autosoziobiografien von Annie Ernaux und Didier Eribon. Die soziologischen Selbstanalysen werden als methodisches Instrument genutzt, um die sozialen Voraussetzungen über die Zugehörigkeit gewährt wird, zur Sprache zu bringen. Demzufolge geht es bei der Analyse von (Un-)Zugehörigkeit nicht nur um das Feststellen von In- und Exklusion. Vielmehr ist mit gegenläufigen Interessen zu rechnen. Durch Rückgriff auf die symbolische Dimension entwickelt Paul Mecheril einen analytischen Raum für das Zustandekommen sozialer Zugehörigkeit. Diesen untergliedert er in „Zugehörigkeitskonzept“ (45), „Zugehörigkeitserfahrung“ (47) und „Zugehörigkeitsverständnis“ (50), die als ineinander verwobene Formen der Repräsentation von sozialer Praxis ihre Wirkung entfalten. Aus diskriminierungstheoretischer Perspektive arbeitet Mai-Anh Boger prägnant die These aus, dass sich das Begehren, nicht diskriminiert zu werden, in einem dissonanten Verhältnis zwischen „Empowerment“ (61), „Normalisierung“ (61) und „Dekonstruktion“ (62) entfaltet. Christian Grabau lässt mit Ralph Ellisons Roman „The invisible man“ die Zerrissenheit der (Un-)Zugehörigkeit sowie die Vorzüge, eine distanzierte Perspektive auf die soziale Welt einnehmen zu können, besonders anschaulich werden. Kerstin Meißner interessiert sich aus praxeologischer Sicht für die Bedingungen, Erfahrungen und die Transaktionen eines gegenseitigen Werdens.

Den zweiten Teil des Sammelbands eröffnet Astrid Messerschmidt. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet die Idee der Gleichheit. Unter Bezugnahme auf Etienne Balibars Ansatz der „Egaliberté“ plädiert die Autorin für eine Bildung, die dem Anspruch auf Differenzsensibilität gerecht wird. Dagegen ermöglicht der Rekurs auf Jacques Rancières politisches Prinzip der Gleichheit (126 f.) und das ihr korrespondierende pädagogische Axiom einer „Gleichheit der Intelligenzen“ (133) für Ralf Mayer und Steffen Wittig eine andere Akzentuierung; weg von der Frage nach der sozialen Ordnung hin zur „Aufteilung des Sinnlichen“ (130). Insofern der Bezug auf Gleichheit für jeden Menschen nach den Möglichkeiten der Teilhabe und Artikulation fragt, können für die Autoren gerade dadurch schulische Selektionsmechanismen sichtbar werden. Alfred Schäfer erinnert u.a. mit empirischem Material aus seinem Forschungsprojekt im indischen Ladakh an die Kontingenz von Bedingungen über die Zugehörigkeit definiert wird.

Der Beitrag von Micha Brumlik demonstriert, dass der Verweis auf Integration keineswegs einen neutralen Bezugspunkt markiert, sondern als Chiffre für gesellschaftspolitische Annahmen fungiert. Kerstin Jergus setzt sich mit dem Phänomen Trauma als Erfahrung von (Un-)Zugehörigkeit auseinander. Ihr Beitrag lässt sich als kritischer Einsatz gegen ein souveränes Subjektverständnis lesen.

In das dritte Themenfeld führt der Beitrag von Arzu Çiçek ein. Die Autorin knüpft die Gewährung von Zugehörigkeit an die Figur der „Heimsuchung“ (196). Unter Bezugnahme auf das alteritätsorientierte Denken stellt sie eindrücklich heraus, dass sich die „Zugehörigkeit zum eigenen Ort“ (202) nie lückenlos schließen lässt, sondern immer einer potentiellen „Heimsuchung“ durch den Anderen ausgesetzt bleibt. Elke Kleinau und Rafaela Schmid analysieren bildungshistorische Quellen Mitte der 1950er über den Umgang mit schwarz-deutschen Kindern. Ursula Stenger untersucht die Konstitution von Zugehörigkeit als leiblich-ästhetisches Kommunikationsgeschehen zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern in einer russischen und in einer deutschen Kita. Ihren theoretischen Einsatzpunkt lässt sie sich von Jean-Luc Nancys „Phänomen der Berührung“ (233) geben. Henning Schluß geht der Frage nach, inwiefern mit dem Roman „Unterleuten“von Juli Zeh „Prozesse der kommunikativen Aushandlung von Zugehörigkeit und Unzugehörigkeit erklärt“ (255) werden können. Der Sammelband schließt mit dem Beitrag von Philipp D. Th. Knobloch. Der Autor fragt, ob die Unterscheidungspraxis der Migrationspädagogik noch ihrem eigenen emanzipatorischen Anliegen gerecht werde. Mit Walter D. Mignolo schlägt Knobloch ein „dekoloniales Grenzdenken“ (281) vor, um die epistemologischen Implikationen der westlichen Moderne mindestens zu irritieren. 

Diskussion

Die Publikation macht deutlich, dass mit Zugehörigkeit als Analysekategorie gesellschaftliche Pluralität beschrieben werden kann, die oftmals dann zu beobachten ist, wenn Unterscheidungen und Abgrenzungen zu alternativen Ordnungen vorgenommen werden. Damit ermöglicht sie eine anders ausgerichtete Perspektive als die Diskurse um soziale Ungleichheit, Integration, Partizipation und Inklusion. Dies möchte ich anhand des Integrationsdiskurses veranschaulichen. Integration ist ein Konzept, das sowohl die Außenseiterposition von Migrant*innen produziert als auch deren prozessuale Auflösung durch Assimilationsvorgänge betont. Dabei sind es die normativen Implikationen von Zugehörigkeit als Anpassung und (passiver) Teilhabe, die in dem Diskurs verblassen und nicht ausreichend berücksichtigen, dass mit ihnen (Un-)Zugehörigkeit entweder marginalisiert oder privilegiert wird. Teilhabe kann durch verschiedene Modi von Zugehörigkeit spezifiziert werden. Einzelne Beiträge dieses Bandes zeigen anschaulich, dass die Verschränkung der Analyse objektiver Zugehörigkeitsbegrenzungen mit subjektiven Empfindungen und (emotionalen) Erfahrungen die Möglichkeit eröffnet, Individuen nicht nur als Objekte, sondern als Subjekte von dynamischen Zugehörigkeitsprozessen zu begreifen. In der Annahme, aus subjektiver Erfahrung bedeutsame Erkenntnisse gewinnen zu können, spiegelt sich zugleich ein deutlich politischer Anspruch des Sammelbandes wider.

Vor dem Hintergrund des erziehungswissenschaftlichen Diskurses werden jedoch fehlende Hinweise darauf virulent, wie sich Mehrfachzugehörigkeiten herauspräparieren, welche Zugehörigkeit in welchem Kontext relevant wird und wie sich Subjektpositionen verändern.

Fazit

Insgesamt bietet der Sammelband „Un-/Zugehörigkeit. Bildungsphilosophische Reflexionen und machttheoretische Studien“ eine vielschichtige, teilweise mit empirischen Analysen versehene Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit, die sich (selbst-)kritisch mit der Verstrickung von Bildungspraxis und Erziehungswissenschaft in die Etablierung von Zugehörigkeitsordnungen auseinandersetzt. Gleichsam verweist die Publikation darauf, erziehungswissenschaftliche Reflexionen stärker auf gesellschaftliche Entwicklungen zu beziehen.

Abschließend kann der Band allen Interessierten empfohlen werden.


Rezension von
Sejal Mielke
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen
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Zitiervorschlag
Sejal Mielke. Rezension vom 07.12.2020 zu: Markus Rieger-Ladich, Rita Casale, Christiane Thompson: Un-/Zugehörigkeit: Bildungsphilosophische Reflexionen und machttheoretische Studien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6057-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26876.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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