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Markus Fischer: Die neue Gewaltfreie Kommunikation

Cover Markus Fischer: Die neue Gewaltfreie Kommunikation. Empathie und Eigenverantwortung ohne Selbstzensur. BusinessVillage (Göttingen) 2020. 210 Seiten. ISBN 978-3-86980-468-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 26,95 sFr.
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Thema

Vor zwanzig Jahren lernte ich Marshall Rosenberg und seine Gewaltfeie Kommunikation kennen. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Mediatorin lernte ich mit dieser Methode die Einfühlung in die Konfliktparteien. Seitdem gehört die Gewaltfreie Kommunikation zu meinem Repertoire. Daher machte mich die Thematik dieses Buches neugierig. Gleichzeitig erstaunte mich der Untertitel dieses Buches „Empathie und Eigenverantwortung ohne Selbstzensur“ und machte mich stutzig.

Ich werde in dieser Rezension zwei Abkürzungen benutzen: GFK für Gewaltfreie Kommunikation und MR für Marshall Rosenberg.

Autor

Markus Fischer ist diplomierter Volkswirt und beschäftigt sich seit 1997 mit der Gewaltfreien Kommunikation, inzwischen in kritischer Verbundenheit. Er ist Coach für Empathische Biografiearbeit, Ausbilder für Gewaltfreie Kommunikation, zertifizierter Mediator/​Ausbilder für Mediation und Geschäftsführer zweier Beratungsunternehmen: www.knotenloesen.com und www.kultur-wandeln.de

Sein Motto lautet: Freiheit gibt es nur mit Verantwortung.

Das Buch ist im Businessvillage-Verlag erschienen, der sich auf die Themen Erfolg – Karriere – Marketing – Unternehmensführung -Trainer know-how u.ä. spezialisiert hat.

Entstehungshintergrund

Auch Markus Fischer lernte direkt bei Marshall Rosenberg. Sein „Buch reflektiert zwei Jahrzehnte Praxiserfahrung mit der Gewaltfreien Kommunikation. Dabei zeigt es nicht nur die Schattenseiten und Missverständnisse …vielmehr liefert es einen …Ansatz einer neuen Gewaltfreien Kommunikation – ohne Selbstzensur und Dogmatik.“

Der Autor beabsichtigt „die Gewaltfreie Kommunikation wieder auf das Fundament der Werte zu stellen, die in Rosenbergs Vision angelegt, aber im gegenwärtigen Mainstream ziemlich verschüttet sind.“ (S. 66) Darin lese ich einen heftigen Vorwurf, die klassische GFK sei in Zensur und Dogmatik erstarrt.

Aufbau

Das Buch besteht aus der Einleitung, folgenden neun Kapiteln und Literaturangaben.

  1. Was ist neu an der Gewaltfreien Kommunikation?
  2. Wer ist eigentlich gewaltfrei?
  3. Kommunikation lernen, integrieren und leben
  4. Freiheit, Eigenverantwortung und Entwicklung
  5. Menschen wachsen in Stufen
  6. Richtungen von Entwicklung
  7. Sechs Formen der Gewaltfreien Kommunikation
  8. Kommunikation integrieren
  9. Kommunikation leben

In der Einleitung umreißt der Autor Marshall Rosenbergs Botschaft des friedlicheren Zusammenlebens. Er weist daraufhin, dass es dafür Toleranz und Mitgefühl sowie die Verantwortung für unsere eigenen Fehler braucht. Aus eigener Erfahrung möchte er neben dem Potenzial der GFK auch die Fallstricke und Schattenseiten benennen.

Inhalt

Kapitel 1. Was ist neu an der Gewaltfreien Kommunikation?

Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg beschreibt eine Haltung, man kann es aber auch in einem ersten Schritt als Kommunikationsmodell verstehen. Letztlich geht es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken, Fühlen und Handeln, und um die Bewusstheit der eigenen Bedürfnisse.

Für den Autoren steht die „Haltung und Persönlichkeitsentwicklung“ im Mittelpunkt der GFK. Sein Beitrag ist aus Respekt und Achtung vor einem effektiven Ansatz der Verständigung entstanden und als update zu verstehen.

Der Autor erläutert seine Entwicklung einer kritischen Haltung gegenüber dem Mainstream der GFK und bezeichnet seine Sichtweise als „Neue Gewaltfreie Kommunikation“. Er muss allerdings einräumen, dass dies für Menschen, die sich wenig in diesen Kreisen bewegen „schwer nachvollziehbar oder sogar unglaubhaft erscheinen“ mag.(S. 19) Das Dilemma für die Leserin, die die GFK noch nicht kennt, will der Autor lösen, indem man in diesem Buch die Methode lernt und gleichzeitig vor ihren Fallstricken bewahrt bleibt.

Kapitel 2. Wer ist eigentlich gewaltfrei?

Mit großem Respekt wird in diesem Kapitel Rosenbergs Lebensweg skizziert. Daraus leitet sich der Begriff der „Gewaltfreien Kommunikation“ ab. Nach Meinung des Autors sei dieser Begriff in doppelter Hinsicht irreführend: in erster Linie gehe es um bewusste Selbstreflexion, die Exploration von Gefühlen und Bedürfnissen. Zweitens impliziert der Begriff, es gäbe eine gewaltfreie Sprache. Es geht aber um die Absicht, mit der wir kommunizieren, nicht um eine Zensur von Denken und Sprechen.

„Gewalt ist eine Reaktion auf den Zusammenstoß unseres Weltbildes mit der Realität.“(S. 25) Der Mensch lebt mit unbewussten Annahmen und Überzeugungen, wie die Welt zu sein hat (sogenannten Paradigmen). Mit dieser Brille der Betrachtung finden wir uns in der Welt zurecht.

Die Vision der GFK besteht in einem zweifachen Paradigmenwechsel: auf der individuellen Ebene ist das die Trennung von Auslöser und Ursache für meine Gefühle, und damit die Übernahme von Verantwortung dafür. Hier setzt das Hilfsmittel: die Vier-Schritte-Methode der GFK an.

„Die Gewaltfreie Kommunikation kann uns helfen, sich über die wirklichen Bedürfnisse und deren Ursprung klarer zu werden.“(S. 31) „Unangenehme Gefühle zeigen, das Bedürfnisse unerfüllt sind.“(S. 32) So „hat das Erlernen der Gewaltfreien Kommunikation in erster Linie mit bewusster Selbstreflexion zu tun und nicht mit der Kommunikation mit anderen…“(S. 34) Weitere Stichworte sind die Integration von Schattenseiten und Biografiearbeit.

Der zweite Paradigmenwechsel ist gesellschaftlicher Art. Anstatt Denkweisen und Anforderungen nach Konformität, Autoritätsgläubigkeit usw. hatte MR eine Zukunft vor Augen, „in der Menschen bewusst und selbstverantwortlich handeln. …die auf Freiheit, Kooperation und Freiwilligkeit beruht.“(S. 27)

Kapitel 3. Gewaltfreie Kommunikation lernen, integrieren und leben

In diesem Kapitel beschreibt der Autor das Herzstück der GFK. Das sind die sogenannten vier Schritte der „Gewaltfreien Kommunikation:“

  1. Schritt: „Beobachtungen von Bewertungen unterscheiden
  2. Schritt: Gefühle von Pseudo-Gefühlen/Bewertungen unterscheiden
  3. Schritt: Bedürfnisse von Strategien unterscheiden
  4. Schritt: Konkrete Bitten von Forderungen und Wünschen unterscheiden“ (S. 39)

Jeder der vier Schritte wird ausführlich beschrieben. Der Autor regt zum gedanklichen Üben an, und bittet „diese erste Lernphase ernst zu nehmen. Ein fundiertes Verständnis dieser Unterscheidungen ist die Grundlage für die Selbstreflexion.“(S. 63) und „die Wirksamkeit der Methode liegt nicht in der Verwendung rhetorischer Floskeln.“(S. 58)

Wichtig ist die innere Haltung und Entwicklung die Empathiefähigkeit: „…am Ende werden Sie feststellen, dass Sie einen anderen Blick auf sich und das Leben haben – Ihre Haltung hat sich geändert.“ (S. 38)

Konkrete Übungsaufgaben gibt der Autor nicht und auch nur ein einziges Beispiel.

„…in dieser Anfängerphase neigen viele dazu, sich eine Art gewaltfreie Sprache mit Gefühlen und Bedürfnissen anzugewöhnen. Auch wenn sich dies nicht ganz vermeiden lässt, so sollten Sie diese Anfängerphase möglichst schnell hinter sich lassen“. (S. 63)

Kapitel 4. Freiheit, Eigenverantwortung und Entwicklung

„In der neuen Gewaltfreien Kommunikation steht die Frage 'Fördert es Selbstverantwortung, Freiheit und persönliche Entwicklung?' im Mittelpunkt.“ (S. 66) Um diese drei Punkte geht es im Folgenden.

Freiheit:

MR als freiheitsliebender Mensch scheute nicht die negativen Konsequenzen dieser Haltung. Daher „scheint es absurd, dass die Gewaltfreie Kommunikation sich zu einem Sprachkonzept aus Gesprächsregeln und Zensur entwickelt hat. …Diese Formen …machen unfrei im Denken und sind eher gewaltfördernd“, fasst der Autor seine Kritik am sogenannten Mainstream der GFK zusammen. „In Gesprächen unter Anhängern dieses Konzeptes wird erwartet, dass man gewaltfreie Begriffe verwendet…werden ganze Begriffsgruppen aus dem Wortschatz verdammt.“(S. 67)

Der Leserin bleibt es überlassen daraus im Umkehrschluss ein Kriterium zu entwickeln, woran sie in einem Trainingskonzept Tendenzen zur Zensur oder Richtung Meinungsfreiheit erkennt. Wer der sogenannte Mainstream ist, bleibt unausgeführt.

Eigenverantwortung:

„Die radikale Aussage der Gewaltfreien Kommunikation ist: Niemand kann uns Gefühle machen, weder gute noch schlechte. …Denn es sind nicht die Worte, die verletzen. Es ist die emotionale Interpretation der Worte durch den Empfänger, die weh tun kann – aber diese Interpretation liegt in der Verantwortung des Empfängers…Daher unterscheiden wir Auslöser und Ursache von Gefühlen.“ (S. 73f) Dazu kommt „Wir erzeugen unsere Gefühle selbst, aber wir haben keine direkte Kontrolle über diesen Prozess.“(S. 75) Dazu bedarf es der persönlichen Entwicklung.

Entwicklung:

„Die Persönlichkeitsentwicklung folgt aus den Prinzipien der Freiheit und Eigenverantwortung…ich werde kleinere und größere Fehler machen und für diese muss ich Verantwortung übernehmen.“(S. 75)

Die Auseinandersetzung mit der „Integralen Theorie“ des amerikanischen Philosophen Ken Wilber führte den Autoren zu der Erkenntnis, dass verschiedene Entwicklungsphasen jeweils typische Schattenseiten haben und letztlich „das grundlegende Problem mit der Gewaltfreien Kommunikation nicht in der Methode, sondern im Anwender liegt.“(S. 78) Diese Schattenseiten erkannte er bei sich und anderen Anwendern der GFK wieder.

Das führte zu mehr und weiterer Beschäftigung mit Theorien der Bewusstsein- und Persönlichkeitsentwicklung.

Kapitel 5. Menschen wachsen in Stufen

Im fünften Kapitel skizziert Markus Fischer ein vereinfachtes Modell der Persönlichkeitsentwicklung nach Clare W. Graves, bekannt unter dem Namen Spiral Dynamics. Danach unterteilt sich die menschliche Entwicklung in sechs Stufen: die instinktive Phase, die egozentrische Phase, die Phase des Konformismus gefolgt von der Phase der Rationalität und der Phase des Pluralismus. In der integralen Phase finden dann alle Phasen ihre Würdigung und Anerkennung.

„Diese Entwicklungsphasen durchlaufen wir alle und wir können dabei keine überspringen. …ein Erwachsener hat seinen Schwerpunkt auf einer oder zwei dieser Ebenen, weil er sich dort am wohlsten fühlt.“(S. 87)

Der Autor beschreibt die Errungenschaften und möglichen Fehlentwicklungen jeder Phase sowie deren Bedeutung für die GFK. Jede Phase korreliert mit bestimmten Bedürfnissen und in der GFK ist das Verständnis für die (den Gefühlen zugrundeliegenden) Bedürfnisse zentral.

Auf der Ebene der pluralistischen Phase kritisiert der Autors wie folgt: „Eine der größten Fehlentwicklungen des Pluralismus ist seine Schwierigkeit, die Eigenschaften der Entwicklungsebenen vernünftig zu analysieren und gesund zu integrieren. Dafür müsste der Pluralismus Werturteile treffen und weil er das unbedingt vermeidet, kann er die auftretenden Widersprüche und Schattenseiten nur durch naiv-kindliches Wegschauen lösen.“(S. 102)

Für den Autoren ist „Die Entwicklungstheorie … der Boden, auf dem die Gewaltfreie Kommunikation steht. …Wenn man die Entwicklungsebenen verstanden hat, erkennt man, dass jede Ebene die Gewaltfreie Kommunikation auf ihre ganz eigene Art versteht und anwendet.“(S. 106)

Kapitel 6. Drei Richtungen von Entwicklung

Die psychologischen Bewusstseinsebenen beschreibt der Autor in Anlehnung an Lawrence Kohlberg als präkonventionell, konventionell und postkonventionell. Nach Kohlberg verläuft die Persönlichkeitsentwicklung tendenziell nach oben „als Transformation…ein lebenslanger Weg.“(S. 115)

Mögliche Entwicklungsrichtungen bzw. Bewusstseinsebenen werden als Transformation, Translation und Regression beschrieben. Regression bedeutet hier die zeitweise Rückentwicklung, z.B. als Schutzstrategie bei Überforderung. Als Translation beschreibt der Autor den Prozess des „Besser werden“, mit Transformation ist die Richtung des „Reifer werden“ gemeint. „Während die Transformation eine Erweiterung der Haltung und Weltsicht mit sich bringt, überträgt Translation bereits vorhandenes Wissen und Fähigkeiten auf neue Bereiche – ohne dabei die Entwicklungsebene zu verlassen, auf der man sich befindet.“(S. 117) Ich kannte das bisher als Transfer.

Zum Thema Transformation fand der Autor weitere Erkenntnisse beim Psychologen Robert Keagan und beschreibt für die GFK nützliche Lehrmethoden. „Transformative Lehrmethoden und Übungen sind solche, die bisher unbewusste Anteile der Persönlichkeit bewusster machen und so die Beobachtung (Disidentifizierung) dieser Anteile fördern. Sie unterstützen die Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der neuen Gewaltfreien Kommunikation. … Sehr allgemein zeichnen sich transformative Methoden durch Entschleunigung, Stille und Zu-sich-Kommen aus. … und machen dabei vor allem verdrängte Erfahrungen, Emotionen und Bedürfnisse wieder bewusst.“(S. 122f)

Translative Übungen vermitteln dagegen die Vier-Schritte-Methode als Sprachmodell. Fischer hält das für die Persönlichkeitsentwicklung wirkungslos und empfiehlt, sie zur Einübung „im besten Falle nur am Anfang“ (S. 124) zu nutzen.

Er resümiert, „dass auch mit viel Fachwissen und Erfahrung nicht alle Beziehungen gerettet und nicht alle Konflikte gelöst werden können. …Der Weg ist wichtiger als das Ziel…beschreibt (eine) Haltung, in der wir uns mit der Gewaltfreien Kommunikation auf den Weg machen.“(S. 126 f.)

Kapitel 7. Sechs Formen der Gewaltfreien Kommunikation

In diesem – mit 38 Seiten dem umfangreichsten – Kapitel werden zunächst den sechs Entwicklungsstufen (Kapitel 5) folgend Aspekte und Schattenseiten bzw. Missverständnisse der GFK zugeordnet.

Einige Beispiele:

Egozentrische Phase: „Menschen versuchen immer, sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen, so lautet eine Annahme der Gewaltfreien Kommunikation.“(S. 133) „Die Schattenseite …zeigt sich durch den zu starken Fokus auf die eigenen Bedürfnisse. …bedeutet nicht, dass ich das Recht habe, sie über die Bedürfnisse anderer zu stellen.“(S. 134)

Konformistische Phase: Tendenz zur Konfliktvermeidung und Angst vor Kritik (bzw. diese zu äußern). Seiner Meinung nach verstärkt die GFK mittels eines zu engen Harmoniebegriffes diese Schattenseite und treibt durch unrealistische Gesprächsregeln in die Selbstzensur.

In Bezug zur pluralistischen Ebene betont Fischer, das seine Kritik „nicht an Rosenberg, sondern an die Weiterführung seiner Arbeit durch …Organisationen und Trainer“(S. 144) gerichtet ist. „Es wird gerne von Konflikten als Wachstumschance gesprochen, dabei meidet die naive Gewaltfreie Kommunikation echte Konfrontation und Konflikte wie der Teufel das Weihwasser.“(S. 145)

Alsdann stellt der Autor, die seiner Meinung nach, acht größten Missverständnisse vor. Ich gehe darauf genauer ein, zum Teil auch kritisch, weil ich darin einen möglichen Mehrwert des Buches vermute.

  1. Bewerten ist schlecht. Dagegen „Gewaltfreie Kommunikation bedeutet, bewusster zu bewerten und nicht, das Bewerten zu vermeiden.“(S. 147)
  2.  Worte können verletzen … „wenn wir Auslöser und Ursache der Gefühle verwechseln.“(S. 150)
  3. Es gibt gewaltfreie Worte. Dagegen „Es kommt auf die Intention an …Der Unterschied liegt …am Kontext und der Haltung der Beteiligten“ (S. 152) Dem stimme ich nur teilweise zu, denn es kann hilfreich und deeskalierend sein, wenn frau hier verbindend kommunizieren kann. Intention und Worte beeinflussen sich gegenseitig.
  4. Worte verändern die Haltung. Dagegen meint der Autor „Wenn wir unsere Haltung verändern möchten, müssen wir an den Entwicklungsthemen aus der eigenen Biografie arbeiten.“(S. 154) Am Beispiel der Diskussion zu einer Gendergerechteren Sprache wird deutlich, das Worte durchaus Veränderung bewirken.
  5. Gefühle sind immer wahr … „das bedeutet nicht, dass sie uns immer objektiv den richtigen Weg weisen.“(S. 155) Ich würde als Formulierung vorschlagen: Gefühle sind immer subjektiv!
  6. Jeder tut immer das Beste, was ihm zur Verfügung steht. „Wir tun vielmehr häufig das, was wir gewohnt sind oder am bequemsten finden…“(S. 157)
  7. Alle Menschen sind gleich und Hierarchien sind schlecht. „Die pluralistische Gewaltfreie Kommunikation hätte gerne die völlige Gleichheit in relativer Hinsicht“(S. 158), behauptet der Autor. Ich kann mit diesen Verallgemeinerungen wenig anfangen.
  8. Schuld und Scham sind überflüssig. Vorangestellt hat der Autor ein Zitat von einer GFK-Trainerin-homepage: „Löschen Sie die Schuld aus ihrem Vokabular und aus ihrem System“ (S. 159) und diskutiert dann weiter, das es einerseits ungerechtfertigte Schuld- und Schamgefühle gibt, diese andererseits einen notwendigen Beitrag zur sozialen Strukturierung leisten. „Wenn wir nicht frei wären, zwischen Gut und Böse zu wählen, dann ergäbe der Schuldbegriff keinen Sinn.“(S. 161) Damit zieht Fischer eine Verbindung zum Freiheitsbegriff und wirft der die GFK vor, mit der Ablehnung von Schuld eine Seite dieser Polarität zu negieren.

Kapitel 8. Gewaltfreie Kommunikation integrieren

Die Theorie vom Kopf ins Herz bekommen, als Mensch zu wachsen und etwas Neues über sich zu lernen, so umschreibt der Autor seine Intention für dieses Kapitel. „Persönlichkeitsentwicklung mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation…(ist) Arbeit an konkreten Herausforderungen und Problemen.“(S. 168)

Er erläutert dies mit den drei bereits aus dem sechsten Kapitel bekannten Begriffen der Translation, Transformation und Regression. „Um ein Problem zu lösen, hilft es, herauszufinden, ob es durch mehr Wissen (Translation) oder durch Persönlichkeitsentwicklung (Transformation) gelöst werden kann.“(S. 169) Mithilfe der empathischen Selbstreflexion im Sinne der GFK können wir so unseren unbewussten inneren Prozessen (=Bedürfnissen) näher kommen. Bezugnehmend auf kindliche Entwicklungsphasen beschreibt er die Entstehung von Glaubenssätzen, die (das Kind) vor Verletzung schützen und als sogenannte Empathielücken (beim Erwachsenen) zur Quelle von Konflikten werden können.

„Ich verstehe die Arbeit an Glaubenssätzen als den Versuch, diese sinnvoll in die eigene Biografie zu integrieren. … Glaubenssätze werden vor allem gefühlt. …Für die Transformation des Glaubenssatzes ist …wichtig das bewusste Nacherleben der gefühlten kindlichen Realität.“(S. 178ff) Zur Verdeutlichung folgt eine Aufforderung und Anleitung zur schriftlichen Übung in Selbstempathie in acht Schritten.

Kapitel 9. Gewaltfreie Kommunikation leben

Das letzte Kapitel widmet sich der dritten Phase der GFK: nach lernen und integrieren bedeutet Gewaltfreie Kommunikation leben, „sich wieder dem Leben da draußen zuzuwenden“(S. 189) und gewonnene Einsichten im Alltag aktiv einzubringen. Dazu beschreibt Fischer die „Zwiebel des sozialen Wandels. …Im innersten Kern steht das Individuum (das Ich), die nächste Schale repräsentiert die Beziehungen (das Ich und Du) und in der äußersten Schicht sind das soziale Umfeld, Organisationen…(das Wir alle.) Es bleibt eine lebenslange Aufgabe, die Balance zu halten, …Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und sich sinnvoll in die Gemeinschaft einzubringen.“(S. 190)

Darauf folgen weitere Ausführungen zu Empathie wie

  • Empathie als biologische Grundausstattung
  • Empathie als moralischer Wert
  • Empathie als Strategie für menschliche Verbindung
  • Empathie als Bedürfnis
  • Empathie als Unterstützung

Wie lernt man, empathisch zuzuhören? In der GFK liegt die Qualität in der Intention, der Aufmerksamkeit und dem Fokus – und nicht in den richtigen Worten. Mit Intention meint Fischer hier Haltung. Dabei setzt „Empathie für andere Selbstempathie voraus – so schließt sich der Kreis.“(S. 199) „Wenn Sie einem Menschen Empathie geben, helfen Sie ihm, seine Bedürfnisse wiederzuentdecken und zu erkennen, wie er der Mensch geworden ist, der er heute ist. Das ist sicher eines der größten Geschenke, das Sie machen können.“(S. 200)

Das Kapitel bzw. das Buch endet mit Betrachtungen wie mittels GFK sowohl in Familie und Bildung als auch am Arbeitsplatz zu einem positiven gesellschaftlichen Wandel beigetragen werden kann, indem man sich – im Sinne Marshall Rosenbergs – an den Prinzipien Freiheit, Eigenverantwortung und Entwicklung orientiert.

Diskussion

Obwohl als Ziel auf der Buchrückseite gelingende Beziehungen genannt werden, sieht der Autor die GFK weniger als Hilfe zur Kommunikation im Alltag oder Konfliktbewältigung, sondern hauptsächlich als Persönlichkeitsentwicklungs-Modell. Entsprechend stellt er einige entwicklungstheoretische Ansätze vor. Dabei fand ich die Einführung der Begriffe Translation und Transformation verwirrend, insbesondere da Translation im Sinne von Transfer beschrieben wird. Sie sind mir bisher in der entwicklungspsychologischen Diskussion so nicht begegnet.

Ebenfalls laut Buchdeckel: ein lesenswertes Buch – für Kenner und Einsteiger der Gewaltfreien Kommunikation und alle, die Selbstreflexion und innere Entwicklung anstreben.

Dass es für Einsteiger sinnvoll ist ohne verwirrend zu sein, kann ich mir nicht vorstellen. Ein Übungsbuch für Reflexion und innere Entwicklung ist es nicht, denn es hat so gut wie keine Übungssequenzen. Es mag als Anregung dienen, in diese Richtung aktiv zu werden. Dafür braucht es dann weitere Bücher, Übungen und/oder Gesprächspartner.

Das Buch scheint mir eine Mischung aus Darstellung der GFK, viel Kritik an der community und ihren „followern“. Leider bleibt der Autor unkonkret, was die Adressaten der Kritik angeht. Die Kritik an einzelnen „Schulen“ und ihre Art der Weitergabe kann ich nicht beurteilen. Bei Schnellkursen à la „GFK an einem Wochenende“ kann ich mir vorstellen, dass das Konzept eine Verkürzung erfährt, die wenig Sinn macht.

Es wird nicht deutlich: Wie findet man als Interessentin heraus, ob ein Kurs, ein Angebot grundlegend und entwicklungsfördernd ist? Woran erkenne ich gute Trainer? Dazu hätte ich mir ein paar Aussagen gewünscht!

Der Anspruch und das Dilemma, die Methode und zugleich deren Fallstricke zu lernen, wird nicht ein- bzw. aufgelöst.

Fazit

Das herausfordernde Ansinnen, eine Haltung und Lehrmethode nahezubringen und gleichzeitig Kritik an ihren Exegeten zu üben, hat mich nicht überzeugt.

Laut Buchrücken zeigt der Autor „Möglichkeiten, wie sich gelingende Beziehungen in Berufs- und Privatleben gestalten lassen.“ Das ist nicht der Fall.Der Autor beschreibt stattdessen seine persönliche Entwicklung der Aneignung der GFK vor dem Hintergrund mehrerer psychologischer Modelle.

Ich kann keinen Mehrwert erkennen, den das Lesen dieses Buches bringt.

Mein Tipp ist daher: Wer GFK lernen will, beginnt mit den Basics und nicht gleich mit der Verneinung und Kritik!

Ich empfehle Marshall B. Rosenberg „Gewaltfreie Kommunikation“, und als ersten, konzentrierten Einstieg in die GFK sehr gern das Büchlein „Mit dem Herzen hört man besser“ (von Klaus-Dieter Gens), beide erschienen im Junfermann Verlag.

Nach der zweiten durcharbeitenden Lektüre fielen bereits einzelne Seiten aus dem Buch!


Rezension von
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin BM e.V., tätig u.a. im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
Homepage www.sabine-kamp.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Sabine Kamp-Decruppe. Rezension vom 25.06.2020 zu: Markus Fischer: Die neue Gewaltfreie Kommunikation. Empathie und Eigenverantwortung ohne Selbstzensur. BusinessVillage (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-86980-468-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26881.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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