socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anita Horn: Psychotraumatologie

Cover Anita Horn: Psychotraumatologie. Trauma-Folgestörungen und ihre Behandlung aus Sicht der Analytischen Psychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 142 Seiten. ISBN 978-3-17-036608-4. 30,00 EUR.

Reihe: Analytische Psychologie C. G. Jungs in der Psychotherapie.
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Das Buch widmet sich der Frage, was ältere Spielarten psychologischen Denkens – hier die analytische Psychologie C. G. Jungs – zu den modernen psychotraumatologischen Theorien und daraus abgeleiteten Therapieformen -oft unerwähnt bleibend!- beigetragen haben und welche traumaspezifischen Weiterentwicklungen sie erfuhren, wobei es ganz in der Tradition Jungs insbesondere um Beiträge, die sich mit kreativen und körperorientierten Methoden beschäftigen, geht. Einige wenige Grundgedanken Jungs werden auch einer kritischen Diskussion unterzogen.

Autorin

Dr. phil. Anita Horn arbeitet nicht nur als analytische Therapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sondern auch als Post Doctoral Fellow in einem interdisziplinären Grundlagenforschungsprojekt an der Universität St.Gallen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist als 7. Beitrag in der von R. T. Vogel herausgegebenen Reihe „Analytische Psychologie C. G. Jungs in der Psychotherapie“ erschienen. Verena Kast weist in ihrem Geleitwort zu dieser Reihe darauf hin, dass in einer Zeit, in der häufig schulenübergreifend gearbeitet werde und so die Grenzen zwischen den Schulen verwischt würden, das Interesse an den genuinen Beiträgen einzelner Schulen steige – darüber hinaus die Theorien C. G. Jungs wie ein „Steinbruch benutzt“ (S. 5) würden, dessen Steine in einer neuen Fassung erschienen aber deren Ursprung nicht genannt werde. Genau hier reiht sich das Grundanliegen Anita Horns ein – nämlich in einer Zeit, in der immer neuer Psychotraumatologische Therapieverfahren entwickelt werden, den Beitrag C. G. Jungs zum Verständnis psychischer Traumatisierung, insbesondere der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, herauszuarbeiten und zu diskutieren. Hierbei sei es wichtig, die für „außerschulische Fachpersonen fremd und altertümlich“ (S. 9) klingenden Fachbegriffe Jungs, wie „Komplex“ oder „Archetyp“ in eine gemeinsame Begrifflichkeit überzuführen, sodass Vergleiche möglich werden.

Aufbau und Inhalt

Einleitung. Einleitend wird dargelegt, dass in der Psychologie C. G. Jungs, wie auch in der des Nestors der Psychotraumatologie, P. Janet, die Dissoziation eine entscheidende Rolle spielt. Die Jung’sche Komplexbildungstheorie wird beschrieben und ihre Nähe zur aktuellen Psychotraumatologie, wie z.B. unbewusste Persönlichkeitsanteile bzw. Wichtigkeit körperorientierten Arbeitens, (Wieder-)herstellung der Symbolisierungsfähigkeit kurz skizziert.

Konzept und Diagnostik der posttraumatischen Belastungsstörung. Hier wird die Entstehung der heutigen Diagnosekategorien in den Diagnosemanualen einschließlich der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung beschrieben.

Physiologische Aspekte der Traumatisierung. Die Autorin referiert kurz die neurophysiologischen Vorgänge im Rahmen traumatischen Geschehens, wobei sie intensiver auf die Bedeutung der Scham und die Rolle des Körpers, z.B. Abspaltung von Körperwahrnehmungen eingeht. Ganz Jungianerin beendet sie das Kapitel mit der Symbolisierung des traumatischen Geschehens und der Traumaheilung im Lichte des Mythos der Medusa, sich an P. A. Levine anlehnend.

Der Begriff Trauma im Wandel der Zeit. In diesem Kapitel beschreibt sie, was unterschiedliche, vor allem der Psychoanalyse nahestehende Autor_innen auf die jeweiligen historischen Herausforderungen, wie Krieg oder Hysterischer Krankheitsbilder antwortend, zum heutigen Traumaverständis beigetragen haben, wobei insbesondere auf die Dissoziation als Kernkonzept eingegangen wird. Sie schlägt einen Bogen von J. Charcot über P. Janet,  bis zu den modernen Bindungstheoretiker_innen.

Analytische Psychologie und Trauma – eine Verhältnisbestimmung. In diesem Kernkapitel des Buches löst die Autorin das Versprechen vom Anfang ein – die „altertümliche“ Sprache C. G. Jungs wird mit der aktuellen Psychotraumatologie kompatibel gemacht: Z. B. wird der Komplex als meist unbewusstes „Corpus alienum“ in der Psyche einer Teilpersönlichkeit gleichgesetzt, wobei traumatisch entstandene Komplexe auf einem affektiven Kontinuum betrachtet, die intensivsten darstellen. Unter anderem wird Jungs Auffassung von Dissoziation als Schutz, von Symbolen als Brücke zwischen verschieden Polaritäten, die auch eine Lösung in sich tragen, als hilfreich in der Traumatherapie herausgearbeitet, ebenso seine Grundannahme der Selbstregulation der Psyche. Der Wert kreativer Methoden, wie Malen, von Imaginationen und körperorientierten Verfahren in einer haltenden Beziehung wird hervorgehoben.

Nach Jung: Klassische und neuere Ansätze der Analytischen Trauma-Psychotherapie. In diesem Kapitel beschreibt die Autorin zahlreiche Therapieformen, die sich u.a. auf die Jungschen Grundlegungen stützen und insbesondere kreative (Malen, Sandspiel, Imagination, Mythen) und körperorientierte Verfahren anwenden, wobei sie sich entsprechend der Herkunftsländer, vor allem auf englischsprachige Literatur stützt. Eine Besonderheit stellt die Beachtung kollektiver, kultureller und archetypischer Aspekte dar, auch klassische Zugänge Jungs, wie die Aktive Imagination und Traumdeutung sind in ihrer Weiterentwicklung beschrieben.

Fallbeispiele zu körpertherapeutischen Interventionen im Rahmen der Analyse. A. Horn zeigt hier an eigener sehr einfühlsamer psychotherapeutischer Arbeit mit PatientInnen auf, wie kurze Sequenzen körperorientierter Arbeit in Therapien eingewoben werden können und wie wertvoll diese sind.

Chancen und Risiken. Nachdem sie die in den anderen Kapiteln bereits erwähnten Chancen der analytischen Psychologie für die Arbeit mit traumatisierten Menschen nochmals kurz beschrieben hat, wendet sie sich kritischen Punkten zu, insbesondere der Frage, ob die von Jung postulierte Selbstregulationsfähigkeit der Psyche angesichts der destruktiven Kraft des Traumas nicht naiv sei. Hier wird auch nochmals auf die konfrontative Seite der Jungschen Therapie, nämlich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten, hingewiesen.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist in einer klaren, gut verständlichen Sprache geschrieben – bei den behandelten teils schwierigen Inhalten für die Leser_in sehr wohltuend. Es erreicht sein Ziel: Nach der Lektüre hat man einen guten Überblick über das auch neurophysiologische Wesen der Traumatisierung und die Geschichte der Psychotraumatologie im Allgemeinen und die Stellung des Gedankengebäudes von C. G. Jung im Besonderen, sowie die aktuellen Weiterentwicklungen in moderne Psychotraumatherapien und einige zu diskutierende Aspekte der analytischen Psychologie.

Kritisch sehe ich nur Fehlendes: Empirische Befunde zur Wirksamkeit der analytischen Therapie bei traumatisierten Patient_innen werden nicht erwähnt. Auch Überlegungen zur Integration von Konfrontationsverfahren über die Bearbeitung des eigenen Schattens hinaus werden nicht angestellt.

Fazit

Das Buch „Psychotraumatologie, Trauma-Folgestörungen und ihre Behandlung aus Sicht der Analytischen Psychologie“ von Anita Horn zeigt übersichtlich und gut verständlich auf, welchen Beitrag die analytische Psychologie C. G. Jungs zur Entstehung der Psychotraumatologie, so wie sie heute verstanden wird, geleistet hat und in welchen aktuellen Verfahren, nämlich vor allem solchen, die mit kreativen, imaginativen und körperorientierten Methoden arbeiten, sie eingeflossen ist und weiterentwickelt wurde. Einige Aspekte, wie z.B. die Grundannahme der Selbstregulation der Psyche im Zusammenhang mit Traumatherapien, werden kritisch diskutiert. Die in dem Buch ebenfalls geleistete Beschreibung der historischen Entwicklung des Traumabegriffs insbesondere in der Tiefenpsychologie ist für alle hilfreich, die zu diesem Thema prägnante und fundierte Informationen suchen.

Empirische Befunde zur Wirksamkeit der analytischen Therapie bei traumatisierten Patient_innen werden in diesem Buch leider nicht referiert. Interessant wären auch noch Überlegungen zu der Frage gewesen, wie Traumakonfrontationsverfahren in die analytische Therapie zu integrieren wären.


Rezension von
Prof. Dr. med. Gertraud Müller
Internistin, Psychotherapie; KIP-Therapeutin; Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Gertraud Müller anzeigen.


Zitiervorschlag
Gertraud Müller. Rezension vom 06.07.2020 zu: Anita Horn: Psychotraumatologie. Trauma-Folgestörungen und ihre Behandlung aus Sicht der Analytischen Psychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-036608-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26887.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung