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Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo

Cover Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. 268 Seiten. ISBN 978-3-518-24243-8. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Bibliothek Suhrkamp - 1449.
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Thema

Kracauers Straßenbilder fügen sich zusammen aus inhaltlich unterschiedlich akzentuierten Feui­lle­tons, die ur­sprüng­lich in der Frankfurter Zeitung der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahr­hun­derts veröffentlicht wurden. Sie bestehen aus variierten Beobachtungen der Weimarer Zeit und verdichten sich zu Figurationen, in denen „Orte, die vor aller Augen liegen, aber nicht ins Auge fallen“, mit einer „besonderen Zurückhaltung“ dargestellt werden, selbst dort, wo „die ge­sell­schaft­li­che Normalität ihre extreme Verfassung zu erkennen gibt“ (S. 256). Passagen und Unter­füh­run­gen, Rummelplätze und Hafenstraßen, Vergnügungslokale und Stehbars finden sich darin ein eben­so wie Erinnerungen an „nichtssagende Mietshäuser“ (S. 12) oder tanzende Paare, deren zer­flie­ßen­de Konturen und wortlos schwelende Beziehungen (vgl. S. 67) Kracauer mit Bedacht nach­sinnt.

Ist die „Erkenntnis der Städte“ an die „Entzifferung ihrer traumhaft hingesagten Bilder geknüpft“ (S. 55), so rücken in die Wahrnehmung Kracauers aber auch Orte „der kleinen, abhängigen Exis­ten­­­­­zen“ (S. 72). „Raumbilder“ der Arbeitslosigkeit (S. 73) nuancieren zur soziologischen Ge­gen­warts­­­­­­diagnose über einen „Produktionsprozess“, der wie ein dunkles Verhängnis „auf den Ge­mü­tern“ lastet (S. 75) – ein Verhängnis, das in sprachlichen „Gräben und Wällen“ (S. 77) sowie „pri­mi­­tiver Gerechtigkeit“ (S. 79) über­dauert. Darin entblößt sich eine „gefräßige, nichtsnutzige Zeit“ (S. 103), als „ausgezehrte[s] Glück“ (S. 89) warenweltlicher Zurschau­stellung und „unzu­läng­li­che Ge­borgenheit“ (S. 162), einmündend in „entleerte Montagen“ (S. 202), die dem Passanten zur undurchschauten Le­bens­bedingung werden.

Aufbau und Inhalt

„Straßen“ (S. 9–55), „Lokale“ (S. 59–104), „Dinge“ (S. 107–128), „Leute“ (S. 131–167): so werden die jeweiligen Feui­lle­tons couvertiert, an denen sich ein „Anhang“ (S. 169–246) mit weiteren neunzehn Texten anschließt, die, laut „Drucknachweis“ des Verlags, Kracauer für die Erst­ver­öffent­lichung einer Zusammenstellung (von 1964) nicht berücksichtigt sehen wollte.

Über die „Erinnerung an eine Pariser Passage“ (S. 9) wird der Leser zunächst geführt zu einer „Stra­­ße ohne Erinnerung“, dem Kurfürstendamm, der die „Verkörperung der leer hinfließenden Zeit“ ist, „in der nichts zu dauern vermag“ (S. 20). Begegnungen mit „aus dem Nichts ent­stan­de­ne[n]“ Restaurants, Cafés und anderen „zahllosen Lädchen“ wie Lokalitäten in „ver­schwen­der­i­scher Fülle“ (S. 21) laden jedoch kaum zum Verweilen ein, da sie – stets verrückbar und zum „Trans­port“ bereit – nur vom vorübergehenden Agrement leben. Dekorative „Lichteffekte“, die im an­gestrengten „Glanz“ das Begehren nach diesen „gemiedenen Orten“ hervorziehen sollen, zeugen von einer „Wurzellosigkeit“, konturiert durch Eindrücke der „Improvisation“, während nur man­ch­mal auf „den Spuk der Maskerade verzichtet“ wird, das „wahre Gesicht“ der „Vergänglichkeit“ sich zeigt (S. 22). – „Je heller die Lichter, desto trüber das Pub­likum“ (S. 21).

Es ist gerade dieser „immerwährende Wechsel“, die stete Fluktuation der Geschäfte, wodurch die Erinnerung „[ge]tilgt“ (S. 23) wird. An den „beraubten Fassaden ohne Halt in der Zeit“, „Sinnbild des geschichtslosen Wandels“, lässt sich ablesen jenes „Vergangene“, das nicht mehr „an den Orten haften“ bleiben kann, „an denen es zu Lebzeiten hauste“ (S. 24). Obwohl die „Straßen im Westen Berlins“ „freundlich und sauber sind“, eine „gehörige Breite“ besitzen, und sich oft „nette grüne Bäumchen vor ihren Häusern [reihen]“, schleicht sich dann „ohne jeden Anlaß“ (S. 28) ins Gemüt ein, ein „gegenstandslos[es]“ „Grauen“ (S. 30), das mutmaßlich daher rühren könnte, dass „sie von Omnibussen durchrattert wer­den, deren Insassen während der Fahrt nach ihrem entlegenen Be­stim­mungs­ort auf die Land­schaft der Trottoirs, der Schaufenster und der Balkone so gleichgültig herab­blick­en wie auf ein Flußtal oder eine Stadt, in der sie nie auszusteigen gedenken (.)“. Neben einer „zahl­losen Men­schen­men­ge“, die sich in den Straßen bewegt, scheint es mitunter, „als läge an allen mög­lichen verborgenen Stellen ein Sprengstoff bereit, der im nächsten Augenblick eine Explosion her­vorrufen kann“ (S. 29).

All das spielt sich dem Bewusstsein, das eilig durch die „Passagenmajestät“ drängt, so un­mittel­bar nicht auf. Inmitten einer „bourgeoisen Lebenskomposition“ finden sich stattdessen La­den­aus­la­gen der Lindenpassage, die „vor allem die körperliche Notdurft und die Gier nach Bildern, wie sie in Wachträumen erscheinen“ (S. 33), supponieren. In solche Traumbilder verwandelt, tritt der „Krims­krams“ „wie Ungeziefer in Massen auf und erschreckt durch seinen Anspruch, immer bei uns zu sein“; „Das“, so Kracauer, „möchte uns auffressen“, wovon auch die Buchhandlung etwas ahnt, indem sie „weiß, was sie ihrer Umgebung schuldet“, um mit „Titel Gelüste wachzurufen, die durch den Inhalt kaum gestillt werden dürften (.)“ (S. 34). Jener Glanz ist in Wirklichkeit also „ein Re­flex“, gleich den aufgesteckten „Lichtfassaden“, „welche die Nacht zum Tage machen, um aus dem Ar­beitstag ihrer Besucher das Grauen der Nacht zu verscheuchen“. Derart illuminiert, un­ter­neh­men sie „gemeinsam einen Angriff gegen die Müdigkeit, die zusammenbrechen will, gegen die Leere, die sich um jeden Preis entrinnen möchte“, und konvergieren zu „flammenden Protest gegen die Dun­kelheit unseres Daseins, ein Protest der Lebensgier, der wie von selber in das verzweifelte Be­kenntnis zum Vergnügungsbetrieb einmündet“ (S. 49).

Ganz ähnliches, wenn auch anders meliert, ereignet sich im italienischen Positano. Dessen pro­jek­tier­te, „äußere Verzierungen“ und Strandcafés ziehen nicht bloß den „zivilisierten Menschen“ an, son­dern die „Verfemten (.), Menschen, die sich expropriiert fühlen, fertige Existenzen; ihrer Ver­lo­ren­­heit dünkt hier die Freistatt eröffnet“ (S. 66 f.). Dergestalt zeitigen sie „ungeformte Instinkte“, trei­ben „an die Oberfläche“ als „Begierden ohne Namen“, „entladen“ sich hemmungslos, nur um schließ­lich ohne „Zeitsinn“ – als „pathologischer Zustand“ – zu erschlaffen. Dem „zu entrinnen, ver­mag die Seele am allerwenigsten, denn sie ist arm an Bildkraft“, weshalb sie in „haltlosen Phan­ta­sien“ „vergeht“, „angegriffen durch den Sturm der unterweltlichen Meute und das Wallen der Trie­be“ (S. 67).

Zurück in Berlin, findet man sich wieder in den „Berliner Arbeitsnachweisen“, nicht nur, „um der Lust des Reporters zu frönen“, vielmehr „um zu ermessen, welche Stellung die Arbeitslosen fak­tisch in dem System unserer Gesellschaft einnehmen“. „Weder“, registriert Kracauer, „die ver­schie­­­denen Kommentare zur Erwerbslosenstatistik noch die einschlägigen Parlamentsdebatten ge­ben darüber Auskunft“, weil sie „ideologisch gefärbt“ sind und damit „die Wirklichkeit“ zu­recht­rücken; „während der Raum des Arbeitsnachweises von der Wirklichkeit selber gestellt ist“ (S. 72). Ex­­­emplarisch ist hier jene „dumpfe Ergebenheit in die Wechselfälle der Konjunktur“ (S. 75), von der das Bewusstsein des Arbeitslosen zehrt, nachdem dieser vom Produktionsprozess als „Ab­fall­pro­­­dukt“ ausgeschieden wurde. Entsprechend kann der „ihnen angewiesene Raum (.) unter den herr­schenden Umständen kaum ein anderes Aussehen als das einer Rumpelkammer haben“ (S. 74). Sinn­fällig hierfür auch „das Warten im Arbeitsnachweis“, das „keine Erfüllung findet“. Die Exis­tenz „starrt ins Leere, ohne vom Bewußtsein aufgenommen zu werden und seinen Platz zu er­hal­ten“ (S. 81). Viele Erwerbslose enden „als Objekt der öffentlichen Wohltätigkeit“, für die selbst „das allgemeine Eigentum nicht allgemein genug [ist], um den Privatcharakter einzubüßen. Zum Über­fluß sollen sie dieses Eigentum, von dessen regulärem Mitgenuß sie ohne ihre Schuld aus­ge­schlos­sen sind, noch hüten und schützen. (.) So hütet und schützt die Gesellschaft das Eigentum; sie umgibt es auch dort, wo seine Verteidigung gar nicht nötig wäre, mit sprachlichen Gräben und Wäl­len“ (S. 76 f.).

Damit setzen sich die (un-)sichtbaren Zwänge kapitalistischer Sozialität zu einem „lesbaren Mus­ter“ zu­sammen, zumal die „bürgerliche Gesellschaft (.) nach Sicherungen über den Augenblick hi­naus [trach­tet] und (.) sich in einem System von Bahnen [bewegt]“ (S. 132), gleich der Jahr­markts­bu­­de und dem Karussell, das „sausend ins Bodenlose“ fährt (S. 135). Dem hinzu gesellen sich kos­tü­­mier­te Gestalten, deren „rote Mündchen“ „halb geöffnet“ stehen, „kein Atem bewegt sie, das Läch­eln ist auf ihnen liegen geblieben“ (S. 139). Auch Clowns wie Charles Rivel, die nicht „blank und von vornherein [improvisieren]“, sondern „einen Werkwillen vor[täuschen], den sie fort­wäh­rend desavouieren“ (S. 142), beanspruchen darin ihren Platz. Indem in ihrer Arbeit „das, was wir gemeinhin für die Hauptsache hal­ten“ zur „Nebensache“ herabgesetzt wird, kehren sich „die her­köm­mlichen Weltverhältnisse“ um, „die gewohnte Ordnung wird bagatellisiert und die schein­ba­re Ba­­gatelle in die Mitte gerückt“ (S. 143). Mit Melancholie und Komik „ruft er die Ahnung einer Wirk­lichkeit hervor, die mit der unsrigen nicht identisch ist“ (S. 147). Hier ähnelt die Maske des Clowns dem „Kindergesicht“ des in sich versunkenen, auf „unsichtbare Bilder“ starrenden Kla­vierspielers, der, während seine Hände „un­ausgesetzt“ auf einer beliebigen Partitur umherlaufen, „gelähmt“ der „Vergangenheit ge­gen­über­[steht]“, mit der er nicht „fertig geworden ist“ (S. 150).

In einem Warenhaus trifft der Beobachter gar auf Heinrich Mann. Dort „vollzieht“ sich eine „ku­ri­o­se Begegnung“ zwischen dem Dichter und „der Warenhausmenge“ (S. 187 f.). Während „ein be­flis­se­nes Mikrophon die ganze Rede verschluckt“, „rauscht und surrt der Vortrag wie ein Spei­se­wa­gen. Das Publikum bemüht sich, die Schlagsahne lautlos zum Mund zu führen“ (S. 188). Wohl zeit­gleich werden Manns Worte mit Radiowellen durch „den Äther gejagt“, „um eine unbegrenzte, un­be­kannte Zu­hö­rerschaft zu behelligen“, was den Sinn der Vorlesung eskamotiert, die aus­schließ­lich den Anwesenden zugedacht ist, in dieser Form also auf „nutzlose Spielerei“ herunterkommt. Als der Vor­trag endlich aus ist, erfährt noch das Publikum, „daß der Dichter jedes gekaufte Ex­em­plar sei­ner Romane auf Wunsch eigenhändig signieren wird“, worauf Kracauer nüchtern resümiert: „Das Dichten hat auf­ge­hört, das Geschäftsleben nimmt seinen Lauf“ (S. 189).

Diskussion

In seinem heute noch lesenswerten Essay über Balzac aus dem Jahre 1908 spricht Hugo v. Hof­manns­thal davon, dass die bürgerliche Welt, als „kompletteste und vielgliedrigste Halluzination, die je da war, (.) wie geladen [ist] mit Wahrheit. Ihre Körperhaftigkeit löst sich dem nach­denk­li­ch­en Blick in ein Nebeneinander von unzähligen Kraftzentren auf, von Monaden, deren Wesen die in­ten­­sivste, substantielle Wahrheit ist“. „Körperhafte Figuren“ gehen über in eine „vorü­ber­geh­en­­de Verkörperung einer namenlosen Kraft“, fügen sich in ein „unsichtbares Koor­di­na­ten­sys­tem“, woran er (Hugo v. Hofmannsthal) sich orientieren könne. Mit anderen Worten: Balzac versteht sich darauf, die Komposition der „menschlichen Komödie“ zu einer milieugeprägten Erfahrung zu ver­dich­ten, an die der Leser mithilfe seines eigenen Weltbezugs anknüpfen kann. Indem dort „die ein­ge­preßte Gewalt (.) die lebende Materie vorwärtstreibt“, kann Subjektivität sich in den Ere­this­men der Geldgier und Geschäftemacherei wieder erkennen, wenn auch nicht in der Un­mit­tel­barkeit, wie es erscheinen mag. Anders als der tragische Ernst des Romanciers, gießen die Beobachtungen Kracauers hingegen kein „Feuer in unsere Adern“ (erneut v. Hofmannsthal), sondern beherbergen etwas „furchtbar Ruhiges, Leidenschaftsloses“, eine unbestimmte „Fatalität der Resignation“ (Sta­nis­­ław Przybyszewski). Mehr als bloß „Reportage“, ein „Verfahren der distanzierten Betrachtung“, das „sammelt und re­gis­triert“ (so Reimar Klein im Nachwort, S. 256 f.), vertiefen sie sich zu me­lan­cho­lischen Fatiguen, die auf der Grenze einer verborgenen Erinnerung existieren. Ganz dicht finden sich Kracauers Einlassungen am Rande des Erinnerns wieder, ohne des Vergangenen und Ver­dräng­ten selbst habhaft werden zu können.

Davon zeugen auch jene „merkwürdige[n] Schreie“, die sich dadurch auszeichnen, „daß man nie ihren Grund erfährt“ (S. 31). Nicht von ungefähr kommt einem dabei E. A. Poes „The Man of the Crowd“ in den Sinn. Bekanntlich heftet sich darin der erzählende Protagonist an die Versen eines Mannes aus der Masse, lauert ihm auf, um zu erfahren, welches Ziel er anläuft. Nachdem dieser, ohne einen Laut von sich zu geben, unschlüssig und verdrießlich, Laden um Laden betritt, nur um am Ende wie­der zum Ausgangspunkt zurückzukehren, erfährt man nichts und doch alles über diesen Men­schen. Unbemerkt sind nicht Stunden, sondern Tage vergangen. Insofern sich Wegläufe dieser Art bei Kracauer finden, hinterlassen sie hingegen Gedächt­nis­spu­ren. Worte werden buchstäblich zu „Gedächtnishilfen, die sich betasten lassen“ (S. 36). Weil das Be­wusstsein der Passanten, Staf­fa­ge­fi­gürchen gleich, sich durch Warenbeschau nur weiter verkürzt, „prägen“ sich „Reklamen“ ein, „ohne sich entziffern zu lassen“ (S. 19). Selten auch ist ein Schnabulieren zu vernehmen. „Alle Ge­gen­stände sind mit Stummheit geschlagen“ (S. 39) und darin verwandt mit ihren Betrachtern. We­ni­ger „scheu“ als vielmehr zum „Zeitvertreib“ aufgelegt, vermögen die Berliner Gestalten es kaum, das auf ihrem „Nacken beißende Vampirgesicht“ (Przybyszewski) mit seinem „Heißhunger nach Mehr­wert“ (Marx) zu erhaschen, währenddessen „die Damen quietschen und sich hinterher alles in Wohl­gefallen auflöst“ (S. 40). Darüber verdrängter Schmerz bleibt allerdings nicht im „ver­bor­ge­nen Innern“, sondern materialisiert sich „mitten auf der Straße“. Dort wird „das Un­be­ach­te­te, Un­schein­bare gesammelt und verwandelt, bis es zu scheinen beginnt, für jeden ein Trost“ (S. 50). „Lebensgier“ (S. 49), die sich hier allenfalls in kapitalistischen Bahnungen kanalisiert, verweist jedoch auf jene „radikale Bedürfnisse zurück, die im Bereich dieser Gesellschaft nicht befriedigt werden können“ (Agnes Heller), wenngleich sie bei Kracauer ver­lau­fen zu einem „anarchische[n] Gemisch der Passanten und Bettler“, „unfähig dazu, sich selber zu ei­ner Gesellschaft zu or­ga­ni­sie­ren“ (S. 52). Abgeschattet wird die durch Klassengesellschaft be­ding­te Be­dürfnisstruktur soweit, dass diese sich vom Bewusstsein kaum mehr spontan temperieren lässt.

Dem­gegenüber sind auch zahlreiche Plätze und Gebäudegruppen bloß „Geschöpfe des Zufalls, die sich nicht zur Rechenschaft ziehen lassen“; das Stadtbild behauptet sich „bewußtlos“. „Unbe­küm­mert um sein Gesicht dämmert es durch die Zeit“ (S. 53). Damit verliert sich jene äußerliche „Na­i­vi­tät“, von der Diderot in seiner Ästhetik noch behaupten konnte, diese grenze in ihrer „Ein­fach­­­heit“ „an das Erhabene“, an „Unschuld, Wahrheit und Ursprünglichkeit einer glücklichen Ju­gend, die keinem Zwang unterliegt“. Das Glück der Jugend sucht man auf den Straßen Berlins ver­geb­lich. Scheint‘s verblichen, werden stattdessen Reminiszenzen geknüpft an Marcel Schwobs be­mer­­­kens­wer­­tes und heute kaum mehr beachtetes „Buch der Monelle“. Das Ich soll sich dort gehen las­­sen „mit dem Zufall des Augenblickes“. Nicht zu kümmern hat es sich „um vergangene Dinge. Gib dich nicht damit ab, schöne Särge für die vergangenen Augenblicke zu machen: denke daran, die Au­­­gen­blicke zu töten, die kommen“. Derlei Anweisungen prägen auch das Bewusstsein der Pas­san­ten. Durch den Verlust der Erinnerung an den vergangenen Augenblick, der im Hier und Jetzt des voll­zogenen Warenkonsums das Unmittelbare vernichtet, verliert sich die Sinnlichkeit für das, was einst ge­­wesen ist, wodurch sich das eigentlich zu Vergegenwärtigende in die Zukunft schick­sal­­haft ab­rollt. Sind auch etwaige „Formen“ „aus Trümmern gemacht“ (Schwob), die sich ge­schicht­lich wei­ter auftürmen, und da­mit sichtbarer werden, gerinnt der „zu Ereignisketten stilisierte all­täg­li­che Kon­sum“ zur Form „der Ein­übung in die Katastrophe“ (Klaus Heinrich), was Kracauer subtil an­deutet: „Denn die Wut lauert hinter den Formen, berserkerhaft sticht sie ins Leere“ (S. 64).

Widerstandslos sich der Wut und damit dem Unheil zu überantworten ist nur möglich, weil die Räu­me von der bürgerlichen Sozialität so konstruiert sind, dass ihr eigentlicher Konstitutions­zu­sam­menhang dem Bewusstsein unerkannt bleibt. In den Räumen der „Arbeitsnachweise“ entledigt sich der Hilfesuchende seinem Wahrnehmungsvermögen für Einspruch und Widerstand und gibt den Schalmeien der bürokratischen Arbeitslosen­ver­waltung nach, ohne freilich seinen inneren und äu­­ßeren Frieden mit den Verhältnissen machen zu können. „Jeder typische Raum wird durch ty­pi­sche gesellschaftliche Verhältnisse zustande ge­bracht, die sich ohne die stö­rende Dazwischenkunft des Bewußtseins in ihm ausdrücken. Alles vom Be­wußtsein Ver­leug­nete“, so Kracauer, „alles, was sonst geflissentlich übersehen wird, ist an sein­em Aufbau beteiligt. Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft. Wo immer die Hieroglyphe irgendeines Raum­bil­des entziffert ist, dort bietet sich der Grund der sozialen Wirklichkeit dar“ (S. 72 f.). Die Räumlichkeiten, in denen die Ar­beits­losen „sinnlose Zeit zu vertreiben“ versuchen (S. 78), trennen das Bewusstsein vom Ka­pi­tal­ver­hältnis, das ihm die Exploitation antut, nur um es fester an jene „primitive Gerechtigkeit“ (s.o.) zu binden. Wie das Arbeitsprodukt, wird das karge Interieur zu einer „gesellschaftlichen Hiero­glyphe“, jener Warenform gleich, deren Geheimnis nach Marx darin besteht, „daß sie den Men­schen die gesellschaftlichen Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natur­ei­genschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Pro­du­zen­ten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Ge­gen­stän­den“. Kracauer sistiert seine Einlassungen im klassen­his­to­ri­schen Pro­zess, indem er auf­zeigt, wie die „Spielereien des Unglücks“ in den Arbeitsnachweisen letztlich auf „dingliche Be­zieh­un­gen“ verweisen, ein „bestimmte[s] gesellschaftliche[s] Verhältnis der Men­schen selbst, wel­ches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen an­nimmt“ (Marx). Dem Un­glück anverwandeln sich diese Spielereien, „weil die hier zum Schicksal em­por­stei­gen­de Not“ – ein (ge­schicht­liches) „Schicksal“ nur zum Schein, aber darum nicht weni­ger drück­end – „den Durc­h­bruch des Glücks verwehrt“ (S. 78), was das Bewusstsein derangiert, den „ju­gend­lichen Er­­werbs­losen da­ge­­gen“ einen „Giftstoff“ einimpft, „der sie langsam durch­dringt“ (S. 78), und von des­sen ge­sell­schaft­­lich vermittelte, biochemische Zusammensetzung sie nicht weiter Kennt­nis neh­men mö­gen. Schließ­­lich gehört zum elenden Wartezustand als Revers, dass die Wut un­mittelbar sich äu­ßern will, nicht durch anderes, was sie dämpfen könnte, behelligt wird. Am En­de wird sie, in den Kon­zen­­trationslagern und anderswo, den kalten Zynismus eines Fa­bri­kanten aus den 1830er Jah­ren re­pro­­duzieren, der auf den revolutionären Unmut des Aus­ge­beu­te­ten mit der Fest­stellung re­ü­ssiert: „Wenn sie kein Brot im Bauch haben, so wollen wir ihnen Ba­jo­net­te hin­ein­stecken“.

Am Personalverhalten in einem kleinen Berliner Café macht sich hingegen jener „Geilwuchs kapitalistischer Ele­mente“ (Helmut Bock) geltend, der dieser Inhumanität den Weg zu ebnen ver­spricht. Die „In­ten­tio­nalität des Bewußtseins ohne Gegenstand“ (Blumenberg) trifft dort eine Höf­lich­keit als äußere „Dreingabe“, auf die keiner mehr rechnen darf, weshalb diese als administrative An­weisung auf den hauseigenen Getränkekarten firmiert: „Das Personal ist streng angewiesen, je­den Gast zufriedenzustellen“ (S. 189). Nicht nur, dass der kapitalistische Parvenü seinen An­ge­stell­ten nicht mehr „ein richtiges“ (d.h. kundenorientiertes) „Benehmen“ zutraut; dieser spricht ihnen zu­gleich das „Menschsein“ ab (S. 190), indem die „Rationalisierung“ selbst noch den Ge­sichts­aus­druck zu schleifen beabsichtigt, der nun nichts mehr verraten soll vom gesell­schaftlich bedingten Aus­beutungsprozess. Die aufgesetzte Gefälligkeit korrespondiert schließ­lich derart dem „pan­de­mi­schen Servicelächeln“ des „Professional Smile“ (Foster Wallace), dass sich die Erinnerung daran nicht mehr zwischen den Alltagsgedanken des schalen Vergnügens drän­gen kann. Bereits Karl Phillipp Moritz hatte dies in seiner „Erfahrungsseelenkunde“ visiert: „Daß das Ge­prä­ge der Seele von dem Gesichte des Menschen schon früh verwischt wird, daß sein Ton und sei­ne Mie­nen schon so früh die selige Übereinstimmung mit Gedank‘ und Empfindung verlernen: das ist die Frucht (.) der auswendig gelernten Verbeugungen, lächelnder Blicke, künstlichen Wen­dun­gen in den un­be­deu­tendsten Ausdrücken der Höflichkeit“. Da sich allerdings letztere auch „auf Kommando nicht ein­stellt“ (S. 190), fällt es schwer, an der „entschwundene[n] Fröhlichkeit festzuhalten“ (S. 88), zumal das selbstverständliche Verhalten sich nicht direkt einstellen will. Damit stellt sich das Café-Personal den „zahllose[n] Glücksucher[n]“ bei, die „sich immer noch als Individuen fort­be­haup­ten ­möchten, obwohl sie längst eine proletarisierte Masse bilden“ (S. 92). Hier schließt Kracauers Sub­ti­lität an die „Aufmerksamkeit aufs Kleinscheinende“ (K. P. Moritz) an, einer „Menschen­be­o­bach­tung“, die in der „Nebeneinanderstellung des Successiven“ hinter den Myriaden der „Ge­sin­nungs­tüch­tigkeit“ (S. 192) ihren Vergesellschaftungszusammenhang perspektiviert.

Letztlich steht all dies auf der Schwelle zum Autoritären, das sich der Bewusstlosigkeit des Men­schen politisch bemächtigt. Kurze Zeit später schon scheinen viele in ihren erstarrten Ge­sichts­zü­gen festgefahren und verkeilt zu sein, weiterhin sich anklammernd an Bekanntes und Be­währtes, das ihnen unter ihren Händen entwischt. Die profanierte Perversion des Gleichschritts, die zur Ord­nung aufruft und sich damit brüstet, dem Proletariat als revolutionäres Subjekt den Garaus gemacht zu haben, setzt sich an die Spitze des schlechthin Ungeschichtlichen: Kritik wird als zersetzende an­geschwärzt. Nicht länger bleibt das Lächeln auf den Mündern liegen (s.o.); es verzerrt sich zur denunzierenden Fratze, die Mundwinkel zum Bersten gespreizt.

Fazit

Die Bedeutung von Kracauers „Straßen“ einzuordnen hilft auch ein Blick auf Franz Hessel, der zur sel­ben Zeit, im selben Publikationsorgan (Frankfurter Zeitung, aber auch Berliner Tageblatt), über den glei­­chen Ort (Berlin) schrieb. Indem Hessel sehr viel näher am Zeitgeist entlang schreitet, gar ins Ur­teil seiner Zeitgenossen einnickt, vermögen seine Beschreibungen es nicht, an den Fas­sa­den haf­ten zu bleiben, um sich ihrer Historizität und Widersprüche zu gewahren. Entsprechend un­be­stimmt und zufällig greifen sie in die Räumlichkeiten der Berliner Verhältnisse, hinterlassen inner­halb von Fülle und Dichtheit erzählperspektivische Leere. Wenn auch die erinnernde Tiefen­schär­fe eines Walter Benjamin mancherorts fehlt, einen derartigen feui­lle­tonistischen Positivismus sucht man bei Kra­cauer ver­gebens. Feinsinnig und ohne jede Invektive umspielt er die Einsicht, dass die Worte mehr wis­sen, als wir ihnen im Moment ihres Ausdrucks zuerkennen. So wird ihre Ge­schich­te aufgelesen, de­ren Erinnerungs­stücke ins Unbewusste retirieren, um dort im Alltagsbewusstsein unerkannt, aber wirk­mäch­tig, fortzuleben. Statt im un­reflek­tierten Bündnis mit der Erfahrung von Verdrängung zu leben, fin­det sich in Kra­cauers Werk behutsam eingewoben eine gesellschaftlich vermittelte Brüch­ig­keit, die stellvertretend für das falsche Ganze einsteht. Damit exponiert er seine Gedanken gegen die „Aus­­blendung des Wahr­neh­mungs­vermögens für Einspruch und Widerstand, die dem Prozeß der Ver­­drängung das gute Gewissen“ verleiht (Klaus Heinrich).

Trotz „Nüchternheit“ und fehlenden „Antithesen“ (S. 255), die an die Zurückhaltung Schillers ge­­mah­nen, „dem Ewigblinden“ des „Lichtes Himmelfackel“ nicht zu „leihn“, weil er mit ihr nur „Städt und Länder“ „einäschern“ würde, lassen die Stücke Kracauers den Leser alles andere als „rat­los“ zu­rück (S. 252). Vielmehr oszillieren sie inmitten der einsehbaren Spannung einer bür­ger­li­chen Gesellschaft, in deren Struktur sich Mündigkeit und Autonomie nicht ins Recht zu setzen vermögen, so­lange die „Selbstentmachtung der Vernunft“ (Blumenberg) durch die Antinomien von Kapital und Arbeit fortexistiert. Un­be­dingt gehört Kracauer darum zum kritischen Kanon derer, die, mit Alex­an­der Klu­ge ge­spro­chen, jene unerzählte Wirklichkeit auf ihre Erzählbarkeit zu überprüfen ver­stehen. In die­sem Sinne wird eine ge­sell­schafts­kritische Verbindlichkeit geschaffen, die zur ge­schichtlichen Selbst­er­fas­sung ka­pi­ta­li­s­ti­scher Subjektivität anregt, womit jenes „Ungenannte“, das uns „nach sei­nem Gefallen“ „schwenkt“, während „die Zeiger sich drehen“ (S. 103), schlag­licht­ar­tig als re­pres­siv verinnerte Totalität ver­ge­­gen­wär­ti­gt wird.


Rezension von
Kevin-Rick Doß
FB Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Studiengang Sozialmanagement Hochschule Nordhausen
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Zitiervorschlag
Kevin-Rick Doß. Rezension vom 10.06.2020 zu: Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-518-24243-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26894.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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