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Wolfgang Kindler: Mobbing - Fehler vermeiden, gute Lösungen finden

Cover Wolfgang Kindler: Mobbing - Fehler vermeiden, gute Lösungen finden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 176 Seiten. ISBN 978-3-407-63182-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Es gibt mittlerweile unzählige Veröffentlichungen zum Thema Mobbing. Seit Heinz Leymann in den 90er Jahren Mobbing als ein bedeutsames Phänomen in der Arbeitswelt beschrieben hat, wurde es aus diversen theoretischen Perspektiven, mit unterschiedlichen Definitionen und in vielen Lebensbereichen untersucht. Wolfgang Kindler fokussiert sich entsprechend seines Erfahrungsbereiches auf den Bereich Schule, wo Mobbing unter Schüler*innen durchaus verbreitet ist.

Das Buch entstand aus der Situation heraus, dass Wolfgang Kindler in seiner Beratungspraxis häufig auf gescheiterte Antimobbingprojekte und Hilflosigkeit im Umgang mit Mobbing stieß. Das führte dazu, dass er sich dem Vorhaben widmete, aus Fehlern lernen zu wollen, und er sich stärker mit der Analyse von Mobbingsituationen und praktikablen Interventionsmethoden in der Schule auseinandersetzte.

Autor

Wolfgang Kindler war Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch, Pädagogik und Sozialwissenschaften. Er arbeitete im Studienseminar Recklinghausen als Hauptseminarleiter, bevor er als Fortbildner, Coach und Beratungslehrer in der Gewaltprävention tätig wurde. Mittlerweile ist er einer der bekanntesten Antimobbing-Berater Deutschlands im Schulbereich.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel führt Wolfgang Kindler in das Thema Mobbing ein, indem er die Problematik und Herausforderung im Bereich der Schule darstellt. Als wichtigste Aussage wird deutlich, dass Mobbing verleugnen das Problem nicht löst. Im Gegenteil: das Thema muss mehrfach und vertiefend zum Gegenstand sozialen Lernens in der Schule werden. Hinderlich sind dabei Strukturen in Schule, Behörden oder Firmen, die Mobbing dulden oder gar fördern. Besonders Leistungsdruck, wie er von den Eltern auf die Kinder ausgeübt wird, kann das Entstehen von Mobbing begünstigen. Andererseits führen auch überbehütende Verhaltensweisen der Eltern – bekannt unter dem Begriff der „Helikoptereltern“ – zu Unselbstständigkeit und Hilfslosigkeit von Kindern, sodass sie Probleme nicht eigenständig lösen können und schneller zu Mobbing-Opfern werden.

Es folgt im zweiten Kapitel die Auseinandersetzung mit Theorien und Forschungserkenntnissen zum Thema. So wird die klassische Definition von Mobbing nach Heinz Leymann diskutiert und kritisch hinterfragt. Wolfgang Kindler setzt seinen Schwerpunkt in der Definition von Mobbing auf zwei Fundamente: Von Mobbing kann dann gesprochen werden, wenn Täter ihre Macht ausspielen, indem sie schädigende Verhaltensweisen an den Tag legen und daraus ihre vermeintliche Stärke ableiten. Die Opfer wiederum entwickeln ein Gefühl der Hilflosigkeit, verbunden mit Ängsten und Selbstzweifel. Dem Autor gelingt es, anhand von Fallbeispielen bildhaft und nachvollziehbar eine stärkere Abgrenzung von Mobbing zu sonstigen Konflikten und Gewaltformen herbeizuführen. Am Beispiel des Schulalltags verdeutlicht der Autor sodann die unterschiedlichen Ursachen von Mobbing. Dabei werden die Bereiche der Institution Schule, der Lehrerschaft, die Klassengruppe und die Täter näher beleuchtet. Kritisch stellt Wolfgang Kindler vorliegende Statistiken zur Häufigkeit von Mobbing unter Schüler*innen dar und nimmt dabei Bezug auf die Bedeutsamkeit der richtigen Definition von Mobbing. Im Weiteren werden die Folgen von Mobbing für die (Klassen-)Gruppe, das Opfer und die Mobbenden aufgezeigt. Hier wird besonders der starke Einfluss von Mobbing auf das Gruppenklima und die sich dort veränderten Normen herausgestellt. Denn das ist ein Thema, welches in Theorie und Praxis häufig vernachlässigt wird. Der Autor widmet sich schließlich noch der speziellen Form des Cybermobbings. Er stellt klar, dass auch hier eindeutig unterschieden werden muss zwischen Drohungen und Hasskommentaren im Netz als eine spezielle Gewaltform unter fremden Menschen und der digitalen Kommunikation als Werkzeug in einem Mobbingprozess innerhalb eines engen sozialen Umfelds. Letzteres gilt als echtes Cybermobbing und tritt eher selten auf.

In den anschließenden Kapiteln geht Wolfgang Kindler gründlich auf den Schulalltag ein und wendet die bisher beschriebene Theorie auf die Praxis an. Erkennbar werden hier sein großer Erfahrungsschatz und die lange intensive Beschäftigung mit dem Thema. So analysiert der Autor im dritten Kapitel mit teils scharfen Worten die Fehler, welche im Schulkontext Mobbing begünstigen. Dazu gehören ein fehlendes oder unpassendes Antimobbing-Konzept, das Wegschauen der Lehrenden und inkonsequentes oder gar fehlerhaftes Handeln durch die Schule. Mittels vieler Fallbeispiele werden so die Hemmnisse deutlich, im Schulalltag gegen Mobbing vorzugehen. Noch praktikabler wird es im vierten Kapitel. Dort entwickelt Wolfgang Kindler über seine eigene Definition von Mobbing Kriterien zur Erkennung von Mobbing im Schulalltag. Die konkreten Anleitungen zur Gesprächsführung und verschiedene Methoden für die Analyse werden wieder über Beispiele vorgestellt. Damit sind die Handlungsanweisungen direkt zu Übernahme geeignet.

Das fünfte Kapitel wird der Prävention von Mobbing in der Schule gewidmet. Auf drei verschiedenen Ebenen einer Schule – Schulkonzept, Peerverhalten der Schüler*innen, Verhalten der Lehrenden – stellt der Autor präventive Maßnahmen vor. Diese reichen von Anleitungen zur Erstellung eines Antimobbingkonzeptes über die Erhöhung der Lehrendenqualifikation und die Bildung von Klassenteams bis zur Erstellung eines Sanktionskonzeptes. Wolfgang Kindler gelingt es dabei, nicht nur die Möglichkeiten verständlich zu beschreiben, sondern auch vor Hindernissen zu warnen und praktische Empfehlungen zur Umsetzung einzupflegen.

Im letzten Teil des Buches befasst sich der Autor auf unterschiedlichen Ebenen mit Interventionen bei vorhandenen Mobbingfällen unter Schüler*innen. Das sechste Kapitel besteht in der Darstellung verschiedener komplexer Interventionsmethoden, welche theoretisch gut untermauert, leider bisher empirisch kaum überprüft wurden. Ausgehend von der in Deutschland weit verbreiteten Farsta-Methode nach Karl Ljungström, wo die Täter direkt mit ihrer Tat konfrontiert werden, konstruiert der Autor eine „humane Farsta-Methode“. Hier wird nicht wie im Original verdeckt agiert, sondern relativ offen vor der Klasse. Zudem ist das Vorgehen weniger mit Vorwürfen und Beschuldigungen angelegt. Die Täter*innen sollen durchaus Gelegenheit erhalten sich zu erklären, jedoch werden – wie bei Ljungström – Situationen deutlich angesprochen und eine konfrontative Kommunikation gewählt. Detaillierte Anleitungen mit konkreten Gesprächsführungstechniken geben den Lesenden praktische Unterstützung in der Umsetzung der Methode. Es finden sich hier erfreulicherweise die Regeln der personenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers wieder. Des Weiteren wird in diesem Kapitel die Methode des Teamcoachings intensiv und anwendungsorientiert erläutert und als lösungsorientierten Verfahren empfohlen. Im siebenten Kapitel stellt Wolfgang Kindler eine allgemeine Schrittfolge vor, die bei einem vorliegenden Mobbingprozess nutzbar ist. Wichtig ist es, hierbei systematisch vorzugehen. Das Maximalkonzept des Autors beinhaltet gezielte, aufeinander aufbauende Handlungsschritte mit unterschiedlichen Maßnahmevorschlägen, die anhand von Fallbeispielen erklärt werden. Die Schule sollte die für sie passenden Maßnahmen bedacht wählen, um sich selbst dabei nicht zu überfordern. Zu einer funktionierenden Antimobbing-Kampagne gehört auch eine unterstützende Elternarbeit, die im achten Kapitel vorgestellt wird. Der Autor bespricht, wie Eltern bei der Aufarbeitung von Mobbingfällen eingebunden werden können und gibt Hinweise zu einer empathischen Gesprächsführung. Im letzten Kapitel finden sich noch Ergänzungen zu weiteren möglichen Einzelmaßnahmen, die im Mobbingfall angewandt werden können. Das Für und Wider zur Durchführung von einzelnen Aktionen wird dabei kritisch dargelegt.

Diskussion

Dem Autor gelingt es, die Erklärungen theoretischer Zusammenhänge anhand von Fallbeispielen praktisch darzustellen. Hervorzuheben ist dabei die im Vergleich zu vielen anderen Publikationen klarere Definition von Mobbing, die eine stärkere Abgrenzung zu anderen Konflikten und Gewaltformen möglich macht. Diese Definition nützt auch im Themenverlauf, um immer wieder eindeutige Kriterien zur Analyse und zur konkreten Intervention bei Mobbing zu verdeutlichen.

Irritierend sind die scharfen Worte, welche Wolfgang Kindler bei der Ursachendarlegung in der Schule findet. Hier besteht die Gefahr, dass sich Lesende angegriffen fühlen und dann das Buch vielleicht zur Seite legen. Ein großer Vorzug an diesem Buch ist wiederum die Erörterung detaillierter und konkreter methodischer Vorgehensweisen. Insbesondere die selbst (weiter-)entwickelte „humane Farsta-Methode“ kann für den Schulkontext nützlich werden und hat Potenzial für eine neue Standardmethode. Eine empirische Überprüfung zur Effektivität der „humanen Farsta-Methode“ würde dem zugutekommen. Das Werk enthält damit alle Informationen, die als Unterstützung in Mobbingprozessen für Schulen nützlich sind. Eine individuelle Beratung ersetzt das Werk natürlich nicht.

Das Buch ist übersichtlich gestaltet mit Schaubildern und in Rahmen gesetzten konkreten methodischen Instruktionen. Die Zwischenüberschriften sind eher beschreibend, ja erzählend gewählt, was den Lesenden aus der Praxis ansprechen wird. Etwas unstrukturiert wirkt die Aufteilung der Kapitel. So werden bereits im ersten Kapitel viele Ursachen von Mobbing aufgeführt, die dann im eigentlichen Ursachenkapitel (Kap. 3) fehlen. Das neunte Kapitel hätte durchaus in den Interventionsteil integriert werden können. So wirkt es eher wie eine Restesammlung.

Fazit

Wolfgang Kindler bedient mit seinem Buch „Mobbing – Fehler vermeiden, gute Lösungen finden“ alle Ebenen im Bereich der Schule – Institution Schule, Lehrerschaft, Schülerschaft, Eltern – die bei einem Mobbingprozess involviert sind. Durch eine eindeutige Definition, was Mobbing überhaupt ist, kann besser entschieden werden, welche Handlungsstränge notwendig sind. Der Autor gibt in diesem Werk praktische Anleitungen zum Erkennen und Analysieren von Mobbing. Er erläutert, wie präventiv dagegen vorgegangen werden kann und welche Maßnahmen effektiv bei einem eingetretenen Mobbingfall sein können. Konkrete Gesprächsführungstechniken und Maßnahmebeschreibungen sind nützliche Hilfen für den praktischen Einsatz bei Mobbing im Schulbereich.

Das Buch ist mit dem enthaltenen Wissen und den Handlungsanleitungen für die schulische Praxis direkt anwendbar. Es kann als ein Leitfaden bei Mobbingprozessen in der Schule dienen.


Rezension von
Prof. Dr. Katharina Kitze
Professur für psychosoziale Gesundheit und psychosoziale Versorgung im Lebenslauf, Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Katharina Kitze. Rezension vom 01.09.2020 zu: Wolfgang Kindler: Mobbing - Fehler vermeiden, gute Lösungen finden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-407-63182-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26895.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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