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Rupert Graf Strachwitz, Eckhard Priller u.a.: Handbuch Zivilgesellschaft

Cover Rupert Graf Strachwitz, Eckhard Priller, Benjamin Triebe: Handbuch Zivilgesellschaft. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2020. 362 Seiten. ISBN 978-3-11-055129-7. D: 49,95 EUR, A: 49,95 EUR.

Reihe: Maecenata Schriften - 18.
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Thema

Die „Zivilgesellschaft, die deutsche Übersetzung von civil society, ist in Medien und Politik ein viel und selbstverständlich verwendeter Begriff geworden“ schreiben Strachwitz et al. in ihrem allerletzten Kapitel (S. 314). Und weiter „Auch viele der zahlreichen NGO, NRO, NPO, gemeinnützigen Organisationen, Vereine und Stiftungen … wenden immer häufiger diesen Sammelbegriff auf sich an und entwickeln darüber ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie vorher nicht hatten“ (S. 314). Dieses zweite Zitat lässt sich durchaus als eine kleine Relativierung auffassen. Denn tatsächlich hat dieser Begriff und vor allem die damit verbundene Umfassung einer eigenständigen Zivilgesellschaft (civil society) in Deutschland in der Breite der Gesellschaft noch nicht die Selbstverständlichkeit erreicht, die man ihm (auch innerhalb der Zivilgesellschaft selbst) unbedingt wünschen möchte. Eine umfassende Begriffs- und vor allem Standortbestimmung der Zivilgesellschaft liefert nun das vorgelegte Handbuch Zivilgesellschaft.

Autoren

Dr. Rupert Graf Strachwitz, 1947 in Luzern geboren, ist Politikwissenschaftler und Historiker. Als Sohn eines Diplomaten und einer Schriftstellerin wuchs er in Mendoza, Rom und Berchtesgaden auf. Er studierte in den USA und in München und lebt heute in Berlin. Graf Strachwitz ist Vorstandsvorsitzender der Maecenata Stiftung und Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Er arbeitet als Praktiker, Berater und Forscher. 

Dr. Eckhard Priller studierte Soziologie und Ökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin und war seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Von 2008 bis 2014 leitete er dort die Projektgruppe Zivilengagement. Eckhard Priller ist wissenschaftlicher Co-Direktor des Maecenata Instituts und wissenschaftlicher Koordinator der Maecenata-Stiftung.

Benjamin Triebe studierte Politik und Soziologie. Seine Interessensschwerpunkte sind Nationalismusforschung und die unterschiedlichen Aspekte von Staatlichkeit. Er arbeitet als Referent bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Lange Zeit war er als Redakteur bei der Zeitschrift „Berliner Republik“ tätig. Benjamin Triebe ist Assoziierter Forscher am Maecenata Institut.

Die drei Autoren arbeiten in der Maecenata Stiftung, einem unabhängigen Think Tank zum Themenfeld Zivilgesellschaft, Bürgerengagement, Philanthropie und Stiftungswesen.

Aufbau

Für den kompletten Aufbau möchte ich auf das beim Verlag zugängliche Inhaltsverzeichnis verweisen. Für einen orientierenden Überblick anbei die 10 Kapitel: 

  1. Historischer Zugang
  2. US-Amerikanisch dominierte Civil Society Diskurse
  3. Europäische Zivilgesellschaftsdiskurse
  4. Empirische Zivilgesellschaftsforschung
  5. Die Makro-Perspektive: Zivilgesellschaft, Staat und Markt
  6. Die Meso-Perspektive: Zivilgesellschaftliche Organisationen
  7. Die Mikro-Perspektive: Bürgerschaftliches Engagement
  8. Der Beitrag der Zivilgesellschaft
  9. Internationale Zivilgesellschaft
  10. Aktuelle Debatten

Der Aufbau des Handbuches lässt eine Dreiteilung erkennen (näheres dazu siehe Diskussion). Nachfolgend werde ich aus jedem Drittel ein Kapitel ausführlich vorstellen und mit Zitaten versehen. Auf diese Weise bekommen die Leser*innen der Rezension einen guten Einblick in Schreibstil und Qualität der Texte. Besprochen werden Kapitel 3, 6 und 8.

Inhalt

Strachwitz et al. stellen eine inhaltlich dichte Einleitung vor das 1.Kapitel und treffen damit weitreichende Setzungen. Sie verstehen die Zivilgesellschaft „… neben Staat und Markt [als] eine dritte gleichrangige Arena des kollektiven Handelns im öffentlichen Raum“, in dem sich das bürgerschaftliche Engagement artikuliert. Sie legen dann 12 detaillierte Annahmen zu Grunde, die ihre Auffassung von Zivilgesellschaft offenlegen. Unter anderem greifen sie dabei auf die bekannte Typisierung von Organisationen durch Albert Hirschmann (1970) in „loyal, exit und voice“ zurück. Insgesamt haben sich die Autoren für eine weite Definition entschieden, die dennoch klar gefasst ist.

3. Europäische Zivilgesellschaftsdiskurse

Die Autoren beschreiben in diesem Kapitel zum einen demokratietheoretische Konzepte der Zivilgesellschaft, zum anderen die zahlreichen Bewegungen (soziale Bewegungen, Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung, europäische Bewegung, Bürgerbewegungen in Mittel- und Osteuropa etc.). Zum dritten werden „…einige spezifische deutsche Diskurse dargestellt, aus denen sich teilweise prägende gesellschaftspolitische Leitbilder entwickelt haben“ (S. 87).

Unter diesen spezifischen Diskursen sind zwei besonders interessant, da sie speziell die deutsche Zivilgesellschaft v.a. quantitativ sehr prägen; sie sind überschrieben mit Subsidiarität und Korporatismus. Das Subsidiaritätsprinzip wurde für das deutsche Wohlfahrtswesen im 19. Jahrhundert entwickelt und fand im 20. Jahrhundert Eingang in die katholische Soziallehre. Grob zusammengefasst beinhaltet das Prinzip in Deutschland, „dass nicht-staatliche Anbieter von Wohlfahrtsleistungen prioritär tätig werden sollten, bevor staatliche und kommunale Stellen vergleichbare Leistungen anbieten durften. Damit wurde der Grundstein gelegt, für eine der quantitativ stärksten, zugleich im Sinne von Albert Hirschmann als loyal einzustufenden Säulen der Zivilgesellschaft in Deutschland“ (S. 88).

Finanziell legte dies die Basis für den quantitativ umfassenden Teil der Zivilgesellschaft, der durch die Wohlfahrtsverbände repräsentiert wird. Gerade mit dieser finanziellen Grundlage sind viele Vor- und Nachteile verbunden, die im Handbuch kritisch und ausführlich besprochen werden. „Zudem unterwarfen sich die Verbände vielfach aus finanziellen Erwägungen den Forderungen ihrer staatlichen Partner in einem Umfang, der das Subsidiaritätsprinzip weitgehend zur Farce werden ließ. Diese Haltung wird heute generell in Frage gestellt“ (S. 89). Und über die Funktion Themenanwaltschaft (voice) wird versucht, wieder mehr Unabhängigkeit zu erlangen.

„Eng verbunden mit dem Subsidiaritätsprinzip ist das Modell des Korporatismus, das im Ausland ebenfalls als eine deutsche Spezialität gesehen wird (obwohl Österreich oder die skandinavischen Länder wesentlich stärker korporatistische Politikmuster aufweisen). Der Korporatismus verfolgt das Ziel, verschiedene gesellschaftliche Interessengruppen – beispielsweise die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände oder den Sozialstaat und die Wohlfahrtsverbände – an den politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen und so auf freiwilliger Basis gemeinsame Vereinbarungen auszuhandeln“ (S. 90). Um den Aufwand überschaubar zu gestalten, werden daher eine begrenzte Zahl von Akteuren eingebunden, denen aber eine umfassende Repräsentanz zugeordnet wird, die sie idR nicht besitzen können. Darüber hinaus sind die korporatistisch beteiligten Verbände zum Teil von öffentlichen Geldern abhängig, was ihre Unabhängigkeit existentiell beeinträchtigt. Es wird daher in der Zivilgesellschaft u.a. die Gefahr gesehen, dass „… überkommene korporatistische Mechanismen den Pluralismus zivilgesellschaftlicher Akteure beeinträchtigen können…“ (S. 91).

6. Die Meso-Perspektive: Zivilgesellschaftliche Organisationen

In der Meso-Perspektive werden alle Organisationsformen der Zivilgesellschaft erläutert, ihre Funktionen und Strukturen, ihre Finanzierung, ihre Rechtsformen. Darüber hinaus werden weniger stark verfasste Organisationsformen wie Netzwerke beschrieben und Bewegungen sowie die Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR). „Sie entsteht nämlich automatisch dann, wenn ein nachhaltiges gemeinsames Wirken einer Gruppe erkennbar wird. Dazu bedarf es keiner formellen Verfassung oder Konstituierung“ (S. 219).

Es ist das umfangreichste Kapitel und bringt diesen Teil des Handbuchcharakters, die Funktion als Nachschlagewerk, deutlich zur Geltung. Gleichwohl können die ganzen Organisationsformen (Verein, Stiftung, Verband, Genossenschaft, gemeinnützige Kapitalgesellschaft usw.) hier nicht im Einzelnen aufgezählt, geschweige denn erläutert werden. Allerdings lohnt die Benennung der mittlerweile herausgebildeten acht Funktionen, wobei viele ZGO (Zivilgesellschaftsorganisationen) in mehreren Funktionen gleichzeitig tätig sind (Beispielnennungen aus dem Handbuch, S. 167).

  • Dienstleistungen (bspw. Caritas)
  • Themenanwaltschaft (bspw. Amnesty)
  • Wächter (bspw. Verbraucherschutz)
  • Selbsthilfe (bspw. Patientenselbsthilfen/​Sport)
  • Mittler (bspw. Förderstiftungen/​Dachverbände)
  • Gemeinschaftsbildung (bspw. Schützen-, Trachtenvereine)
  • Politische Mitgestaltung (bspw. Think Tanks/​Europa Union)
  • Persönliche Selbsterfüllung (bspw. Glaubensgemeinschaften)

„Gemessen an der Zahl der Mitglieder sind manche gemeinschaftsbildende Organisationen (beispielweise Karnevalsvereine) sowie die Sportvereine oder der ADAC mit Abstand die größten; gemessen am finanziellen Umsatz und der Anzahl der Beschäftigten sind es dagegen Dienstleister im gesundheitlichen und karitativen Bereich, die den Schwerpunkt zivilgesellschaftlicher Tätigkeit in Deutschland bilden“ (S. 167f).

Die Finanzierungsarten der ZGO sind entsprechend ihrer Funktion sehr unterschiedlich: Mitgliedsbeiträge, Spenden, Fördergelder, Entgelte für erbrachte Leistungen… „Zivilgesellschaftstheoretisch zulässig sind alle Finanzierungsarten; für die Zuordnung kommt es nicht auf die Mittelherkunft, sondern auf die Mittelverwendung an“ (S. 171). Gleichwohl ist die Mittelherkunft eine ebenso wichtige Information bezüglich der Transparenz einer ZGO wie die Mittel-Verwendung. Ein Unterkapitel (6.4) widmet sich ausführlich den Finanzierungsarten der unterschiedlichen ZGO. Hier arbeitet das Handbuch auch die sehr komplexe Konfliktlage heraus, die z.T. aus der Finanzierungsart entsteht. Besonders komplex ist die Lage dort, wo der höchste finanzielle Umsatz der ZGO erfolgt, bei den Leistungsentgelten im Sozial- und Gesundheitswesen. Entsprechend dem sozialwirtschaftlichen Dreiecksverhältnis rechnen die Leistungsanbieter direkt mit den Kostenträgern ab, nicht aber mit den betreuten Klient*innen. Die öffentlichen Vertragspartner sind aber gleichzeitig „Gesetzes- und Verordnungsgeber, Regulierungsbehörde, Vertragspartner und Wettbewerber“ (S. 196). Alle ZGO-Vertreter, die Entgeltverhandlungen führen müssen, kennen die daraus resultierenden Zwickmühlen. Strachwitz et al. schreiben daher „Das System kann nicht befriedigen …“ (S. 196).

8. Der Beitrag der Zivilgesellschaft

Die Überschriften innerhalb des Kapitels 8 lauten: Warum Zivilgesellschaft? – Der Zivilgesellschaftliche Mehrwert – Ressourcen der Zivilgesellschaft – Widerstand und ziviler Ungehorsam – Stakeholder der Zivilgesellschaft. Die Autoren beschreiben hier den Wert der Zivilgesellschaft abseits funktionaler Kategorien und Einteilungen.

Strachwitz et al. zitieren zu Beginn des Kapitels Margaret Thatcher mit den Worten „… there ist no such thing as society“ (S. 240; das Zitat selbst erstreckt sich über mehrere Zeilen, sodass Leser*innen den Ausspruch gut einordnen können). Und tatsächlich ist es schwer, ohne ein Bewusstsein für Gesellschaft überhaupt, den Wert der Zivilgesellschaft zu erfassen. So sprach man in den 90er Jahren gern vom „Dritten Sektor zwischen Staat und Markt. … Man blickte auf die Wohlfahrtsverbände und teilte sie wegen ihrer Finanzierungsgrundlage dem Staat oder wegen der erbrachten Dienstleistungen dem Markt zu. Weite Teile von dem, was wir heute Zivilgesellschaft nennen, wurden entweder ausgeblendet oder dem Privat- und Familienbereich zugeordnet. Die spezifische Relevanz für die Gesellschaft wurde ihnen damit abgesprochen“ (S. 240).

Mit den Eingangsworten „die Zivilgesellschaft hat nicht nur unterschiedliche Stakeholder; diese haben auch höchst unterschiedliche Anforderungen an eine ZGO“ (S. 252) leiten die Handbuchautoren ein höchst interessantes Unterkapitel ein. Sie tragen 20 Stakeholder zusammen (Stifter/​Mitglieder, Vertragspartner, Politik, Medien, Staatsverwaltung, Mitarbeiter*innen usw.). Sie besprechen dann alle 20 Stakeholder, wobei sie ihre Ausführungen u.a. mit den zwei Leitmotiven Transparenz und Schutzbedürfnis hinterlegen. Dadurch ergibt sich eine sehr informationsreiche, aber auch normative Umfeldbeschreibung der Zivilgesellschaft.

Als Schlusswort dieser Inhaltsbeschreibung möchte ich das folgende, wichtige Zitat setzen: „Zivilgesellschaft ist nicht immer gut. Ähnlich wie in den Arenen des Staates und des Marktes tummeln sich in ihr höchst unterschiedliche Akteure. Insofern würde mit zweierlei Maß gemessen, wenn von den Akteuren der Zivilgesellschaft eine höhere moralische Qualität verlangt werden würde“ (S. 318).

Diskussion

Das vorliegende Handbuch der Zivilgesellschaft ist bereits vom Aufbau sehr interessant konzipiert. Im ersten Drittel (Kap. 1 bis 3) erfolgt eine Hinführung zum Thema in Form des historischen Zugangs sowie der US-amerikanisch dominierten Civil Society-Debatte und der europäischen Zivilgesellschafts-Diskurse. Im mittleren Drittel (Kap. 4 bis 7) wird der Stand der empirischen Zivilgesellschafts-Forschung und dann die gesamte Breite der Zivilgesellschaft in drei Ebenen (Makro-, Meso- und Mikro-Ebene) dargestellt. Die Makro-Ebene erläutert und vertieft die drei Arenen Staat, Markt und Zivilgesellschaft und erläutert ihre Eigenheiten, ihr Wechselspiel, ihre Überschneidungen und das Zusammenwirken im Sinne eines Systems von Checks and Balances. Die Meso-Ebene beschreibt die ZGO in ihren Rechtsformen, ihren Funktionen, ihren Finanzierungsbedingungen usw. Die Mikro-Ebene hat den Menschen selbst im Blick, die engagierten Bürger*innen, ihre Motivationen, die Geschichte und Traditionen des bürgerschaftlichen Engagements. Im letzten Drittel (Kap. 8 bis 10) werden der aktuelle Stand, die Einordnung in die internationale Zivilgesellschaft, die aktuellen Debatten beschrieben. Beim Lesen entsteht aus dieser Dreiteilung ein – assoziativ ausgedrückter – Dreiklang: Theorie, Nachschlagewerk und Aktualität der heutigen Zivilgesellschaft. Das ist sehr abwechslungsreich und bedient sehr breite Leserbedürfnisse.

Das Handbuch ist ein Autorenband und kein Sammelband. In der vorangestellten Danksagung wird erwähnt, dass dies auf Wunsch der bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) erfolgte. Man kann das begrüßen oder kritisieren. Nachdem ich das Buch gelesen habe, möchte ich es – vor allem beim jetzigen Stand der öffentlichen Diskussion – eindeutig begrüßen. Denn es ist – ungewöhnlich für ein Handbuch – ein Buch geworden, das als Ganzes durchgelesen werden kann und weniger ein Nachschlagewerk. So werden geschichtliche Bezüge des ersten Drittels lebendig gehalten durch alle weiteren Kapitel hindurch. Darüber hinaus ist dem Buch der Wille anzumerken, die Zivilgesellschaft als dritte Arena sehr umfassend zu definieren und zusammenzuhalten. Selbstverständlich kann man daran zweifeln, ob sich z.B. die Gewerkschaften und die Religionsgemeinschaften jemals bewusst als Teil der Zivilgesellschaft verstehen werden. Die im Buch dazu erläuterte formale Zuordnung zur Zivilgesellschaft ist aber nachvollziehbar und kann auch als Angebot gesehen werden.

Umgekehrt werden im vorliegenden Handbuch die politischen Parteien aufgrund ihrer Aufgabenstellung (Mitgestaltung der Politik; Erringen, Gestalten und Bewahren politischer Macht) der Arena Staat zugeordnet. Viele Parteimitglieder fühlen sich aber in ihrem politischen Alltag zivilgesellschaftlich aktiv. Wer wiederum in einem gemeinnützigen Betrieb für soziale Dienstleistungen arbeitet – egal ob dieser als Verein, als gGmbh oder anderweitig verfasst ist – fühlt sich vielleicht überwiegend der Arena Wirtschaft zugehörig. Dies lenkt den Blick auf die vielen hybriden Zuordnungen, die auch im Handbuch an zahlreichen Stellen thematisiert und erläutert werden. Strachwitz et al. argumentieren hier immer wieder formal ordnend entsprechend ihrer eingangs definierten 12 Grundannahmen. Und das ist sehr hilfreich. Es führt dazu, das eigene Bewusstsein zu schärfen, dass es diese drei Arenen gibt. Und bei Zugehörigkeitsfragen lässt sich im Zweifelsfall leichter mit eigenen hybriden Zuordnungen umgehen. So lässt sich z.B. auch bewusster ein doppeltes Selbstverständnis entwickeln, sich als Mitarbeiter*in eines sozialen Dienstleisters sowohl dem Markt und dem Wirtschaftsleben als auch der Zivilgesellschaft zugehörig zu fühlen.

Der oben geschilderte Vorteil, dass dieses Handbuch als Autorenband geschrieben wurde, trägt natürlich einen Nachteil in sich. Trotz der offenen und kritischen Sichtweise von Strachwitz et al., die sehr viel Literatur in diesem Buch zu Wort kommen lassen, zeichnen die Autoren „ein“ Bild der Zivilgesellschaft. Sie scheuen sich in diesem Handbuch ja gerade nicht, klar zuzuordnen und in Debatten auch Stellung zu beziehen. Andere Vertreter der Zivilgesellschaft würden anders gewichten, auch einzelne Abgrenzungen anders setzen. Und Spezialisten für einzelne Zivilgesellschaftsthemen würden ihr Fachgebiet noch einmal besonders intensiv beschreiben. Und dann gelangt man automatisch zu einem Sammelband, die weiter verbreitete Form von Handbüchern zu komplexen Themen. Zu einem Zeitpunkt, in dem der Begriff Zivilgesellschaft und was das alles umfasst in einer breiteren Gesellschaft noch keineswegs konsolidiert ist, könnte aber ein Sammelband die schlüssige Zusammenstellung des vorliegenden Handbuchs kaum ersetzen.

Fazit

Im Nachwort schreiben die Autoren, dass es ihre Intention war „…wesentliche Aspekte des kollektiven Handlungsfeldes Zivilgesellschaft in systematischer Form darzustellen. … einen Beitrag dazu leisten, dass … insbesondere aber in der Öffentlichkeit eine informiertere Debatte Platz greifen kann.“ Diese beiden selbstgestellten Ansprüche erfüllt das Handbuch Zivilgesellschaft durch seinen offenen und kritischen Schreibstil in gelungener Weise und es schließt auch eine Lücke für eine breite Leserschaft. Das Buch bietet eine umfassende Standortbestimmung der Zivilgesellschaft und kommt aus Sicht des Rezensenten zur rechten Zeit. Es fördert das Bewusstsein und den Zusammenhalt einer breiten Zivilgesellschaft. Und das ist eine Bereicherung. Denn während die Arenen Staat und Markt sowohl bei deren Akteuren und Repräsentanten sowie in der Öffentlichkeit gut verankert sind, ist es die Zivilgesellschaft noch nicht in diesem Maße. Dies ist aber unbedingt von Nöten. Die drei Arenen müssen erst einmal gleichberechtigt definiert und verankert sein, damit sie dann in einem hoffentlich guten Zusammenspiel helfen können, unsere Welt zu gestalten und gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Das Handbuch Zivilgesellschaft ist daher einer breiten Leserschaft in jeder Hinsicht zu empfehlen.


Rezension von
Dr. Thomas Kowalczyk
Geschäftsführer COMES e.V., Berlin
Homepage www.comes-berlin.de
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Zitiervorschlag
Thomas Kowalczyk. Rezension vom 30.07.2020 zu: Rupert Graf Strachwitz, Eckhard Priller, Benjamin Triebe: Handbuch Zivilgesellschaft. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2020. ISBN 978-3-11-055129-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26896.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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