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Sabine Holdt, Marcus Schönherr: Lösungsorientierte Beratung mit getrennten Eltern

Cover Sabine Holdt, Marcus Schönherr: Lösungsorientierte Beratung mit getrennten Eltern. Ein Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. 2. Auflage. 210 Seiten. ISBN 978-3-608-89156-0. D: 27,95 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Leben lernen - 280.
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Autoren

Sabine Holdt, Dipl.-Psych., Psychol. Psychotherapeutin, Systemische Therapeutin/​Paar- und Familientherapeutin sowie Lehrende für Systemische Therapie (DGSF), Hypnotherapeutin. Seit 1996 in der Familienberatungsstelle des FamThera Instituts tätig.

Marcus Schönherr, Dipl. Psych., Psychol. Psychotherapeut. DGSF-Zertifizierung als Systemischer Therapeut, Supervisor und Lehrender für Systemische Therapie. 1991 Mitbegründer des FamThera Instituts. 1996 Eröffnung einer Familienberatungsstelle in Trägerschaft des Instituts, seitdem deren Leiter.

Aufbau

Das Buch beginnt inhaltlich mit der Familiengeschichte Esche. Dann folgen neun Kapitel:

  1. Die ersten Schritte
  2. Deeskalierende Möglichkeiten
  3. Arbeitsprinzipien
  4. Vorgehen bei einzelnen Fragen
  5. Elternidentität zurückgewinnen
  6. Kinderperspektive einbeziehen
  7. Vergangenheitsbewältigung des Paares
  8. Abschluss und Berichte
  9. Schlussbetrachtungen

Die Kapitel weisen unterschiedlich viele Unterkapitel auf. Zudem werden in Kapitel 4 die Familie Linde, in Kapitel 6 Familie Weide und in Kapitel 8 Familie Zeder vorgestellt. Jede Familie wird mit den drei Punkten: Einstiegskonstellation, Beratungsverlauf und Draufsicht präsentiert. Hilfreich sind dabei die Genogramme bzw. Familien-HelferInnen Maps (bildliche Darstellung der Familie, in einer Art Familienstammbaum, und der involvierten HelferInnen). Die bildlichen Darstellungen sind auch für LeserInnen, die noch nie etwas von Genogrammen oder Familien-HelferInnen Maps gehört haben leicht verständlich.

Zudem wird der visualisierte Beratungsverlauf aufgezeigt. Das heißt mit welchem Elternteil fand nach der Anmeldung das Erstgespräch statt und welche (r) Elternteil(e) waren an den Folgegesprächen beteiligt. Die Abbildung des Beratungsverlaufes wird jeweils zu Beginn der Familiengeschichte, auf einer Buchseite aufgeführt. Der folgende Text beschreibt die Inhalte, die chronologisch bei den einzelnen Beratungsgesprächen thematisiert wurden. Das Praxisbuch wird mit Schaubildern, Geschichten, Metaphern, Vorlagen für Schriftstücke und Praxisbeispielen vervollständigt.

Inhalt

In Kapitel 1 wird der zuvor vorgestellte Fall der Familie Esche aufgegriffen und zwei Vorgehensweisen gezeigt, wie auf eine Anmeldung eines Elternteils und dem darauffolgenden Gespräch mit diesem, der andere Elternteil in den Beratungsprozess integriert werden kann und was dabei beachtet werden soll.

  • 1.1 Widmet sich dem Erstkontakt am Telefon und dabei wichtigen Fragen.
  • 1.2 Stellt zwei Vorlagen zur schriftlichen Einladung des anderen Elternteils vor.
  • 1.3 Erläutert wie wichtig Vorgespräche sind.
  • 1.4 Präsentiert eine schriftliche Vorlage einer Beratungsvereinbarung

Kapitel 1.5 ist mit Themenkatalog bezeichnet und führt mögliche Beratungsziele der Elternteile mit Musterfragen auf. Zudem wird der vermutete Auftrag des Kindes an seine Eltern mit in den Themenkatalog aufgenommen.

In Kapitel 2 werden verschiedene deeskalierende Methoden, wie getrennte Einzelsitzungen (2.1), parallel getrennte Beratung (2.2), für Sicherheitsabstand sorgen (2.3), Gesprächsregeln (2.4) und friedliche Gesten (2.5) vorgestellt und manche davon anhand der Familie Kiefer anschaulich dargestellt.

In Kapitel 3 werden anschließend nachfolgende Arbeitsprinzipien anhand einzelner Kapitel dargestellt:

  • Begegnung mit Vernunft und Gefühl,
  • Führen-Mitgehen-Führen,
  • Starke Rahmung,
  • Schutz vor emotionaler Überforderung,
  • Veränderung braucht Zeit,
  • Lösungsorientierung,
  • Eltern weiterhin als Ganzes betrachten,
  • Arbeit im Co-Team und
  • Psychohygiene der Berater.

Kapitel 4 Vorgehen bei einzelnen Fragen gibt Antworten und Anregungen zu elf Fragen:

  • Wie sagen wir’s unseren Kindern?
  • Wie den Austausch zwischen den Eltern sichern?
  • Wie sich gut abgrenzen und gleichzeitig ausreichend im Kontakt bleiben?
  • Wo soll der Lebensmittelpunkt der Kinder sein?
  • Wie die Umgangskontakte regeln?
  • der Erarbeitung eines integrierten Wechselmodells.
  • Differenzierung des Umgangs bei mehreren Kindern,
  • Kontaktgestaltung zwischen abwesendem Elternteil und Kind,
  • Feierlichkeiten des Kindes gestalten,
  • Was tun, wenn der zuständige Elternteil verhindert ist?,
  • Absprache zur Rolle neuer Partner.

Im Anschluss wird Familie Linde und deren Beratungsverlauf vorgestellt.

Die nachfolgenden zwei Kapitel widmen sich den Themen „Elternidentität zurückgewinnen“ und „Kinderperspektiven einbeziehen“.

Vergangenheitsbewältigung des Paares bildet das 7.te Kapitel und hat das Unterkapitel: 7.1 Ein Bild der Paarbeziehung. Hier wird in einer Analogie zum Lebensflussmodell dargestellt, wie beide Elternteile ihre Beziehungsgeschichte in einer Art Landkarte mittels je einem Seil pro Elternteil nachformen können. Dabei können Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Elternteilen verdeutlicht und aufgegriffen werden. Somit kann der subjektiven Wahrnehmung jeden Elternteils Rechnung getragen werden. Die graphische Darstellung und das Praxisbeispiel veranschaulichen diese Vorgehensweise.

Im Kaptiel 7.2 mit dem Titel „Austausch zu Gefühlen“ von damals und heute wird die zuvor entstandene Landkarte genutzt um durch Erzählungen des einen Elternteils, in Anwesenheit des anderen Elternteils, Erlebnisse und Gefühle mit Blick auf Ereignisse in der Beziehungsgeschichte zu schildern. Hilfreich kann es dabei sein, wenn der zuhörende Elternteil die Aussagen des erzählenden Elternteils wiederholt (Doppeln). Durch weitere Fragen der Beratungsperson können weitere Details herausgearbeitet werden. Es werden mögliche Fragen vorgestellt.

Kapitel 8 Abschluss und Berichte umfasst: 8.1 Wie Elternvereinbarungen entstehen. Anhand des Praxisbeispiel Familie Weide werden schriftliche Vereinbarungen vorgestellt, 8.2 Irgendwann ist jede Beratung zu Ende, 8.3 Abschlusssitzung und 8.4 Berichte an das Gericht anhand Familie Kiefer und Zeder werden präsentiert. Familie Zeder wird vorgestellt.

Schlussbetrachtungen ist das 9. Kapitel benannt und gliedert sich in 9.1 die Navigation im Prozess, die Unterpunkte: Abrechenbare Fortschritte, Weiche Faktoren, Skalierung, Zielerreichungsskala anhand eines am Boden ausgelegten Seiles verknüpft mit Bewältigungsfragen, wie z.B. „Was ist für Sie schon geschafft? Woran merken Sie konkret im Alltag, dass Sie einen Schritt weiter sind?“ Und weitere Fragen.

Kapitel 9.2 Verlaufsmerkmale der Beratung stellt die Unterpunkte: Initiative zur Beratung, Dauer und Umfang, Setting, Beratungsphasen, Gefühlte und erlebbare Veränderungen, Zeitpunkt und Tempo und Interdisziplinäre Kooperation dar. Kapitel 9.3 bietet eine Würdigung von Leporello-Familien.

Es folgen Literaturverzeichnis, Elternratgeber und Kinderbücher.

Diskussion

Lösungsorientierte Beratung mit getrennten Eltern – Ein Praxishandbuch: Titel und Untertitel halten, was sie versprechen. Die Leserschaft erhält viele Informationen und Anregungen auf 210 Seiten zum Ablauf einer Beratung, d.h. von der Anmeldung bis zum Abschluss. Besonders hervorzuheben ist der gelungene Praxisbezug, der sich insbesondere durch die vorgestellten Familien, Fallgeschichten, Praxisbeispiele, Abbildungen, Metaphern und Formulierungsvorschläge für Aussagen der Beratungspersonen und Schriftstücke zeigt. Zum leichteren Verständnis trägt die Visualisierung der Familien und deren Beratungsverlauf bei. Die Haltung der Autoren ist systemisch und lösungsorientiert. Der Blick richtet sich somit insbesondere auf Wertschätzung, Allparteilichkeit, Ressourcenorientierung und die positiven Anteile der Eltern, die um eine Lösung in der Beratung ringen.

Die Beratung mit getrennten Eltern umfasst viele Aspekte und das Buch geht auf nahezu alle Aspekte ein. Bei weiterführenden Themen wird auf geeignete Literatur verwiesen. Bei der Vorgehensweise sprechen sich die Autoren für das ‚gemischte Doppel‘ – weiblich-männliche Co-Beratung aus. D.h. eine Beratungsperson sollte weiblich sein, diese steht der Mutter zur Verfügung und eine Beratungsperson männlich, diese steht dem Vater zur Verfügung. Dieses Vorgehen bietet viele Vorteile für den Beratungsprozess, die eindrücklich dargelegt werden. Der Kostenträger hat es jedoch zu wollen, denn es bindet mehr Personal an einen Fall und ist somit auf den ersten Blick kostenintensiver als den Beratungsprozess durch eine Beratungsperson zu gestalten. Als ehemaliger Mitarbeiter eines ASD im Jugendamt konnte ich bei der Trennungsberatung ebenfalls positive Erfahrungen mit diesem Modell machen. Bei uns wurde dieses Modell jedoch nur im Ausnahmefall angewandt. Oft hatten wir Eltern zu beraten, bei denen häusliche Gewalt eine Rolle spielt. Oft war ein deutliches Machtgefälle zwischen den Eltern festzustellen und Frauenhäuser, Rechtsanwälte und das Familiengericht waren häufig involviert. Das Buch ist aus der Perspektive von Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern, aufgrund langjähriger Erfahrungen der psychologisch ausgebildeten Autoren, entstanden. Interessant wäre es, wenn Sozialpädagogen des ASD ein Buch mit diesem Titel geschrieben hätten. Es ist anzunehmen, dass die Bereiche Gewalt zwischen den Eltern und interkulturelle Aspekte eine größere Rolle einnehmen würden. Ob dieses Buch, dann aber auf 210 Seiten so einen reichhaltigen Schatz an wertschätzendem, ressourcenorientiertem und lösungsorientiertem Vorgehen beim Beratungsprozess bieten würde, bliebe abzuwarten.

Für die Praxis wünsche ich mir, dass die weiblich-männliche Co-Beratung Standard wird und die vielen Anregungen dieses Buches umgesetzt werden. Denn es ist ein sehr lesenswertes Buch für Studierende, Lehrende und Praktizierende. Die Einblicke in die Beratungsverläufe der dargestellten Familien verdeutlichen exemplarisch ausgezeichnetes fachliches Vorgehen.

Fazit

Dieses Buch verdient von vorne bis hinten durchgelesen zu werden, kann jedoch auch aufgrund seines klaren Aufbaues zum Nachlesen einzelner Themenbereiche im Beratungsprozess genutzt werden.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Günther Schumertl
seit 2005 Lehrkraft für besondere Aufgaben an der OTH Regensburg, Fakultät angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften.
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Zitiervorschlag
Günther Schumertl. Rezension vom 13.10.2020 zu: Sabine Holdt, Marcus Schönherr: Lösungsorientierte Beratung mit getrennten Eltern. Ein Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. 2. Auflage. ISBN 978-3-608-89156-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26897.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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