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Steffi Thon: Extremistische Eltern in Kitas und Schulen

Cover Steffi Thon: Extremistische Eltern in Kitas und Schulen. Wie umgehen mit Nazis, Reichsbürgern, Salafisten, Sektierern u.ä. Weltbildern? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2020.

DVD, 63 Min.


Entstehungshintergrund und Teilnehmer*innen

Die Zunahme extremistischer Phänomene in der Gesellschaft spiegelt sich auch in Kitas und Schulen wieder. Politische und oder religiöse Extremist*innen fordern pädagogische Fachkräfte heraus. Wie diese auf u.a. rassistische Äußerungen und Forderungen von Eltern reagieren können, wird in diesem Film unter Moderation von Kurt Gerwig von Eva Prausner, Leiterin des „Projektes ElternStärken“ päd gGmbH aus Berlin und Martin Stoppel, Jurist und Leiter des „Projekts Pädagogik und Recht“ aus Düsseldorf erörtert.

Aufbau und Inhalte

Der Film mit einer Gesamtlaufzeit von 63 Minuten ist in 21 Abschnitte gegliedert. Einige der wichtigsten behandelten Themen werden in den folgenden Absätzen kurz zusammengefasst.

Nach einer Hinführung zum Thema und der Vorstellung der Teilnehmer*innen beginnt die inhaltliche Arbeit mit einer Definition von Extremismus. Darunter wird verstanden, dass sich Meinungen und Verhalten außerhalb der verfassungsmäßigen Ordnung bewegen und die Beseitigung der Grundwerte der Verfassung als Ziel angestrebt wird. Extremistische Positionen können sowohl im politischen wie im religiösen Bereich vorkommen.

Beispiel für rechtsextreme Haltungen sind Forderungen nach einer „reinen weißen Kita“ oder rechtsradikale Tendenzen in der WhatsApp-Gruppe der Kita. Nicht alle rechten Forderungen von Eltern sind jedoch gleich extremistisch. Wenn Eltern zum Beispiel fordern, dass ihr Kind nicht gemeinsam mit Migrantenkindern auf ein Foto kommen soll, ist dies zwar problematisch, aber noch nicht radikal.

Für den Umgang mit extremistischen Positionen gibt es zahlreiche Handlungsmöglichkeiten sowohl pädagogischer als auch juristischer Art. Wichtigste Voraussetzung für beides ist eine klare Konzeption der Einrichtung, in welcher die von allen einzuhaltenden Werte und Normen definiert werden. Diese müssen auch von den Eltern durch den Betreuungsvertrag eingehalten werden.

Grundsätzlich gilt, dass Konflikte zunächst auf pädagogischer Ebene geregelt werden sollten. Wenn ein Kind wegen schwarzer Hautfarbe von anderen Kindern daran gehindert wird, im Schwimmbad ins Wasser zu gehen, weil dieses verschmutzt werde, hilft häufig schon eine Aufklärung darüber, dass Hautfarbe nicht abfärben kann. Für das derartig diskriminierte Kind ist die Unterstützung der Erzieher*innen in dieser Situation sehr wichtig. Reichen solche Maßnahmen nicht aus, weil – wie im Beispiel eines Reichsbürgerkindes – das Kind die Hassgefühle seines Vaters auf Migrantenkinder überträgt, muss das Gespräch mit den Eltern gesucht werden. Häufig ist dieses unter Verweis auf die Werte der Konzeption schon deswegen erfolgreich, weil die Eltern ein Interesse daran haben, den Kitaplatz zu behalten. Auch wenn Eltern die Teilnahme ihrer Tochter am Sport- oder Schwimmunterricht in der Schule ablehnen, sollte zunächst das Gespräch gesucht werden.

Sind diese Gespräche nicht erfolgreich, muss das Jugendamt eingeschaltet werden, weil sonst das Kindeswohl gefährdet werden könnte. Sind auch die Gespräche des Jugendamtes mit den Eltern nicht erfolgreich, kann eine Einschränkung oder Aufhebung des elterlichen Sorgerechtes bei Gericht beantragt werden. Wünschenswert wäre eine rechtliche Präzisierung des Kindesrechts auf fachlich begründete Maßnahmen in der Erziehung, um Eigenverantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit abzusichern, weil so Kindeswohl als bisher unbestimmter Rechtsbegriff präzisiert werden könnte.

Auch für extremistische Äußerungen von Eltern in einer WhatsApp-Gruppe im Internet oder von extremistischen Elternvertretern auf Elternabenden gilt als erster Schritt der Verweis auf die in der Konzeption festgelegten Werte und Normen. Diese Regeln gelten auch für Fachkräfte, die bei Nichteinhaltung vom Träger gekündigt werden können.

Abschließend wird darauf verwiesen, wo Betroffene weitere Informationen und Hilfen erhalten können. Hierfür sind vor allem die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus in den Bundesländern und die Fachverbände der freien Wohlfahrtspflege geeignet.

Diskussion

Die Zunahme extremistischer Tendenzen auch im pädagogischen Bereich macht es erforderlich, neue Ansätze sowohl der Erziehungs- und Beratungstätigkeit als auch der juristischen Intervention zu entwickeln. Im Film werden hierzu konkrete Beispiele genannt wie die juristische Präzisierung des Kindeswohls. Wünschenswert wären darüber hinaus weitere Schritte wie zum Beispiel die Mobilisierung demokratisch orientierter Eltern, um humanitäre Werte nicht nur in der Konzeption der Einrichtung zu verankern, sondern diese auch in der Kommunikation der Eltern untereinander (zum Beispiel in WhatsApp-Gruppen oder auf Elternabenden) ständig präsent zu halten.

Fazit

Der Film gibt viele Anregungen für den Umgang mit politischem und religiösem Extremismus vor allem in Kitas. Für betroffene Pädagog*innen und Leitungen kann er deswegen empfohlen werden.


Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 31.07.2020 zu: Steffi Thon: Extremistische Eltern in Kitas und Schulen. Wie umgehen mit Nazis, Reichsbürgern, Salafisten, Sektierern u.ä. Weltbildern? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2020. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26899.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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