socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maik Stöckinger: Care anders denken

Cover Maik Stöckinger: Care anders denken. Vorstellungen junger Erwachsener zur Gestaltung von Fürsorge. transcript (Bielefeld) 2020. 284 Seiten. ISBN 978-3-8376-5141-6. D: 59,99 EUR, A: 59,99 EUR, CH: 73,20 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema und Autor

In der deutschsprachigen Pflegefachliteratur kann „Care“ als pflegerische Sorge oder auch als kompetent helfend handeln, „sorgen für“ verstanden werden. Dagegen assoziiert das Substantiv „Sorge“ oft bedrückende Gefühle, die gerade im Pflegehandeln oft vertreten sind.

Maik Stöckinger nimmt die Beziehungen zwischen Pflegern und Gepflegten in den Blick und geht der Frage gelingender Care-Arrangements nach. Das Buch führt dabei auf innovative Weise Reziprozitätstheorien und Theorien der Gabe in die Care-Debatte ein. Dabei meint Care, positiv konnotiert, Pflege, Obhut, Fürsorge, Betreuung, Achtsamkeit und nicht zuletzt Zuwendung. Sowohl die Sorge um andere als auch die Selbstsorge ist dabei im positiven Sinne impliziert. Die Studie liefert wertvolle Beobachtungen für die Suche nach den Bedingungen gelingender Sorge.

Der Autor des Fachbuches ist, Dr. rer. soc. Maik Stöckinger, der bei einem Bildungsträger in München arbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer Danksagung und einer Einleitung in sieben Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ werden das Anliegen der Publikation und die Inhalte der folgenden Kapitel kurz umrissen. Die Publikation entstand als Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das Thema waren Vorstellungen junger Erwachsener zur Gestaltung von Fürsorge. In 13 Gruppendiskussionen wurden 16-bis30-Jährige gefragt, was sie unter Fürsorge verstehen.

Das zweite Kapitel ist mit dem Thema „Care und Gender – Stand der Forschung“ überschrieben. Care sei eine kollektive Aktivität des Sorgens um unsere Welt, die sich an bedürftige Menschen richten kann und auch an Gegenstände, Tiere und Natur, wobei fürsorgliche Tätigkeit mit dem Denken an die eigene Eingebundenheit in die (Um-) Welt beginne (S. 18). Die gesellschaftliche Funktion von Care sei das Leben selbst. Neoliberale Politik stelle die öffentliche und private Fürsorge in Frage und überlasse Care der Marktwirtschaft.

Das folgende Kapitel setzt sich mit der „Datenerhebung und Datenauswertung“ auseinander. Das vorliegende empirische Projekt frage nach den Deutungen und Deutungsmustern junger Erwachsener zur Gestaltung von Fürsorge. Deutungsmuster werden als historische, in Interaktionen ausgebildete Muster der Weltdeutung und Problemlösung begriffen (S. 41). Um ein möglichst selbstläufiges Gespräch zu ermöglichen, wurde ein Leitfaden als heuristische Rahmung erarbeitet. Die Zusammenstellung sollte eine hohe Diversität der Gruppen und Teilnehmenden erhalten und bestimmten Merkmalen folgen (Stadt, Land, Geschlecht, Milieu etc.).

Kapitel vier befasst sich mit den „Vorstellungen junger Erwachsener von Fürsorge“. Hier werden jetzt die einzelnen Gruppen vorgestellt, die ihre Ansichten zu Fürsorge mit Hilfe von Stimulus Bildern diskutierten. Den Aussagen der jungen Erwachsener zufolge trete Verantwortung immer dann auf, wenn es um den Erhalt von Leben gehe (S. 108). Verantwortung habe man nicht nur für fremde, sondern auch für das eigene Leben. Es gäbe zahlreiche Situationen, die von Zwängen und Verpflichtungen begleitet sein könnten, aber auch diese müssen ein gewisses Moment beinhalten, aus freier Entscheidung heraus für andere da zu sein. Entstehe eine Handlung aus Verpflichtung oder Zwang, handele es sich nicht um Fürsorge.

Das fünfte Kapitel ist den „Vorstellungen junger Erwachsener von Kontexten der Fürsorge“ gewidmet. Die Befragten sind grundsätzlich sehr zufrieden mit dem deutschen Wohlfahrtsstaat, sie sehen in ihm eine stabile Basis für ihre Sicherheit, wobei sie skeptisch hinsichtlich ihrer eigenen Altersrente seien. Fürsorge bedeute allgemein, etwas für andere zu tun, also eine Tätigkeit, die aufwendig ist. Das gelte insbesondere für Fürsorgeberufe, die durch eine hohe Belastung und schlechte Arbeitsbedingungen gekennzeichnet seien (S. 143).

„Vorstellungen junger Erwachsener von Fürsorgebeziehungen“ werden im folgenden Kapitel thematisiert. Fürsorge stelle für die Diskutanten immer etwas Wertvolles dar, eine normative individuelle Anforderung, weil es gut sei, sich um andere zu kümmern und schlecht, nur auf sich zu schauen. „Geben“ und „Nehmen“ könne als dominante Denkweise interpretiert werden. Erwartungen aus dieser Fürsorge sind, dass sie einen Nutzen erbringen solle. Im Argumentationsmuster des Gebens und Nehmens würden immer zwei Seiten im Fokus stehen: Die gebende und die empfangene Seite der Fürsorge, die sie zu einer wechselseitigen Fürsorge mache. Reziprozität bedeute, eine gegenseitige Verpflichtung und damit auch Freiwilligkeit (S. 187).

Im letzten und damit siebenten Kapitel werden „Caredeutungen junger bayrischer Erwachsener“ aufgegriffen. Der Nutzen von Care Leistungen könne vier Formen annehmen, die sich untereinander kompensieren können: Wertschätzung, Hilfeleistungen, Materielles und innere Zufriedenheit. Von den Diskutanten wird klar herausgearbeitet: Wer zur Gabe in der Lage wäre und diese verweigert, stattdessen aber Gaben anderer entgegennimmt, verhalte sich unsolidarisch und ausbeuterisch (S. 243). Die Menschen würden situativ und kontextabhängig abwägen, wie viel sie bereit und in der Lage sind, zu geben.

Fazit

Mein Gesamturteil fällt eher zwiespältig aus. Es ist eine Publikation, die verständlich zu lesen ist, die aber durch die langen Zitate der Befragten eher ermüdet. Auch mein Fazit, was mit diesen Ausführungen erreicht werden sollte, fällt zurückhaltend aus. Warum sollten sich die Einstellungen bayrischer Jugendlichen von denen anderer Bundesländer unterscheiden und trägt dieses Thema wirklich für eine Dissertation?


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
E-Mail Mailformular


Alle 148 Rezensionen von Gisela Thiele anzeigen.


Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 20.05.2020 zu: Maik Stöckinger: Care anders denken. Vorstellungen junger Erwachsener zur Gestaltung von Fürsorge. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5141-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26904.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung