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Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur

Cover Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. Verlag C.H. Beck (München) 2020. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. 263 Seiten. ISBN 978-3-406-74894-3.
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Thema

Der Begriff der Erinnerungskultur hat Konjunktur. Dies gilt nicht zuletzt, da sich die „Ära der Zeitzeugen“ des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts allmählich dem Ende nähert. Zugleich genießt die deutsche Erinnerungskultur international hohes Ansehen, oftmals wird sie als Erfolgsmodell gewertet, wohingegen es wegen öffentlicher Debatten über deren Stellenwert, Ausrichtung und Gestaltungsweise innerhalb des deutschen Diskurses nach Meinung der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann erforderlich scheint, mit einer „selbstkritische[n] Diskussion über die Standortbestimmung und Entwicklungsdynamik der deutschen Erinnerungskultur“ (S. 12) zu beginnen. Als Expertin für die wissenschaftliche Erforschung von Konzepten wie kulturelles Gedächtnis, Erinnern und Vergessen widmet sie sich kritischen „Stellungnahmen und Stimmungen“, die das „wachsende Unbehagen“ (S. 13) an der praktizierten Erinnerungskultur artikulieren. In vier Kapiteln geht sie sachkundig den diversen Problemen von Gedächtnisforschung respektive Problemen mit der deutschen Erinnerungskultur, den entsprechenden Praxisfeldern, transnationalen Perspektiven und aktuellen Entwicklungen nach. Assmann intendiert, eine Intervention – so der Untertitel des Bandes – in aktuelle Debatten zu leisten, die differenziert Potenziale und Grenzen der Erinnerungskultur in begrifflich präziser Diktion aufzeigt.

Autorin

Aleida Assmann, geboren 1947, studierte Anglistik und Ägyptologie an den Universitäten Heidelberg und Tübingen. Von 1993 bis 2014 lehrte und forschte sie als Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie nahm verschiedene Gastprofessuren in Europa und in den USA wahr, darüber hinaus veröffentlichte sie zahlreiche Studien zur englischen Literatur und zur Archäologie der literarischen Kommunikation. Ferner erforscht sie seit den 1990er Jahren die Gebiete kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2018 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (gemeinsam mit ihrem Ehemann Jan Assmann).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch erschien erstmals 2013 in der ersten und 2016 als unveränderter Nachdruck in zweiter Auflage. Für die hier zu betrachtende dritte Auflage wurde das Kapitel „Neue Entwicklungen“ zur Darstellung aktueller Tendenzen innerhalb der Erinnerungskultur ergänzt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus mehreren Teilen:

  1. Vorwort zur dritten Auflage
  2. Einleitung
  3. Vergessen, Beschwichtigen, Erinnern
  4. Praxisfelder der deutschen Erinnerungskultur
  5. Transnationale Perspektiven
  6. Neue Entwicklungen
  7. Schluss: Prämissen der neuen Erinnerungskultur
  8. Anhang (Anmerkungen und Personenregister)

Die Einleitung skizziert die Genese der Erinnerungskultur als tragender sozialer Pfeiler in Deutschland, die seit der Wiedervereinigung „mit großer Energie, finanziellem Aufwand und bürgerschaftlichem Engagement“ (S. 11) betrieben wurde.

Im umfangreichsten, fast 100 Seiten ausmachenden ersten Teil, der mit „Vergessen, Beschweigen, Erinnern“ überschrieben ist, geht es um die Entwicklung des Gedächtnisparadigmas innerhalb der Erinnerungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Auf dieser Grundlage wird dem erkennbaren „Unbehagen“ an der Gestaltung der Erinnerungskultur nachgespürt. Paradigmatisch sei der dreiteilige Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“, welcher 2013 im ZDF ausgestrahlt wurde: „Dieser Film zeigt im letztmöglichen Moment den verbleibenden Mitgliedern der Erfahrungsgeneration, was diese erlebt haben. Es ist ein Film der zweiten Generation über Erlebnisse der ersten Generation, der sich an die dritte Generation richtet.“ (S. 38)

Der zweite Teil des Buches zu den „Praxisfeldern der deutschen Erinnerungskultur“ thematisiert zwei zentrale Problemstellungen, die im Kontext des Erinnerns immer relevanter werden: Welche Formen der Erinnerung an „zwei deutsche Diktaturen“ (S. 109) sind überhaupt zielführend und auch sachangemessen, da die NS- und die DDR-Vergangenheit einerseits verbunden, aber andererseits qualitativ unterschiedlich zu werten seien? Assmann plädiert für eine Europäisierung der Erinnerung an die kommunistischen Opfer, was vor allem in Osteuropa anschlussfähig sei. Darüber hinaus richtet sich ihr Blick auf die „postnationale Identität“ (S. 123) einer Migrationsgesellschaft, die zukünftig keine homogene Erinnerungskultur ermögliche. Probleme würden gegenwärtig evoziert, wenn eine national kodierte, auf Vorstellungen einheitlicher Herkunft, Kultur und Sprache beruhende Wahrnehmung mit den gesellschaftlichen Realitäten kollidiere, wofür ihrer Meinung nach die NSU-Morde bzw. ihre soziokulturellen Implikationen lehrreich seien: An diesem Beispiel lasse sich zeigen, „wie Erinnerungskultur und historische Bildung ineinandergreifen könnten. (…) Denn zu den aktuellen Zukunftsfragen in unserer Gesellschaft gehören heute die Migrationsthematik sowie die schwelende Fremdenfeindlichkeit und ihre historische Erbschaft“ (S. 133).

Im etwa 60 Seiten umfassenden dritten Teil geht es um „transnationale Perspektiven“ auf die Prozesse und Aktivitäten von Erinnern und Vergessen. Unter der Überschrift „Opferkonkurrenzen“ (S. 142) skizziert Assmann einerseits diverse Bedeutungskomponenten des Opferbegriffs, ferner diskutiert sie intensiv das schwierige Themenfeld des Vergleichs zwischen Holocaust- und Gulag-Gedächtnis in Europa. Andererseits stellt sie „Vier Modelle für den Umgang mit traumatischer Erinnerung“ (S. 180) vor: Diese Modelle beruhen auf den Alternativen dialogisches Vergessen, ewiges Erinnern, überwindendes Erinnern sowie dialogisches Erinnern. Nach der Musterung zahlreicher Beispiele neigt sie abschließend zu einer bestimmten Form des Erinnerns bzw. Vergessens: Das sich erst allmählich konstituierende Modell des dialogischen Erinnerns habe „eine besondere Chance in einem Staatenverbund wie Europa; hier könnte es in Zukunft stärker darum gehen, durch Formen gegenseitiger Annäherung und der Anerkennung des dem anderen zugefügten Leids die monologischen Schranken der nationalen Gedächtnisse durchlässiger zu machen und durch differenziertere und komplexere Gedächtniskonstruktionen die transnationale Identität zu stärken.“ (S. 202)

Der vierte Teil ist neueren Entwicklungen und aktuellen Fragen zum Erinnerungskulturkonzept gewidmet: Einerseits beleuchtet Assmann darin das „Gedächtnistheater“ (S. 204), in dem Menschen jüdischen Glaubens oftmals in einer Statistenrolle erscheinen würden, gleichsam als Akteure in einem jährlichen Bußritual und als Beleg für die Integrität der deutschen „Dominanzgesellschaft“ (S. 205). Den Grund dafür sieht sie in einer einseitigen „Identifikation der Deutschen mit der jüdischen Opferperspektive“ (S. 206). Dies hinterfragt sie kritisch mit Blick auf die gesellschaftliche Wirkung und die Folgen eines Perspektivenwechsels von den Tätern zu den Opfern. Einen zweiten Trend beschreibt sie mit der Entwicklung, dass „die Erinnerungskultur unter wachsendem nationalistischen Druck“ (S. 218) stehe. Aus dieser Perspektive werden das „Recht auf Vergessen“ (S. 218) und eine Entmoralisierung der Erinnerung propagiert, was Assmann an verschiedenen Beispielen (Reden mehrerer AfD-Politiker wie Gauland und Höcke) verdeutlicht. Für die Konstanzer Wissenschaftlerin evoziert dieser Umgang mit der Erinnerungskultur die zentrale Fragestellung, ob man sich auf „die realexistierenden Folgen der Globalisierung (…) einlassen muss, ohne dabei seine politische Orientierung und sein kollektives Selbstbild zu verlieren“ (S. 224). Symptomatisch stünden diese beiden Tendenzen des Unbehagens seitens der Minderheiten auf der einen und der Nationalisten auf der anderen Seite jedoch auch für die grundsätzliche Problematik, inwieweit ein „selbstkritische[r] Patriotismus“ (S. 229) im Kontext einer kosmopolitischen Einwanderungsgesellschaft eine Option für die Zukunft sein könnte.

Im Schlussteil des Buches werden „Prämissen der neuen Erinnerungskultur“ diskutiert. Die Autorin macht fünf Prämissen aus: Erinnern als anthropologische Universalie, als „Vergegenwärtigung von Vergangenheit“ (S. 234), als darstellungsbedürftig, als angewiesen auf einen ethischen Rahmen und als „Chance kritischer Selbstreflexion“ (S. 238). Assmann plädiert für das Erkennen der eigenen gesellschaftlichen Verantwortung auf der Basis universeller Menschenrechte, wodurch sie auch weiterhin in der Erinnerungskultur einen wichtigen Bestandteil sozialer Identität ausmacht: „In der Nachwirkung traumatischer Gewaltgeschichten löst die Zeit allein keine Probleme. Verbrechen gegen die Menschlichkeit lösen sich nicht unter der Hand auf, sondern erfordern rückwirkende Handlungen der Anerkennung der Opfer und der Übernahme von Verantwortung.“ (S. 239)

Diskussion

Aleida Assmanns Buch gilt als Standardwerk im Rahmen der Forschung zur Erinnerungskultur, das vor allem terminologisch und systematisch das Themenfeld prägnant erschließt. Bei der Lektüre fällt auf, dass die verschiedenen Abschnitte der Darstellung eher lose miteinander verknüpft sind, eine thematische Progression ist nicht immer leicht zu erkennen. Dennoch komprimiert die Autorin höchst kontroverse Forschungsmeinungen dank der hohen Sachexpertise in beeindruckender Weise. Insofern bietet auch diese dritte Auflage einen profunden Einblick in verschiedene Diskussionsbereiche und aktuelle Forschungsansätze. Die wesentliche Literatur lässt sich über den 20-seitigen Anmerkungsteil problemlos erschließen. Der Untertitel „Intervention“ verweist auf die wertend-appellative Intention des Buchs, das wegen der kompakten und problemgestützten Darstellungsweise manche Aspekte leicht verkürzend darstellen muss, um die grundsätzliche Bedeutung für die Entwicklung des Konzepts der Erinnerungskultur zu beleuchten. Der für die dritte Auflage ergänzte Teil zu neuen Entwicklungen greift zahlreiche aktuelle Phänomene auf, jedoch bleibt unbeantwortet, warum der medialen Dimension der Erinnerungskultur kein größerer Stellenwert eingeräumt wurde: Einführend spricht die Autorin zwar von einem „‚multimedialen Erinnerungsmonitor‘ (MEMO)“ (S. 204), der Medialität des Erinnerns ist jedoch kein eigenes Kapitel gewidmet. Dies könnte für dieses verdienstvolle Standardwerk für eine Folgeauflage sicherlich eine Gestaltungsoption sein.

Fazit

Die Konstanzer Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann legt eine kompakte und versierte Darstellung der vielfältigen Facetten der öffentlichen Erinnerungskultur vor, zugleich versteht sie das Buchprojekt als öffentliche „Intervention“, indem sie aktuelle Ereignisse und Prozesse kommentiert. Der Band liefert zunächst einen problemorientierten Zugang zu den Phänomenen des Vergessens, Beschweigens und Erinnerns, sodann zeigt er Praxisfelder der deutschen Erinnerungskultur auf, weitet den Fokus um transnationale Perspektiven und aktuelle Entwicklungen. Die kompakte Darstellung ermöglicht einen guten Überblick über vielfältige Fragen zum Stellenwert von Erinnerung in unserer Gesellschaft, in Bildung und Politik.


Rezension von
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 16.09.2020 zu: Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. Verlag C.H. Beck (München) 2020. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-406-74894-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26913.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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