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Annette Walter: Inklusive Erziehungs- und Familienberatung

Cover Annette Walter: Inklusive Erziehungs- und Familienberatung. Familien mit Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. 285 Seiten. ISBN 978-3-525-71778-3. D: 22,00 EUR, A: 23,00 EUR.
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Thema

Die Behinderung des Kindes ist ein Thema für die ganze Familie. Probleme und Anliegen der Familien von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, die Beratung suchen, sind dabei sehr vielfältig. Annette Walter zeigt auf, was inklusive Erziehungs- und Familienberatung bedeutet.

Autorin

Annette Walter, geb. 1973, ist Diplom-Psychologin und Kunsttherapeutin (M. A.) mit langjähriger Erfahrung in der Beratung von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Familien. Bereits seit mehreren Jahren ist sie im Psychotherapeutischen Beratungsdienst im SkF in Würzburg verantwortlich für das Angebot „Erziehungsberatung inklusiv“. Darüber hinaus gibt sie freiberuflich Fortbildungen zu den Themen Beratung von Familien mit einem Kind mit Behinderung sowie Kunsttherapie und lehrt an der Medical School Hamburg.

Aufbau und Inhalt

Nach einem einführenden Kapitel definiert die Autorin Behinderung nach der UN-Behindertenrechtskonvention und dem SGB IX und führt kurz in das biopsychosoziale Modell der ICF ein. Weiter werden in diesem Kapitel Prävalenzzahlen berichtet, Formen der Beeinträchtigung aufgezeigt und die Begriffe Integration und Inklusion diskutiert.

In einem weiteren kurzen Kapitel werden die Aufgaben einer Erziehungsberatungsstelle und die Voraussetzungen für eine inklusive Beratung skizziert.

Die nächsten beiden langen Kapitel beleuchten praxisnah die Beratung von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen. Sie orientieren sich an den persönlichen Erfahrungen der Autorin, aus deren Praxis viele Fallbeispiele stammen. Der Schwerpunkt liegt bei körperlichen und intellektuellen Beeinträchtigungen, da seelische und psychische Beeinträchtigungen in der Erziehungsberatung bekannt sind

Im ersten dieser Kapitel werden Aspekte der Familien und ihrer Netzwerke besprochen. Es werden die Herausforderungen (Veränderungen im familiären Leben, herausfordernde und belastende Erfahrungen, aber auch persönliche Bereicherung), die Reaktionen des sozialen Umfelds, das Auftreten von Trauer und Schuldgefühlen sowie Ressourcen dargestellt. Anschließend geht es um die Ausgestaltung der familiären Rollen (Mutter, Vater, Geschwisterkind), aber auch um kritische Lebensereignisse wie Trennung und Scheidung oder die spezifische Familienkonstellation Patchworkfamilie. Die spezifischen Erziehungsprobleme bei einem Kind mit Beeinträchtigung werden eingebettet in ein allgemeines Verständnis von Erziehung. Beispielhaft für ein Erziehungskonzept, das für diese Familien adaptiert wurde, wird „Stepping Stones Triple P“, also „Triple P“ mit besonderer Beachtung von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen vorgestellt. Abschließend für dieses Kapitel werden Netzwerke und Hilfesysteme (Frühförderung, Tagesstätten, Schulen) besprochen und mögliche Probleme, aber auch Beispiele des Gelingens der Kooperation diskutiert.

Das nächste Kapitel orientiert sich an den Lebensphasen des Kindes und stellt zentrale Beratungsthemen und exemplarische Vorgehensweisen anhand von Beispielen aus der Praxis dar. Der Teil, der sich mit dem Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter befasst, ist vergleichsweise kurz. Familien mit behinderten Kindern in diesem Altersbereich werden in der Regel gut im Rahmen der Komplexleistung der Interdisziplinären Frühförderstellen versorgt. Themen wie der Umgang mit der Diagnose, familiäre Veränderungen und Anpassung und Fragen zur Wahl des Kindergartens und der Schule stehen im Mittelpunkt. Typische Beratungsanlässe von der Einschulung bis zum Jugendalter sind „starker Wille“, Wutanfälle, Ängste, Probleme mit Nähe und Distanz und Freundschaften. Im Jugendalter stehen Fragen zum Umgang mit Emotionen und die Emotionsregulierung, soziale Auswirkungen der Auffälligkeiten, die Identitätsentwicklung sowie das Erwachsenwerden mit Lebensplanung wie Arbeit, Sexualität und Partnerschaft im Vordergrund.

Ein weiteres zentrales Kapitel geht auf Konzepte und Methoden ein. Zuerst werden Krisen- und Stressverarbeitungsmodelle dargestellt und diskutiert (Familienstresstheorie, ausführlich der Krisenverarbeitungsprozess nach Schuchardt, Resilienzmodelle und das komplexe systemische Modell von Rolland). Anschließend geht die Autorin auf Verhaltensauffälligkeiten mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche mit intellektuellen Beeinträchtigungen ein. Die Bedingungen und Mechanismen der Entstehung und Aufrechterhaltung machen eine genaue und differenzierte Verhaltensanalyse notwendig, die Interventionen werden für jeweilige Zielbereiche unterschieden (Veränderungen der Situation, bei der Person, bezogen auf das Verhalten, die Konsequenzen oder das soziale System). Die Beratung und Therapie müssen entsprechend angepasst werden, etwa durch die Art der Kommunikation (unterstützende Kommunikation, Bildkarten, leichte Sprache). Therapeutische Ansätze und ihre relevanten Weiterentwicklungen werden ausführlich dargestellt und diskutiert (humanistische Therapien, verhaltenstherapeutische Ansätze (TEACCH), systemische und.kunsttherapeutische Ansätze).

Zum Abschluss ermutigt die Autorin die Beraterinnen und Berater zu der Arbeit mit behinderten Kindern und ihren Familien.

Diskussion

Erziehungsberatung für Familien mit behinderten Kindern folgt zwar den allgemeinen Prinzipien der Erziehungsberatung, stellt aber die Berater/​innen auch vor neue, komplexe und umfassende Aufgaben. Wichtige Beratungsanlässe ergeben sich häufig bei Übergängen.

Ein wichtiges Glied, unabhängig von Erziehungsberatungsstellen, ist im Kleinkind- und Vorschulalter die Interdisziplinäre Frühförderung. Die Frühförderstellen leisten Beratung aus einer Hand. Im Rahmen der Frühförderung sind zwar ältere Geschwisterkinder auch im Blick; es können aber keine eigenen Therapie- und Unterstützungsmaßnahmen angeboten werden. Für ältere behinderte Kinder fehlt eine solche übergreifende Stelle gänzlich, was viele Eltern bedauern. Da könnte bei entsprechender Qualifikation die Erziehungsberatungsstelle eine große Lücke füllen.

Daher ist es sehr zu begrüßen, dass in diesem Buch die Vernetzung und Wissen um die Stärken und Schwächen der Partner deutlich angesprochen wird. Es wird die Bedeutung einer neutralen Beratung z.B. im Spannungsfeld Regelschule mit inklusiven Möglichkeiten und Förderschulen verdeutlicht; Eltern werden ermuntert, Vor- und Nachteile zu sehen, auch die jeweiligen Interessen der einzelnen Institutionen werden thematisiert. Dies gilt auch für Tagesstätten.

Es beeindruckt, wie Wissenschaft und eigene Erfahrungen, ausgedrückt in den Fallbeispielen, auf hilfreiche Weise verknüpft werden. Man merkt, dass die Autorin wissenschaftliche Erkenntnisse und eigene Erfahrung einbringt.

Insgesamt finde ich, dass das Thema sehr feinfühlig, differenziert und ausgewogen besprochen wird. Das Buch wird ein Standardwerk für die Arbeit mit Familien mit behinderten Kindern und Jugendlichen werden und sollte in keiner Bibliothek fehlen, nicht nur bei Erziehungsberatungsstellen, sondern auch in Frühförderstellen, Schulen, Tagesstätten und Jugendämtern.

Zielgruppen

Alle Fachkräfte, die Familien mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung beraten.

Fazit

Das Buch gibt Einblicke, Hintergrundwissen und methodische Impulse für die ressourcenorientierte Beratung sowie psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und ihren Familien. Unerlässlich für die Beratung.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 29.09.2020 zu: Annette Walter: Inklusive Erziehungs- und Familienberatung. Familien mit Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-525-71778-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26918.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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