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Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland

Cover Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 367 Seiten. ISBN 978-3-658-24275-6. 27,99 EUR.
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Thema

Mit dem Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) in alle 16 Landtage und den Bundestag hat sich eine Partei in den hiesigen politischen Institutionen etabliert, die ein ambivalentes Verhältnis zu den Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufweist. Sie gilt zumindest in Teilen als rechtsextremistische Kraft, blickt man auf inhaltliche Aussagen ihrer Führungspersonen. So etwa das Plädoyer für die „Aberkennung von Individualrechten, Bekundungen von rassistischen Positionen, der Delegitimierung der gewählten Regierung, der Ethnisierung und Monopolisierung des Volksverständnisses, Forderungen nach einem Systemwechsel, der Negierung einer gleichrangigen Religionsfreiheit, Pauschalisierungen durch fremdenfeindliche Stereotype oder der Relativierung der NS-Vergangenheit“ (S. 338).

Auch wenn die AfD derzeit in der Extremismusforschung (wie auch in der Populismusforschung) die größte Aufmerksamkeit genießt, so darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass rechtsextremistische Bestrebungen auch fernab von der parteipolitischen Ebene zum festen Bestandteil der bundesdeutschen Geschichte gehören. Aktuell wird dieser Befund durch die rechtsextremistisch motivierten Anschläge von Halle, Hanau und dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke besorgniserregend verdeutlicht. Umfassende Bestandsaufnahmen in Buchform, wie sie Armin Pfahl-Traughber jüngst zum Rechtsextremismus in Deutschland vorgelegt hat, können daher zu keiner Zeit verkehrt sein.

Autor und Entstehungshintergrund

Armin Pfahl-Traughber ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Er arbeitet seit 2004 hauptamtlich als Professor für politischen Extremismus und Ideengeschichte an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Verfassungsschutz im Phänomenbereich Rechtsextremismus beschäftigt. Nebenher ist Pfahl-Traughber als Lehrbeauftragter für Politische Theorie an der Universität Bonn tätig. Er ist außerdem Herausgeber des „Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung“ und zählt damit zu den ausgewiesensten Experten auf dem Gebiet der Extremismusforschung im Allgemeinen und der Rechtsextremismusforschung im Besonderen.

Bei dem 2019 erschienenen Buch „Rechtsextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme“ handelt es sich um die dritte von Pfahl-Traughber veröffentlichte Darstellung wie Einschätzung des deutschen Rechtsextremismus. Er legte bereits (1993) das Buch „Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung“ vor. Ein weiterer Überblick zum „Rechtsextremismus in der Bundesrepublik“ erschien (1999), der (2006) in der vierten Auflage aktualisiert wurde (siehe die Besprechung von Wolfgang Dreßen zu Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3935.php). Als passendes Gegenstück hat Pfahl-Traughber (2014) die Überblicksdarstellung „Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme“ veröffentlicht, die (2020) in der zweiten Auflage erschienen ist. Die Darstellungen und Einschätzungen zum Rechts- und Linksextremismus sind von ihm strukturell identisch aufgebaut, womit eine umfassende Materialgrundlage für Vergleichsstudien zu beiden Phänomenbereichen vorliegt, die nach wie vor Mangelware sind.

Aufbau und Inhalt

Das Überblickswerk besteht neben einem Literaturverzeichnis aus 25 inhaltlichen Kapiteln.

Im 1. Kapitel geht Pfahl-Traughber auf die Aktualität und Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Thema ein, benennt den Anspruch und die Ziele seiner Überblicksdarstellung und präsentiert Kategorien für die systematische Untersuchung des hiesigen Rechtsextremismus. Darauf basierend stellt er den Forschungsstand zum parteiförmigen, aktionsorientierten, terroristischen und sozialen Rechtsextremismus dar und ordnet ihn ein mit dem Ziel, wichtige Forschungslücken für künftige Arbeiten auf dem Gebiet herauszustellen. Anschließend erfolgt ein kurzer Rückgriff auf die Berichterstattung des Verfassungsschutzes, die aufgrund der zahlreichen Desiderata zu den verschiedenen rechtsextremistischen Phänomenen ein wichtiger Materialfundus für die folgende Untersuchung ist.

Sodann steht die theoretisch-konzeptionelle Klärung im Zentrum des 2. und 3. Kapitels. Hierfür wird zunächst eine formale wie inhaltliche Bestimmung von Extremismus und Rechtsextremismus vorgenommen, die sich an der normativen Rahmentheorie des politischen Extremismus orientiert. Rechtsextremismus steht in dem Sinne für jene Bestrebungen, die sich formal in der Ablehnung der Minimalprinzipien des demokratischen Verfassungsstaates einig sind und die sich dabei inhaltlich durch die „Höherwertung ethnischer Identität“ (S. 24) auszeichnen. Gleichwohl stellt Pfahl-Traughber fest, dass rechtsextremistischen Akteuren „kein so hohes Interesse an der Geschlossenheit und Systematik ihres jeweiligen Denkens eigen ist, lassen sich ihre ideologischen Ausdrucksformen nicht mit der gleichen Eindeutigkeit wie etwa im Linksextremismus voneinander unterscheiden. […] Man beansprucht im Namen der Erfahrung und der Natur, nicht der Rationalität und des Verstandes zu sprechen“ (S. 29). Mithin weisen die Denkgebäude von RechtsextremistInnen häufig Inkonsistenzen auf. Dennoch lassen sich vier Ideologieelemente des Rechtsextremismus charakterisieren: Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit, Ideologie der Ungleichwertigkeit, Eintreten für den politischen Autoritarismus, Idee von einer identitären Gesellschaftsvorstellung.

In den ähnlich aufgebauten Kapiteln 4 bis 8 liegt die Aufmerksamkeit auf dem parteiförmigen Rechtsextremismus. Ausgewählt wurden die Sozialistische Reichspartei (SRP), die „alte“ Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) zwischen 1964 und 1996, die Deutsche Volksunion (DVU), die Republikaner (REP), die Pro-Parteien, die „neue“ NPD ab 1996 sowie die Alternative für Deutschland (AfD). Pfahl-Traughber zeichnet ihre Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte nach, charakterisiert Ideologie, Organisation und Strategie, die Entwicklung und Zusammensetzung von Mitgliedern und WählerInnen und benennt Gründe für ihren Aufstieg sowie – gegebenenfalls – ihren Niedergang, wobei auch der Verlauf und Ausgang der Verbotsverfahren von SRP und NPD zur Sprache kommen. Sind alle Parteien als gesichert rechtsextremistisch einzuordnen, stellt die AfD ein „‚Grauzonen‘-Phänomen“ (S. 99) dar, ist ihre extremismustheoretische Einordnung doch ein wahrlicher Drahtseilakt. Pfahl-Traughber kommt nach einer eingehenden Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten zum Schluss, dass die AfD eine rechtsextremistische Partei ist, wenngleich mit (noch!) niedrigem Intensitätsgrad.

Im 9. Kapitel widmet sich Pfahl-Traughber dem kulturellen Rechtsextremismus. Zentral sind hierbei Intellektuelle als sogenannte Vordenker, wovon Armin Mohler als zwischen dem demokratischen und extremistischen Konservatismus changierender Theoretiker zu den zentralen Akteuren dieser Strömung gehörte. Darüber hinaus wird die Entwicklungsgeschichte der Intellektuellen-Szene nach 1949 sowie der nationalrevolutionären Intellektuellen der 1970er Jahre skizziert. Es folgen Ausführungen zur neu-rechten Zeitschrift Criticón um ihren Gründer Caspar von Schrenck-Nötzing und ein Exkurs zur französischen Neuen Rechten sowie eine Einordnung des „Thule-Seminars“ um den französischen Publizisten Pierre Krebs. Was die hiesige Neue Rechte angeht, so werden die Entwicklungslinien der Zeitschrift „Junge Freiheit“ um den Journalisten Dieter Stein und des „Instituts für Staatspolitik“ als neurechte Denkfabrik um Götz Kubitschek, der auch mit Blick auf die AfD-Programmatik eine wichtige Rolle unter den intellektuellen Vordenkern einnimmt, nachgezeichnet. Diese spielen im 10. Kapitel, das ebenfalls dem kulturellen Rechtsextremismus gewidmet ist, eine weniger dominante Rolle, indem die Perspektive weg von den theoretischen Vordenkern hin zu Medien, Organisationen und Verlagen im Duktus neu-rechter Bestrebungen wechselt. Hierzu zählen etwa die „National-Zeitung“ als auflagenstärkstes Publikationsorgan, die „Gesellschaft für freie Publizistik“ oder der „Kritik-Verlag“ als alt- und neonazistisches Unternehmen. Ihre Aufgabe besteht darin, „Alltagsgegenstände, Kleidung, Musik oder Publikationsorgane für die Szene zur Verfügung [zu] stellen. Sie sollen Einstellungen vertiefen, Identität schaffen, Sympathisanten ansprechen, Zugehörigkeit symbolisieren und Zusammenhalt verstärken“ (S. 127).

Die folgenden drei Abschnitte stehen im Zeichen des aktionsorientierten Rechtsextremismus, unterteilt nach der Neonazi-Szene vor (11. Kapitel) und nach 1990 (12. Kapitel) sowie den „Identitären“ (13. Kapitel). Bei diesen rechtsextremistischen Erscheinungsformen geht es vor allem um öffentliche Sichtbarkeit anhand von Demonstrationen. Pfahl-Traughber liefert zunächst Kurzprofile der Alt-Nationalsozialisten als wichtige Mitgründer der neonazistischen Szene vor 1990, wovon die „Volkssozialistische Bewegung Deutschlands/​Partei der Arbeit“ als eine der ersten festen Organisationen galt. Zudem wird Michael Kühnen als Protagonist der hiesigen Neonazi-Szene vor 1990 biographiert sowie sein politisches Umfeld, etwa mit Blick auf die von ihm unterwanderte „Freiheitliche Arbeiterpartei Deutschlands“, ausgeleuchtet. Schließlich finden sich Ausführungen zur „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und zum rechtsextremistisch motivierten Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980. Mithin zeichnete sich die Neonazi-Szene vor 1990 insbesondere durch die Anwendung von körperlicher Gewalt aus, die nach dem „Fall des Eisernen Vorhangs“ 1989/90 zunahm. Für die Zeit danach wirft Pfahl-Traughber einen Blick auf die Verbotswelle in den 1990er Jahren, die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der freien Kameradschaftsstrukturen und die damit verbundenen Auswirkungen auf die festen Organisationsstrukturen der Neonazi-Szene. Daneben wird der „Thüringer Heimatschutz“, die besonderen Charakteristika der „Autonomen Nationalisten“ und neuere neonazistische Parteien wie „Die Rechte“ und „Der III. Weg“ sowie der Bedeutungsanstieg und die Modernisierung der Neonazi-Szene beleuchtet. Außerdem findet sich ein biographisch-politisches Portrait von Christian Worch, dem wichtigsten Protagonisten der neonazistischen Szene im wiedervereinigten Deutschland. Mit Blick auf die „Identitären“ wird festgehalten, dass sie erhebliche ideologische Unterschiede zur Neonazi-Szene aufweisen, weshalb sich eine Gleichsetzung mit ihr zwar verbietet. Ein nicht geringer Anteil der AktivistInnen der Identitären Bewegung stammt aber aus dem Umfeld der neonazistischen Szene, daher wurde sie dem aktionsorientierten Rechtsextremismus zugeordnet. Dementsprechend folgen Ausführungen zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte in Frankreich und Deutschland, zur Ideologie und zu politischen Klassikern mit geistiger Vorbildfunktion, den Diskursen zum „Ethnopluralismus“ und „Großen Austausch“, zur Einstellung der „Identitären“ gegenüber geschichtsrevisionistischen Argumentationsmustern und Gewalt sowie zur politischen Biographie von Martin Sellner als dem Aushängeschild der Identitären Bewegung.

Im 14. Kapitel geht es um den organisationsförmigen Rechtsextremismus, zu dem Pfahl-Traughber vor allem Vereine zählt. Er unterbreitet zunächst eine Definition, Funktionen sowie eine Typologie für diese rechtsextremistische Erscheinungsform. Anschließend werden unter anderem rechtsextremistische Frauenorganisationen, die „Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene“, geschichtsrevisionistische Organisationen inmitten von Kriegsschuld- wie Holocaust-Leugnungen, selbstständige Jugendorganisationen, die „Wiking“-Jugend, parteinahe Hochschul- und Jugendorganisationen sowie auch die Reichsbürgerbewegung untersucht – wobei im Fall der „Reichsbürger“ zwischen ihren Besonderheiten und ihrem Gefahrenpotenzial sowie den rechtsextremistischen Gruppen innerhalb der Szene differenziert wird.

Das 15. Kapitel behandelt den subkulturellen Rechtsextremismus, wozu allen voran die Skinhead-Bewegung zählt. Für Pfahl-Traughber gilt der Begriff der Subkultur zwar als weithin überholt. Aber: Mit ihm „lassen sich Eigenschaften wie eine bewusste Distanz zum gesellschaftlichen Mainstream, die konstitutive Identifizierung über einen Kleidungs- und Musikstil und die lockere Organisation in informellen Gruppen treffend erfassen“ (S. 197). Demnach wird die Entstehungsgeschichte der Skinhead-Subkultur in Großbritannien sowie ihre Politisierung und Entwicklung in der „alten“ Bundesrepublik, in der DDR sowie im wiedervereinigten Deutschland vorgestellt. Dem folgen Ausführungen zum Gewaltverständnis der Skinhead-Bewegung, zu ihren politischen Grundüberzeugungen sowie zu den besonderen Charakteristika der „Skinheads Sächsische Schweiz“ sowie von „Blood and Honour“ und schließlich zum Niedergang der Skinhead-Subkultur.

Im Zentrum des 16. Kapitels steht der bewegungsförmige Rechtsextremismus. Hierzu zählen die Hooligans- und die Pegida-Bewegung, „wobei es sich in der Orientierung um unterschiedliche Phänomene handelt“ (S. 211). Um beide Akteure konzeptionell unter eine Klammer zu bekommen, wird ein – wenngleich kontroverses – Begriffsverständnis von Rechtsextremismus als soziale Bewegung unterbreitet. Dem folgen Ausführungen zur Hooligans-Bewegung mit Blick auf Definition, Entwicklungsgeschichte und Politikverständnis, darüber hinaus zur Herausbildung von rechtsextremistischen Gruppen, zu HoGeSa als in der Vergangenheit bedeutungsvoller Organisation sowie zu den rechtsextremistischen Ausschreitungen in Chemnitz 2018. An diesen nahmen auch Protagonisten der Pegida-Bewegung teil, die ebenfalls hinsichtlich ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte, der inhaltlichen Positionen des Organisationsteams sowie der Stimmungslagen bei den wöchentlichen Demonstrationen, der sozialstrukturellen Zusammensetzung und den Ablegern sowie zum Niedergangsprozess untersucht wird. Abschließend führt Pfahl-Traughber eine extremismustheoretische wie vergleichende Einordnung der Hooligans- und Pegida-Bewegung durch.

Ging es in den vorangegangenen Abschnitten in erster Linie um die politische Agitation von rechtsextremistischen Akteuren, stehen in den folgenden Kapiteln die „Gewalthandlungen, die sich gegen Menschen richten und sie zu Opfern machen“ (S. 225), im Fokus der Betrachtung. Im 17. Kapitel wird mithin der gewalttätige Rechtsextremismus zunächst mit Blick auf nicht-terroristische Handlungen untersucht. Dafür unterbreitet Pfahl-Traughber einen Definitionsvorschlag für „Gewalt“ im Allgemeinen und für „Rechte Gewalt“ im Besonderen. Anschließend werden die Entwicklungslinien von rechtsextremistischen Gewalthandlungen bis Ende der 1990er Jahre nachgezeichnet sowie fremdenfeindliche Täter und Anschläge analysiert. Zudem wird die Entwicklung von rechtsextremistischen Gewalttaten ab Beginn der 2000er Jahre beleuchtet sowie eine Analyse ihrer Täter durchgeführt. Schließlich finden sich Ausführungen zur Gewaltdynamik im Zusammenhang mit der Flüchtlingsentwicklung für den Zeitraum ab 2015.

In den Kapiteln 18 bis 21 wird dann der terroristische Rechtsextremismus behandelt. Hierfür werden die Begriffe „Terrorismus“ im Allgemeinen und „Rechtsterrorismus“ im Besonderen definiert und danach die Entstehungsgeschichte der ersten rechtsterroristischen Gruppen ab Ende der 1960er Jahre sowie die Entwicklungsgeschichte von weiteren Gruppen in diesem Spektrum ab den 1970er Jahren untersucht. Dem folgt eine Betrachtung der Anschläge wie Anschlagsversuche von folgenden Gruppen: „Deutsche Aktionsgruppen“ 1980, „Hepp-Hexel-Gruppe“ 1982, „Freikorps Havelland“ 2003 und 2004, „Schutztruppe“ 2003 und „Oldschool Society“ 2015. Schließlich werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gruppen ermittelt und das spezifische Kommunikationsverhalten der rechtsterroristischen Szene beleuchtet, was eine bessere Einordnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ermöglicht. Bei den davon ausgehenden Morden an neun Menschen mit Migrationshintergrund und an einer Polizistin handelt es sich in der bundesdeutschen Geschichte um eine Besonderheit, weshalb der NSU einen eigenen Abschnitt erhält. Zunächst geht es darin um die Entdeckung sowie Rekonstruktion der einzelnen Taten des NSU und um die politischen Biographien der drei ProtagonistInnen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Neben Informationen zu den von ihnen begangenen Morden und Sprengstoffanschlägen folgt dem eine Untersuchung der Bedeutung der „Paulchen Panther“-DVD als eine bestimmte Form der Kommunikation sowie die Einordnung des NSU innerhalb der Neonazi-Szene. Schließlich finden sich offene Fragen zum NSU-Komplex und Erläuterungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden mit dem früheren deutschen Rechts- wie Linksterrorismus (RAF) und zu ausländischen rechtsterroristischen Fällen. In dieser gewaltorientierten rechtsextremistischen Szene kursieren zahlreiche Konzepte, die Anregungen für die Planung und Durchführung von Anschlägen beisteuern. Pfahl-Traughber stellt in einem weiteren Abschnitt einige von ihnen exemplarisch vor: das „Werwolf“-Modell aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs, die Anleitung „Werwolf – Winke für Jagdeinheiten“ aus dieser Zeit, das „Eine Bewegung in Waffen“-Konzept, die Turner-Tagebücher, den „Hunter-Roman“, das „Leaderless Resistance“-Konzept, die „Blood and Honour“-Strategiepapiere, „Combat 18“ als praktisches Vorbild und den „Lone-Wolf“-Terrorismus. Diesem Phänomen widmet Pfahl-Traughber den letzten Abschnitt zu dieser rechtsextremistischen Erscheinungsform. Er zeichnet dabei folgende Fälle chronologisch mit Blick auf eine Deskription der Ereignisse, Biographie, Erläuterung des Kontexts, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie eine Einordnung in den Rechtsextremismus nach: den Fall „Josef Bachmann“ mit dem Anschlag auf Rudi Dutschke 1968, den Fall „Uwe Behrendt“ mit dem Mord an einem jüdischen Verleger 1980, den Fall „Kay Diesner“ mit dem Anschlag auf einen Buchhändler 1997, den Fall „Michael Berger“ mit der Tötung von drei PolizistInnen 2000 und den Fall „Frank S.“ mit dem Anschlag auf eine Bürgermeisterkandidatin 2015.

Das 22. Kapitel nimmt die spezifischen Agitations- und Handlungsfelder von RechtsextremistInnen in den Blick, indem sie umfassend dargestellt und eingeschätzt werden. Hierzu zählen:

  • Antiglobalisierung
  • Antikapitalismus
  • Antikommunismus
  • Antisemitismus
  • Fremdenfeindlichkeit
  • Geschichtsrevisionismus
  • Muslimfeindlichkeit
  • „Umerziehungs“-Diskurs
  • Verschwörungstheorien

Sodann erfolgt im 23. Kapitel ein Perspektivwechsel weg vom politischen und hin zum sozialen Rechtsextremismus, indem es nun „um die gesellschaftliche Präsenz einschlägiger Einstellungen“ (S. 309) geht. Zunächst werden Ausführungen über die methodischen Herausforderungen der Datenerhebung zu rechtsextremistischen Einstellungen unterbreitet, um anschließend zentrale Ergebnisse der Einstellungsforschung zurzeit des Nationalsozialismus sowie zum Antisemitismus in den 1950er und 1970er Jahren, der prominenten SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungspotenziale von 1981 und zu den rechtsextremistischen Einstellungen in Ostdeutschland zu Beginn der 1990er Jahre vorzustellen. Dem folgt eine Darstellung und Einordnung der Forschungsergebnisse zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sowie zu den Leipziger und Bielefelder „Mitte“-Studien.

Im 24. Kapitel werden einschlägige Erklärungsansätze für Rechtsextremismus beschrieben und bewertet, die gleichwohl unterschiedliche Bezugspunkte und Reichweiten aufweisen, gibt es doch lediglich bestimmte Erscheinungsformen und nicht den Rechtsextremismus an sich. Zu den Erklärungsansätzen, von denen einige als „Bausteine für eine Rechtsextremismus-Theorie“ (S. 334) gebündelt werden, zählen:

  • De Autoritarismus-Ansatz
  • Der Desintegrations-Ansatz
  • Die normative Extremismustheorie
  • Der „Extremismus der Mitte“-Ansatz
  • Der faschismustheoretische Ansatz
  • Der Modernisierungsverlierer-Ansatz
  • Der Politische-Kultur-Ansatz

Das 25. Kapitel zieht Bilanz und gibt ein Schlusswort zur erfolgten kritischen Bestandsaufnahme des Rechtsextremismus in Deutschland, wobei der Fokus vor allem auf der Einschätzung seines aktuellen Gefahrenpotenzials liegt. In die Betrachtung aufgenommen werden dabei die Entwicklung des Rechtsextremismus und die gesellschaftlichen Umbruchstendenzen mit Blick auf die extremismustheoretische Einordnung und Bedeutung der AfD, die Entwicklung von traditionellen rechtsextremistischen Parteien und der Neonazi- sowie Subkultur-Szene; weiterhin sowohl das aktuelle Gewaltpotenzial des nicht-terroristischen Rechtsextremismus als auch das Gefahrenpotenzial eines neuartigen Rechtsterrorismus. Schließlich wird unter anderem nochmal ein Blick auf die Beständigkeit von rechtsextremistischen Einstellungen in der hiesigen Gesellschaft geworfen, „bilden doch die einschlägigen Einstellungen für dieses politische Lager relevante Rahmenbedingungen“ (S. 343).

Diskussion

Armin Pfahl-Traughber hat eine überaus beachtenswerte Tour d‘Horizon durch alle relevanten Erscheinungsformen des Rechtsextremismus in Deutschland vorgelegt. Das Buch eignet sich als Überblicksdarstellung und Nachschlagewerk für einen breiten LeserInnenkreis: Lehrende und Studierende der Sozial- und Politikwissenschaften, PraktikerInnen in Fraktionen, Gewerkschaften, Parteien und Verbänden, JournalistInnen und MitarbeiterInnen der politischen Bildung (siehe Buchrücken), aber auch der Sozialen Arbeit. Es besticht durch seinen strukturierten und damit nachvollziehbaren Aufbau, der klaren Sprache und des Aktualitätsbezugs, wenngleich die rechtsextremistischen Anschläge von Halle und Hanau sowie der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nicht mehr berücksichtigt werden konnten. In einer zweiten Auflage könnte dies nachgeholt werden, was ebenfalls für die völkische Siedlerbewegung zutrifft. Für sie besteht ohnehin reichlich Forschungsbedarf: Wie sind ihre Ableger – etwa die Anastasia-Bewegung – extremismustheoretisch einzuordnen und welches Gefahrenpotenzial weisen sie auf?

Zudem gibt es weitere Monita, die allerdings die Qualität des Buches nicht schmälern: Es stellt sich etwa die Frage, inwieweit die Forderung nach einem politischen Autoritarismus und einer identitären Gesellschaftsvorstellung inhaltliche Merkmale des Rechtsextremismus sind. Handelt es sich hierbei nicht eher um formale Merkmale, die alle Extremismen aufweisen? Pfahl-Traughber stellt zwar selbst fest, dass die Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit und die Ideologie der Ungleichwertigkeit inhaltliche Elemente des Rechtsextremismus sind, während das Eintreten für den politischen Autoritarismus und die Idee von einer identitären Gesellschaftsvorstellung auch im Linksextremismus und im Islamismus vorkommen (S. 30). Das ändert aber nichts daran, dass es sich genau deshalb nicht um inhaltliche Merkmale des Rechtsextremismus, sondern nur um formale Merkmale von allen Extremismen ungeachtet ihrer ideologischen Ausprägungen handeln kann. Diese müssen erst mit einem spezifischen Inhalt gefüllt werden, um sie auf einen bestimmten extremistischen Phänomenbereich anwenden zu können.

Des Weiteren geht Pfahl-Traughber so gut wie gar nicht auf die Feindbildforschung insbesondere mit Blick auf ihr theoretisch-konzeptionelles Verhältnis zur Extremismusforschung ein. Er handelt etwa die auf einem strengen Freund-Feind-Denken basierenden Abwehrideologien des Antisemitismus und des Antikapitalismus unverbunden unter den rechtsextremistischen Agitations- und Handlungsfeldern ab, ohne die aktuelle Forschungsliteratur zu den Feindbildern im politischen Extremismus einzubeziehen. Die Darstellung und Einordnung nach den feindbildtheoretischen Kriterien des agitatorischen Bezugspunktes, des antidemokratischen Impetus sowie des Agitationspotenzials und der gesellschaftlichen Akzeptanz hätte ihre analytische Unverbundenheit aufgelöst und einen tragfähigen Vergleich der einzelnen Feindbilder ermöglicht (siehe jüngst Fischer 2018 sowie die Besprechung von Alexander Akel zu Fabian Fischer: Die konstruierte Gefahr. Feindbilder im politischen Extremismus, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26921.php).

Fazit

Ungeachtet der einzelnen Monita hat Armin Pfahl-Traughber in der Gesamtschau eine äußerst gelungene Überblicksdarstellung zum Rechtsextremismus in Deutschland vorgelegt, die in den inner- wie außerhochschulichen Bücherregalen ihres Gleichen sucht. Hat sie darin noch keinen Platz gefunden, so sollte dies rasch geändert werden. Denn eine umfassende, aktuelle und kritische Bestandsaufnahme des Rechtsextremismus als fester Bestandteil der bundesdeutschen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ist für Wissenschaft und Praxis unverzichtbar.

Literatur

Fischer, Fabian (2018): Die konstruierte Gefahr. Feindbilder im politischen Extremismus. Nomos-Verlag: Baden-Baden.

Pfahl-Traughber, Armin (1993): Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung. Bouvier-Verlag: Bonn.

Pfahl-Traughber, Armin (1999): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. C.H. Beck: München.

Pfahl-Traughber, Armin (2006): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. 4. Auflage. C.H. Beck: München.

Pfahl-Traughber, Armin (2014): Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. SpringerVS: Wiesbaden.

Pfahl-Traughber, Armin (2020): Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. 2. Auflage. SpringerVS: Wiesbaden.


Rezension von
Alexander Akel
Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Kassel
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Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 28.08.2020 zu: Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-24275-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26920.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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