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Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa

Cover Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 539 Seiten. ISBN 978-3-658-26901-2. 49,99 EUR.
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Thema

Typologisierungsversuche von Parteien wurden in der Politikwissenschaft bereits zuhauf unternommen. An tragfähigen Unterscheidungsmerkmalen von rechten Parteien innerhalb ihres politischen Spektrums mangelt es jedoch bislang, obgleich sie zu der am häufigsten untersuchten Parteienfamilie gehören (Cas Mudde). Das ist vor dem Hintergrund der elektoralen Erfolge von als „rechtsextrem“ und „rechtspopulistisch“ klassifizierten Parteien im Europa des 21. Jahrhunderts beklagenswert, da die Parteienforschung „geeignete Gegenmaßnahmen und Strategien im Umgang mit den verschiedenen rechten Parteien und deren unterschiedlichen Wählern“ (S. 3) so kaum zu entwickeln vermag. Kann bei rechtsextremen Parteien deren Ausgrenzung aus demokratietheoretischer Sicht das Mittel der Wahl sein, verbietet es sich bei rechtspopulistischen Parteien zumindest grundsätzlich, sind diese doch nicht zwangsläufig antidemokratisch. Um diese Forschungslücke zu schließen, entwickelt Tanja Wolf in ihrer kürzlich vorgelegten Studie eine Typologie zur Unterscheidung von rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien in Europa.

Autorin und Entstehungshintergrund

Tanja Wolf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sie forscht zu Themen wie Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, rechten Parteien und Propaganda.

Bei ihrer 2019 veröffentlichten Studie „Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich“ handelt es sich um ihre Dissertationsschrift, die sie 2018 fertiggestellt hat.

Aufbau

Die 527 Seiten starke Dissertationsschrift besteht neben einem Literaturverzeichnis und einem über 50 Seiten umfassenden Anhang aus neun inhaltlichen Kapiteln:

  1. Rechte Parteien in einem „Europa“ des (Un-)Friedens und der (Un-)Sicherheit?
  2. Konzeptionelle Überlegungen
  3. Forschungsstand: Konzepte zur Unterscheidung rechter Parteien
  4. Grundlegende Begriffe und Konzepte
  5. Methodik
  6. Fallstudien
  7. Vergleich
  8. Weiterentwicklung des Konzepts
  9. Fazit

Inhalt

Im 1. Kapitel beginnt die Untersuchung mit einem Problemaufriss, der entlang der zahlreichen Wahlerfolge von Rechtsaußenparteien in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu einer gesellschaftspolitisch relevanten Fragestellung hinführt. Die Studie will „der Frage nachgehen, wie rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien sinnvoll und angemessen eingeordnet werden können“ (S. 3). Danach wird der Aufbau der Arbeit kapitelweise vorgestellt.

Das 2. Kapitel widmet sich den konzeptionellen Grundüberlegungen, die für die Beantwortung der Fragestellung angestellt werden müssen. Dabei geht es vor allem um die Klärung von wissenschaftstheoretischen Fragen: Was sind angemessene Definitionen? Was sind Nominal- und Realdefinitionen und worin unterscheiden sie sich voneinander? Welche Richtlinien müssen bei der Formulierung von Definitionen beachtet werden? Daran schließen sich weitere Fragen hinsichtlich der Bildung von Typen und Typologien an: Was charakterisiert den Typusbegriff? Was ist ein Ideal-, was ein Realtyp und worin unterscheiden sie sich voneinander? Welchen Ansprüchen muss eine tragfähige Typologie gerecht werden und welche Eigenschaften muss sie hierfür aufweisen? Wie kann eine derartige Typologie konstruiert werden?

Sodann wird im 3. Kapitel der Forschungsstand abgehandelt. Wolf fokussiert sich dabei auf die Darstellung und Einordnung von sechs ausgewählten Konzeptionen zur Typologisierung von rechten Parteien. Ihre Wahl fiel dabei

  1. auf das Konzept „Die drei Welten des Rechtsextremismus“ von Klaus von Beyme,
  2. „Die drei Typen des rechten Parteienspektrums“ von Richard Stöss,
  3. „Die ‚alte‘ und die ‚neue‘ Rechte“ von Piero Ignazi,
  4. „Traditionelle und postindustrielle rechtsextreme Parteien“ von Armin Pfahl-Traughber,
  5. „Rechtsextrem, rechtsradikal und ‚the populist radical right‘“ von Cas Mudde und schließlich
  6. „Vidhya Ramalingam: Entstehungshintergrund rechter Parteien“ von Matthew Goodwin.

Nach der Vorstellung der unterschiedlichen Konzepte werden ihre Gemeinsamkeiten sowie ihre Grenzen und Schwächen zusammengefasst: Zwar gibt es eine Reihe von Konzepten, Subtypologien und parallelen Klassifikationen, die das parteiförmige rechte Spektrum zu typologisieren versuchen, allerdings können sie diesen Anspruch nicht einlösen aufgrund der Verletzung von Regeln zur Begriffsbestimmung und Typen- wie Typologiekonstruktion.

Daher führt Wolf im 4. Kapitel eigenständig die Klärung von grundlegenden Begriffen und Konzepten durch, die für die Beantwortung ihrer Forschungsfrage benötigt werden: Parteien und Bewegungen, Extremismus, Rechtsextremismus und rechtsextreme Parteien, Populismus, Rechtspopulismus und rechtspopulistische Parteien, Rechtsradikalismus, Neue Rechte und sonstige Bezeichnungen. Alle Unterkapitel sind vom Aufbau her nahezu identisch strukturiert. Zunächst werden zu den jeweiligen Begriffen ausgewählte Definitionen vorgestellt und die dazugehörige Ideologie, die Organisationsstruktur, die Strategie sowie der Kommunikationsstil erläutert. Ziel ist es, rechtsextreme wie rechtspopulistische Parteien auf der Grundlage ihrer zentralen Unterscheidungskriterien gegenüberzustellen, woraus das theoretische Gerüst der Typologie entsteht. Folgende Merkmale fließen in die Typologisierung ein (S. 132):

  • Weltanschauung – Rechtsextremismus: geschlossen, Rechtspopulismus: vage
  • Ausmaß der bürgerlichen Mitbestimmung – Rechtsextremismus: Reduzierung, Rechtspopulismus: Ausweitung
  • Einstellung zu gewissen politischen Strukturen – Rechtsextremismus: systemfeindlich, Rechtspopulismus: Establishment-kritisch bis -feindlich
  • Gegenüberstellung von Volk und Elite – Rechtsextremismus: Nein, Rechtspopulismus: Ja
  • Einstellung zu den rechtsstaatlichen Prinzipien – Rechtsextremismus: Ablehnung, Rechtspopulismus: Keine Ablehnung
  • Basis der Ungleichheitsvorstellung – Rechtsextremismus: Völkisches Nationsverständnis, Rechtspopulismus: Kulturelles Nationsverständnis
  • Grad der organisationalen Ausgestaltung – Rechtsextremismus: Hoch, Rechtspopulismus: Niedrig
  • Selbstverständnis als Partei – Rechtsextremismus: Ja, Rechtspopulismus: Nein (starker Bewegungscharakter)
  • Charismatische Führungsfigur – Rechtsextremismus: Nein, Rechtspopulismus: Ja
  • Populistische Rhetorik – Rechtsextremismus: Nein, Rechtspopulismus: Ja

Bevor die zuvor entfaltete Typologie auf ihre Tragfähigkeit hin empirisch überprüft werden kann, ist im 5. Kapitel die dafür angewandte Methodik zu erläutern. Wolf bezieht sich dabei auf die Stichprobenauswahl (Auswahl der Länder, Fallauswahl), auf das Forschungsdesign und die Datengrundlage (Sekundärdatenanalyse) sowie auf die Operationalisierung der einzelnen Typologisierungsmerkmale, wobei sie zwischen einem idealtypischen (deduktives Vorgehen) und einem prototypischen (induktives Vorgehen) Itemkatalog unterscheidet.

Anschließend werden im 6. Kapitel elf Fallstudien durchgeführt; territorial innerhalb der Europäischen Union aufgeteilt. Ein Fall steht dabei für eine Rechtsaußenpartei in einem bestimmten Land, die stringent anhand des entwickelten Analyserasters untersucht wird: Nordeuropa: Dänemark – Danske Folkeparti, Großbritannien – United Kingdom Independence Party, Schweden – Sverigedemokraterna. Mitteleuropa: Deutschland – Nationaldemokratische Partei Deutschlands, Frankreich – Front National, Niederlande – Partij voor de Vrijheid. Osteuropa: Polen – Prawo i Sprawiedliwosc, Rumänien – Partidul Romania Mare, Tschechien – Obcanska demokraticka strana. Südeuropa: Griechenland – Chrysi Avgi, Italien – Lega Nord. Dabei wird zunächst die Entwicklungsgeschichte der jeweiligen Partei nachgezeichnet, anschließend werden die unterschiedlichen Eigenschaften in Struktur und Programmatik über die einzelnen Typologisierungsmerkmale beschrieben und anhand der Typologie eingeordnet. In der Zusammenstellung ergeben sich die folgenden abschließenden Einordnungen (S. 354):

  • Danske Folkeparti: Rechtspopulistische Partei
  • United Kingdom Independence Party: Rechtspopulistische Partei
  • Sverigedemokraterna: Rechtspopulistische Partei
  • Nationaldemokratische Partei Deutschlands: Rechtsextreme Partei
  • Front National: Rechtspopulistische Partei mit rechtsextremen Tendenzen
  • Partij voor de Vrijheid: Rechtspopulistische Partei
  • Prawo i Sprawiedliwosc: Rechtsextreme und rechtspopulistische Partei
  • Partidul Romania Mare: Rechtsextreme Partei
  • Obcanska demokraticka strana: Einordnung nicht möglich
  • Chrysi Avgi: Rechtsextreme Partei
  • Lega Nord: Rechtspopulistische Partei

Im 7. Kapitel werden die Fallstudien entlang der zehn Untersuchungskriterien miteinander verglichen. Ziel ist es, nicht nur neue Erkenntnisse über die untersuchten Parteien, sondern vor allem auch über die Typologie zu ermitteln. Wolf prüft dabei, ob oder inwieweit die einzelnen Merkmalsausprägungen einer Partei von ihrer abschließenden Einordnung in die von ihr entwickelte Typologie abweichen. Im Anschluss werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Blick auf Merkmalsinhalte, eventuelle Submerkmale sowie Spezifika der Parteien herausgearbeitet. Schließlich wird untersucht, ob der wegen seiner historischen Besonderheit als „Sonderfall“ bezeichnete Raum Mittel- und Osteuropas eine zusätzliche Modifikation an der Typologie notwendig macht. Dies ist nicht der Fall, was gleichwohl vom Untersuchungszeitraum (hier: 2004 bis 2014) abhängt.

Gegen Ende der Studie werden im 8. Kapitel die zuvor gewonnenen Erkenntnisse über die Tauglichkeit der entwickelten Typologie für die Differenzierung zwischen rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien zu ihrer Weiterentwicklung aufbereitet. Hierfür ist zu klären, ob oder inwiefern die einzelnen Merkmale, Submerkmale sowie Items für die tatsächliche Abbildung der empirischen Wirklichkeit angemessen sind. Wird die entwickelte Typologie also den Ansprüchen der internen Homogenität und der externen Heterogenität sowie der Balance zwischen einem zu hohen und einem zu niedrigen Abstraktionsgrad gerecht? Wolf zufolge „erfüllt die Typologie beide Anforderungen und kann dementsprechend aus wissenschaftstheoretischer Perspektive als angemessen bezeichnet werden“ (S. 400). Abschließend werden im 9. Kapitel die zentralen Ergebnisse der Studie zusammengefasst.

Diskussion

Wie es sich für eine Dissertationsschrift gehört, hat Tanja Wolf mit ihrer Studie wissenschaftliches Neuland betreten, indem sie erste umfangreiche typologische Vermesserungen für eine tragfähige Unterscheidung von rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien in Europa durchgeführt hat. Das ist nicht wenig: Eine wissenschaftlich fundierte Typologisierung von parteipolitischen Akteuren aus dem rechten Spektrum, welche die hiesigen liberalen Demokratien angesichts ihrer zahlreichen Wahlerfolge seit einigen Jahren vor massive Herausforderungen stellen, ist von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz. Nur wer einen differenzierten Einblick in die Ideologie, Organisation und Strategie der Rechtsaußenparteien erhält, kann entsprechende Gegenmaßnahmen für einen demokratietheoretisch angemessenen Umgang mit ihnen und schließlich für ihre elektorale Eindämmung entwickeln.

Allerdings wird wohl bei den meisten LeserInnen des 2019 erschienenen Buches die Frage aufkommen, warum die Alternative für Deutschland (AfD) nicht in die Fallauswahl eingeflossen ist. So ist doch die Frage ihrer extremismus- wie populismustheoretischen Einordnung für Wissenschaft und Praxis von besonders hoher Relevanz, gerade mit Blick auf den demokratietheoretisch tragfähigen Umgang mit ihr. Bei der NPD handelt es sich hingegen um eine Partei, die seit Jahren unstrittig nahe am Idealtyp als rechtsextrem/​rechtsextremistisch eingestuft wird. Für Wolf erfüllt die AfD zwar mit Blick auf den Untersuchungszeitraum das „Supplementärkriterium der Kontinuität“ (S. 138) nicht, zudem hat sie bereits mindestens eine inhaltliche wie personelle Spaltung erlebt. Dies kann aber einerseits kein Grund sein, die AfD nicht in die Fallauswahl aufzunehmen. Andererseits erfolgte die erste nennenswerte inhaltlich-personelle Spaltung im Sommer 2015, als Bernd Lucke den AfD-Bundesvorstand verlassen hat und das wirtschaftsliberale Lager daraufhin seinen Platz räumen musste. Der Untersuchungszeitraum in Wolfs Studie bezieht sich jedoch auf die Zeitspanne zwischen 2004 und 2014, womit die erwähnte Spaltung in ihrer Arbeit streng genommen keiner Erwähnung bedarf. Andernfalls wirkt es so, als habe sich die Autorin nicht mehr die Mühe machen wollen, die AfD in ihre Untersuchung einzubeziehen.

Fazit

In der Gesamtschau ist es Tanja Wolf gelungen, eine tragfähige Typologie für die Unterscheidung von rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien zunächst theoretisch-konzeptionell zu entwickeln und sie anschließend anhand eines weiten empirischen Panoramas einem Lackmustest zu unterziehen. Künftige Arbeiten, die Rechtsaußenparteien zum Untersuchungsgegenstand haben, sollten hieran anknüpfen.


Rezension von
Alexander Akel
Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Kassel
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Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 31.08.2020 zu: Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-26901-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26923.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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