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Gitta Jacob: Vorsicht Therapiefallen!

Cover Gitta Jacob: Vorsicht Therapiefallen! Verfahrene Situationen und Sackgassen in der Psychotherapie erkennen und auflösen. Mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 176 Seiten. ISBN 978-3-621-28760-9. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 41,64 sFr.
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Thema

Bei der Publikation handelt es sich um eine praxisbezogene Darstellung von schwierig bis ausweglos erscheinenden Situationen in der Psychotherapie und um die Beschreibung von möglichen Auswegen aus solchen.

Autor

PD. Dr. Gitta Jacob ist psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin für Verhaltenstherapie und Schematherapie. Sie verfügt über eine umfangreiche und langjährige Erfahrung als Psychotherapeutin und Wissenschaftlerin in psychotherapeutischen Arbeitsfeldern und ist seit 2013 bei der GAJA-Group als leitende Psychotherapeutin tätig. Sie ist weiterhin Autorin zahlreicher wissenschaftlicher und praxisbezogener Buchpublikationen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist auf der Grundlage konkreter Erfahrung mit Tausenden von Patien*innen entstanden, denen die Autorin in ihrer eigenen Praxis und im Kontext von Supervisionen, Workshops und anderen Ausbildungskontexten unmittelbar und mittelbar begegnet ist. Das Buch zielt darauf ab, nicht immer mehr desselben zu tun, sondern Psychotherapeut*innen dazu zu ermutigen sich mehr für die Mechanismen von Sackgassen und Fallen in der Therapie zu interessieren und diese aktiv zu verlassen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 2 Teile bzw. in 9 Kapitel:

I Patientenfallen

  • 1. Die Dependenz-Falle
  • 2. Die System-als-Familienersatz-Falle
  • 3. Die Verwöhntheitsfalle
  • 4. Die Falsches-Setting-Falle
  • 5. Die Verbitterungsfalle
  • 6. Die Maligne-Narzissten-Falle
  • 7. Die Non-Response-Falle

II Therapeutenfallen

  • 8. Die Retterfalle
  • 9. Die Idealismus-Falle

Inhalt

Gitta Jacob macht gleich zu Beginn des Buches in ihrer Einleitung ein wichtiges Anliegen deutlich. Therapeut*innen sind aus ihrer Sicht gehalten zur Kenntnis zu nehmen, dass Psychotherapien im Generellen hilfreich sind, aber im Speziellen auch nicht funktionieren können, „obwohl die Therapeutin eigentlich alles richtig macht“ (S. 11). Dabei bezieht sie sich auf die statistische Maßzahl „Number needed to treat“, die den Nutzen einer Behandlung beziffert und die bei der Psychotherapie zwar vergleichsweise hoch ist, aber auch deutlich macht, dass es durchaus Patient*innen gibt, die von der Behandlung nicht profitieren. Deshalb sei es notwendig diese Möglichkeit frühzeitig in Betracht zu ziehen und nicht in zu langen und letztlich fruchtlosen Therapieprozessen zu verharren. So leitet die Autorin die Zusammenstellung von sieben typisierten und wie sie selbst sagt nicht immer ganz trennscharfen Patient*innenfallen und zwei Therapeut*innenfallen ein, die vor allem dazu dienen sollen, aus diesen Fallen auf konstruktive Art und Weise herauskommen zu können.

Die folgenden Kapitel sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut. Zunächst wird beschrieben, woran die Therapeut*innen die jeweils beschriebenen Patient*innen oder in den letzten beiden Kapiteln bestimmte Muster bei sich selbst oder bei Ihren Kolleg*innen erkennen können. Dazu werden jeweils drei bis vier Fallbeispiele beschrieben, anhand derer spezifische Verhaltensmuster, eine typische Gestaltung der Therapiebeziehung, der Bezug zur Symptomatik sowie Beispiele für bestimmte biographische Hintergründe geschildert werden. In einem zweiten Schritt geht die Autorin dann auf die Vorteile dieser Falle ein, d.h. welchen Gewinn die Patient*innen oder auch Therapeut*innen durch die Aufrechterhaltung der beschriebenen Muster ziehen können. Drittens werden erste Hinweise im Verhalten der Patient*innen sowie in der Gegenübertragung und Resonanz der Therapeut*innen dargestellt, an denen das Vorhandensein der jeweils beschriebenen Falle identifiziert werden kann. In einem letzten Schritt gibt die Autorin konkrete Handlungsempfehlungen, wie diese Fallen verlassen werden könnten; jedes Kapitel endet mit einer kurzen Tabelle, die Dos and Don’ts beinhaltet.

Diskussion

Das Buch von Gitta Jacob bietet einen sehr gut aufgebauten und sehr leser*innenfreundlichen Überblick über ein hoch relevantes und zu wenig diskutiertes Thema in der psychotherapeutischen Praxis. Durch die vielen Fallbeispiele werden die theoretischen Überlegungen und die daraus resultierenden Handlungsempfehlungen sehr plastisch und gut verständlich. Zudem merkt man dem Buch an, dass es extrem erfahrungsgesättigt ist, die verwendeten Fallbeispiele weisen eine hohe Diversität auf. Hilfreich ist auch die wiederkehrende Empfehlung zum Aufnehmen einer Metakommunikation mit den Patient*innen über die Symptomatik sowie die Ermutigung zur Konfrontation. Für den Geschmack der Rezensentin ist die in dem Buch in vielen kleinen Nuancen durchschimmernde Haltung, dass man sich als Therapeu*in von den zweifellos sehr schwierigen und herausfordernden Patienten nicht aufs Glatteis führen bzw. sein Engagement bremsen solle, dann doch ein wenig zu stark und vernachlässigt die Tatsache, dass Therapeut*innen selten sicher wissen können, dass sie alles richtig gemacht haben. Der in der Psychotherapieforschung durchaus als positiv bewertete Selbstzweifel von Therapeut*innen, die damit verbundene Demut vor dem Leid der Patient*innen sowie die innere Gewissheit, dass Therapeut*innen und Patient*innen sich z.B. hinsichtlich ihrer Veränderungsmöglichkeiten nur graduell unterscheiden, geraten in diesen Ausführungen vielleicht ein wenig zu kurz.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein ausgesprochen lesenswertes und hoch praxisrelevantes Buch über schwierige und herausfordernde Situationen in der Psychotherapie, was darüber hinaus sehr konkrete handlungspraktische und auch gut umsetzbare Empfehlungen enthält.


Rezension von
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg, E-Mail braeutigam@hs-nb.de; Homepage: http://www.hs-nb.de/ppages/braeutigam/
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 11.05.2020 zu: Gitta Jacob: Vorsicht Therapiefallen! Verfahrene Situationen und Sackgassen in der Psychotherapie erkennen und auflösen. Mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28760-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26930.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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