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Michael Borg-Laufs, Silke Birgitta Gahleitner u.a.: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung

Cover Michael Borg-Laufs, Silke Birgitta Gahleitner, Heiko Hungerige: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung mit Kindern und Jugendlichen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 300 Seiten. ISBN 978-3-621-28617-6.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das rezensierte Buch liegt hiermit in der zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage vor. Da es teilweise umfassende Änderungen erfahren hat, wurde hiermit die bereits erfolgte Rezension der ersten Auflage entsprechend angepasst und ergänzt.

2009 veröffentlichten Alexander Noyon und Thomas Heidenreich das Buch „Schwierige Situationen in Therapie und Beratung“. Dieses Buch bietet vor allem Berufseinsteigern im Bereich von Therapie und Beratung gute Hilfestellung. Auch diese Vorlage wurde 2020 neu aufgelegt. Analog zur Adaption des Selbstmanagementtherapieansatzes von Frederic Kanfer und Kollegen haben Michael Borg-Laufs und Heiko Hungerige (ein bewährtes Team) gemeinsam mit Silke Brigitta Gahleitner die Vorlage für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und -beratung adaptiert.

Die Therapie und Beratung von Kindern und Jugendlichen ist mit der Therapie von Erwachsenen nicht zu vergleichen. Schließt man die Zwangsbehandlung im geschlossen-stationären Kontext aus, kommen Erwachsene in der Regel aus freien Stücken in die Therapie. Bei Kindern und Jugendlichen gibt es zwar ebenfalls Zwangsbehandlungen (z.B. aufgrund akuter Suizidalität), zusätzlich kommen jedoch auch häufig „freiwillige“ Patienten nur auf Wunsch der Eltern oder anderer Bezugspersonen (z.B. Schule oder Jugendamt). Auf dieses und weitere Problemfelder, die typischerweise in der Behandlung und Beratung von Kindern und Jugendlichen auftreten können, gehen die Autor:innen umfassend ein.

Autor:innen

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist Inhaber des Lehrstuhls „Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern“ an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Außerdem arbeitet er als Fachleiter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am Ausbildungszentrum Krefeld der DGVT sowie in weiteren Tätigkeiten als Dozent und Supervisor in der Psychotherapieausbildung. Fach- und berufspolitisches Engagement zeigt er in verschiedenen Gremien – unter anderem als Sprecher der Fachgruppe Kinder und Jugendliche der DGVT. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kindeswohlsicherung, Psychologische Grundbedürfnisse bei Kindern, Diagnostik, sowie Kinder- und Jugendlichentherapie.

Prof. Dr. Silke Brigitta Gahleitner, Dipl.-Psych., studierte Soziale Arbeit und promovierte in Klinischer Psychologie. Sie arbeitete langjährig als Psychotherapeutin in eigener Praxis sowie in einer sozialtherapeutischen Einrichtung für traumatisierte Mädchen. Seit 2006 ist sie als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit dem Schwerpunktbereich Psychotherapie und Beratung an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Heiko Hungerige, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, ist Erziehungsberater, Dozent bei der DGVT und Supervisor. Er hat mit Michael Borg-Laufs bereits das wichtige Buch „Selbstmanagementtherapie mit Kindern“ veröffentlicht (2005).

Aufbau und Inhalt

30 Kapitel werden im Buch in fünf Teile untergliedert. Dieser Aufbau ist seit der Erstauflage identisch geblieben, es wurden jedoch ergänzende Kapitel hinzugefügt, die hier kurz hervorgehoben werden sollen.

Teil 1: Rechtliche Aspekte. Es werden hier die Bereiche Schweigepflicht, getrennt (oder geschieden) lebende Eltern und der Umgang mit Einladungen und Geschenken bearbeitet. Es wird deutlich, dass es man es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zur Therapie Erwachsener mit häufig mit deutlich komplexeren Problemsituationen zu tun hat. Bezogen auf die Schweigepflicht gilt es beispielsweise, nicht nur die Schweige-, sondern auch die Auskunftspflicht gegenüber den Eltern gegeneinander abzuwägen (in der Regel geht die Schweigepflicht vor). Dieses Kapitel ist mit der ersten Auflage weitestgehend identisch geblieben.

Teil 2: Ungünstige Rahmenbedingungen. Hier wird auf mangelnde Struktur in der Familie, Ablehnung von erforderlicher Unterstützung seitens der Jugendhilfe, Konflikte mit der Schule, psychisch kranke Eltern, Migrationshintergrund und Ideologien als Therapiehindernis eingegangen. In diesem Kapitel wird vor allem der systemische Hintergrund des kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Arbeitens herausgearbeitet: Es wird deutlich gemacht, dass hier ein Zusammenarbeiten aller Professionen (Therapie, Jugendhilfe, Schule, etc.) unerlässlich und in der Praxis immer wieder herausfordernd ist. Das Thema „Ideologien“ ist neu hinzugefügt worden, andere Teile des Kapitels wurden aktualisiert. Hierbei wurde insbesondere der aktuellen Migrationswelle nach Deutschland Rechnung getragen.

Teil 3: Interaktion mit den Eltern. Hier geht es um mangelnde Mitarbeitsbereitschaft bei Eltern, Dramatisieren und Bagatellisieren, prüfendes Verhalten, grenzüberschreitendes Verhalten und ideologische Bedenken gegenüber konsequenter Erziehung. Ein weiteres, neu hinzugefügtes Kapitel, setzt sich mit dem nicht selten auftretenden Therapiehindernis der hochstrittigen Elternschaft auseinander. Zudem wurde das Kapitel zu prüfendem elterlichen Verhalten um einen Exkurs zum sogenannten „Impostor-Syndrom“ erweitert. Dieses wurde von Clance und Imes bereits 1978 beschrieben, wird auch „Hochstapler-Syndrom“ genannt und beschreibt im Groben, dass hoch begabte und erfolgreiche Menschen häufig ihren Erfolg external attribuieren und befürchten, eines Tages „aufzufliegen“. Die Autor:innen beschreiben dies im Hinblick auf Therapie humorvoll als „schwere Erkrankung“ (S. 126) und zitieren einen der bekanntesten ACT-Therapeuten (Russ Harris) und seinen Umgang damit.

Teil 4: Interaktion mit dem Kind/Jugendlichen. Dieser umfangreichste Abschnitt bearbeitet die bereits oben angerissenen Themen:

  • Kinder, die nicht ohne Begleitung zur Therapie/​Beratung kommen wollen (z.B. aufgrund von Trennungsängsten oder sozialer Phobie),
  • (s)elektiver Mutismus (das Kind spricht nicht in der Therapie)
  • es kommt nicht freiwillig, bzw. nur auf elterlichen Druck,
  • aggressives Verhalten gegenüber der beratenden Person
  • der Umgang mit der Suche nach Körperkontakt,
  • der Wunsch des Kindes nach neuen Bindungen (es sucht neue Eltern),
  • der Umgang mit hoch belasteten Kindern/​Jugendlichen sowie
  • die Selbstöffnung auf therapeutischer Seite.

Dieser Abschnitt ist gegenüber der vorigen Auflage unverändert geblieben.

Teil 5: Besondere Problemkonstellationen in der KJP. Hier geht es um die häufigen Themen Schulverweigerung, Kindeswohlgefährdung, Suizidalität und den Therapieabschluss bei „anhänglichen“ Patienten. Neu sind hier die Kapitel zu den wichtigen Themen Selbstverletzendes Verhalten, Trauma und Dissoziation und Unsicherheit hinsichtlich der Geschlechtsidentität. Zudem hat das Kapitel über Kindeswohlgefährdung kleine aber wichtige Anpassungen erhalten.

Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Fallbeispiel, auf das in der Regel im Rahmen der Kapitel wieder Bezug genommen wird. Abschließend werden zu allen Kapiteln „Do's“ und „Don'ts“ beschrieben, die im Grunde eine Zusammenfassung gleichkommen. Wie auch zuvor wurde ein umfassender Anhang zum Download beigefügt. Hierbei handelt es sich um insgesamt 43 Seiten mit Therapieverträgen und Informationsmaterialien, die den betroffenen Familien im Rahmen der Therapie mitgegeben werden können.

Diskussion

Besonders hervorheben muss man immer wieder den seriösen und dennoch lockeren und humorvollen Schreibstil der Autor:innen. Sie schaffen immer wieder, der lesenden Person (zumindest mir) beim Lesen eines Fachbuchs ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Zudem sprechen sie mich häufig direkt an, was dem Buch zum Teil fast das Gefühl von Vertrautheit und Supervision gibt: „Bleiben Sie im Kontakt mit sich selber, mit ihren Gefühlen und Impulsen, und bleiben Sie im Kontakt mit der Klientin. (…) Sorgen Sie für Sich!“ (S. 9). An diesem Textbeispiel wird jedoch auch eine zweite Besonderheit dieses Buches deutlich: Es wird fast durchgängig die weibliche Form als Ansprache genutzt. Bedenkt man, dass im Bereich Psychotherapie vorwiegend Frauen tätig sind – ein Trend, der in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie noch ausgeprägter ist – so ist diese Herangehensweise durchaus legitim und nachvollziehbar. Ungewöhnlich liest sich das Buch dennoch, vor allem auch, da die Kapitelüberschriften in männlicher Form, die Texte dann jedoch in weiblicher Form verfasst wurden. Zudem könnte sich bei Lesern das Bild aufdrängen, dass sie als Männer solche Probleme allein aufgrund ihrer Chromosomenkonstellation nicht zu befürchten haben. Dies ist wissenschaftlich natürlich in keiner Weise haltbar, bei uns Männern dennoch ein weit verbreitetes Phänomen.

Inhaltlich ist das Buch hervorragend gestaltet. Es ist klar strukturiert, nichts Wichtiges fehlt. Die Online-Materialien sind grundsätzlich hilfreich, da sie als Word-Dokument verfasst und Veröffentlich wurden, könnten sie jedoch inhaltlich verfälscht und verändert werden. Das mag einerseits zwar hilfreich erscheinen, ist andererseits copyrighttechnisch wahrscheinlich jedoch als heikel einzustufen.

Im Vergleich zu ersten Auflage bietet die Neuauflage insgesamt zwar wenig Neues, das beigefügte ist jedoch eminent wichtig. Die Kapitel zu Selbstverletzendem Verhalten, Trauma & Dissoziation vertiefen einen zentralen Aspekt vieler behandlungsbedürftiger Störungen im Kindes- und Jugendalter, das Thema Geschlechtsidentität erfährt im klinischen Alltag eine zunehmende Relevanz und insbesondere das Kapitel zum Thema Ideologien thematisiert das Entwickeln einer eigenen ethischen Haltung – eminent wichtig.

Fazit

Dieses Buch ist vor allem Berufseinsteiger:innen im Bereich der Beratung und der Therapie von Kindern und Jugendlichen brandheiß zu empfehlen. Erfahrene Therapeuten und Therapeutinnen werden die meisten Inhalte implizit oder explizit bereits kennen und anwenden. Aber auch hier gibt es immer noch einiges zu entdecken.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlicheverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 08.03.2021 zu: Michael Borg-Laufs, Silke Birgitta Gahleitner, Heiko Hungerige: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung mit Kindern und Jugendlichen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-621-28617-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26931.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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