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Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung

Cover Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2. Auflage. 428 Seiten. ISBN 978-3-621-28422-6. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 41,64 sFr.
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Thema

Schon in den 20ger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind Stereotypien, Vorurteile und sozial konstruierte Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen Gegenstand der wissenschaftlichen psychologischen Forschung, bevorzugt angesiedelt bei den Sozialpsychologen, die den Unterschied gruppenspezifischen Verhaltens gegenüber den individualpsychologischen Erklärungsansätzen hervorheben und in der Theorie und in empirischen Untersuchungen zu begründen suchen.

Herausgeber

Lars-Eric Petersen studierte und promovierte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, seit 1996 Assistent an der Universität Halle, seit 2009 apl. Professor an der Universität Halle-Wittenberg am Institut für Psychologie, Abteilung Sozial- und Organisationspsychologie.

Prof. Dr. Bernd Six, war Professor für Sozial- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, seit 2012 Leiter des Departments Psychologie an der Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften

Den beiden Herausgebern ist es gelungen, prominente Vertreter ihres Faches, verteilt über Universitäten und Forschungsinstitutionen auch über Deutschland hinaus, zu gewinnen und dennoch eine formal einheitliche Darstellungsweise zu erreichen, was den Vergleich der 35 Aufsätze sehr erleichtert. 

Aufbau und Inhalt

Die 35 Aufsätze der über 50 Autoren sind, wie das Inhaltsverzeichnis auch im einzelnen aufweist, vier Themen/​Sachgebieten zugeteilt:

  • Stereotype
  • Vorurteile
  • Soziale Diskriminierung
  • Prävention und Intervention

Zu jedem Thema werden die dazugehörigen Schlagworte erläutert, geschichtliches und empirische Befunde mitgeteilt. So gehören beispielsweise

  • zum Kapitel „Stereotype“ u.a.Ausführungen über „Stereotype und Informationsverarbeitung“ auch „Sich selbst erfüllende Prophezeiungen“,
  • zum Kapitel „Vorurteile“ Artikel über „Entwicklungspsychologische Grundlagen für die Entstehung von Vorurteilen“, „Rassismus“, „Altersvorurteile“, „Ursprünge des Linguistic Intergroup Bias – das Linguistische Kategorienmodell (LCM)“
  • zum Kapitel „Soziale Diskriminierung“: „Autoritarismus und Diskriminierung“, „Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts“,
  • zum Kapitel „Prävention und Intervention“ die Aufsätze „Sozialisation“, „Diversity Management“ „Zivilcourage: Theorie, Messung und Training mit Kindern und Jugendlichen“, auch „Solidarität gegenüber Fremdgruppenmitgliedern“ wird behandelt.

In jedem Kapitel wird als letzter Abschnitt eine das Thema empirisch belegende Untersuchung referiert, die zum Kapitel gehörende Literatur wird am Ende des jeweiligen Kapitels angegeben. Ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren des vorliegenden Buches, ein Personenregister und ein Sachwortverzeichnis vervollständigen den Band.

Dem Titel des Buches wird umfangreich entsprochen. Zu allen drei Schlagworten der Überschrift werden ausführlich die dazugehörigen Theorien referiert, von denen es, für den Laien wahrscheinlich doch erstaunlich, eine ganze Reihe gibt, die noch kein Alltagswissen sind. Oder wer wüsste außerhalb der Akademie schon z.B.von einem „Modell der Eigengruppenprojektion“. Neben den sehr explizierten Theorien kommen die empirischen Befunde zu zeitgenössischen öffentlich diskutierten Sachverhalten nicht zu kurz. Artikel über Rassismus, Sexismus, Altersvorurteile, Vorurteile gegenüber Migranten, Stigma und Stigmabewältigung informieren sowohl über den gegenwärtigen Sachstand der Forschung als auch über die jeweilige sozialpsychologische Einordnung. Hier kann der Leser sich aktuell informieren und erfährt auch einiges, was das Weltbild eventuell neu sortiert bzw. zu Differenzierung Anlass gibt.

Im folgenden sollen zu den vier Themen jeweils ein Aufsatz exemplarisch vorgestellt werden.

Inhalt

Stereotype

Sterotype kommen dadurch zustande, dass wir „zuerst urteilen und dann hinschauen“, dass wir Überzeugungen über die Mitglieder einer sozialen Gruppe haben. Ihren Ursprung verdanken sie der Bereitschaft zur sozialen Kategorisierung von Menschen, andere in die Eigene und die Fremde Gruppen aufzuteilen – „wir“ und „sie“. Nahezu automatisch teilen wir ein in Großgruppen Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht und Alter oder in kleinere soziale Einheiten wie z.B. Karrierrefrauen oder autoritäre Lehrer. Einmal etabliert, erweisen sie sich als einigermaßen resistent gegen Korrekturen.

Uwe Wolfradt arbeitet in seinem Artikel Implizite Persönlichkeitstheorien den Unterschied beider Ansätze heraus.

Implizite Perönlichkeitstheorien sind die (vorwissenschaftlichen) Theorien eines naiven Beobachters oder Akteurs über die Gründe eines beobachteten Verhaltens einer fremden Person. Freundlichen Menschen wird erhöhte Gesprächsbereitschaft unterstellt und wer lügt, der stiehlt; Farbige sind meist aufgrund ihrer mangelnden Erziehung laut und ein bißchen ordinär. Einen Vergleich zu den ausgearbeiteten Persönlichkeitstheorien (Differentielle Psychologie) brauchen die Impliziten Thoerien nicht zu scheuen: genau wie jene (1) klassifizieren sie, um andere zu beschreiben, sie (2) interferieren von einem Merkmal auf ein zweites, so entsteht eine (3) identifizierbare Struktur und aus ihr lassen sich (4) Vorhersagen ableiten (Prädisktionsaspekt.) Bei der Urteilsbildung spielen auch gesamtbildnerische Gesichtspunkte eine Rolle (gestaltpsychologische Gesetze z.B.), werden Einzelmerkmale zu einer ganzheitlichen Struktur verarbeitet. Eigenschaften werden als Teil einer Gruppe bzw. als Gruppeneigenschaft gesehen, Gruppenmitglieder werden die Eigenschaften stärker zugeschrieben als Personen im Allgemeinen. Die Gruppe wird in dieser Theorie als Moderatorvariable angesehen, die Eigenschaften einer Gruppe werden auf weitere Eigenschaften übertragen und daraus wiederum Schlußfolgerungen auf den einzelnen gezogen: einem Mann mit ausgeprägten spezifisch weiblichen Eigenschaften wie Emotionalität, Empathie, etc. wird auch eher ein weibliche Beruf zugetraut oder empfohlen.

Unterschiede zwischen dem Konzept Stereotye und Implizite Persönlichkeitstheorie bestehen in dem Moment, wo wir uns mit der jeweiligen Impliziten Theorie einer Gruppe betrachten. Gruppen zeichnen sich durch dynamische Aspekte, Austausch der Mitglieder untereinander und Konstanten wie Gruppenmitgliedschaft als konstituierendes Merkmal aus. Während implizite Theorien nach Möglichkeiten der Veränderung beim einzelnen fragen, beschäftigen sie sich bei der Betrachtung von Gruppen mit deren Wandelbarkeit aufgrund von Anstrengungen aus eben dieser Gruppe heraus. In einer Untersuchung sollten 40 verschiedene Gruppen nach vorgegebenen Kategorien zugeordnet werden. Es wurden vier Gruppentypen unterschieden: Intimitätsgruppen (Familie,Freunde,Partner) von Aufgabengruppen(Projektgruppen im Arbeitsumfeld, Gremien), sozialen Gruppen (Frauen, Professoren u.a.m) und einer Restkategorie („lockere Verbände“), z.b. Warteschlangen. Die Kategorien unterschieden sich durch Dauer der Gruppe, Intimität, Größe, Ähnlichkeit der Mitglieder.Auch hinsichtlich der Dimension Entitativität (wohl von Entität abgeleitet.W.J.) im Sinne einer guten Gestalt unterscheiden sich die 4 Gruppen: gemeinsames Schicksal, Ähnlichkeit in Aussehen und Verhalten und Nähe/Distanz der Gruppenmitglieder zueinander. Gruppeneigenschaften können aber auch in eine Art „natürlichen Essentialismus“ übergehen und eine Eigendynamik entwickeln wie „endgültige“ Meinungen über „die“ Italiener, „die“ Beamten, „die Fußballfans“. Implizite Theorien lassen sich auch danach unterscheiden, ob die Eigenschaften einer Gruppe als angeboren oder erworben angesehen werden und dementsprechend werden situative und historische Kontexte als verhaltensbeeinflussend angesehen oder ausgeblendet. (Das verbot der Kreditvergabe und Zinserhebung durch Christen förderte andere Bevölkerungsgruppen was sich dann – als deren „Wesenseigenschaft“ – gegen diese kehrte.)

Eine empirische Untersuchung, vom Autor dargestellt, bestätigte den Zusammenhang von wahrgenommener Entitativität, Stereotypenbildung und einer Impliziten Theorie über Gruppen

Vorurteile

Der Beitrag von Andreas Beelmann und Clara Neudecker widmet sich entwicklungspsychologischen Grundlagen für die Entstehung von Vorurteilen.

Schon bei fünfjährigen lassen sich soziale Kategorisierungsprozesse und unterschiedliche Bewertungen der Eigengruppe und sozialen Fremdgruppen nachweisen, z.B. im Kontaktverhalten zu Kindern anderer Hautfarbe, in dem sie ihnen negative Eigenschaften zuweisen oder sie als Spielkameraden abweisen.Diese negativen Einstellungen steigen bis zum 8. Lebensjahr/frühes Vorschulalter an, werden dann schwächer, wenn Kontakt zu Fremdgruppen möglich und intensiver wird.

Drei Erklärungsansätze zur Entwicklung von Vorurteilsentwicklung werden herangezogen: Ergebnis von Lernprozessen, Entwicklung von kognitiven und sozial-kognitiven Fertigkeiten, Resultat motivationaler Prozesse bei der Identitätsentwicklung.

Kindern übernehmen zwar Vorurteile von Eltern und anderen, jedoch ist deren Einfluss eher moderat. Festzuhalten ist dass Kinder die Sichtweise anderer nicht unbesehen übernehmen, jedoch empfänglich für die semantisch-negative Konnotation sind. So äußerten 89 % von 6-jährigen negative Einstellungen gegenüber einer Fremdgruppe, aber nur 66 % konnten Mitglieder der Fremdgruppe anhand ihres Aussehens auch identifizieren.

Kognitive und sozial-kognitive Ansätze betrachten die Vorurteilsentwicklung unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der Kategorisierungsentwicklung beim heranwachsenden. Soziale Kategorisierung wird unter dem Gesichtspunkt der Strukturierung der Wirklichkeit gesehen, wo zunächst äußere Merkmale relevant sind, abweichende Merkmale je nach deren Häufigkeit eine Rolle spielen (Ein einzelner Schüler mit abweichender Hautfarbe ist prominenter als ein ganzes drittel einer Klasse, zwei Mädchen in einer Jungenschule auffallender als eine ganze Mädchenklasse).

Vorurteilsentwicklung findet statt, wenn die Klassifikationen positiv oder negativ bewertet werden und essentielle Unterschiede damit begründet werden („Mädchen“ können keine Mathematik). Ein sozial-integrativer Ansatz geht davon aus, dass soziale Beurteilungen vor Bewertungskontexten stattfindet: moralisch (gut/böse,wahr/falsch), sozial-konventionell (was man tut) oder persönlich-individuell (was ich mag). Im Verlauf von Kindheit und Jugend verschieben sich die Gewichte dieser Domänen und demzufolge auch Fremdgruppenbewertungen.

Motivationale Ansätze betrachten die Entwicklung einer positiven sozialen Identität, eines positiven Selbstwertgefühls. Damit anderen der positive Selbstwert abgesprochen werde, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: die Identifikation mit der Eigengruppe muss stark sein, die negativen Beurteilungen der Fremdgruppe in der Eigengruppe normativ sein und die Fremdgruppe als Bedrohung wahrgenommen werden.

Vorurteile entwickeln sich im Alter von drei bis vier Jahren durch die Verknüpfung von positiven oder negativen Bewertungen zu Fremdgruppenbezeichnungen. „Im weiteren Entwicklungsverlauf werden sich Kinder ihrer eigenen Gruppenzugehörigkeit zunehmend bewusst und bewerten Mitglieder ihrer eigenen Gruppe positiver als Mitglieder einer sozialen Fremdgruppe, um einen positiven Selbstwert zu erlangen. Im späten Grundschulalter sind die kognitiven und sozial-kognitiven Fähigkeiten dann soweit entwickelt, dass Kontakte zu Fremdgruppenmitgliedern genutzt werden können, um differenziertere Beurteilungen und komplexere soziale Kategorien zu entwickeln.“(S. 116)

Dieser idealtypischen positiven Entwicklung stehen allerdings etliche Einflüsse entgegen, die wie folgt gebündelt werden können:

Individuelle Risikofaktoren sind geringe multiple Klassifikationsfähigkeiten, schwach ausgeprägte Fähigkeit zur Perspektivenübernahme,ein geringes Selbstwertgefühl, das durch die Abwertung anderer und starke Bindung an die Eigengruppe kompensiert werden kann. Werden soziale Unterschiede stark befürwortet und Macht und Erfolg überbewertet,trägt auch das zur Fremdgruppenabwertung bei.

Soziale Risikofaktoren sind in historisch erster Linie die Eltern und Erzieher, z.B. ein autoritärer Führungs- und Erziehungsstil, jedoch wirken Geschlecht und Interaktionsstil des Elternpaares dem entgegen. Gleichaltrige gewinnen ab bestimmten Alter Vorurteilsbildungen, auch in Abhängigkeit von der Selbstdefinition der Gruppe (ethnische Exklusivität z.B. oder Heterosexualität als konstituierendes Merkmal der Gruppe – nicht immer explizit sondern auch als „heimlicher Lehrplan“).

Gesellschaftliche Risikofaktoren sind mit Bedrohungsgefühl einhergehende gesellschaftliche Konflikte, fehlende Kontaktmöglichkeiten oder konflikthafte Kontakte zu Fremdgruppen oder auch soziale Normen, die Kontakte unterbinden (mit Ungläubigen spricht man nicht).

Implikationen für entwicklungsorientierte Prävention

Was nun trägt zum Abbau von Vorurteilen oder zur Vermeidung der Entstehung solcher bei?

Beelmann und Neudecker schlagen vor:

  • explizite negative Zuschreibungen vermeiden („Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“)
  • überflüssige soziale Kategorisierungen vermeiden: wenn soziale Gruppengrenzen nicht situativ relevant sind, sollte man sie nicht einführen
  • positive Einstellungen kommunizieren.(„Manuel hat schon richtig gut deutsch gelernt.“)
  • Unerwünschtheit von Vorurteilen kommunizieren. (“Es stimmt nicht, dass Italiener immer nur Spagetti essen.“)
  • Gleichheitswerte vermitteln.
  • verzerrtes Bedrohungsempfindungen abbauen. Kinder sollten altersangemessen informiert werden, z.B. durch Kindernachrichtensendungen
  • Selbstwert von Kindern und Jugendlichen stärken. Kinder und Jugendliche müssen positive Erfahrungen sammeln in Form von Bestätigung, Zugehörigkeitsgefühl und soziale Identität weit ab von ethnischer Zugehörigkeit.
  • Kontaktmöglichkeiten schaffen. Viele Untersuchungen zeigen, dass Kontakte auf Augenhöhe der reinen Informationsvermittlung weit überlegen sind und der Abbau von Vorurteilen länger anhält.

Soziale Diskriminierung

Lars-Eric Petersen und Nancy Tandler geben in dem Aufsatz „Vorurteile und Diskriminierung“ einen historischen Überblick über den Zusammenhang von Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten um dann auf die neueren Theorien einzugehen, die einen Zusammenhang abbilden.

Die Untersuchung des Soziologen Richard LaPiere im Jahre 1934 erbrachte den überraschenden Befund, dass es wohl keinen Zusammenhang zwischen geäußerten Vorurteilen und einem daraus abgeleiteten Verhalten gebe. Er befragte nach einer Reise zu 250 Hotels mit einem chinesischen Ehepaar, bei der nur ein einziges Haus die Übernachtung verweigerte, die Hotels schriftlich, ob sie chinesische Besucher akzeptieren würden und erhielt zu seiner Überraschung lauter Absagen, 90 % davon eindeutig, nur eine eindeutige Zusage. LaPiere schlussfolgerte, dass Vorurteile und tatsächliches Verhalten in keinem nennenswerten Zusammenhang stehen.

Seine Untersuchung wies jedoch noch methodische Mängel auf: so schrieb er die Briefe an die jeweilige Direktion, die wahrscheinlich nicht an der Rezeption gestanden hatten, als er mit dem Ehepaar eincheckte. Methodisch einwandfreiere Untersuchungen in der Folgezeit untersuchten den Zusammenhang von Konformität, wenn Menschen anderer Hautfarbe in der Gruppe waren, von sozialen Aktivitäten mit Mitgliedern der Fremdgruppe, von der Bereitschaft, sich mit Fremdgruppenmitgliedern fotografieren zu lassen u.a.m. Eine Metaanalyse von 60 Untersuchungssituationen ergab einen größeren Zusammenhang zwischen Vorurteilen und Verhaltensintention als zwischen Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten. D.h. wurden Menschen nach möglichem Verhalten gefragt, äußerten sie sich offener diskriminierend als sie es denn in der konkreten Situation waren. Offensichtlich gibt es da auch noch bremsende Einflüsse, bis sich Vorurteile manifestieren.

Vermittelnde Variable können möglicherweise die wahrgenommene Bedrohung durch die Fremdgruppe und die Einschränkung des Gerechtigkeitsempfindens auf Eigengruppenmitglieder sein: wird das Gerechtigkeitsempfinden auf die Eigengruppe beschränkt, so begünstigt dies diskriminierendes Verhalten.

Vorurteile sind nicht immer gleich als solche erkennbar. Ein weiterer differenzierender Ansatz unterscheidet zwischen offenen Vorurteilen und subtilen Vorurteilen.

Offene Vorurteile gehen mit negativen Gefühlen einher und gehen davon aus, dass die Fremdgruppe eine Gefahr für die Eigengruppe darstellt, der Eigengruppe unterlegen ist, der Kontakt vermieden werden muss und die Fremdgruppe so wenig Macht und Rechte wie möglich haben sollte.

Subtile Vorurteile verteidigen traditionelle Werte und unterstellen der Fremdgruppe, dass sich diese nicht konform verhält, betonen die kulturellen Unterschiede und daraus folgenden Differenzen zwischen Eigen- und Fremdgruppe und lassen schließlich jede positive Emotion für Mitglieder der Fremdgruppe vermissen. Eine Untersuchung, bei der die Teilnehmer in Personen mit offenen Vorurteilen, subtilen Vorurteilen und vorurteilsfreie eingeteilt wurden, bestätigte, dass der Einbezug der Variable „Qualität der Vorurteile“ differenziertere Analysen liefert.

Prävention und Intervention

Über „Interventionen zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit körperlichen Behinderungen“ berichtet Barbara Krahe.

Geschlecht und Hautfarbe dominieren sowohl die Zielgruppen vorurteilshafter Einstellungen als auch die Objekte diskriminierenden Verhaltens. Übersehen wird dabei eine ebenfalls zahlenmäßig nicht geringe Bevölkerungsgruppe; die der Menschen mit körperlicher Behinderung. 9,4 % in der BRD, das sind 7,8 Mio. Menschen, die keinesfalls alle inkludiert sind und entspricht etwa der Einwohnerzahl Niedersachsens.

Im folgenden wird die Gruppe der Körperbehinderten als „Fremdgruppe“ gefasst, auf die sich Untersuchungen etc. zu Vorurteilen etc. beziehen. Körperliche Behinderung umfasst Schädigungen des Stütz- und Bewegungsapparates und innere und äußere Schädigungen des Körpers und seiner Organe. Wir differenzieren (1) Schädigung, der Verlust bzw. die Beeinträchtigung körperlicher Funktionen von (2) Fähigkeitsstörungen, i.e. die resultierende Einschränkung, alltägliche Fähigkeiten zu verrichten, von (3) Beeinträchtigungen, das sind die Reduzierungen der gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten, resultierend aus den körperlichen Einschränkungen. Diese Komponenten treten unabhängig voneinander einzeln oder im Verbund auf. Ein Diabetiker ist zwar geschädigt, aber nicht in der Partizipation eingeschränkt, während ein Gesichtsverletzter vom chirurgischen her optimal versorgt wurde aber in seiner alltäglichen Partizipation doch sehr gehindert sein kann.

Negative Haltungen und Gefühle der Ambivalenz gegenüber Menschen mit Behinderung sind nichtsdestotrotz weit verbreitet. Seit der Devise der Griechen schön ist auch gut wird gutaussehenden Menschen auch hohe charakterliche Eignung unterstellt und Behinderung mit Unglück und Unzufriedenheit assoziiert, behinderten Menschen wird unterstellt, sie wollten am liebsten nicht-behindert sein. Ein zufriedenstellendes Leben mit Behinderung und Glück in Beziehungen und Beruf scheint nur allzu ferne.

Generell sind Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung stärker ausgeprägt als gegenüber körperlich behinderten Menschen und bei letzteren variiert das Maß der negativen Stereotypien mit dem Maß der Abweichung bzw. Ausprägung der Behinderung.

Negative Einstellungen treten schon im Kindesalter auf, Behinderung wird recht schnell zu einem Kategorisierungsmerkmal und schon Grundschulkinder favorisieren nicht-behinderte Spielkameraden, schon hier soziokulturelle Konditionierungsprozesse.

Während Rassismus und Sexismus nicht ohne eine feindselige Haltung zustande kommen, beruhen die Vorurteile gegenüber behinderten Menschen stärker auf Gefühlen der Unsicherheit und der Ambivalenz sowie falschen Vorstellungen darüber, was die Behinderung mit den Menschen mit Behinderung macht. Wie fühlt sich die Behinderung eigentlich „von innen“ an? Daraus ließe sich ableiten, dass Wissensvermittlung und Information die negative Haltung verringern könnten. Versuche mittels kognitiver Interventionen Abhilfe zu schaffen, blieben im Ergebnis uneindeutig, die Wirkung des direkten Kontaktes war hingegen eindeutiger. Jedoch war die Ergebnislage bei einer Metaanalyse weiterhin unbefriedigend, am besten schnitten Untersuchungen ab, die einen längeren Kontakt Behinderter und Nicht-Behinderter herstellten und das Ergebnis mit Probanden verglichen, die nur „über den Kopf“ beeinflusst wurden.

Die Autoren referieren ausführlich eine Studie, an der 70 Schülerinnen und Schüler der 9.Klasse einer Gesamtschule teilnahmen. Es wurden jeweils Basiseinstellungen, Einstellungen nach der Intervention und Drei-Monate-danach-Einstellungen erhoben. Die Intervention waren Kognitive Intervention ( strukturierte Wissensvermittlung), Kognitive Intervention und Kontakt (hier trafen die Schüler:innen mit Teilnehmer:innen vom Behinderten-Sport zusammen (Blinde, Sehbehinderte und Rollstuhlbasketballerinnen) und nach einer Kennenlern-Phase wurden gemeinsame Spielsequenzen durchgeführt. Einzig die Gruppe Kognitive Intervention plus Kontakt zeigte sowohl nach der Intervention als auch nach drei Monaten deutlich geringere Vorurteilsausprägung. Schon kurze aber durchdachte Interventionen die eine Fremden-Erfahrung ermöglichen, wirken sich nachhaltig auf die Reduktion der Vorurteilsausprägung aus.

Diskussion

So wie die hier vorgestellten Kapitel zeichnen sich auch die anderen durch eine ausführliche Darstellung der zugrunde liegenden theoretischen Annahmen, der Einordnung in einen wenn vorhanden umfassenderen Zusammenhang und dem Nachweis von empirischen Belegen aus, bevor dann eventuelle Schwachpunkte und/oder Gegenargumente vorgetragen werden. Die Abrundung bildet dann immer eine empirische Untersuchung (viele Erhebungen mittels Fragebogen), die das vorherige vorstellbarer macht. Methodische Fragen bilden nicht den Schwerpunkt der Aufsätze, hier wäre bei der nächsten Auflage nachzubessern, da durch die häufige Verwendung von Fragebögen eben doch stark auf virtuelle Aktionen/​Reaktionen abgehoben wird. Andererseits lassen sich manche Konzepte zugegebenermaßen nur schwerlich durch Verhaltensbeobachtungen verifizieren oder falsifizieren. Die Anzahl der Beiträge und die Breite des Forschungsfeldes machen deutlich, dass sich Sozialpsychologen in breiter Front auch alltagspraktischer Themen annehmen und dazu fundierte Untersuchungen liefern, deren Ergebnisse sich anzueignen lohnt.

Fazit

Der Stand der empirischen Sozialpsychologie im Bereich Soziale Einstellungen, ihr Erwerb und Wirkweise sowie die Dynamik ihrer Veränderungen bezogen auf die Bereiche Stereotype, Vorurteile, soziale Diskriminierung und schließlich Prävention und Intervention wird in 35 Beiträgen aufgeblättert. Deutlich werden theoretische Überlegungen, empirische Überprüfungsmöglichkeiten und Ergebnisse der Forschung auch zu ausgewählten Bereichen öffentlicher Diskussion wie Rassismus, Sexismus, Altersvorurteile, Stigmatisierung. Darüber hinaus werden entwicklungspsychologische Erkenntnisse und Präventionsmöglichkeiten in zufriedenstellender Ausführlichkeit so dargestellt, dass weitere eigene Vertiefung durch den Leser angeregt und durch die ausführlichen Literaturbelege auch möglich wird. Wer den Stand der Forschung in dem angezeigten Bereich wissen möchte, ist mit diesem Band gut bedient.


Rezension von
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 10.08.2020 zu: Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-621-28422-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26932.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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