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Franz Will: Mini-Handbuch Emotionen in Teamkonflikten

Cover Franz Will: Mini-Handbuch Emotionen in Teamkonflikten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 211 Seiten. ISBN 978-3-407-36718-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema

Emotionen in der Teamarbeit – darüber können viele Menschen lange und z.T. auch leidvolle Geschichten erzählen. Arbeit ist in der Regel auf ein Ergebnis gerichtet, im Arbeitsprozess sind neben der Sachebene aber immer auch die Beziehungs- und die Gefühlsebene beteiligt. Für jede Person bedeutet das berufliche Tun etwas Spezifisches. Zwischen Job-Mentalität und Arbeit als Erfüllung einer Berufung finden sich große Unterschiede hinsichtlich der Identifikation mit der Arbeit. Daneben bringt jede Person seine bzw. ihre Bedürfnisse, Persönlichkeit und Erfahrungen ein. Teamarbeit findet – wie alle Gruppenprozesse – immer in den Spannungsfeldern zwischen Nähe vs. Distanz und Dauer vs. Wechsel statt (Riemann/​Thomann Modell; s. Stahl 2017). Personen lassen sich hinsichtlich ihrer eigenen Wünsche und Vorlieben zwischen diesen Polen einordnen.

Soziale Konflikte liegen in Teams oft in den unterschiedlichen Persönlichkeiten, den verschiedenen beruflichen Erfahrungen, dem professionellen Selbstverständnis, den jeweiligen Arbeitsaufgaben, sowie den jeweiligen Funktionen der einzelnen Teammitglieder begründet. Dabei werden Konflikte häufig als hinderlich und überflüssig angesehen. In einer konstruktiven Bearbeitung von Teamkonflikten besteht andererseits eine Chance der Klärung von Positionen und dem Finden von produktiven Lösungsansätzen (s. Knapp 2012).

Beide angesprochene Themen bringt der Praxisratgeber von Franz Will zusammen. Der Autor will beim Verstehen, in der Analyse und bei der Suche nach Handlungsstrategien im Umgang mit Konflikten unterstützen.

Entstehungshintergrund und Autor

Franz Will – Supervisor, Coach und freiberuflich tätiger Trainer – stellt seine Erfahrungen zur Verfügung, um Teammitgliedern, -leitungen und Teamtrainer*innen zu befähigen Emotionen in der Teamarbeit konstruktiv zur Steigerung der Zufriedenheit, der Leistung und der Qualität zu nutzen. Er illustriert anhand von Fallbeispielen und Alltagsbeobachtungen die Möglichkeiten der Konfliktentstehung, -analyse, des Umgangs mit der Situation und der Lösungsfindung bei Teamkonflikten.

Es ist das zweite Buch von Franz Will zum Themenbereich der Teamkonflikte. Der Autor sieht auf Grundlage seiner Praxis insbesondere zwei Mitarbeitertypen: die Teamflüchter und die Teamsucher. Diese Nähe-Distanz-Thematik ist für ihn eine Grundfrage, in der sich Mitarbeitende positionieren. Wie alle Typologien fasziniert diese Unterteilung, da sie ein leichteres Verstehen von komplexen Teamprozessen anbietet. Mit seiner praxisnahen Betrachtung und konkreten Beschreibung der Charakteristika, Bedürfnisse und Verhaltensweisen liefert Franz Will den Leser*innen eine Systematik für das Verstehen des Teamgeschehens.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwölf Teilkapiteln. Im Inhaltsverzeichnis wirken die Überschriften – manchmal als Fragen, manchmal in Zitatform, manchmal als Zielbeschreibung formuliert – etwas unübersichtlich. Auch wünschte ich mir Erläuterungen zum Aufbau und zu den Inhalten im Buch, eine Hilfestellung zum schnellen Finden von Themen.

Nach dem Vorwort, in dem der Autor die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des agilen Managements sucht und neue Herausforderungen für die Teamarbeit und -führung aufzeigt, liefert Franz Will im nächsten Kapitel Antworten auf insgesamt 19 Fragen im Umfeld von Emotionen in der Teamarbeit und zum Emotionsmanagement. Diese Kurzform von Quintessenzen hilft den Leser*innen zum schnellen Einstieg bzw. Überblick. Ich wünschte mir diese jedoch kommentiert (Woher kommen die Fragen und wo sind sie in den folgenden Kapiteln des Buches wiederzufinden?), besser systematisiert in ihrer Abfolge und manchmal auch ausführlicher in der Beantwortung (z.B. werden die Fragen: Was ist überhaupt ein Team? [S. 15] und „Woran erkenne ich ein gutes Arbeitsverhältnis?“ [S. 16.] jeweils in einem Dreizeiler beantwortet).

Das folgende Kapitel wendet sich der Frage der Teamdynamik und der Rolle von Emotionen in den Teamprozessen zu. Hier stellt der Autor auf der Basis von Nähe und Distanz die beiden Mitarbeitertypen vor. Eine tabellarische Übersicht der beiden Typen mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Umgangsformen mit verschiedenen Situationen in der Teamarbeit erleichtert den Vergleich. Es folgen Ausführungen zum Thema Arbeitszufriedenheit, zum Sinn in der Arbeit und zur Angst im Job, jeweils emotional besetzte Fragen der Arbeitsbeziehung.

Bei seinem Vergleich von Frauen- und Männerteams sucht Franz Will eine Unterscheidung in den geschlechtsspezifischen Umgangsformen mit Emotionen in der Arbeit und mögliche Vor- und Nachteile von einer stark emotionalen Besetzung von Teamprozessen („Teamfeuer“, S. 47). Als Beleg für diese Geschlechterzuordnung verweist der Autor auf seine Erfahrungen in Trainings.

Im nächsten Kapitel geht es um die Ursachenanalyse von Leid und Ärger in der Teamarbeit, wobei persönliche Anteile (z.B. eigenes Statusdenken, eigene Grenzen nicht beachten) und die Rahmenbedingungen (z.B. unrealistische Arbeitsvorgaben, inkompetente Führungskräfte) angesprochen werden.

Mit dem folgenden Kapitel läd Franz Will auf die kommunikative Ebene ein und will unter der Überschrift „Kritik ohne Angriff“ Handlungsempfehlungen für einen konstruktiven Umgang mit Kritik geben und stellt kurz seinen aus fünf Schritten bestehenden Gesprächsablauf vor.

In den beiden – mit insgesamt 50 Seiten umfangreichen – nächsten Kapiteln werden Teamflüchter und Teamsucher als Haltungen in der Teamarbeit beschrieben. Dies illustriert der Autor anhand von Fallbeispielen und markanten Typisierungen (z.B. der Rolltreppenblockierer, der Spezialist, der Minimalist). Es werden Empfehlungen für Teamtrainer*innen eingefügt wie die jeweiligen Problemkonstellationen (z.B. Team auf Distanz) bearbeitet werden können. Hier wendet der Autor auch sein Gesprächsprinzip „Kritik ohne Angriff“ an. Bei Teams, die von Teamsucher*innen geprägt sind, kommt die Analogie zu familiären Prozessen und typische Konstellationen (z.B. Konfliktvermeidung, Rebellion und Taktlosigkeit) hinzu.

Im Kapitel mit der Überschrift „Emotionale Teambremsen“ geht es Franz Will darum weitere Strategien offenzulegen, die die Teamarbeit negativ beeinflussen. Dem schließt sich ein Kapitel an, in dem der Autor mögliche Lösungsstrategien für Teamtrainer*innen anhand von Fallbeispielen erläutert. Dabei stellt er unterschiedliche emotional-kommunikative Problemkonstellationen (z.B. Tribunale, Kündigungsandrohung, Überrumplung, Opferhaltung und Überarbeitung) mit ihren möglichen Eskalationsverläufen vor.

Es folgt nun in einem längeren Kapitel (40 Seiten) die Betrachtung der Managementaufgaben der Leitung, die der Autor im Spannungsfeld von Aufgabenerledigung und Emotionsmanagement verortet. Im Reflektieren der gegenseitigen Erwartungen von Mitarbeiter*innen und Leitung führt Franz Will seine Analyse weiter und erörtert verschiedene Glaubenssätze innerhalb der Leitungsphilosophie hinsichtlich ihres Einflusses auf das Verhalten der Leitungsperson und der Teammitglieder. Die Betrachtungen integriert auch das Austauschverhältnis zwischen Mitarbeiter*innen und Leitung. Der Autor argumentiert plausibel, gut nachvollziehbar und veranschaulicht verschiedene Aspekte der Dreiecksbeziehung von Leitung, stellvertretender Leitung und Mitarbeiter*innen eines Teams. Hier finden sich zahlreiche Praxistipps für die Leitungsverantwortlichen und Teamtrainer*innen.

Das letzte inhaltliche Kapitel geht auf Fragen von Mobbing ein. Der Begriff wird erklärt und in seiner Dichotomie von Täter und Opfer kritisch reflektiert. Franz Will erläutert Ursachen und analysiert diese anhand eines Fallbeispiels, indem er Fehler im Verhalten und Denken sowohl der Personen, die sich ausgegrenzt fühlen, wie auch bei den Mitarbeitenden, die ausgrenzen, aufzeigt. Praxisorientiert gibt der Autor nun Tipps für die Betroffenen und Empfehlungen für die konstruktive Aussprache, Leitungspersonen zur Mitwirkung und Hinweise zur Neutralität von Trainer*innen.

Mit der folgenden „Checkliste für die Teamdiagnose“ will Franz Will bei der Ursachensuche eine Systematisierungshilfe und Arbeitshilfen für deren Aufarbeitung liefern. Die Bezeichnung ist m.E. jedoch missverständlich, da es weniger ein üblicher Prüffragebogen ist, sondern nochmals zentrale Problembereiche der Zusammenarbeit im Team angesprochen werden. Interessant ist m.E. die Metapher der Fieberthermometer-Pinnwand, die mit den an der Team-Pinwand befindlichen Statements Einblicke in die Befindlichkeit von Mitarbeitenden geben. Auch hier werden abschließend Handlungsempfehlungen für Teamtrainer*innen und Führungskräfte gegeben.

Im Nachwort seines Praxisratgebers spricht der Autor Teammitglieder hinsichtlich ihrer Mitverantwortung für Teamprozesse an, ermutigt sie zur aktiven Gestaltung und Weiterentwicklung ihres Teamlebens.

Zielgruppen

Mit seinem Buch will Franz Will Trainer, Coaches und Teamleiter*innen erreichen und diesen Empfehlungen und Tipps für ein effektives Emotionsmanagement geben. Bei den Trainern und Coaches ist das Buch insbesondere für junge Kolleg*innen interessant, die zwar viel theoretisches und allgemeines Methodenwissen aber noch wenig Erfahrungen mit Arbeitsteams haben und sich durch Praxiserfahrungen anregen lassen wollen.

Auch können Teammitglieder profitieren, die nach einem vertiefenden Verständnis ihrer Teamsituation suchen. Hier gibt das Buch bei der Analyse von Nähe vs. Distanz im Teamgeschehen Tipps und wertvolle Denkanstöße.

Diskussion

Der Praxisratgeber von Franz Will basiert auf seiner langjährigen Erfahrung als Supervisor, Coach und Trainer. Sein Ziel ist es Teammitglieder und -leitungen zu befähigen Emotionen in der Teamarbeit besser zu verstehen, ihre Entwicklungsdynamik zu ergründen und konstruktiv zur Steigerung der Zufriedenheit, der Leistung und der Qualität zu nutzen. Der Autor illustriert dies anhand von Fallbeispielen und Alltagsanalogien und leitet daraus Regeln für den Umgang mit Emotionen in der Teamarbeit ab. Sein Hauptthema ist die Nähe und Distanz als zwei Pole mit ihren Vor- und Nachteilen für den Teamalltag.

Es ist ein sehr persönliches Buch, in dem der Autor den Leser*innen seine Ansichten des Wesens von Teamprozessen anhand von Praxisbeispielen, Typologien und mit Hilfe von Bildern zur Verfügung stellt. Das Buch lässt einige allgemeine Standards (z.B. Beschreibung des Aufbaus des Buches, Hinführung und Erläuterung der Inhalte und Ziele einzelner Kapitel, Empfehlung weiterführender Literatur bzw. Internetquellen) unberücksichtigt. Auch finden sich keine offenen Fragen (in Bezug auf die gebrauchten Typologien von Mitarbeiter*innen), Hinweise auf weitergehenden Forschungsbedarf und die Reflexion von weiteren Teamthemen.

Die Publikation kommt ohne weiterführende Literatur aus, bietet keine Quellenhinweise und kritische Reflexion bzw. Auseinandersetzung der Thesen des Autors mit anderen Positionen in der Teamliteratur (vgl. z.B. Busch und von der Oelsnitz 2018, S. 204 ff.). Insofern ist der Praxisratgeber für das Studium im Bereich Sozial- und Wirtschaftswesen nicht zu empfehlen.

Fazit

Das Buch von Franz Will greift ein interessantes Thema auf. Es reflektiert das Spannungsfeld von Teamarbeit zwischen Aufgabenerledigung und psycho-emotionalen Bedürfnissen der Mitarbeitenden. Für den Autor ist die Ausprägung des Nähe- bzw. Distanzbedürfnis von Mitarbeitenden in der Teamarbeit ein zentrales Merkmal. In seiner Systematik und auf der Basis von Fallschilderungen liefert das Buch interessierten Kolleg*innen Denkanstöße für die Konsequenzen beider Grundhaltungen (vom Autor als Teamflüchter und Teamsucher bezeichnet), für eine vertiefte Betrachtung ihrer Arbeitssituation und für eine konstruktive Gestaltung der Teamarbeit.

Empfehlungen für Teamtrainer*innen und Teamleiter*innen bringt Franz Will durchgängig in jedem Kapitel ein. Eine konkrete Anleitung zur Gestaltung von Teamtrainings und für das Führungsverhalten in Teams liefert das Buch jedoch nur punktuell. Prägnanter wirken auf mich die Hinweise und Tipps welche möglichen Fehler im Umgang mit Emotionen es zu vermeiden gilt und von welchen Ideen sich die jeweiligen Fachkräfte leiten lassen sollten.

Durch die Arbeit mit der verwendeten Typologie bekommen einige Beschreibungen eine sprachlich prägnante Form. Es wäre zu empfehlen die zentralen Argumente im Buch zur Vertiefung in einen größeren fachlichen Zusammenhang einzuordnen. In der so vorgelegten Publikationsform stehen die Beschreibungen und Thesen zu Emotionen in der Teamarbeit immer in der Gefahr zu simplifizieren. Dieser Gefahr sollte m.E. auch in einem Format als „Mini-Handbuch“ vorgebeugt werden.

Literatur:

Busch, M., und von der Oelsnitz, D. (2018). Teammanagement. Grundlagen erfolgreichen Zusammenarbeitens. Stuttgart: Kohlhammer.

Knapp, P. (2012). Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen. Bonn: managerSeminare.

Stahl, E. (2017). Dynamik in Gruppen. 4. Aufl. Weinheim: Beltz.


Rezension von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 26.08.2020 zu: Franz Will: Mini-Handbuch Emotionen in Teamkonflikten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-407-36718-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26933.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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