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Elena Frense: Partizipativer Jugendmedienschutz

Cover Elena Frense: Partizipativer Jugendmedienschutz. Anforderungen an einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz aus Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2020. 136 Seiten. ISBN 978-3-95414-152-4. D: 28,90 EUR, A: 29,80 EUR.

Reihe: Childhood Studies and Children's Rights.
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Thema

Bei dem Buch handelt es sich um eine Masterarbeit, die sich mit dem Kinder- und Jugendmedienschutz in Deutschland befasst. Es geht um die Nutzung digitaler Medien. Im Unterschied zu den bekannten Veröffentlichungen zu diesem Thema erfolgt die vorliegende Untersuchung aber nicht aus dem Blickwinkel der Erwachsenen, die beurteilen, wovor und wie Kinder und Jugendliche geschützt werden sollen. Der Autorin ist es vielmehr wichtig die Perspektive der Betroffenen selbst, also der Kinder und Jugendlichen einfließen zu lassen. Und so bildet die entscheidende Grundlage für die Ausführungen die Selbstreflexion des Medienumgangs und der daraus resultierenden Chancen und Gefahren für (?) die Kinder und Jugendlichen selbst. Die Autorin wählt hierfür einen qualitativ-partizipativen Forschungsansatz über Workshops und Gruppeninterviews mit Kindern und Jugendlichen. Sie gewinnt so Erkenntnisse über Online-Risiken aus deren Perspektive und leitet daraus Handlungsempfehlungen für einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz ab.

Autorin

Die Autorin, Elena Frense, hat mit der vorliegenden Arbeit ihr Masterstudium Childhood Studies and Children’s Rights im Sommer 2019 abgeschlossen. Anschließend begann sie mit Forschungen im Bereich Medienerziehung in der frühkindlichen Bildung. Zuvor hatte sie unter anderem Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Psychologie studiert.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil (S. 20 ff.) führt das Buch zunächst in die Thematik ein und beschreibt bestehende Online-Risiken sowie die Risikowahrnehmung aus der Perspektive der Heranwachsenden. Dabei spricht sie gestützt auf in der Literatur vertretene Ansichten an, dass die Wahrnehmung von Risiken durch soziale und kulturelle Normen bedingt seien und das seitens der Kinder keinesfalls davon auszugehen sei, dass diese den Wunsch nach unreguliertem Zugang zu sämtlichen Inhalten der Onlinemedien hätten. Anschließend wird der Jugendmedienschutz in Deutschland dargestellt (S. 26 ff.). Es wird zwischen regulatorischem Jugendmedienschutz, also gesetzlichen Regelungen, technischem Jugendmedienschutz wie etwa Altersverifikationssystemen oder Filterprogrammen und erzieherischem Jugendmedienschutz unterschieden. Die Ausführungen gelangen zu dem Ergebnis, dass der bestehende Jugendmedienschutz angesichts der Herausforderungen durch die Digitalisierung in einer zunehmend globalen Welt nicht mehr zeitgemäß sei (S. 32 f.).

Der zweite Teil des Buchs (S. 34 ff.) beschreibt den theoretischen Rahmen, d.h. die theoretischen Grundlagen und Konzepte, der der Untersuchung und weiteren Ausarbeitung zugrunde liegt. Dabei spricht sich die Autorin für eine aktive Beteiligung der Kinder bei der Gestaltung des Jugendmedienschutzes aus und folgt den entsprechenden theoretischen Ansätzen (Emanzipation, Agency, Partizipation und Evolving Capacities).

Der dritte Abschnitt der Arbeit (S. 42 ff.) beschreibt den empirischen Teil, nämlich das Forschungsdesign und die Methode der Untersuchung. Kinder und Jugendliche aus zwei Altersstufen (21 Schüler*Innen im Alter von 11–12 Jahren einer sechsten Klasse und 13 Schüler*Innen im Alter von 15–16 Jahren einer zehnten Klasse eines Gymnasiums) wurden in Workshops und Gruppendiskussionen aktiv in die Erarbeitung der Ergebnisse einbezogen. Spezielle Kriterien wurden bei der Auswahl der Kinder nicht zugrunde gelegt. Den Kindern wurde zu Beginn des Workshops erklärt, dass ein offener Austausch auf Augenhöhe erwünscht sei das jederzeitige Unbehagen ausdrücken können, weil sie sich mit einem Thema unwohl fühlen oder es vorziehen, nicht darüber zu sprechen.

Die Ergebnisse der Forschung werden im sechsten Teil (S. 54 ff.) vorgestellt. In Übersichten werden anbieterbezogene Risiken und kommunikationsbezogene Risiken aus Perspektive der befragten Kinder und Jugendlichen dargestellt. Die Inhalte selbst werden anhand vieler Zitate der mitwirkenden Schüler*Innen eingeordnet. Der Darstellung folgt eine Übersicht zu präventiven und kreativen Strategien im Umgang mit Online- Risiken: Es zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen Forderungen nach Autonomie und individueller Verantwortung bezüglich des Umgangs mit Risiken. Neben den Inhalten kommt aber auch der Umgebung, in dem der Umgang mit Online-Risiken stattfindet, Bedeutung zu. Dies betrifft zunächst den familiären Kontext und hier die Rolle der Eltern als eine zentrale soziale Instanz und die Geschwister, die offensichtlich eine Art Lehr- und Kontrollinstanz darstellen. Zudem kommt der Peergroup große Bedeutung zu. Sie kann einerseits oft durch Gruppenzwang zur Rezeption bestimmter, teils unerwünschter Inhalte animieren, auf der anderen Seite aber auch die Chance zu einer Kontrolle bei der Vorbeugung von Risiken und zur Reflexion und Verarbeitung verstörender Inhalte bieten.

Die in den Workshops sowie den Gruppendiskussionen gefundenen Handlungsempfehlungen für den Jugendmedienschutz aus Kinderperspektive werden sodann in die Dimensionen des regulatorischen, erzieherischen und technischen Jugendmedienschutzes kategorisiert und erläutert (S. 67 ff.). Im Bereich des regulatorischen Jugendmedienschutzes nimmt die Diskussion der Alterskennzeichnung einen breiten Raum ein. Dabei begrüßen die Kinder eine Alterskennzeichnung, allerdings haben sie eine andere Perspektive auf die Angemessenheit und deren Kriterien als Erwachsene. Kritisch wird auch das Verhalten der Influencer im Internet eingeordnet und ein Verhaltenskodex gefordert, der unter anderem Ehrlichkeit und Ausdruck der eigenen Meinung, die Transparenz über Werbeverträge und für die jeweilige Zielgruppe bezahlbare Merchandise-Produkte gewährleisten soll. Insgesamt hinterlegen die Kinder den Wunsch zu Partizipation bei Forschung bzw. Wissenschaft, aber auch hinsichtlich der politischen Prozesse im Zusammenhang mit dem Jugendmedienschutz. Auch im Bereich des technischen Jugendmedienschutzes haben die Kinder konkrete Vorstellungen hinsichtlich Filtersoftware und Jugendschutzprogrammen, Altersverifikationssystemen und Forderungen an die Anbieter sozialer Netzwerke, von Video-Plattformen sowie von Onlinespielen. Im Bereich des erzieherischen Jugendmedienschutzes befassen sich die Kinder mit eigenen Konzepten der Mediennutzung. Dabei werden sie unter anderem aufgefordert, selbst Regelungen für die Nutzung von digitalen Medien mit Kindern zu entwickeln und in diesem Zusammenhang einmal eigene Regeln mit ihren zukünftigen Kindern zu vereinbaren. In diesem Zusammenhang plädieren die Kinder und Jugendliche auch für eine Aufklärung der Eltern. Im Zusammenhang mit der Berücksichtigung der Evolving Capacities fällt auf, dass die Kinder die Gefahren des Internets für die jeweils jüngere Generation deutlich gefährliche deutlich höher einschätzen, als für sich selbst. Schließlich betonen die Kinder die Chancen für eine Digitalisierung für Kinder und Jugendliche. Sie regen speziell für Kinder konzipierte und kreierte Räume, die ausschließlich kindergerechte Inhalte enthalten an und beschreiben den Wunsch nach qualitativ hochwertigen Spielen mit Bildungsanspruch, die innerhalb des geschützten Online-Raums prominent platziert werden könnten.

Die Autorin fasst abschließend (S. 90 ff.) die wesentlichen Ergebnisse zusammen. Sie betont das von den Kindern selbst beschriebene Schutzbedürfnis, aber auch das von ihnen selbst entwickelte Spektrum an Strategien, um den aus den digitalen Medien resultierende Risiken zu begegnen. Die Autorin stellt allerdings auch selbstkritisch fest, dass eine noch stärkere Einbindung der Kinder als Co-Forscher*Innen in zukünftigen Studien sinnvoll sei. Zudem sei die Zusammensetzung der in der vorliegenden Forschung einbezogenen Studienteilnehmenden nicht repräsentativ für Kinder in Deutschland, da sich ausschließlich um Kinder eines Gymnasiums einer westdeutschen Kleinstadt handele, die größtenteils im sozialen Milieu der bürgerlichen Mitte zuzuordnen seien. Das Buch endet mit konkreten Vorschlägen (S. 94 ff.). Seitens der Politik solle im Rahmen des novellierten Jugendschutzgesetzes vermehrt ein Augenmerk auf kommunikationsbezogene Risiken (Interaktionsrisiken) gelegt werden. Zudem solle Medienerziehung integraler Bestandteil der Bildungspläne aller Bundesländer werden. Das Potenzial von Positive Content solle genutzt werden, in dem alters- bzw. entwicklungsgerechte, interessante und qualitativ hochwertige Inhalte für Kinder produziert werden. Ein Jugendmedienschutz müsse nahende Nutzung Realität von Kindern orientiert sein und zum anderen flexibel genug gestaltet sein, damit Kinder, die Maßnahmen als Orientierung verstehen, aber dennoch eigene Entscheidung treffen könnten. Kinder sollten in die Forschung sowie in die Ausgestaltung von Jugendmedienschutz-Maßnahmen eingebunden werden. In diesem Sinne verstehe sich die Arbeit als Grundlagenforschung, auf der zukünftige Studium der Kindheitsstudien und Kinderrechte, aber auch der Medienbildungsforschung aufbauen könnten.

Diskussion

Das Buch „Partizipativer Jugendmedienschutz“ von Elena Frense eröffnet einen erkenntnisreichen Blick auf die Risiken und Chancen der Digitalisierung für Kinder und Jugendliche aus deren Perspektive. Darin liegt der besondere Wert der Arbeit. Die Masterarbeit bleibt in der zunächst gegebenen Darstellung der Hintergründe und Rahmenbedingungen der Nutzung von Onlinemedien durch Kinder und Jugendliche knapp, aber nicht oberflächlich. Der Text bietet hier eine rasche Orientierung und ermöglicht aufgrund der Vielzahl der Zitate dem Interessierten eine vertiefte Einarbeitung anhand der dort genannten Quellen. Bei der Erörterung der theoretischen Grundlagen und Konzepte beschreibt die Autorin eine konsequente Linie zugunsten der Einbeziehung der Perspektive, aber vor allem auch der Meinungen, Wünsche und Erfahrungen der eigentlich Betroffenen, um die es geht, nämlich der Kinder und Jugendlichen. Auch hier bleiben die Ausführungen naturgemäß knapp, aber klar. Die Darstellung des Forschungsdesigns und der Methode erleichtern die spätere Einordnung der gefundenen Ergebnisse. Dabei ist die Autorin wohltuend selbstkritisch, wenn sie in der abschließenden Diskussion darauf hinweist, dass die Gruppenzusammensetzung sicherlich nicht repräsentativ ist. Dennoch sind die Ergebnisse hochinteressant und es zeigt sich insbesondere, welche Kompetenz bei den Kindern und Jugendlichen bereits vorhanden ist, um Risiken, die ihnen täglich begegnen, zu erkennen und zu beschreiben und konkrete Lösungsansätze zu finden. Dabei dürfte bei den Betroffenen für die selbst entwickelten Lösungsansätze eine deutlich höhere Akzeptanz bestehen als für regulierende Eingriffe von Erwachsenen. Spannend ist auch, dass die Betroffenen gerade keine grenzenlose Freiheit, sondern Schutz und kinderfreundliche Räume wünschen. Sie beschränken sich auch nicht darauf, Gefahren zu beschreiben, sondern sie formulieren Chancen, die in der Nutzung der digitalen Medien liegen, und daraus resultierende positive Potenziale, die durch einen richtig verstanden Jugendmedienschutz genutzt werden können. Darin, diese Perspektive in den Fokus zu rücken, liegt die Bedeutung der vorliegenden Arbeit. Sie beschreibt sich selbst als Grundlagenforschung und ordnet sich damit wohl zutreffend ein. Sie macht aber einmal mehr die unbedingte Notwendigkeit einer aktiven Einbeziehung der Kinder und Jugendliche bei der Gestaltung des Jugendmedienschutzes deutlich. Allerdings sollte dies geschehen, ohne die Kinder und Jugendliche zu überfordern.

Fazit

Das Buch enthält die Darstellung eines Forschungsprojekts unter Einbeziehung von zwei Schulklassen eines deutschen Gymnasiums. Dementsprechend kann und will es nicht repräsentativ sein. Als Masterarbeit kann es sich zudem nicht vertieft mit den wissenschaftlichen Grundlagen befassen. Dennoch lohnt die Lektüre. Dies gilt insbesondere für den zweiten Teil, der sich mit der Umsetzung des Projekts und den Ergebnissen befasst. Es werden interessante Perspektiven eröffnet und spannende und zielführende Handlungsempfehlungen durch die Kinder und Jugendlichen selbst entwickelt. Dieser Ansatz ist sehr zu begrüßen und kann bei zukünftigen Arbeiten im Bereich des Jugendmedienschutzes eine wertvolle Grundlage bieten. Jedem an der Thematik interessierten kann die Lektüre daher empfohlen werden, um die spezielle Perspektive besser kennen zu lernen und interessante Einblicke in die Sichtweise der – nicht repräsentativem – Kinder und Jugendlichen zu gewinnen.


Rezension von
Dr. Sabahat Gürbüz
Fachanwältin für Familienrecht, Privatdozentin
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Zitiervorschlag
Sabahat Gürbüz. Rezension vom 02.09.2020 zu: Elena Frense: Partizipativer Jugendmedienschutz. Anforderungen an einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz aus Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2020. ISBN 978-3-95414-152-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26936.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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