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Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit im Kapitalismus

Cover Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit im Kapitalismus. Gesellschaftstheoretische Verortungen – Professionspolitische Positionen – Politische Herausforderungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 424 Seiten. ISBN 978-3-7799-6313-4. 39,95 EUR.
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Thema

Es ist das Dilemma, dass sich die lokalen und globalen, gesellschaftspolitischen Entwicklungen janusköpfig vollziehen ( vgl. dazu: David Goeßmann/Fabian Scheidler, Der Kampf um globale Gerechtigkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26334.php ). Es ist die Erkenntnis, dass es im falschen Leben kein gutes, menschliches Dasein geben könne. Und es sind die Befürchtungen, dass es der Menschheit an der Fähigkeit mangele, eine menschenwürdige, gerechte, demokratische Existenz für alle Menschen auf der Erde zu ermöglichen ( Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Ein politischer Traktat, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26507.php ). Die Ursachen dieses Versagens sind (eigentlich) ziemlich klar zu erkennen und zu benennen: Kapitalismus als Form der Ausbeutung und der Kapital- und Machtanhäufung für die Kapitalisten, und die individuellen und gesellschaftlichen Benachteiligungen und Machtlosigkeiten für die Habenichtse. Trotzdem werden Markt und Macht als schier unüberwindliche und (scheinbar) selbstverständliche, naturwüchsige, „ökonomisch gegebene“ Strukturen angesehen ( siehe dazu auch: Heide Gerstenberger, Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22315.php ). Im Diskurs der wissenschaftlichen Kapitalismuskritik unterscheiden sich zwei grundlegende Perspektiven: Während die eine darauf setzt, dass sich die kapitalistischen Gesellschaften sich evolutionär hin zu mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit verändern, geht die andere davon aus, dass nur ein revolutionärer Wandel dies erreichen könne.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Mitten drin in dieser Bredouille befindet sich der zôon politikon, das menschliche, soziale Lebewesen, das im Alltag und in seiner gesellschaftlichen Existenz wissen sollte, dass alles, was geschieht, politisch ist. Jedes Individuum und jede menschliche Gemeinschaft trägt tagtäglich die Verantwortung für eine humane Gegenwart und Zukunft der Menschheit mit sich. Als Agenten und Motivatoren zur Bildung und Entwicklung eines solchen Bewusstseins gelten alle diejenigen, die ehrenamtlich und professionell gesellschaftspolitisch tätig sind. Neben den PädagogInnen sind das vor allem die SozialarbeiterInnen. Der Theologe und Sozialwissenschaftler von der Katholischen Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, Ralf Lutz, registriert eine „Sinnvergessenheit in der Professionalisierung“, indem er sich mit den unterschiedlichen, theoretischen Konzepten des sozialpädagogischen Handelns auseinandersetzt ( www.socialnet.de/rezensionen/​26075.php ).

An der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe haben sich am 9. und 10. November 2018 deutsche, österreichische und Schweizer ExpertInnen zu einer Tagung zusammengefunden, um über „die prinzipielle Öffnung und Erweiterung der Debatte über die Profession der Sozialen Arbeit und ihre Handlungsmöglichkeiten mit Blick auf die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft“ zu diskutieren. Der Erziehungswissenschaftler Hans-Uwe Otto gibt den Sammelband „Soziale Arbeit im Kapitalismus“ heraus.

Aufbau und Inhalt

Es sind die 26 Beiträge, die gewissermaßen als eine exemplarische Bestandsaufnahme der verfassten und institutionalisierten, kapitalistischen Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit der drei europäischen Länder gelesen werden können. Es geht also hier nicht in erster Linie um die theoretische Auseinandersetzung mit der Ideologie des Kapitalismus, dem Für und Wider der neoliberalen Verzwängungen, sondern darum, wie sich die „ökonomisch gegebenen“ Zustände auf das soziale Leben der Menschen auswirken und welchen sozialstaatlichen, kompensatorischen Herausforderungen dabei die Soziale Arbeit ausgesetzt ist: „Unzweifelhaft ist die Soziale Arbeit Teil der sozialstaatlichen kompensatorischen Leistungen, die im weitesten Sinne darauf abzielen, die Folgen der kapitalistischen Anwendung von Arbeit zu kompensieren und zu gewährleisten, dass trotz fehlenden (oder zu geringen, JS) Einkommens ein Überleben möglich ist“.

Der Tagungsband wird in vier Kapitel gegliedert:

  • Im ersten werden die Beiträge wiedergegeben, die sich mit „gesellschaftlichen Verortungen Sozialer Arbeit im Kapitalismus“ auseinandersetzen;
  • im zweiten werden „professionspolitische Positionen Sozialer Arbeit im Kapitalismus“ thematisiert;
  • im dritten stehen „politische Herausforderungen Sozialer Arbeit im Kapitalismus“ auf dem Programm;
  • und im vierten Kapitel formuliert Hans-Uwe Otto die Herausforderungen und Konsequenzen für eine kritische, professionelle Soziale Arbeit.

Die Referentinnen und Referenten gehen mit ihren Diskussionsbeiträgen sowohl auf konkrete, professionelle Erfahrungen ein; sie setzen sich aber auch auseinander mit „Grundsatzfragen des Zusammenhangs von kapitalistischer Produktionsweise und Sozialer Arbeit“. Der Sozialwissenschaftler Holger Ziegler von der Universität Bielefeld nimmt sich das Thema „Kapitalismus und Kapitalismuskritik“ vor, indem er auf die verschiedenen Formen der kapitalistischen Theorien und Systeme eingeht. Er stellt die Frage, ob und inwieweit „Soziale Arbeit als ein nicht-kapitalistisches Element“ gelten könne und solle. Der Erziehungswissenschaftler Fabian Kessl von der Bergischen Universität Wuppertal formuliert eine Gesellschaftsanalyse, wie „Soziale Arbeit in den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen“ wirkt. Er plädiert für eine „Sensibilisierung und Perspektivenerweiterung (hin) zu einer angemessenen Gesellschafts- und Gegenwartsanalyse“, in der die kapitalistischen Widersprüche „von ökonomischen, also kapitalistischen, und politischen, also demokratischen Prozessen“ bewusst werden. Der Soziologe von der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Albert Scherr, differenziert mit dem Beitrag „Gesellschaftstheorie und Kapitalismuskritik“ die historischen und lokal- und globalaktuellen Entwicklungen der kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensformen. Er verweist darauf, dass, in der professionellen Praxis der Sozialen Arbeit, eine Besinnung und Mitverwirklichung des Menschenrechts auf ein gutes, gelingendes Leben entscheidend ist. Es gehe darum, „die vermeintliche Übermächtigkeit und Alternativlosigkeit des Kapitalismus“ zurückzuweisen und Alternativen aufzuzeigen. „Der neoliberale Umbau des Wohlfahrtsstaates und die Transformation des Kapitalismus zwischen Krise und Rechtsruck“, das ist das Thema des Soziologen Roland Atzmüller von der Linzer Johannes-Kepler-Universität. In der Entwicklung erkennt er eine „Re-Nationalisierung der Sozialpolitik“. Es ist die „Employability der Marktteilnehmer“, die durch populistische, ethnozentristische und rassistische Politik gefordert und gefördert wird, und die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer einteilt. Der Sozialarbeiter Roland Anhorn von der Evangelischen Hochschule Darmstadt unternimmt mit dem Beitrag „Soziale Arbeit im Neoliberalismus“ den Versuch einer konzeptionellen (Begriffs-)Klärung. Sie führt dazu, dass die allzu forcierten Vorhersagen, das Ende des Neoliberalismus sei eingeläutet, als unrealistische Wunschbilder enttarnt werden. Dies aber sich im professionellen Handeln zu erkennen, ermögliche gleichzeitig die Ausschau nach humanen Alternativen. Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Kassel, Werner Thole, plädiert mit dem Beitrag „Soziale Arbeit und Gesellschaftskritik“ dafür, mit Bildung eine gesellschaftskritische Praxis zu erreichen. Am Beispiel der Romanfiguren in Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ zeigt Thole die Möglichkeiten auf, wie in der Sozialen Arbeit biografische und situative Bildungs- und Aufklärungsprozesse initiiert werden können. Die Hallenser Erziehungswissenschaftlerin Sophie Phries Künstler setzt sich mit „prekärer Subjektivierung als sozialpädagogisches Subjekt im gegenwärtigen Kapitalismus“ auseinander. Sie sieht in der „Prekarisierung als Zeitdiagnose“, die sie mit ihrem Forschungsprojekt zu erkennen sucht, die Probleme, wie sie sich in der institutionalisierten, sozialpädagogischen „Maßnahmen“- Politik darstellen. Der Wuppertaler Sozialwissenschaftler Heinz Sünker und die Soziologin Jo Moran-Ellis von der University of Sussex nehmen Bezug zur „Kindheitsforschung und Kinderpolitik im Kapitalismus“ und zeigen – and beyond – kapitalismuskritisch auf, welche gesellschaftspolitischen Bedingungen und Lebenssituationen notwendig sind, um zu intergenerationellen Bindungen und demokratischen Strukturen zu gelangen.

Im zweiten Kapitel geht es um professionspolitische Positionen. Hans-Uwe Otto und Holger Ziegler diskutieren Formen und Strategien von „kapitalistischer und non-kapitalistischer Sozialer Arbeit“. Es sind die Rückbezüge auf das wohlfahrtsorientierte Verständnis der professionellen Sozialen Arbeit, und die Vorausschau auf eine perspektivische non-kapitalistische Wohlfahrtsprofession. Knut Hinrichs von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften fragt: „Mit der Verteidigung des Rechtsanspruchs gegen Sozialreformen kämpfen?“. Er setzt sich mit den verschiedenen Reformbemühungen und -realisierungen der letzten Jahrzehnte auseinander und identifiziert im Wesentlichen vier Argumentations- und Legitimationsmuster: Rechtliche und gesetzliche Unterscheidungen – Rollen- und Funktionsunklarheiten – menschenrechtliche Relativierungen – pekuniäre Differenzierungen. Der Sozialwissenschaftler Norbert Wohlfahrt diskutiert aus seinem Erfahrungswissen die „Soziale Dienstleistungsarbeit im Kapitalismus“. Es sind die Arbeitswerte-Diskurse, die ökonomischen Zwänge und die „Care“- Organisationsformen, die den individuellen und gesellschaftlichen „Wert des Sozialen“ relativieren. Der Wuppertaler Sozialwissenschaftler Andreas Schaarschuch richtet mit seinem Beitrag „“Die Nutzerinnen und Nutzer Sozialer Arbeit und der Kapitalismus“ den Blick auf die gesellschaftlichen Anspruchshaltungen der Nutzer, und auf die die Legitimationsbemühungen in der institutionalisieren Sozialen Arbeit. Ziel sollte eine Soziale Arbeit sein, die sich selbst demokratisiert. Hans-Uwe Otto, Norbert Wohlfahrt und Holger Ziegler heben mit ihrem Beitrag „Digitalisierung und Soziale Arbeit im Kapitalismus“ die theoretischen Begründungen und die praktischen Realisierungen der Nutzung von Neuen Technologien in der professionellen, beruflichen Ausübung hervor. Grundlage der Anwendung und Nutzung der digitalen Medien muss sein: Ethische Legitimation! Ulrike Eichinger von der Berliner Alice-Salomon-Universität thematisiert mit ihrem Beitrag „Perspektiven der Beschäftigung in der Sozialen (Lohn-)Arbeit die Imponderabilien und Dilemmata, die sich im Kapitalismus durch die abhängige, hierarchieorientierte Tätigkeit der SozialarbeiterInnen ergeben ( vgl. dazu auch ihr Buch: Zwischen Anpassung und Ausstieg. Perspektiven von Beschäftigten im Kontext der Neuordnung sozialer Arbeit, 2009, www.socialnet.de/rezensionen8739.php ). Mike Seckinger und Andreas Mairhofer vom Deutschen Jugendinstitut in München nehmen sich mit dem Beitrag „Heimerziehung und Kapitalismus“ die schier unendliche, kontroverse Geschichte dieses Feldes in der stationären Kinder- und Jugendhilfe vor. Es sind die Strukturen der kapitalistischen Profitorientierung, die pädagogische und Erziehungshilfen zur Ware verkommen lassen. Thomas Wagner von der Hochschule Mannheim thematisiert mit dem Beitrag „Beruflicher Alltag Sozialer Arbeit im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Transformation“ die Bedeutung der Kategorie des „Eigensinns“ im Umgang mit institutionalisierten Konflikten. Es sind Sinn-Fragen, die sich im professionellen Denken und Handeln immer stellen, sich zwischen individueller, gesellschaftlich und sozialer Identitätsentwicklung variieren und positive und negative Strukturen und Verhaltensweisen bilden. Der Sozialpädagoge, Redaktionsleiter von »Forum SOZIAL«, der Fachzeitschrift des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit DBSH, Wilfried Nodes, reflektiert Aspekte und Zielsetzungen der berufspolitischen Interessenvertretung in der Sozialen Arbeit. Es sind Fragen nach der individuellen und materiellen Anerkennung, der institutionalisierten, unterschiedlichen Organisationsformen, von gewerkschaftlichen Bindungen und Mitbestimmung, die es notwendig machen, die SozialarbeiterInnen von der „hilflosen“ hin zur „helfenden Profession“ zu bringen.

Im dritten Teil des Fachberichts formuliert der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, die Entwicklungen „Zwischen Konformismus und Widerstand“, wie sie sich in der Sozialarbeit des Neoliberalismus darstellen. Sein Plädoyer an die beruflich Beteiligten, wie an die gesellschaftliche Öffentlichkeit, den Perspektivenwechsel von der Professionalisierung hin zur Politisierung der Sozialen Arbeit zu vollziehen. Soziale Arbeit als sozialpolitische Profession und Notwendigkeit muss zur sozialen Bewegung werden! Der Hamburger Sozialwissenschaftler Jack Weber registriert „Soziale Arbeit im Rechtsruck“, indem er auf die zunehmenden, lokal- und globalgesellschaftlichen, rechtsradikalen, rassistischen und populistischen Entwicklungen eingeht und die Herausforderungen für die Sozialarbeit herausarbeitet: Hilfe und Unterstützung für die Opfer rechtsextremer Gewalt, dialogische Argumentationen, und nicht zuletzt politische Bildung und Aufklärung in der Gesellschaft. Der österreichische Sozial- und Politikwissenschaftler Herbert Auinger setzt sich mit dem Beitrag „Die politische Rechte und die soziale Frage“ mit den von rechtsextremen und populistischen Parteien propagierten, nationalistischen und rassistischen Auffassungen und Programmen auseinander. Es sind die durch die FPÖ und andere Bewegungen eingeleiteten, gesellschafts- und mentalitätspolitischen Veränderungen in der öffentlichen Meinung, die auch negative Auswirkungen auf die Soziale Arbeit haben. Joachim Rock vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband diskutiert mit dem Beitrag „Die Gewalt der Armut und die Gegenwärtigkeit des ‚Unten‘“ die Auswirkungen, wie sie sich im Prekariat existentiell darstellen und als Ergebnis des „finanzialisierten Kapitalismus“ gelten können. Es sind die sich verbreitenden Ängste und Sorgen, die sowohl die Habenichtse, als auch die durchaus gesellschaftliche Mitte betreffen. Der Ethiker von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Tübinger Universität, Matthias Möhring-Hesse formuliert „Der Geist weht, wo er will“, indem er sich kritisch mit den Tendenzen der kulturellen Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege im „neuen Geist des Kapitalismus“ befasst. Es sind die institutionell geforderten und geförderten Erwartungshaltungen, dass die kapitalistischen Kosten-Nutzen-Prämissen in der praktischen, professionellen Sozialen Arbeit Eingang finden, was auch innerhalb der Einrichtungen zu Entfremdungs- und Vereinzelungstendenzen führt. Die Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin Monika Burmester stellt mit dem Begriff „Wirksamkeit“ den neuen ökonomischen Beurteilungsmaßstab für soziale Dienstleistungen zur Disposition: „Mit der Neuorientierung des Wirkungsdiskurses in der Sozialen Arbeit wird … eine stärkere ökonomische Ausrichtung … vollzogen, die einerseits die Effektivität… als Bedingung für Effizienz betont, andererseits (alternative) … Lösungen…“ erschwert oder sogar unmöglich macht. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Arne Wohlfahrt und Holger Ziegler favorisieren mit der Frage „Gesellschaftlicher Mehrwert als Ziel Sozialer Arbeit?“ den „Bedeutungsgewinn personenbezogener sozialer Dienste“ und werben für einen Perspektivenwechsel. Robin Mohan bringt sich ebenfalls erneut in den Diskurs ein, indem er über „Ökonomisierung im Kapitalismus“ spricht. Es sind Zugänge, die sich als gesellschafts- und ökonomietheoretische Analysen darstellen, und in denen die Krisenphänomene des einseitigen ökonomischen Denkens und Handelns deutlich werden.

Im vierten Kapitel schließlich fasst Hans-Uwe Otto die Reflexionen und Ergebnisse der Tagung „Soziale Arbeit im Kapitalismus“ zusammen und formuliert „Herausforderungen und Konsequenzen für eine kritische Reflexion“. Es sind die demokratischen und freiheitlichen, humanen Grundlagen von Gerechtigkeit und Gleichheit, die Basis für soziale Arbeit gelten müssen. Sie tangieren und werden in Frage gestellt durch die kapitalistischen Denk-, Produktions- und Reproduktionsbedingungen. Und sie erfordern eine „non-kapitalistische Soziale Arbeit“.

Fazit

Kapitalismuskritik als eine notwendige, individuelle und kollektive, alltagsorientierte und professionalisierte Herausforderung. Im Bereich des gesellschaftlich Sozialen hat die Soziale Arbeit als Scharnier und Brücke hin zu einem guten, gelingenden Leben für alle Menschen eine unverzichtbare Bedeutung. Mit dem Tagungsband „Soziale Arbeit im Kapitalismus“ werden die gesellschaftlichen Bedingungen dafür aufgezeigt, wie eine „prinzipielle Öffnung und Erweiterung der Debatte über die Profession der Sozialen Arbeit und ihre Handlungsmöglichkeiten (und Perspektiven, JS) mit Blick auf die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft“ verwirklicht werden kann. Dass im Hintergrund des interdisziplinären Diskurses immer auch die Forderungen erhoben werden, (endlich) einen Perspektiven- und Systemwechsel zu vollziehen und den Kapitalismus als unnötig und menschenunwürdig zu begreifen, ist nur logisch und konsequent.

Es kann nicht darum gehen, nostalgisch zu werden und den im Stadtteil schon von weitem erkennbaren, vertrauten und vertrauenswürdigen, vom städtischen Sozialamt angestellten, bärtigen, alternativ bekleideten Sozialpädagogen nachzutrauern, der sich engagiert und nicht auf den Zeittaktmesser schauend um die Kinder und Jugendlichen aus den vernachlässigten, asozialen Familien kümmerte; auch sich nicht an die ehrenamtlichen Engagierten in den Sport- und anderen Vereinen zu erinnern, die denen, die zu Hause keine Heimat hatten, eine zu bieten. Vielmehr käme es darauf an, mit welchen Motiven und Motivationen sie wirkten. An der Universität Hildesheim hat kürzlich die sozial engagierte, pensionierte Lehrerin Rotraut Hammer-Sohns eine Studie über die Tätigkeit von Frauen in der örtlichen, kommunalen Wohlfahrts- und Sozialpolitik vorgelegt. Es sind Fragen wie – „Wie sind wir geworden, was und wie wir sind?“ – die sich auch heutige Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stellen müssen, um aus der kapitalistischen Falle herauszukommen ( siehe dazu: Rotraut Hammer-Sohns, Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik. Biographische Wirkungspotenziale an der Basis von SPD und AWO 1929 – 2014, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27178.php ).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.08.2020 zu: Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit im Kapitalismus. Gesellschaftstheoretische Verortungen – Professionspolitische Positionen – Politische Herausforderungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6313-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26938.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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