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Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit revisited

Cover Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit revisited. Grundlagen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-6310-3. 19,95 EUR.
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Thema

Mit der „lebensweltorientierten Sozialen Arbeit” hat Hans Thiersch ein Konzept vorgelegt, das die Sozialpädagogik und sukzessive auch die Sozialarbeit maßgeblich bis heute bestimmt hat. Thiersch hat in über 40 Jahren eine beeindruckende Fülle von Publikationen dazu geschaffen, die er jetzt noch einmal zusammenfasst und erneuert.

Autor

Hans Thiersch, Jahrgang 1935, war seit 1970 Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen, emeritiert 2002.

Entstehungshintergrund

Trotz der hohen Veröffentlichungsdichte hat Thiersch das Bedürfnis, seine Konzeptarbeiten weiter „auszuschärfen” und auf die neueren gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu überdenken. Er schließt dabei an ein zwanzigseitiges Papier an, das er 2017 für zwei Enkel verfasst und 2019 veröffentlicht hat, fernab wissenschaftlichen Jargons.

Aufbau

Im ersten Teil geht es um Alltag und Alltäglichkeit, insbesondere um den „gelingenderen Alltag”. Darauf baut der zweite, größere Hauptteil auf, der von der „Lebensweltorientierung” ausgeht und die Strukturen und Gestaltungsprinzipien der Sozialen Arbeit konzipiert. Renate Thiersch steuert einen kurzen Beitrag über die Kindertagesbetreuung bei.

Inhalt

Das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist hinreichend bekannt und vielfach dargestellt worden, von Thiersch selbst, aber auch in der gesamten Fachwelt.

In socialnet sind etliche Arbeiten dazu rezensiert.

Hier sollen nur vier zentrale Inhalte in Erinnerung gerufen werden:

  1. Menschen verdienen Respekt und Anerkennung, wenn sie ihren Alltag bewältigen, Routinen entwickeln, ihre Lebenswelt strukturieren. Wenn Soziale Arbeit sie dabei unterstützen soll, hat sie an diese Praxis anzuknüpfen, darf dabei aber die Adressaten und Adressatinnen nicht belagern, bevormunden, „kolonialisieren”. Der Mensch ist eigentlich gut, entscheidungsfähig, hat die „Selbstzuständigkeit“.
  2. Wenn Soziale Arbeit sich an den Lebenswelten der Adressatinnen und Adressaten orientiert, dann erfordert dies, ihre sozialen Beziehungen, Räume und die Ziele, also ihre Perspektiven einzubeziehen. Die zu bewältigenden Probleme des Alltags, sozusagen auf der „Vorderbühne” verweisen immer auch auf Lebenslagen und gesellschaftliche Entwicklungen auf der “Hinterbühne”. Verhalten und Verhältnisse gehören zusammen. Der sozialpolitische Hintergrund wird zum Beispiel bei der Schuldnerberatung sofort deutlich.
  3. Soziale Arbeit ist ein Art Projekt, bei dem professionelle Expertise, zivilgesellschaftliche Kräfte und individuelle Stärken zusammenwirken, um „gelingenderen” Alltag zu schaffen.
  4. Die lebensweltorientierte Soziale Arbeit lässt sich konkretisieren im „Dreiklang von Liebe, Vertrauen und Neugier“. Dies bedeutet einfach, die Adressatinnen und Adressaten so anzuerkennen, wie er oder sie ist. Es gibt immer Möglichkeiten der Veränderung. Dabei ist sozialarbeiterisches Handeln „wohlwohlend interessiert“ und aufmerksam für deren Eigensinnigkeiten.

Diskussion

Auch diese Publikation von Thiersch besticht durch Weisheit, Leichtigkeit und Nonchalance. Was der Autor so gekonnt essayistisch vorlegt, kennt man ja auch irgendwie schon: Der Text ist voller Selbstverständlichkeiten – die eben einst u.a von Thiersch im Diskurs verankert wurden. Soziale Arbeit für ein gelingenderes Leben – das ist die wiederkehrende Formel. Dabei räumt er jederzeit ein, dass Begriffe austauschbar sein können(Alltag und Lebenswelt).

Elegant ist die kurze Überlegung zur Kontroverse „Sozialarbeit” vs. „Sozialpädagogik”: Das sind einfach zwei Traditionen, die zusammengefunden haben. Thiersch ist gegenüber den (nun nicht mehr so neuen) Bachelorstudiengängen arg skeptisch, vermisst so etwas wie ein (für Lehrkräfte oder Juristen obligatorisches) Referendariat der Sozialen Arbeit, ohne auf das Praktikum von mindestens 100 Tagen einzugehen, das für die Fachhochschulen unabdingbar ist.

Das Literaturverzeichnis belegt, wie Thiersch Verbindungen zu philosophischen und aktuell fachlichen Studien herstellt – von Pestalozzi und Fromm bis Böhnisch, von Gorki bis Goffman. Wenn er über die Herausforderungen der Sozialen Arbeit spricht, stammen die Beispiele oft aus der Dichtung (Brecht, Camus, etc.). Die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit werden immer wieder erwähnt, es wird aber nicht wirklich ein „Fall” durchgespielt. Flucht und Migration, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge kommen nicht vor. Inobhutnahme, Pflegefamilie, Wohngemeinschaften statt “Heim” – kein Thema. Dabei räumt er doch ein, dass Soziale Arbeit groß dabei ist, Lebenswelten zu inszenieren, also einen eigenen Alltag aufzubauen.

Thiersch formuliert deutliches Unbehagen an der Lückenfunktion der Sozialen Arbeit in Familie, Justiz, Schule, Ausbildungsbetrieb, etc. Diese Institutionen können ihren Zweck offensichtlich nur dann erfüllen, wenn Soziale Arbeit aushilft: SpFh, Bewährungshilfe, Schulsozialarbeit, Benachteiligtenprogramme usf. Das zeigt doch prominenten Bedarf! Mehr Selbstbewusstsein!

Autor und Verlag betonen, dass neuere Entwicklungen einkalkuliert werden sollen. Damit ist natürlich nicht Corona gemeint. Der Autor hat das Skript im Februar 2020 fertiggestellt, sieht nun – sicher zu recht – eine Entwicklung größter Tragweite auf die Soziale Arbeit zukommen. Gemeint sind vielmehr Klimakatastrophe, Digitalisierung etc. Dazu liefert Thiersch kurze Statements, ja, kein Konzept. Die Hypothese, Populismus und Nationalismus wachsen, wenn die Menschen überfordert und verunsichert sind, ist erheblich; Routinen werden aufrechterhalten, weil neue Freiheiten und Wahlmöglichkeiten anstrengend sein können. Hier würde der Leser auch mal gerne ein Projekt aus der Jugendarbeit betrachten können.

Schließlich, rundum begeistert und insgesamt angetan, möchte man den Autor bzw. das Lektorat auf zwei Schönheitsfehler hinweisen. Auch wenn sich daraus eine Art Markenname entwickelt hat: Wie kann man sich “zum Gelingenderen” engagieren? Es gibt grammatikalisch überzeugendere Bezeichnungen! Ein Verb im Partizip Präsens ist nicht zu steigern. Und dann ist da noch eine Uneigentlichkeit, jederzeit entbehrlich: Mindestens 40 mal im Text bemüht der Autor ein „gleichsam”. Treffliche Metaphern können sich selbst erklären.

Fazit

Hans Thiersch hat seine Schriften durch eine gefällige Wiederaufbereitung und anregende Aktualisierung ergänzt. Es lohnt sich allemal, sie so wieder zu besuchen.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 24.07.2020 zu: Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit revisited. Grundlagen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6310-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26940.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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