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Barbara Völter, Sike Brigitta Gahleitner u.a. (Hrsg.): Professionsverständnisse in der Sozialen Arbeit

Cover Barbara Völter, Sike Brigitta Gahleitner, Stephan Voß, Heinz Cornel (Hrsg.): Professionsverständnisse in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 170 Seiten. ISBN 978-3-7799-6304-2. 14,95 EUR.
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Thema, Hintergründe, Autor*innen

Diese Veröffentlichung stellt vielschichtige Konzeptionen zum Professionsverständnis in der Sozialen Arbeit vor. Der dazugehörende Diskurs zum Thema verdankt sich dabei u.a. der recht schnellen Akademisierung dieser Profession in den letzten Jahrzehnten. Gegenwärtig sind wichtige Kennzeichen einer Professionsverständigung die Suche nach fachlicher Orientierung, wie auch Antworten zu finden auf aktuelle Herausforderungen. In diesem Suchprozess angesichts gesellschaftlicher Problemlagen hat sich die Alice Salomon Hochschule, Berlin, auf den Weg gemacht, Klärungen, Befunde und Widersprüche im Diskursfeld darzustellen. Die Herausgebergruppe – Bettina Völter, Heinz Cornel, Silke Birgitta Gahleitner, Stephan Voß – setzt sich zusammen aus Professoren und Professorinnen an der genannten Hochschule und dies trifft auch auf die weiteren Autoren und Autorinnen nahezu vollständig zu. Ein zentrales Anliegen der 15 Beiträge ist, einen professionsorientierten Dialog zwischen Studierenden und zwischen Lehrenden deutlich, sozusagen aus „erster Hand“, zu verstärken.

Inhalt

Im Folgenden wird auf die drei ersten eher einführenden Beiträge sowie auf weitere ausgewählte Aufsätze eingegangen. Darüber hinaus gehende Professionsbezüge finden sich zu den Themen bzw. Handlungsfeldern: Ethische Rechtfertigungskontexte (Arnd Pollmann), Konflikt (Barbara Schäuble), rassistische Diskriminierung (Nivedita Prasad), Gender und Macht (Jutta Hartmann), konfliktbearbeitende Dienstleistung (Ulrike Eichinger), kritisch-reflexive Improfession, (Uta M. Walter), beratende Profession (Marion Mayer), Gesundheitsarbeit (Gesine Bär, Theda Borde), Nachhaltigkeit und Ethik (Johannes Verch).

Mit dem Beitrag „Professionsverständnisse in der Sozialen Arbeit – eine Einführung“ wird von den Herausgeberinnen und Herausgebern in den Band eingeleitet. Zunächst wird auf die Etablierung bzw. Diskussion, Soziale Arbeit als eigenständige Disziplin oder als Handlungswissenschaft zu interpretieren hingewiesen. Erörtert werden sodann die Begriffe Profession, Professionalisierung und Professionalität. Konstatiert wird eine gesellschaftliche Bedeutungszunahme der Profession, die sich u.a. auch der forschenden und wissenschaftsbasierten Weiterentwicklung von Wissen verdankt. Dazu gehört auch der selbstreflexive und selbstverständliche Umgang mit Ambivalenz, Ungewissheit und Handlungsunsicherheit. Letzteres unterscheidet die Soziale Arbeit von „klassischen Professionen“, die tendenziell an ihre Paradigmengrenzen stoßen. Die umsichtige dialogische Arbeitsweise, einhergehend mit forschender Haltung ist dabei zukunftsweisend. Widersprüche, die sich z.B. aus der Logik der Organisationen und des Hilfesystems ergeben sind hingegen noch zu bewältigende Herausforderungen.

Zu den Gemeinsamkeiten der Beiträge gehört:

  • das kritisch-reflexive Selbstverständnis,
  • die Ausrichtung an ethischen Grundsätzen,
  • die Ablehnung jeder Form von Exklusion sowie
  • die Professionalisierung als forschend und partizipativ ausgerichtet zu verstehen.

Die Einführung schließt mit einer Kurzdarstellung der nachfolgenden Einzelbeiträge.

Der Beitrag „Soziale Arbeit als kontextualisierte Profession“ von Rita Hansjürgens stellt in den Mittelpunkt den Sachverhalt, dass Soziale Arbeit ihre Wirkung sehr häufig im Rahmen größerer Systeme entfaltet. Sie nimmt dann die Bedeutung sozusagen einer zweiten Instanz ein. Als Beispiel werden Suchtberatungsstellen und die Schulsozialarbeit genannt. Bei dem erstgenannten Handlungsfeld besitzt die Medizin den Expertenstatus, die Soziale Arbeit stellt hingegen sektoral begrenzte Spezialistinnen und Spezialisten. Es fehlt der Sozialen Arbeit die Anbindung an einen Zentralwert – bei der Medizin ist es die Gesundheit. Hansjürgens schlägt nun für die Zukunft vor, den gesellschaftlich anerkannten Zentralwert der „sozialen Teilhabe“ als Wertbindung für die Soziale Arbeit zu favorisieren, um den Status als professioneller Zuarbeiter zu überwinden. Förderung des Gemeinwohls aus der Perspektive „Ermöglichung sozialer Teilhabe“ (S. 34) wäre ein Zentralwert, der von anderen Professionen nicht besetzt ist.

Der Beitrag von Bettina Völter „Soziale Arbeit als sozialwissenschaftlich fundierte Profession mit Expertise in Fallanalyse und Fallarbeit“ geht zunächst auf den fallanalytischen Forschungs- und Arbeitsansatz von Mary Richmond (1917) ein. Hier beginnt die Soziale Arbeit fallanalytische Kompetenz der Professionellen als Kernelement ihres Berufsverständnisses anzusehen. Dazu gehört, den Fall eingebettet in sein soziales Umfeld bzw. Milieu und als Ausdruck der gesamten Lebens- und Familiengeschichte rekonstruktiv zu verstehen sowie dialogisch mit den Adressatinnen und Adressaten zu arbeiten. Ein Fall kann ein Individuum, eine Gruppe, eine Familie oder ein Stadtteil sein. Dort stattfindendes professionelles Handeln ist selbstreflektiert, zeigt quellen- und machtkritischen Umgang mit Daten, Dokumenten und Erkenntnissen. Eine weitere bedeutsame Schlüsselperson in der Professionsentwicklung, so Völter, ist Fritz Schütze. Die Autorin arbeitet die Analysen und Erkenntnisse von Schütze heraus und konzentriert sich dabei auf die von ihm erarbeiteten Paradoxien in professionellen Arbeitsbereichen. Diese Paradoxien werden im Text durch Kurzbeispiele anschaulich gemacht. Im Umgang mit diesen Paradoxien hat sich die Soziale Arbeit, auch im Vergleich mit anderen Professionen, weit entwickelt. Der Grund dafür sind „neue Verfahren der selbstreflexiven und selbstvergewissernden Betrachtung“ (S. 43). Dies ist geschehen durch ein sozialwissenschaftlich begleitendes Verständnis von Fallanalyse und Fallarbeit.

„Soziale Arbeit als Beziehungsprofession“ ist das Thema von Silke Birgitta Gahleitner. Ihre Analysen gehen von Risiken, ungleichen Chancenstrukturen und Exklusionsprozessen aus, als Kennzeichen der Zweiten Moderne. Für Klientinnen und Klienten der Sozialen Arbeit führt diese Situation zu einem Vertrauensverlust in Menschen und Institutionen. Diese Feststellung führt dann zur Frage, wie eine Beziehungsgestaltung aussehen könnte bzw. zu entwickeln wäre. Hierzu wird auf einschlägige Theoriekonzepte und entsprechende Forschungsergebnisse hingewiesen: Bindungstheorie, Vertrauenstheorie, Netzwerk-, soziale Unterstützungs- und Milieutheorie, Anerkennungstheorie. Für das Gelingen von Hilfe und Unterstützung ist eine emotional tragfähige und von Nähe geprägte professionelle Arbeit notwendig, flankiert von einer reflexiv ausgerichteten Diagnostik. Beziehungsbelastete Menschen benötigen viele Räume des Verstehens und Soziale Arbeit als Beziehungsprofession sollte mit entsprechender Deutungsmacht auftreten, denn professionelle Beziehungs- und Umfeldgestaltung stellt eine Schlüsselqualifikation in der Sozialen Arbeit dar.

Susanne Gerull und Esther Lehnert beginnen ihren Beitrag „Soziale Arbeit als – auch – politische Profession. Die Prägung des Professionsverständnisses durch die eigene Biografie“ mit je einer Kurzbiografie. Politisch hochinteressiertes Familiengefüge, früh auftretender Sinn nach Gerechtigkeit, antifaschistische Grundhaltungen in der Familie und frühe Beschäftigung mit Feminismus sind biografische Erfahrungen die das Professionsverständnis nachhaltig beeinflussen. Daran anschließend wird der Forschungsstand zum Thema Profession und Biografie skizziert, um dann das politische Mandat der Sozialen Arbeit in Anlehnung an Silvia Staub-Bernasconi zu erörtern. In einer Befragung (2017) von 3.467 Studierenden der Sozialen Arbeit stimmen 90 Prozent dem politischen Auftrag zu. Der Zusammenhang von Biografie und Frauenbewegung wird analysiert und darauf hingewiesen, dass die „Vergeschlechtlichung Sozialer Arbeit mit den damit verbundenen Abwertungen als ‚Frauenberuf‘“ (S. 130) einhergeht. In einem Fazit zeigen die Autorinnen wie an ihrem Beispielen Biografie, Frauenbewegung und Professionsverständnis in der Sozialen Arbeit miteinander verwoben sind. Dies im Studium zu vermitteln führt bei Studierenden zur Selbstbefragung und Selbstreflexion, die zur Erarbeitung von Kernkompetenzen sozialarbeiterischen Handelns erforderlich sind.

Elke Josties, Ulrike Hemberger, Johanna Kaiser und Andrea Plöger bearbeiten das Thema „Professionalisierungstendenzen aus der Perspektive der Sozialen Kulturarbeit“. Der Beitrag skizziert zunächst die Entwicklung dieses Handlungsfeldes in den letzten Jahrzehnten. Bedeutsam ist, dass in diesem zeitlichen Rahmen soziale und künstlerisch-kulturelle Handlungsfelder eine immer größere Schnittmenge bilden und Soziale Kulturarbeit somit eine zutreffende Beschreibung darstellt. Ein Ziel dieser Arbeit ist die Vermeidung jedweder sozialen und kulturellen Ausgrenzung, stattdessen aber die Berücksichtigung der jeweiligen Lebenswelt der Adressat*innen und die Förderung ihres Eigensinns bezüglich kultureller Ausdrucksformen. Nach kulturtheoretischen Erörterungen (u.a. Cultural Studies, Bourdieu) werden sodann Handlungsfelder der Sozialen Kulturarbeit thematisiert. Unterschiedliche künstlerische Strategien zielen auf Empowerment und Stärkung der Selbstwirksamkeit. Orte sind Nachbarschaftsheime, soziokulturelle Zentren, Jugendeinrichtungen, aber auch der Strafvollzug. Medien und Themen sind z.B. Hip-Hop, Streetdance, Improvisationstheater und Trickfilm. Ein recht neuer Schwerpunkt bildet sich im Rahmen der zunehmenden Digitalisierungseinflüsse in den Lebenswelten der Menschen. Die professionellen Ansprüche der Professionellen in der Sozialen Kulturarbeit bestehen darin, künstlerisch-medial-gestalterische Bereiche mit den Interessen und Fähigkeiten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in eine Passung zu bringen. So lässt sich die menschliche Fähigkeit, eigene Perspektiven auf die Welt zu finden, professionell moderieren und unterstützen.

Diskussion

Das Anliegen der Alice Salomon Hochschule, das Thema Profession und Professionalität mit der vorliegenden Veröffentlichung intensiver in die Lehre einzubinden ist ein außerordentlich interessantes Projekt. Der erhebliche Impuls zu einer Dialoganregung zwischen Studierenden und Lehrenden stellt dazu einen konstruktiven Weg dar, zumal eine Längerfristigkeit über Semester hinweg gewährleistet wird. Dargestellt wird eine Vielzahl von Professionsverständnissen, die jeweils das Besondere bedeutsamer Handlungs- und Themenfelder entsprechend vertieft herausarbeiten. Zu fragen bleibt allerdings, ob nicht auch das Allgemeine stärker hätte konzeptualisiert werden müssen. Allgemein ist, bezogen auf die Profession der Sozialen Arbeit, z.B. der Ansatz von Becker-Lenz diese Profession auf vier „Säulen“ zu stellen: Wissen, Können, Habitus und berufliche Identität. In diesem Sinne wäre ein weiterer Beitrag wünschenswert gewesen, der die vorliegenden Beiträge dahingehend untersucht. Zumindest ein möglicher Ansatz dazu findet sich im Schlussbeitrag von Johannes Verch.

Fazit

Die 15 Beiträge in dem Band beschreiben vielfältige, konstruktiv und selbstkritisch ausgerichtete, Professionsverständnisse der Sozialen Arbeit, die sich sowohl auf gesellschaftlich bedingte Herausforderungen als auch auf die Komplexität der Professionsentwicklung beziehen. Die Autor*innen sind Professor*innen der Alice Salomon Hochschule, Berlin, die mit dieser Veröffentlichung einen Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden verstärken. Dieses innovative Projekt ist aus diesem Grund für Studium und Lehre in der Sozialen Arbeit und den dortigen Professionsdiskursen ein Gewinn.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 26.08.2020 zu: Barbara Völter, Sike Brigitta Gahleitner, Stephan Voß, Heinz Cornel (Hrsg.): Professionsverständnisse in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6304-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26941.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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