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Dietrun Lübeck: Psychologie in der Sozialen Arbeit

Cover Dietrun Lübeck: Psychologie in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 222 Seiten. ISBN 978-3-7799-3801-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema

Es gibt eine kleine Anzahl von Lehrbüchern der Psychologie, die direkt auf das Praxisfeld der Sozialen Arbeit zugeschnitten sind.

Dieses Lehrbuch ist ein aktueller Beitrag zur Fachwissenschaft. Es verfolgt das Anliegen, das Thema Persönlichkeit insgesamt expliziter aufzugreifen als es in sonstigen Einführungsbüchern zur Psychologie für Sozialarbeiter*innen üblich ist (S. 97).

Ein Zugang zum Fach Psychologie wird in diesem Buch angelehnt an das erfolgreiche Lehrbuch von Nolting und Paulus (2018, 15. Aufl.) Psychologie lernen. Das 4+1 Modell zur Sortierung psychologischer Fragen wird in dem Buch immer wieder aufgegriffen und in seiner Brauchbarkeit für die Soziale Arbeit bestätigt. (S. 10). Das ermöglicht den Lernenden und Lehrenden ausgehend vom allgemeinen Rahmen der Wissenschaft Psychologie spezielle Fragen der Sozialen Arbeit gut in einer kognitiven Landkarte zu verorten und zu reflektieren.

Autorin

Dietrun Lübeck, Dr. phil., ist Professorin im Studiengang Soziale Arbeit der Evangelischen Hochschule Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Einführung in die Psychologie für Sozialarbeiter*innen, Erwachsene in besonderen Lebenslagen, Sozialpsychiatrie und gemeindepsychiatrische Versorgung. Sie ist Studiengangsleitung des Masterstudiengangs Beratung in der sozialen Arbeit.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine Zusammenfassung. 28 Fallbeispiele werden ausführlich diskutiert und geben Anregungen zur professionellen Reflexion und Entscheidung, ebenso zur individuellen Selbstreflexion. Es gibt neun Abbildungen, ein ausführliches Literatur- und Stichwortverzeichnis.

Inhalt

Einführung

In der Einführung wird ein Einblick in den Aufbau des Buches gegeben. Als Orientierungsrahmen wird das „4+1 Modell“ von Nolting/​Paulus (2018): Psychologie lernen. vorgestellt. Psychologische Fragen können mit der Person und ihrer Entwicklung zusammenhängen. Sie können von Kontextfaktoren beeinflusst sein oder das aktuelle Verhalten einer Person in diesem Kontext betreffen. Schließlich finden diese einzelnen Prozesse innerhalb von interpersonellen Bezügen statt, die das aktuelle Verhalten und Erleben beeinflussen. Damit kann jedes psychologisch betrachtete Thema wie ein Puzzle aus fünf Puzzleteilsammlungen von Aspekten zusammengesetzt werden (S. 10). In der Einführung wird darauf hingewiesen, dass zur Professionalität in der Sozialen Arbeit auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstreflexion der beruflich Handelnden gehört.

A. Sozialarbeiter*innen gehen mit verschiedenen Perspektiven in die psychosoziale Arbeit

Das erste Kapitel führt in die Vielfalt der Wissenschaft Psychologie ein. Die Tatsache, dass jede psychologisch begründete Aussage aufgrund von Paradigmen, Einschätzungen zu Anlage-Umwelt Fragen, Vorannahmen zu Grundbedürfnissen und kulturellen Prägungen getroffen wird, wird erläutert. Damit betrifft das erste Kapitel die theoretische Rechtfertigung psychologischen Handelns.

B. Sozialarbeiter*innen arbeiten mit sich ständig entwickelnden Menschen

Der Blick auf die Klient*innen ist immer ein Blick auf sich lebenslang entwickelnde Menschen. Die Entwicklungsdimensionen werden zunächst mit Bezug auf Flammer (2009) differenziert. Das Zusammenspiel von individuellen ontogenetischen Prozessen mit historischen und kulturellen Bedingungen wird entfaltet. Dass Finden von Zielen für die Soziale Arbeit hat oft damit zu tun Entwicklungsaufgaben auszumachen. Diese sind soziokulturell geprägt und lassen sich ebenfalls gut mit dem 4+1 Modell visualisieren (Abb. 5, S. 57). Ausführlich dargestellt werden die Entwicklung des Bindungsverhaltens, die emotionale Entwicklung, die kognitive und moralische Entwicklung, sowie die Entwicklung der Identität. Am Ende des Kapitels werden die Fragen diskutiert, die letztlich für den empfundenen Erfolg sozialer Arbeit relevant sind: Was ist positive Entwicklung? Wie kann man diese selbst steuern? Welche Handlungsressourcen sind dafür notwendig? Die Fragen nach „Weisheit“ als mögliches Ziel menschlicher Entwicklung und die Rolle der Sozialarbeiter*in als „soziale Ressource auf Zeit“ sind dabei besonders interessant.

C. Jeder Mensch ist anders – Personen als Individuen und Persönlichkeiten

In diesem Kapitel zum Thema Persönlichkeitspsychologie macht die Autorin zunächst auf die Fülle von Alltagshypothesen aufmerksam, die wir bezüglich unserer eigenen oder der Persönlichkeit unserer Mitmenschen haben.

Ob es sich bei individuellen Besonderheiten um feststehende Merkmale oder situativ bedingte Verhaltensweisen, „traits versus states“ (S. 92), handelt ist dabei immer die Frage. Die Differenzierung nach Persönlichkeitsbereichen (Asendorp/​Neyer, 2018) ist dabei weiterführend und lässt noch zahlreichere Facetten der Frage deutlich werden (S. 93). Der Bezug auf das 4+1 Modell macht erneut deutlich, dass Prognosen keineswegs allein auf Einschätzungen der Persönlichkeit erstellt werden sollten. Ausgeprägte Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen werden gesondert dargestellt. Sehr relevant ist der längere Exkurs zum Thema Entwicklung von Vulnerabilität und Resilienz (S. 106 f.). Ein kritischer Blick auf die neoliberalen Implikationen des Anspruchs, dass „jeder seines Glückes Schmied“ sei, ist gerade in der Sozialen Arbeit wichtig. Ausführlich und mit vielen Fragen zur Selbstreflexion wird am Ende des Kapitels über die Persönlichkeit von Sozialarbeiter*innen gesprochen.

D. Sozialarbeiter*innen begleiten Menschen mit psychischen Störungen und in psychosozialen Krisen

Zunächst wird gefragt, was eigentlich „normal“ ist. Um zu einem Verständnis zu gelangen, wie komplex die Diagnostik von psychischen Störungen ist, werden Merkmalsbereiche, die zu einer Diagnoseerstellung gehören nach AMDP (2016) differenziert. Die DSM und ICD Klassifikationssysteme werden vorgestellt. Kategoriale statt dimensionale Klassifizierung wird problematisiert (S. 121). Als Ansatzpunkte, die Sozialarbeiter*innen in ihrer Arbeit mit Menschen, die psychische Krisen haben, berücksichtigen können, werden ausgeführt: Selbstwirksamkeitserwartungen, Attributionen von Ursachen und Copingstrategien. Danach wird ein kurzer Überblick über die psychischen Störungen nach ICD-10 gegeben. Diese Darstellung endet mit der Aussage, dass wir letztendlich nie genau wissen, warum ein Mensch eine psychische Störung entwickelt. Stattdessen wird zu psychologischem Denken und Nachdenken eingeladen, das eine Vielzahl von Risikofaktoren und protektiven Faktoren, Verläufen und Sichtweisen, die sich durch verschiedene Paradigmen ergeben, abwägend berücksichtigt (S. 131). Dazu kann auch im Einzelfall der Faktor Spiritualität des Individuums zählen.

In diesem Kapitel werden weiter die psychotherapeutischen Behandlungsformen beschrieben und die Studien zu den Wirkfaktoren der Psychotherapie referiert. Die neueren Ansätze zu psychischer Gesundheit, Positiver Psychologie, Salutogenese bilden die Grundlage für ressourcenorientierte Sichtweisen. Es folgt eine kurze Darstellung zum Umgang mit psychischen Krisen. Die Einordnung des Themas in die 4+1 Aspekte psychologischer Betrachtung rundet das Kapitel ab.

E. Sozialarbeiter*innen in Interaktion – Interpersonale Bezüge

Dieser Abschnitt führt in die Themen soziale Interaktion, Kommunikationsmodelle und soziale Beziehungen ein. Viele Dimensionen des systemischen Denkens und der Soziologie werden entfaltet. Erklärungen für prosoziales und antisoziales Verhalten werden vertieft diskutiert, Gruppenprozesse und speziell familiäre Bindungen beschrieben. Die von Medien geprägten Beziehungen und Netzwerke im globalisierten 21. Jahrhundert, auch die internetbasierten Hilfeformen bilden den Abschluss dieses Kapitels.

F. Sozialarbeiter*innen reflektieren sich und ihr Wohlergehen

Das Buch endet mit dem Blick auf die Handelnden in der Sozialen Arbeit und ihr eigenes Wohlergehen. Drei zentrale Themen aus der Positiven Psychologie werden vertieft. Welchen Sinn erlebt man in der eigenen Arbeit? Welcher „Spirit as Social Worker“ prägt das Handeln? Und wie behält man einen menschenfreundlichen Humor, eine heitere Sichtweise auf das Leben im Ganzen und Gelassenheit?

Diskussion

Der Zugang zum Fach Psychologie wird in diesem Buch angelehnt an das erfolgreiche Lehrbuch von Nolting und Paulus (s.o.). Das 4+1 Modell zur Systematisierung psychologischer Fragen wird in dem Buch immer wieder aufgegriffen und in seiner Brauchbarkeit für die Soziale Arbeit bestätigt.

Das ermöglicht den Lernenden und Lehrenden vom allgemeinen Rahmen der Fachwissenschaft ausgehend spezielle Fragen der Sozialen Arbeit praxisrelevant in einer stabilen kognitiven Landkarte zu verorten.

Das Buch ist sehr gut gegliedert. Stets wird der Stand der Fachwissenschaft prägnant und mit Literaturverweisen dargestellt. Es fehlt aber auch nicht an der wissenschaftstheoretischen Reflexion des besonderen Faches Psychologie. Die Lektüre verführt nicht zu einfachen Diagnosen. Besonders reizvoll sind die zum Teil unkonventionellen Perspektiven und Kommentare.

Fazit

Dieses Buch ist ein echter Gewinn für Lehrende, Lernende und Tätige in der Sozialen Arbeit, aber auch in pädagogischen und gesundheitsbezogenen Berufen. Es enthält sorgfältige theoretische Darstellungen, verknüpft mit lebensnahen Fallbeispielen und Anregungen zur Selbstreflexion. Der Dialog mit der Leser*in, den die Verfasserin führt, macht die Lektüre einer anregenden und angenehmen Erfahrung.


Rezension von
Prof. Dr. Anne Grohn
Professorin für Psychologie an der Evangelischen Hochschule Berlin. www.eh-berlin.de
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Zitiervorschlag
Anne Grohn. Rezension vom 25.08.2020 zu: Dietrun Lübeck: Psychologie in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3801-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26945.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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