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Carolin Ehlke: Care Leaver aus Pflegefamilien

Cover Carolin Ehlke: Care Leaver aus Pflegefamilien : Die Bewältigung des Übergangs aus der Vollzeitpflege in ein eigenverantwortliches Leben aus Sicht der jungen Menschen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-6298-4. 39,95 EUR.
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Anlass des Buches

Das vorliegende Buch ist die Dissertation von Caroline Elke, angenommen an der Universität Hildesheim.

Autorin

Carolin Ehlke ist Postdoktorantin an der Stiftung Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik

Aufbau des Buches

Das Buch ist insgesamt in 7 Kapitel unterteilt, wobei das Kapitel 1 die Einleitung darstellt und die Kapitel 2 und 3 theoretische Vorarbeiten zur Forschungsfrage sind, die ab Kapitel 4 umgesetzt wird.

Das Buch beginnt mit einer sehr guten Einleitung (Kapitel 1), in der die Autorin darstellt, wie wenig die Frage „Was passiert eigentlich mit den jungen Menschen am Ende, die in einer Pflegefamilien aufgewachsen sind und wie münden sie in ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben ein?“ in der sozialwissenschaftlichen Forschung aufgegriffen wurde. Im Vergleich dazu gibt es verschiedene Studien aus der Heimerziehung, wobei diese das Pflegekinderwesen nur als Randnotiz berücksichtigen. Der Fokus der Arbeit liegt auf der subjekttheoretischen Perspektive der jungen Menschen. Dazu hat die Autorin 7 junge Menschen befragt.

In Kapitel 2 geht es um die theoretischen Grundlagen für das Erwachsenwerden in der heutigen Gesellschaft. Entsprechend dem heutigen Forschungsstand arbeitet die Autorin heraus, dass Erwachsenwerden nicht einem immer gleichen Muster folgt, sondern das Erwachsenwerden heute eine individuelle Lebensleistung ist, die ganz unterschiedliche Verläufe haben kann.

Kapitel 3 hat die Grundlagen des Pflegekinderwesens zum Inhalt. Zuerst geht es um die rechtlichen Grundlagen, bevor die Autorin den Forschungsstand zum Pflegekinderwesen referiert. Der Überblick über den Forschungsstand ist umfassend, denn die Autorin greift auch auf internationale Studien zu, spricht Längsschnittstudien an wie auch empirische Untersuchungen. Neben einer abschließenden Zusammenfassung der Forschungsergebnisse sowie einer Bewertung des Forschungsstands in Deutschland zum Thema Care Leaver erfolgt eine Verortung der eigenen Forschung und Entwicklung der Fragestellung.

Die zwei zentralen Fragen dieser Arbeit lauten:

  • Wie bewältigen Care Leaver aus Pflegefamilien aus ihrer Sicht den Übergang aus stationären Erziehungshilfen ins Erwachsenenleben?
  • Wie und von wem werden sie während des Übergangsprozesses unterstützt? (S. 94)

Zur Untersuchung dieser Fragestellungen hat sich die Autorin für ein qualitatives Vorgehen entschieden und das problemzentrierte Interview als Methode gewählt (Kapitel 4). Mit Hilfe der Grounded Theory nimmt sie die Auswertung vor. Das Konzept der Lebensbewältigung bildet das Raster und stellt die Items dar, die für die Fragestellung relevant sind. Gemäß den Standards für Interviews wurde ein Leitfaden zugrunde gelegt, der sich in verschiedene Rubriken gliedert. Er beginnt mit Fragen zu sozioökonomischen Daten, dann geht es um Fragen der Selbstständigkeit, weiterhin geht es um die Übergangsgestaltung während der Zeit in der Pflegefamilie. Der Hauptteil bezieht sich auf die Übergangsgestaltung nach Verlassen der Pflegefamilie.

In Kapitel 5 erfolgt die Auswertung der Interviews. Zu Beginn werden 4 interviewten Personen kurz biographisch vorgestellt, die die Autorin als kontrastive Kernfälle ausgewählt hat. Eine wichtige Rolle beim Übergang in das selbstständige Leben ist auch die soziale Sicherung. Die Autorin führt verschiedene Beispiele aus den Interviews an, wie die jungen Menschen das für sich umgesetzt haben beziehungsweise erleben. Aber auch die emotionale Unterstützung spielt eine große Rolle. Die Autorin fügt hier Interviewauszüge an, wobei es hauptsächlich die Pflegemütter sind, die hier die besondere emotionale Unterstützung darstellen. Allerdings ist dieses auch ambivalent, weil es auch zu Konflikten gekommen ist oder kommen kann. Neben der Beschreibung einer umfassenden Unterstützung durch die Pflegefamilien gibt es aber auch Aussagen von interviewten Personen im Hinblick auf fehlende Unterstützung. Ebenso ambivalent sind auch die Beziehungen zu den (Halb-) Geschwistern in der Pflegefamilie. Von einer sehr guten Beziehung bis hin zu spannungsgeladenen Verhältnissen reicht die Spanne. Die Mitarbeitenden im Jugendamt werden überwiegend als wenig unterstützend beschrieben. Neben den familiären Personen gibt es aber auch weitere Menschen wie Freunde oder Arbeitgeber, die für die Care Leaver hilfreich sind oder waren. Die Bewältigung des Übergangs aus den Pflegefamilien kann nur erfolgen wenn Merkmale der Identität wie Zugehörigkeit und Anerkennung, Selbstwirksamkeit, Selbstschutz, Kohärenz, Optimismus und Perspektivität gefunden werden.

In Kapitel 6 werden die Ergebnisse aus dieser Arbeit in den aktuellen Forschungsstand eingeordnet. Die institutionelle Unterstützung für Care Leaver zum Erwachsenenleben ist eher starr und gelingt meistens deshalb, weil die Pflegefamilien hier auch noch sehr unterstützend wirken. Daneben zeigt sich, dass die jungen Menschen dort, wo sie sich emotional aufgehoben fühlen, eine Elternschaftskonstruktion vornehmen. Das kann neben der Pflegeeltern auch zum Beispiel ein Arbeitgeber sein. Die eigene Verortung zwischen der biologischen Familie und der Pflegefamilie ist insbesondere im Prozess des Übergangs ins Erwachsenenleben ein schwieriger Balanceakt. Es kann auch geschlussfolgert werden, „dass junge Menschen, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind, sich erst dann,richtig' sozial eingebunden fühlen, wenn sie Anerkennung aus ihrem sozialen Umfeld erfahren haben und ihre eigene Biografie als so wenig wie möglich von gesellschaftlichen Werten und Normen abweichend wahrnehmen – oder sie Menschen begegnen, die sie trotz ihres gesellschaftlich konstruierten,Andersseins' anerkennen und sie auch unabhängig dessen unterstützen“ (S. 272).

Kapitel 7 ist ein Ausblick und Plädoyer, auf den gewonnenen Erkenntnissen aufzubauen und weitere Forschungen anzustellen. Außerdem formuliert die Autorin ein paar Erkenntnisse aus ihren Untersuchungen, die für das gute Gelingen von Pflegeverhältnissen wichtig und hilfreich sind. Das sind:

  • Schaffung von verlässlichen Infrastrukturen
  • Wahrnehmung der Unterschiedlichkeit von Leaving-Care-Prozessen
  • Förderung unterstützender sozialer Beziehungen
  • Anerkennung der Unterschiedlichkeit von Bewältigungshandeln.

Diskussion

Das Buch füllt eine Lücke im bisherigen Forschungsstand zum Pflegekinderwesen. Erstmalig wird danach gefragt, wie es jungen Menschen nach Beendigung des Pflegeverhältnisses geht und ob und wie dieses für sie hilfreich gewesen ist. Dazu ordnet die Autorin ihre Erkenntnisse in den bisherigen Forschungskontext zum Pflegekinderwesen ein. Was in dem Buch nicht enthalten ist, ist die Perspektive der Pflegeeltern beziehungsweise deren Erleben ihrer Pflegekinder. Das war auch nicht Aufgabe beziehungsweise Fragestellung dieser Untersuchung, könnte aber interessante Rückschlüsse auf die hier gewonnenen Erkenntnisse liefern. Anders als mit eigenen Kindern verlaufen die Betreuungsverhältnisse von Pflegekindern sehr viel ambivalenter und erfordern ein spezifisches Maß an Intervention wie aber auch Zurückhaltung. Das Gelingen dieser Ambivalenz ist sicherlich auch mit ausschlaggebend dafür, ob ein Pflegeverhältnis insgesamt gelingt und konstruktiv ist beziehungsweise leider auch scheitern kann oder nur wenig helfend ist. Hier wäre es interessant, wenn es Forschungen geben würde, die anknüpfend an die Erkenntnisse und Aussagen dieser Arbeit beide Perspektiven beleuchten würden.

Fazit

Der Autorin ist eine gute Arbeit mit vielschichtigen Dimensionen gelungen. Sie hat es gut geschafft, aufbauend auf dem allgemeinen Forschungsstand eigene Erkenntnisse zu generieren und diese auf den Forschungsstand zu beziehen. Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht lesenswert: Zum einen gibt es einen guten Überblick über das Kinder- und Jugendhilfesystem im Hinblick auf das Pflegekinderwesen. Zum anderen referiert es gut den Forschungsstand zum Pflegekinderwesen. Zum dritten wird anhand der Ergebnisse deutlich, dass Pflegekinderwesen nicht nur keine Randerscheinung neben der Heimerziehung ist, sondern auch einer besonderen Unterstützung bedarf, damit diese Form des Heranwachsens gut gelingt und den Kindern und Jugendlichen Strukturen und Muster für eigene Handlungskompetenzen an die Hand gibt. Das Pflegekinderwesen erfährt mit diesem Buch eine deutliche inhaltliche Aufwertung. Es bleibt zu hoffen, dass insbesondere die Erkenntnisse aus dem Forschungen der Autorin auch Eingang in die Jugendhilfeämter dieser Republik finden.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 15.09.2020 zu: Carolin Ehlke: Care Leaver aus Pflegefamilien : Die Bewältigung des Übergangs aus der Vollzeitpflege in ein eigenverantwortliches Leben aus Sicht der jungen Menschen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6298-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26952.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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