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Thomas Klatetzki: Narrative Praktiken

Cover Thomas Klatetzki: Narrative Praktiken. Die Bearbeitung sozialer Probleme in den Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 246 Seiten. ISBN 978-3-7799-6008-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Es geht um die Ver- und Bearbeitung von Geschichten, mit denen soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen konfrontiert werden. „Die narrativen Praktiken dieser ‚human service organizations‘ basieren zum einen auf einem kulturellen Wissen in Form von Skripts, einem gemeinsamen Wissen über den Ablauf von interaktiven Routinehandlungen, welches man sich wie ein Drehbuch von Theateraufführungen vorstellen kann“ (S. 10). Bei einem Skript handelt es sich um ein kulturelles Ereignisschema, „ein narratives Rezeptwissen, das für den alltäglichen, selbstverständlichen routinehaften Vollzug kollektiver Praktiken verwendet wird“ (S. 34).

Autor

Thomas Klatetzki ist Diplom-Psychologe und Diplom-Soziologe. An der Universität Siegen ist er Professor für Organisationssoziologie. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind:

  • Soziologie sozialer personenbezogener Dienstleistungsorganisationen und
  • Organisation von Gewalt.

Aufbau

Teil 1 Theoretische Interpretationen

  1. Narrative Praktiken sozialer Problembearbeitungen
  2. Sinnstiftung mit Geschichten
  3. Skripts, Positionierungen und Statusgruppen
  4. Rechenschaftslegung, sozialer Kredit und die Vermeidung von Scham und Schuld
  5. Zusammenfassung

Teil 2 Fallinterpretationen

  1. Sophias blaue Flecken: Ein Fall, mehrere Geschichten und die Folgen
  2. Emotionen und narrative Praktiken in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen
  3. Katastrophale Ereignisse. Geschichten über „Fehler“ in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen
  4. Problembearbeitung mit Mythen: Die Familie und ihre Helfer

Nachwort: Narrative und analytische Wissensnetzwerke

Inhalt

Teil 1 - Theoretische Interpretationen

Soziale Sachverhalte werden zu sozialen Problemen, indem sie kollektiv so definiert werden. Sie sind real und haben Konsequenzen.

Soziale Probleme haben charakteristische Merkmale und Ursachen, die der Abhilfe bedürfen. Der Autor unterscheidet hier sechs Phasen:

  1. Claimmaking
  2. media coverage
  3. public reactions
  4. policy making
  5. social problems work
  6. policy outcomes

Die Publikation befasst sich mit dem social problems work. Diese soziale Problembearbeitung orientiert sich an der Definition, die besagt das menschliche Aktivitäten soziale Probleme konstruieren und etwas dagegen tun müssen.

An der Bearbeitung sozialer Probleme sind verschiedene Personen, die in sozialen Diensten und Einrichtungen angestellt sind, beteiligt. Hierbei handelt es sich um kollektive Handlungssysteme, bei denen es sich um Instanzen des rechtsstaatlichen Herrschaftsapparates handelt. Es gilt bei der sozialen Problembearbeitung um die Beachtung, des auf Sinn und Bedeutung gründenden Handelns von Individuen.

Das narrative Wissen von Personen basiert auf körperlichen, präreflexiven intersubjektiven Fähigkeiten und deren Nutzung in kulturellen kollektiven Praktiken. Auf diese Weise wird der Wirklichkeit mittels Geschichten ein Sinn verliehen.

Die Bearbeitung sozialer Probleme in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen beginnt mit einem Fallverstehen, einer narrativen Sinnstiftung. Die Sinnstiftung besteht in einer „wechselseitigen Konstitution von situativ wahrgenommenen Daten und einer kognitiven Struktur, durch die die Daten verstanden und erklärt werden“ (S. 45).

Klatetzki beruft sich auf neun Universalien der narrativen Konstruktion sozialer Wirklichkeit – und das sind:

  1. die zeitliche Strukturierung des Geschehens;
  2. das problematische Ereignis, welches der Anlass für das Erzählen einer Geschichte ist;
  3. dem implizierten Kanon samt inhärenter Moralität: „Das Routinehandeln in kollektiven Praktiken basiert auf kanonischen Skripts und enthält auch interpretative Prozeduren, um Abweichungen von deren Normativität verstehbar zu machen“ (S. 52);
  4. die typische Partikularität: „Partikulare Geschichten erhalten ihren Sinn, indem sie ‚generische Funktionen‘ erfüllen“ (S. 53);
  5. die Gründe von Handlungen, die auf Absichten, Wünschen bzw. Überzeugungen beruhen. „Im narrativen Wissen geht es um die Suche nach den Gründen, den Absichten ‚hinter‘ den Handlungen und Ereignissen, weil dadurch der Ablauf des Handelns in einer Geschichte kausal erklärt wird“ (S. 55);
  6. die hermeneutische Komposition, d.h. der hermeneutische Zirkel. Der konstruierte Sinn einzelner Elemente der Geschichte wird mit dem konstruierten Sinn des gesamten Textes in beiden Richtungen in Beziehung gesetzt;
  7. die Ambiguität der Referenz: „Der durch eine Geschichte erzeugte Sinn ist […] prinzipiell multipel, Erzählungen besitzen eine inhärente Ambiguität“ (S. 57). Der einzig wahre Sinn einer Narration lässt sich mit keiner verfügbaren Methode feststellen;
  8. die inhärente Verhandelbarkeit: Narrative Sinnstiftungen können immer in Frage gestellt werden, weshalb sie eine Verhandelbarkeit aufweisen;
  9. die historische Ausweitbarkeit von Geschichten: „Ein […] universelles Merkmal von Geschichten ist, dass man sie immer weiter verlängern kann, dass man immer noch etwas mehr erzählen kann, was vorher passiert ist und was nachher passieren wird oder passieren könnte“ (S. 59).

Fallgeschichten machen soziale Probleme narrativ versteh- und erklärbar. Narrativ konstruierte Fallgeschichten bilden die Basis für die Auswahl von Arbeitsroutinen, welche zur Bearbeitung des sozialen Problems angewendet werden.

Gemeinsame Tätigkeiten von Individuen zur Erreichung wünschenswerter Zustände beruhen auf kollektiven Wissenspraktiken. Durch die Anwendung von Routinen werden in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen soziale Probleme bearbeitet. Bei der Anwendung von Routinehandlungen wiederholen sich in Organisationen die Arbeitstätigkeiten fortwährend. Routinen sind die Gene von Organisationen. Jenes, den Routinen zugrundeliegende Wissen, ist ein narratives Wissen, das mit einem Skript bzw. Drehbuch vergleichbar ist. „Soziale Skripts sind […] ein in kulturellen Sozialisationsprozessen erworbenes, gemeinsames narratives Wissen, das die Grundlage für Interaktionen bildet“ (S. 73).

Für das Routinehandeln sind die organisatorischen Positionen grundlegend. Das Konzept der Positionierung ist als dynamische Alternative zum statischen Konzept der sozialen Rolle zu verstehen. „Durch eine mittels (Sprech-)Handlungen vollzogene Positionierung wird ein Akteur mit Rechten und Pflichten ausgestattet“ (S. 75). Letztgenannter erhält einen bestimmten Status, mit dem - u.U. neue - Handlungsoptionen und -beschränkungen einhergehen.

In kollektiven Wissenspraktiken kontrollieren die Interaktionspartner gegenseitig ihre (Sprech-)Handlungen. Sie kontrollieren, „ob ihr Tun und Sagen als identifizierbar, verständlich, beschreibbar, erklärbar, rational, verantwortlich usw. anerkannt werden kann“ (S. 86). Der Autor verwendet hierfür den sozialwissenschaftlichen Termins Accountability. So werden die unterschiedlichen Kontrollformen rational-legalen Regierungshandelns bezeichnet. Zur Accountability in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen dienen Dienstbesprechungen, Teamsitzungen und Qualitätsprüfungen durch staatliche Verwaltungen. Moral ist der entscheidende Schlüssel zum Verständnis des Handelns in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen.

Teil II – Fallinterpretationen

Der erste Fall ist einer aus der konstruktivistischen Soziologie. Es geht um das Durchsetzen von Wirklichkeitsdefinitionen. Es geht um die Frage, woher Sophias blaue Flecken kommen.

Der zweite Fall zeigt auf, „wie ein Klient in einer sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisation rechenschaftspflichtig (‚accountable‘) gemacht wird, und sie illustriert, welche Rolle die Emotionen dabei spielen“ (S. 149).

Mit dem dritten Fall wird Bezug auf das Kinder- und Jugendhilfegesetz genommen. „Den Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe gelingt es […] nicht immer (ihrem – CR) Schutzauftrag gerecht zu werden: Kinder kommen durch Misshandlungen und/oder Vernachlässigungen zu Tode, obwohl sie in Obhut genommen worden waren oder für sie erzieherische Hilfen durchgeführt wurden. Ein solches Scheitern der Schutz- und Hilfsmaßnahmen ist für die Kinder- und Jugendhilfe die ultimative Katastrophe“ (S. 167).

Im letzten Fall erfolgt die Bearbeitung sozialer Probleme in der Kinder- und Jugendhilfe auf der Grundlage des Mythos der Familie.

Fazit

Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen sind komplexe Handlungsnetzwerke, welche durch auf narrativem Wissen beruhende kollektive Praktiken gebildet werden.

Geschichten und Skripts konstituieren die kollektiven Praktiken.

Zum Verständnis der Strukturen und Dynamiken des Agierens in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen muss die Form des narrativen Accountability und der hiermit einhergehende Prozess der emotionalen Anerkennung oder Geringschätzung näher untersucht werden. Zu berücksichtigen ist, dass „der Prozess der Accountability […] auch überindividuelle Instanzen, besonders Organisationen, als ‚accountee‘ und ‚accounter‘ fungieren“ (S. 105).


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 12.08.2020 zu: Thomas Klatetzki: Narrative Praktiken. Die Bearbeitung sozialer Probleme in den Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6008-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26957.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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