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Doris Bühler-Niederberger: Lebensphase Kindheit

Cover Doris Bühler-Niederberger: Lebensphase Kindheit. Theoretische Ansätze, Akteure und Handlungsräume. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. 287 Seiten. ISBN 978-3-7799-2623-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Soziologie.
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Thema

Die Monografie „Lebensphase Kindheit. Theoretische Ansätze, Akteure und Handlungsräume“ beleuchtet historische und gegenwärtige Diskurse der soziologischen Kindheitsforschung. Das Werk ermöglicht einen Überblick über Grundlagen und Konzepte von ‚Kindheit‘ und ‚Kindern‘ sowie der gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens. Dabei wird der These von Kindheit als einer sozialen Konstruktion im Kontext von Individuum und Gesellschaft bzw. generationaler und gesellschaftlicher Ordnungsprozesse gefolgt.

Autorin

Doris Bühler-Niederberger ist Professorin für Soziologie der Familie, Jugend und Erziehung an der Bergischen Universität Wuppertal. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Themenfeldern Kindheit, Strukturen des Aufwachsens, Sozialisation und Privatem Leben. Neben zahlreichen Forschungsprojekten und umfangreichen Publikationsleistungen ist sie auch als Gutachterin, Herausgeberin und Beirätin sowie als Gremienleiterin unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachgesellschaften tätig.

Entstehungshintergrund

Konzipiert als Einführungswerk der Reihe „Grundlagentexte Soziologie“ erschien das Buch 2011 in seiner Erstauflage, welche mit dem René-König-Lehrbuchpreis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichnet wurde. Das rezensierte Werk wurde 2020 in zweiter, überarbeiteter Auflage, publiziert. Die Grundstruktur der Erstauflage wurde übernommen. Die Überarbeitungen in der neueren Auflage beziehen sich vor allem auf die Aktualisierung empirischer Forschungsergebnisse sowie auf eine stärkere Fokussierung der Normativität von Bedingungen kindlichen Aufwachsens.

Aufbau und Inhalt

Die Monografie umfasst – neben einer kurzen Einleitung – zwei Teile, die wiederum jeweils in drei Kapitel sowie mehrere Unterkapitel gegliedert sind. Der erste Teil beschäftigt sich mit unterschiedlichen sozialen Realitäten des Aufwachsens aus historischer und systematischer bzw. international-vergleichender Perspektive, entlang der These einer langen, behüteten Kindheit. Der zweite Teil gibt einen Einblick in ausgewählte, ‚klassische‘ und ‚neuere‘ soziologische Theorien zu Kindern und Kindheit und schließt mit einer Synthese ausgewählter Konzepte zu einem kindheitstheoretischen Modell im Kontext von Struktur und Akteurschaft.

In der Einleitung führt das Werk anhand des ‚Thomas-Theorems‘ in das lange Zeit nur gering vorhandene, seit Ende des 20. Jahrhunderts jedoch stark zunehmende wissenschaftliche Interesse an der Erforschung der Kindheit und in die zentrale These des Werks ein; einem Verständnis von Kindheit als einem normativen Muster einer langen, behüteten Kindheit im Kontext generationaler Ordnung.

Kapitel 1 intendiert eine umfassende Beschreibung sozialer Realitäten des Aufwachsens von Kindern in Deutschland. Hier werden Ergebnisse aktueller empirischer Studien referiert. Bühler-Niederberger zeigt dabei zwei wichtige Befunde auf. Erstens, dass Kinder in Deutschland (und anderen Ländern des Globalen Nordens) weitgehend in traditionellen Familien aufwachsen: Trotz potentiell pluraler familialer Ausgestaltungsmöglichkeiten leben Kinder zumeist in traditionellen, heteronormativ geprägten Familienstrukturen, also in Familien mit zwei leiblichen Elternteilen und mehrheitlich zwei Kindern, in denen Mütter und Väter in traditionell-arbeitsteiliger Form arbeiten und eine entsprechende Schieflage bei Arbeitszeiten, Einkommen und Verteilung von bezahlter und unbezahlter (Care-)Arbeit nach wie vor vorherrschend ist. Zweitens wird dargelegt, dass Kindheit innerhalb erheblicher sozialer Ungleichheit realisiert wird. Dies zeigt sich u.a. am Beispiel von Armut, elterlicher Förderung, formaler Bildung und Gewalt. Anhand dieser Befunde verdeutlicht Bühler-Niederberger die bereits dargelegte These des Musters langer, behüteter Kindheit: Diese ist einerseits soziale Realität für die meisten Kinder (in Deutschland), sie verdeutlicht aber auch den hohen Anspruch, die Wirkmächtigkeit und die scheinbare Natürlichkeit des Konstrukts „guter Kindheit“. Das Nicht-Einlösen bzw. Nicht-Einlösen-Können im Kontext sozialer Ungleichheit ist „gerade nicht Folge einer Erosion des normativen Musters ‚gute Kindheit‘, weit eher resultiert sie aus seiner Geltung: Den hohen Anforderungen können nicht alle sozialen Gruppen im gleichen Maß gerecht werden“ (S. 16).

Kapitel 2 befasst sich mit der Heterogenität von Kindheit(en) respektive sehr unterschiedlichen Bedingungen des Aufwachsens im Rahmen einer internationalen Perspektivierung. Dabei führt Bühler-Niederberger in Bemühungen globaler Organisationen (bspw. UNICEF, WHO, OECD) ein, das Aufwachsen von Kindern seit Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend empirisch zu erfassen. Diese globalen Initiativen lassen sich aber nicht (nur) im Hinblick auf eine deskriptiv-beschreibende Intention verorten, sie dienen vielmehr dazu, die Lebensbedingungen von Kindern weltweit zu verbessern, resp. sich einer spezifischen Qualität von Kindheit anzunähern. Insbesondere postkoloniale Ansätze begegnen dieser normativen, oftmals „one-size-fits-it-all“-orientierten Anstrengung sehr kritisch, da ihnen eine Favorisierung von Sorge im Kontext von Leitbildern des Globalen Nordens innewohnt. Zudem kann in Frage gestellt werden, ob diese Fokussierung auf eine Kindheit (realisiert in unterschiedlichen Qualitätsfacetten) der Varietät von Kindheiten bzw. der Pluralität kindlichen Aufwachsens zwischen und innerhalb von Ländern und Regionen gerecht werden kann. Zur Verdeutlichung und Konkretisierung des komplexen Zusammenspiels lokaler Bedingungen einerseits und globaler Strategien andererseits stellt Bühler-Niederberger drei Studien vor, die einen Einblick in konkrete Lebensbedingungen von Kindern in nicht-privilegierten Ländern Afrikas und Asiens geben und die Konsequenzen der internationalen Einflussnahme innerhalb lokaler Kontexte aufzeigen; anhand von Problematiken in den Feldern (formaler) Bildung und (Erwerbs-)Arbeit, die durch globale Initiativen verschoben oder überhaupt erst durch sie hervorgebracht werden.

In Kapitel 3 wird die Annahme des Musters langer, behüteter Kindheit als Element sozialer Ordnung aus historischer Sicht entfaltet. Hierfür wird auf zwei klassische und zugleich kontrovers diskutierte Autoren mit den zentralen Werken zurückgegriffen: Philippe Ariès (orig.: L'enfant et la vie familiale sous l'ancien régime/dt.: Geschichte der Kindheit) und Lloyd deMause (orig.: The history of childhood/dt.: Hört ihr die Kinder weinen), welche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchten, die (westliche) Geschichte der Kindheit zu schreiben und dabei zu beinahe diametralen Ergebnissen kamen. Bühler-Niederberger bezieht in die Bearbeitung der so generierten Verfalls- vs. Fortschrittsgeschichte den jeweiligen Entstehungskontext sowie neuere historische und sozialwissenschaftliche Systematisierungsimpulse mit ein. Dabei werden insbesondere die Frage nach der Besonderheit von Kindheit – in Relation zu Erwachsenheit – sowie entsprechende (gesellschaftliche) Implikationen beleuchtet. Anhand fünf ausgewählter historischer Episoden zeichnet Bühler-Niederberger Entwicklungen nach, die sie als zentral für die Geschichte der Kindheit konstatiert: die Separation von Altersgruppen, die emotionale Höherbewertung bzw. Glorifizierung von Kindern, die zunehmende Herauslösung des Kindes aus der Familie resp. die stärkere Relationierung von Kindern zum gesellschaftlichen Kollektiv sowie die mit diesen Entwicklungen intendierte Disziplinierung der jüngeren Generation zugunsten einer spezifisch herzustellenden, nämlich disziplinierten, gesellschaftlichen Ordnung.

Kapitel 4 stellt eine Einführung in Sozial- und Sozialisationstheorien dar. Dabei werden die Klassiker Émile Durkheim, Talcott Parsons und George Herbert Mead entlang der systematischen Unterscheidungen von Bedingungen sozialer Ordnung, Prozesse der Sozialisation sowie Bilder vom Kind referiert. Das Kapitel umfasst weiters eine Darstellung neuerer Sozialisationstheorien, wobei auf – an späterer Stelle vertieft bearbeiteter – Ausführungen zu Akteurschaft von Individuen, insbesondere Kindern, im gesellschaftlichen Kontext Bezug genommen wird. Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt in der Diskussion sozialer Ungleichheit, der Genese ihrer Erforschung in Europa und den USA sowie der Skizzierung wesentlicher Prozesse, die an deren Hervorbringung und Stabilisierung beteiligt sind. Eingegangen wird hier insbesondere auf soziologische und entwicklungspsychologische Konzepte, auf empirische, zumeist quantitativ ausgerichtete Studien bzw. auf die politische und wissenschaftliche Verhandlung von Familie und Elternschaft im Kontext von Erziehung und Sozialisation. Eine kritische Positionierung erfolgt gegenüber „mechanistischer Transmissionen“ (bspw. S. 175), im Sinne pauschalisierender Zuschreibungen und normativer Bewertungen von elterlichen (anzuerkennenden/förderlichen vs. abzulehnenden/​defizitären) Erziehungspraktiken anhand deren Schicht-/​Milieuzugehörigkeit.

Kapitel 5 führt in neuere soziologische Diskurse der Kindheitsforschung, bzw. der childhood studies ein. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Thematisierung und kritische Diskussion aktuell breit rezipierter – aber, der Autorin folgend, bislang weitgehend unverbundener – Konzepte: der sozialen Ungleichheit, der Akteurschaft bzw. agency von Kindern sowie der generationalen Ordnung als (Kern-)Element gesellschaftlicher Ordnung. Inhaltlich wird hierbei bspw. auf kindliche Handlungsmöglichkeiten im gesellschaftlich-strukturellen Gefüge sowie auf die Frage nach der advokatorischen Funktion theoretischer Begriffe und Konzepte eingegangen. Vorgestellt werden auch in diesem Kapitel empirische Studien, die den methodischen Anspruch, Kinder in wissenschaftliche Forschungsbemühungen – zumindest als „Datenquelle“ – miteinzubeziehen, berücksichtigen. Den Abschluss des Kapitels bildet ein kritischer Blick auf die wissenschaftliche Konstruktion des Kindes: Bühler-Niederberger beschreibt hier die Annahme eines „separierenden Blicks“, der das Kind als abstrakte, prinzipiell andersartige Figur in Relation zum Erwachsenen entwirft. Die damit erforderlich werdende Neupositionierung von Erwachsenen und die hiermit wiederum verbundene Abgrenzung von Laien und Expert*innen führen dazu, dass letzteren die Aufgabe zufällt, den nunmehr für das Kind entstehenden Weg des Erwachsenwerdens advokatorisch, mithilfe eines Wissens- und Machtvorsprungs, zu begleiten.

Kapitel 6 versteht sich als eine In-Bezug-Setzung der in den vorangegangenen Kapiteln vorgestellten Konzepte zugunsten eines Weiterdenkens des Sozialisationsbegriffs. Dabei wird insbesondere versucht, die Konzepte generationale Ordnung und kindliche Akteurschaft auf Mikro- und Makroebene theoretisch zusammenzuführen. Hierzu greift Bühler-Niederberger insbesondere auf Überlegungen zurück, die Handeln und Struktur in Beziehung setzen können: Bezugnehmend auf Bourdieu wird Kindern Handlungsmacht und -fähigkeit im Sinne einer Komplizenschaft zugeschrieben. Rekurrierend auf Emirbayer und Mische kann diese Agency auf drei Ebenen gefasst werden: im Rahmen der auf Vergangenes Bezug nehmenden (und oftmals reaktiven) Iteration, der gegenwärtigen (situativ erforderlichen, praktischen) Evaluation sowie der zukünftig gerichteten (stärker neu konfigurierenden) Imagination. Diese Überlegungen zielen schließlich darauf ab, Bedingungen generationaler Ordnung in den Blick zu nehmen, die die kindliche Agency anhand des Moments der Imagination zu stärken vermögen, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass Handlungen von Kindern im Kontext gesellschaftlicher resp. generationaler Ordnungsleistungen stets auch auf die an sie gestellten Erwartungen verwiesen sind. Den Abschluss des Werks bildet ein visualisiertes theoretisches Modell, das Strukturen und Akteure der Kindheit in Beziehung zu setzen versucht.

Diskussion

Die rezensierte Monografie stellt ein umfassendes Werk dar, das den am Buchrücken angekündigten einführenden Charakter nicht nur einlöst, sondern auch deutlich über diesen hinausgeht. Das Buch weist durchgehend eine einschlägige Fundierung auf. Dies zeigt sich bspw. in der präzisen Recherche und kritischen Reflexion aktueller wie historischer empirischer Studien, der Darstellung einschlägiger theoretischer, vorwiegend soziologischer, Positionen sowie der Darlegung und kritischen Diskussion von Limitationen. Insbesondere der Blick auf den Globalen Norden und Süden im Kontext der Lebensphase Kindheit, der sich in dieser ausgeprägten Form nur in wenigen Texten findet, soll an dieser Stelle explizit hervorgehoben werden.

Bei der Darstellung der Inhalte wird zwischen unterschiedlichen Abstraktionsebenen und Narrationsformen gewechselt. Bspw. werden Theoretisierungen mit empirischen Beispielen ergänzt, was insbesondere dem einführenden Anspruch gerecht wird, voraussetzungsvolle Inhalte aufzubereiten, ohne an Komplexität einzubüßen. Das Buch weist weitgehend eine sehr hohe inhaltliche Dichte auf. An einigen Stellen, vor allem im ersten Teil, könnte es für den Lesefluss hilfreich sein, einige Kürzungen vorzunehmen. Das Werk zeichnet sich über weite Teile eine sehr klare Argumentationsstruktur au2. Im abschließenden, sechsten Kapitel setzen die Überlegungen eine ausführliche Lektüre der vorangegangenen Kapitel aufgrund der Komplexität und des hohen Abstraktionsgrades voraus. Hier zeigt sich auch der steigende Anforderungscharakter über die Kapitel hinweg.

Positiv hervorgehoben werden soll die vielfältige Auswahl, Darlegung und Diskussion einschlägiger Werke und Primärliteratur, die insbesondere auch als Hinweise für weitere Vertiefungen des*der Leser*in dienen können. Das Buch ist deutlich als soziologisches Werk konturiert, weist aber an vielen Stellen Bezüge zu benachbarten Disziplinen (bspw. Psychologie, Erziehungswissenschaft) auf. Weitgehend deskriptiv verfasst enthält es aber auch kritisch-normative Positionierungen, bspw. bei politischen Entwicklungen, bei methodischen Anfragen von Forschungsdesigns resp. deren Angemessenheit sowie bei – als solche kartografierte – Leerstellen wissenschaftlicher Forschungsbemühungen und -ergebnisse. An einigen Stellen werden auch kritische Diskurse aufgenommen und wiederum kontextualisiert, bspw. bei postkolonialen Überlegungen zur Perspektivierung des Globalen Südens.

Fazit

Dieses rezensierte Werk bietet einer über die Soziologie hinausgehenden Leser*innenschaft einen umfassenden Einblick bzw. eine theoretische und empirische Vertiefungsmöglichkeit in die Lebensphase Kindheit.


Rezension von
Melanie Holztrattner
Universitätsassistentin
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Zitiervorschlag
Melanie Holztrattner. Rezension vom 10.05.2021 zu: Doris Bühler-Niederberger: Lebensphase Kindheit. Theoretische Ansätze, Akteure und Handlungsräume. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2623-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26958.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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