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Oliver Bienia, Sylvia Kägi: Kindliche Sexualität in Kindertageseinrichtungen

Cover Oliver Bienia, Sylvia Kägi: Kindliche Sexualität in Kindertageseinrichtungen. Pädagogische, psychologische, soziologische und rechtliche Zugänge. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-3922-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Studienmodule Kindheitspädagogik.
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Die Herausgeber*innen

Oliver Bienia, Diplom-Psychologe, verfügt über langjährige Berufserfahrung u.a. in Mediation, Verfahrensbeistandschaft, Planung und Begleitung von Umgangskontakten sowie als Fortbildner und Berater (Coaching und Supervision) für Kindertageseinrichtungen, Juristen und Psychologen in diversen Themengebieten: Erziehung, Kinder und Eltern mit Fluchterfahrungen, Kindeswohl und Wille (langjähriger Leiter der Qualifikation »Insoweit erfahrene Fachkraft nach § 8a SGB VIII« und »Verfahrensbeistandschaft« in Berlin) etc.

Sylvia Kägi, Dr.in phil., Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Fachhochschule Kiel, Sprecherin des Sprecherrats des Studiengangs „Pädagogik der Kindheit“. Die gelernte Erzieherin studierte Lehramt an Berufsbildenden Schulen, Fachrichtung Sozialpädagogik und war zuvor Professorin an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg.

Thema

Ein Teil der kindlichen körperlichen Erfahrungswelt und Ausdrucksform betrifft die Sexualität. Das Buch soll maßgeblich zum Verstehen von frühkindlichen körperlich-sinnlichen Erfahrungen und deren verschiedenen Ausdrucksformen in Kindertageseinrichtungen beitragen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Fachkraft-Kind-Interaktion.

Thematisch aufgegriffen werden die Bereiche Kinderrechte, Bildung und Erziehung, Familie, Sozialisation, Gender und Gesundheit. Es bietet darüber hinaus eine Hilfestellung, den Übergang von kindlich-aneignungsbezogener Körpererfahrung in eine gesunde Erwachsenensexualität zu erfassen und zu begleiten.

Das Thema Kindliche Sexualität mit all seinen Herausforderungen muss zum Kompetenzprofil einer pädagogischen Fachkraft gehören.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neun inhaltliche Kapitel.

Nach einer Einführung durch Sylvia Kägi und Oliver Bienia bettet Melanie Groß das Thema gesellschaftstheoretisch ein. Sie beschreibt geschichtlich das Verständnis von und den Umgang mit kindlichen (sexuellen) Bedürfnissen sowie die aktuelle Perspektive und Herausforderungen und verknüpft Geschlecht und Sexualität aus poststrukturalistischer, queerer und intersektionaler Perspektive.

Torsten Linke thematisiert in seinem Beitrag familiäre Einflüsse. Er kritisiert idealisierende Familienkonzeptionen, die es aus unterschiedlichen Gründen auch in der Vergangenheit nicht gab. Er beschreibt eine Vielfalt der Modelle und fordert die gesellschaftliche und politische Anerkennung der existierenden Pluralität. Dies sei wichtig für Unterstützungsangebote für Eltern. Es erfordere eine Sensibilisierung im Team, auch um dieses schwierige Thema offen und niederschwellig mit den Eltern besprechen zu können.

Jörg Nitschke referiert über den Wandel der Einstellungen zur kindlichen Sexualität, beschreibt die Phasen der Entwicklung in der frühen Kindheit, stellt kindliche Sexualität und Erwachsenensexualität gegenüber und fordert ein sexualpädagogisches Konzept der Kita, das Personal und Eltern miteinbezieht und zum Beispiel Handlungssicherheit bei Übergriffen gibt. Er wendet sich so gegen Befürchtungen einer „Frühsexualisierung“ der Kinder.

Frauen und Männer werden in Kindertagesstätten unterschiedlich bewertet; das Geschlecht der pädagogischen Fachkraft ist ein relevanter Faktor im körpernahen Umgang mit Kindern in der Tagesstätte. Frau erleben einen Vertrauensvorschuss, Männer stehen unter Generalverdacht. Dies belegt Melanie Kubandt eindrucksvoll mit Beispielen aus eigener Erfahrung.

Oliver Bienia und Sylvia Kägi beschäftigen sich mit einem Aspekt, der aus der kindlichen Entwicklung nicht wegzudenken ist, dem Doktorspielen. Sie stellen die Phasen der psychosexuellen Entwicklung vor und diskutieren anschließend das Thema im Spannungsfeld von Neugier, Schutz der Selbstbestimmung und dem Schutz der anderen Kinder. Sie sehen Doktorspiele als Beitrag zur geschlechtlichen Identitätsentwicklung. Es braucht einen Freiraum, aber auch Regeln, um den Schutz des Einzelnen zu gewährleisten. Es gibt oft große Unsicherheit im Umgang mit der kindlichen Sexualität, sowohl bei Fachkräften wie bei Eltern. Deshalb sollten Fragen zum Umgang mit Doktorspielen im sexualpädagogischen Konzept der Einrichtung beantworten werden.

Diese Fragen greift Nadine Ben Sabeur wieder auf und stellt Überlegungen zu einer „Didaktik“ sexueller Bildung und Erziehung in der Tagesstätte vor. Sie gibt Anregungen, wie sexuelle Themen im Alltag behandelt werden können und wie Erfahrungsräume geschaffen werden können.

Eine wichtige Determinante für eine positive Sexualerziehung ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Für dieses vielschichtige und anspruchsvolle Handlungsfeld braucht es fachliche und persönliche Kompetenzen der Fachkräfte. Sabine Redecker und Verena Winter geben dafür vielfältige Anregungen.

Jörg Maywald plädiert für eine ganzheitliche Sexualpädagogik in der Tagesstätte. Ausgehend von einer professionellen Haltung braucht es ein Konzept, das zwischen Kinderbildungsrechten und Schutzrechten einen angemessenen Umgang mit Körperneugier und Körperlust erlaubt und vor Übergriffen schützt. Maywald zeigt die Schritte hin zu einem sexualpädagogischen Konzept auf.

Abschließend stellen Andrea Sälinger und Sabine Herrenbrück das Kinderschutzkonzept in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau im Detail mit allen Bausteinen vor.

Diskussion

Das Buch beginnt mit dem Beitrag von Melanie Groß auf sehr hohem Abstraktionsniveau mit Kritik an kapitalistischen Herrschaftsstrukturen. Die Ausführungen regen zum Nachdenken und zum Widerspruch an, so zum Beispiel auf Seite 19 die Frage, ob es Homosexualität nur gibt, weil es Heterosexualität gibt. Brauche ich als heterosexueller Mann die Kategorie Homosexualität um mich normal und richtig zu fühlen?

Die kindliche sexuelle Entwicklung wird in einigen Beiträgen beschrieben, wobei immer deutlich und wichtig ist, dass es unbestritten Unterschiede zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität gibt. Kindliche Sexualität meint sensorisch-somatische und körperlich-sinnliche Erfahrungen und umfasst Zärtlichkeit, Lust, Geborgenheit, Bedürfnis nach Fürsorge und Liebe.

In den Bildungs- und Erziehungsplänen der Bundesländer ist die Sexualerziehung dem Bildungsbereich Körper, Gesundheit und Bewegung zugeordnet und wird nur unter dem Aspekt der Grenzverletzung in den Schutzkonzepten der Einrichtungen thematisiert.

In den Beiträgen des Buches wird deutlich, dass dies zwar ein wichtiger Gesichtspunkt ist, dass aber sexuelle Bildung mehr braucht, eine offene Haltung der Fachkräfte und Erfahrungsfreiräume. Um Sicherheit zu geben ist ein sexualpädagogisches Konzept unerlässlich. Dazu gibt es hier gute Handreichungen.

Aber zum Schluss noch zwei kritische Aspekte. Die einzelnen Beiträge stehen unverbunden nebeneinander, ergänzen sich zwar gut, wiederholen aber auch Aspekte aus anderen Beiträgen. Und zum Zweiten, auch wenn in Beschreibung des Buches von zahlreichen Praxisbeispielen geschrieben wird, hätte ich mir an manchen Stellen noch mehr Praxis gewünscht, zum Beispiel bei der Umsetzung von Projektarbeit.

Insgesamt stimme ich aber dem Satz zu, dass „das Buch über die Einblicke in die theoretischen Diskurse hinaus handlungswirksam“ sein kann.

Zielgruppen

Fachkräfte, Leitungen und Träger von Kindertagesstätten, Studierende entsprechender Fächer

Fazit

Das Buch vermittelt Grundlagen rund um das Thema kindliche Sexualität. Durch die Praxisbeispiele bietet es eine gute Grundlage für die Erarbeitung und Ausgestaltung einrichtungsbezogener Konzepte zu diesem wichtigen Entwicklungsthema.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 19.07.2021 zu: Oliver Bienia, Sylvia Kägi: Kindliche Sexualität in Kindertageseinrichtungen. Pädagogische, psychologische, soziologische und rechtliche Zugänge. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3922-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26961.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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